Call for papers: kleinergleich 30min. Kurze Formen. sinn-haft nr. 19

Anlässlich des Wiener Kurzfilmfestivals Vienna Independent Shorts stellt die sinn-haft Beiträge zum Topos der Kurzform zusammen. Was kann in weniger als einer halben Stunde gezeigt, erlebt und getan werden? Welche Funktion haben weniger als 30 Minuten im Alltagsleben - und welche Rolle spielen dabei die Eigenzeiten technischer Medien und kultureller Formen? Ist die Kürze der Aktion - sei es nun eine Filmhandlung oder auch die Einteilung unserer Arbeitszeit - besonders symptomatisch für derzeitige Lebens-, Kunst- und Medienverhältnisse?

Es geht also um den Zeitaspekt in verschiedenen kulturellen Praktiken: in kulturellen Produktion (Film, Text, etc.), der Arbeitswelt, den Formen der Wahrnehmung und Erfahrung, unter Fokussierung auf die (kurze) Dauer. Verkürzung und Beschleunigung erscheinen dabei als Medienphänomene der letzten paar Jahrzehnte: Nachrichtensendungen verdichten beispielsweise Information auf die Konsistenz von Astronautennahrung. Das mag funktional sein, verändert aber auch die Qualität der Informationsverarbeitung beim Rezipienten / der Rezipientin.
Wenn wir davon ausgehen, dass die jeweils aktuellen Praktiken des Erzählens zirkulär mit Lebenserfahrungen verschaltet sind, taucht die Frage auf, was Verkürzung und Kompression der Erzählformen für Alltagserfahrung und Lebensentwürfe bedeutet. Ist die kurze Form eine Reaktionsbildung auf nicht
(mehr) gelingen wollende durchgeplante, konsistente Entwürfe, oder müssen wir die Frage umgekehrt stellen? Ist es vielleicht eher so, dass die Zerstückelung und Aneinanderreihung von Lebensabschnitten oder Phasen, von Jobs und PartnerInnen, diese Serialisierung, das Nicht-mehr-fertig-werden-Können, die ästhetischen und medialen Formen der Kürze erst hervorgebracht hat? Aus semiotischer Perspektive können dann die merkwürdigen Phänomene der Resonanz, der Intermedialität, Transkriptivität (Ludwig Jäger) und Kopplung zwischen zunächst so fremden Phänomenen wie Lebenserzählungen, Videoclips, e-mails, TV-Sendungen oder Praxisformen thematisiert werden. Begriffe der Beschreibungssprache - Szene, Ausschnitt, Verdichtung, Fokussierung, Story/Plot usw. - bezeugen mit ihrer metaphorischen Virulenz den permanenten Austausch zwischen den diversen Gegenstandsbereichen.

Die sinn-haft möchte dem Phänomen der Kürze in gewohnt transdisziplinärer Manier nachspüren und ist deshalb auf der Suche nach Beiträgen in verschiedenster Form: Einerseits sind Beiträge gesucht, die sich film-, medien- oder technikhistorisch mit dem Phänomen der Dauer, ihrer Wahrnehmung und ihrer ästhetischen Bearbeitung auseinandersetzen, aber auch philosophische, kunstwissenschaftliche, erzähltheoretische oder musikwissenschaftliche Reflexionen sind erwünscht. Die Beiträge können wissenschaftlich oder nicht-wissenschaftlich sein, reflektierend oder performativ auf das Thema Bezug nehmen. Möglich und erwünscht sind auch diskursive Miniaturen: assoziative und/oder literarische Arbeiten oder Interviews, die den Umfang von einer Seite (shortness rulez!) nicht überschreiten sollten. Auch über Bildserien (Fotos, Comics, Filmstills,
Photoromane) freut sich die Redaktion.

Die Frist für die Einreichung von Beitragsvorschlägen (Titel und kurzes
Abstract) ist der 10.12.2004. Der Redaktionsschluss für die fertigen Artikel ist der 20. Februar 2005.

Bitte senden Sie Ihren Beitragsvorschlag an die Mail-Adresse: redaktion@sinn-haft.at

karin am 14. November 2004, 11:36

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