Krise der Kulturwissenschaften - Plagiarismusverdacht
Den Artikel muss ich jetzt einfach aus dem sinn-haft Weblog verlinken:
Mit Shake&Paste ans Ziel von Stefan Weber bei Telepolis:
Krise der Kulturwissenschaften angesichts des grassierenden Plagiarismus
Es gibt zwar noch keine harten empirischen Fakten, aber sehr wohl bereits Schätzungen: Rund ein Drittel aller studentischen Arbeiten könnten zumindest teilweise Plagiate darstellen. An den Universitäten wird mit Resignation oder relativ zahnlosem Kampf reagiert. Was an dem Betrieb systemisch falsch läuft, wird hingegen kaum gefragt.
TomTom am 21. April 2005, 09:58
... ich finde auch mindestens ein echtes plagiat pro seminar, die dunkelziffer möchte ich gar nicht wissen ...
*hihi* was aber sei ein "falsches" plagiat?
mich fasziniert/erschreckt ja v.a. die form von autoritäts- und quellengläubigkeit, die sich da manifestiert ... wikigoogle haben immer recht und was nicht im netz steht, existiert auch nicht.
ich find in der hinsicht projekte wie mnemopol ziemlich ambivalent -
ihr anspruch ist "Wissenschaft und Gesellschaft zu verbinden und für einen interdisziplinären Informationsfluss nach beiden Seiten hin zu sorgen"
de facto hab ich den verdacht, dass da halt material für copy (shake) & paste zur verfügung gestellt wird. bisher hab ich nie lust gehabt, meine sachen da hinein zu stellen - und bin mir immer ein bissl geizig vorgekommen. dem gegenüber schlägt der artikel ja die total virtuelle community als lösung vor. wahrscheinlich liegt der grund aber eben eher in den katastrophalen betreuungsverhältnissen an den unis, in sachen also, die mit virtualität nichts zu tun haben (und die mnemopol glaub ich auf ihre weise verbessern wollen).
nuja, automatisierte tools zum erstellen wissenschaftsbetriebstauglicher papers gibt's ja auch schon:
http://pdos.csail.mit.edu/scigen/
- auch ein argument gegen die gräßliche paper-kultur/couture - und für den wert eines persönlichen und individuellen wissenschaftlichen denkens und arbeites.
(vgl. auch: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20003/1.html)
@KH:
meines erachtens auch der einzige weg, um die (wiss.betrieblich ja dekretierte) gläubigkeit an einen einzigen wahren & ergo auch umstandslos zu kopierenden forschungsstand und eine einzige quellen- und denklage abzuwehren.
es ist eben immer wieder und für jeden anders...
- außer für bots & tools. ;-)
mit "echt" waren solche arbeiten gemeint, die nur daraus bestehen, eine vorhandene arbeit einfach komplett zu duplizieren. das finde ich halt dann doch etwas zu unambitioniert angesichts meiner eigenen anstrengungen den jungs und mädels irgendwas beizubringen. andere formen des mixens und shakens finde ich - wenn sie klug gemacht sind - nicht soooooooo wahnsinnig schlimm. auf ne gewisse art ist die herstellung eines glaubwürdigen plagiats ja mindestens genauso kunstfertig wie ein selbst geschriebenes paper ;-) dies nur zur ergänzung der oben vorgebrachten überlegungen zur autoritäts- und quellengläubigkeit.
was hier auch noch interessant ist: ich glaube, ich habe es inzwischen mit einer generation studierender zu tun, die es schaffen könnten, ihr studium zu absolvieren ohne eine bibliothek mehr als flüchtig von innen zu kennen. irgendwie herrscht die vorstellung vor, dass etwas, das nicht im netz ist, einfach nicht existiert. die studierenden sagen mir sehr oft, sie hätten zu einem thema/autor "nicht mehr als das gefunden". bei nachfrage, wo sie denn gesucht hätten, kommen sie dann oft über googlewiki nicht hinaus. auch irgendwie schade ...
Die Wissensherrschaft von Google und Wikipedia ist in der Tat enorm.
Für mich stellt sich die Frage: geschieht den Wissenschaften recht, die es nicht schaffen, ihre Summen dort zu verankern, wo die Menschen sind.
Wikipedia ist schliesslich ein offenes Projekt, dem auch akademische Anteilnahme zugute kommen "darf". Wikipedia sollte wohl Lehrstühle für Wissensgebiete einrichten; de facto hat ja schon jetzt ein Artikel dort mehr Wirkmacht als alle Fachartikel zusammen.
Und natürlich gehört ein schwarzer Peter auch den Bibliotheken; eine Bibliothek von innen ist auch wirklich eine staubige Angelegenheit, und zu viel menschlicher Besuch und Gebrauch ist auch für das geduldige Papier ungut.
Die Inhalte der Bibliotheken natürlich sind eine andere Angelegenheit, die sollten zwar nicht der mighty-mighty Good Company Google gehören, aber im analogen Dunkelkämmerchen abgeschlossen sein sollten sie auch nicht.
Eingerichtet gehört sich dann noch ein Fach: Einführung in alte Kulturtechniken (mit der Hand schreiben, Zeitung lesen, Büchereien nutzen...).
ich bin in meinen lehrveranstaltungen dazu übergegangen, den studierenden zu signalisieren, dass mich ihre googlewikirecherche zur vermeintlichen forschungslage nicht interessiert. sie erwarte ich als vorarbeit - lesen möchte ich das in einer seminararbeit nicht, sondern vielmehr eine intensivere auseinandersetzung mit einem primären theorietext, themen- und problemspezifisch angewandt.
die quellenlage sollen sie also nur andeutungsweise darstellen und reproduzieren - der rest der arbeit muss in jedem einzelnen falle eigenständig gedacht, persönlich erarbeitet werden & durchweg auf ihren individuellen erfahrungen, ansätzen & denkweisen zum fraglichen thema basieren.
denn: sind es nicht genau diese texte und arbeiten, die uns generell auch in den etablierten verlagen nur interessieren? wer will schon die 10.000te reproduktion eines epigonal höchst selektiv zugerichteten schein-forschungsstandes lesen...
ad "echte plagiate" - ok, das versteh ich gut. und find "unambitioniert" einen sehr menschenfreundlichen ausdruck.
mein punkt an der sache: mir scheint, mit der verlagerung von analogen zu digitalen medien zwecks quellenrecherche, vulgo abschreiben, hat sich was verändert: aus büchern könnte mensch theoretisch genauso ungeniert und unhinterfragt abschreiben wie aus dem netz. (und dass das leut auch getan haben, steht wohl außer frage).
doch scheint die hemmschwelle fürs "echte plagiat" beim kopieren aus dem netz generell extrem gesunken zu sein. und der antrieb, sich nach mehreren, alternativen quellen umzusehen, zunehmend gegen null zu tendieren.
vielleicht sollte nebst dem erlernen attavistischer kulturtechniken (s. thomas *g*) das netz-recherchieren gründlicher thematisiert werden (an der schule).
ad wikipedia: da gibts einen ganz interessanten artikel im maiheft von brand eins, untertitel und breitgetretener tenor: "Doch die Info-Revolution droht im kreativen Chaos zu versinken."
ich seh da zwei verschiedene dinge: zum einen die wahrnehmung als unhinterfragbare wissensmacht, durch die nachwachsende generation.
zum andren die tatsache, dass diese wahrnehmung sich prima in den dienst sehr alter strukturen stellen lässt, sprich der forderung nach abbeten des forschungsstandes.
und so sehr ich thomas' "recht geschiehts der wissenschaft" in vielem teilen kann, so sehr frage ich mich doch auch nach möglichen alternativen. ich glaub, die sind dringend notwendig.
mir gruselt bei der verbindung, die die autoritätsgläubigkeit junger netzrecherchierInnen mit der autoritätsgläubigkeit alter wissenshüter eingeht.
