CfP Inmitten der Dinge
Inmitten der Dinge. Über Mediologie
Manche werden es schon immer gewusst haben: sinn-haft tendiert animistisch. Die kommende Ausgabe – die 17. – besinnt sich der Einsicht, dass Dinge bewohnt sein können: Dinge fesseln, Dinge verzaubern, sie werden geliebt und gehasst, erinnern uns, reden mit uns, werden um den Hals und an Wände gehängt, manchmal vergraben, von der Brücke geworfen, sind hinterhältig, geduldig, eigensinnig ... sinn-haft Nummer 17 ist ein Versuch in Umverteilung von Subjektivität. Aber mehr noch: Nicht nur die Dinge werden wir als bewohnt aufsuchen, zugleich werden sich auch die Menschen als durchlässig und in einer Weise bewohnbar erweisen, dass sie mit den Dingen in Feldwirkungen treten, an sie gekoppelt oder – inmitten der Dinge – gar mit ihnen verflochten erscheinen. – Wo Ich war, werden Dinge sein? //
Vorerst bleibt alles beim Alten: keine Großtheorie, in der das Medium zum neuen transzendentalen Subjekt würde, keine zeitdiagnostische Spekulation, kein neuer Schlüssel zur medialen Konstitution der Lebenswelt. Während Régis Debray, als er das Wort „Mediologie“ erfand, einen Flirt mit Auguste Comte im Sinn gehabt haben mag, bleibt sinn-haft bei der kleinen Form. Wir wollen uns den vielen Dingen zuwenden, mit denen wir vernetzt leben, unseren Alltag verbringen, mit denen wir wohnen, die wir einkaufen, verbrauchen und gebrauchen. Das folgt wohl einer „mediologischen“
Inspiration: nicht primär nach der symbolischen Ordnung fragen, nach den feinen Unterschieden, den Identitäten oder der Macht, sondern nach dem, was Dinge tun, und wie wir uns mit ihnen verbinden. - Vielleicht liegt darin auch die Fortsetzung einer Beziehungsgeschichte: sich Zeit nehmen für die Dinge, und ihnen unsere Sprache leihen.
Wir wollen in dieser sinn-haft doppelt sehen lernen, nämlich den doppelten Körper des Mediums: Wir möchten uns mit den materiellen wie symbolischen Dimensionen der Gegenstände befassen und mit den Verbindungen, die zwischen ihnen und der Menschengesellschaft bestehen. Auf mediologisch: Uns interessiert das Verhältnis von „organisierter Materie“ zu „materialisierter Organisation“.
Wir möchten aber auch wissen, welche epistemologischen und gesellschaftstheoretischen Konsequenzen ein mediologischer Blick hat: Denn der Transport von Dingen, Menschen und Ideen (Logistik, Kommunikation,
Gedächtnispolitik) schafft das Milieu kollektiven wie individuellen Handelns. Wie kann in so einer Matrix Denken und Handeln bestimmt werden? Was wird als Handlung definiert, was wird sichtbar, was wird wirksam? Wer oder was wird überhaupt als handlungsfähig definiert? Kann es tatsächlich ein „Parlament der Dinge“ geben, das nicht öko-essentialistisch ist?
Auch das werden einige schon gewusst haben: Wir müssen „friends of interpretable objects“ werden um unsere Beziehung zu den nicht-menschlichen Wesen zu erfassen oder wie es Donna Haraway ausdrückt, zu einem „companionship“ mit den Dingen finden. Wir können dann in zwei Richtungen weiterfragen: Was tun die Dinge und was tun sie mit uns? Und: Wie geht es uns, den Menschen, in der Dingwelt?
Schreiben Sie also über ein Ding, das Sie lieben oder über ein Hassobjekt oder über ein Arrangement von Dingen oder über ein Netzwerk aus menschlichen und nicht-menschlichen Wesen. Die Inhalte können von reflexiven Beiträgen zur Mediologie bis zu ihren ganz persönlichen Obsessionen reichen, stilistisch ist wie üblich alles von wissenschaftlich bis literarisch erlaubt und Bildbeiträge haben wir auch sehr gern.
Haben Sie übrigens schon mal was vom „messy syndrome“ gehört? Darunter leidet der/diejenige, der/die die Dinge nicht mehr in Schach halten kann. Lassen wir sie doch in der nächsten sinn-haft wenigstens kurz überhand nehmen. Auf eine „messy“ sinn-haft!
Damit aber die Produktion nicht im Chaos versinkt: Bitte übersenden sie / übersendet möglichst bald aber spätestens bis 15.11. einen Themenvorschlag und die geschätzte Länge des Beitrages an: redaktion@sinn-haft.at. Der Redaktionsschluss ist der 15. Jänner 2004, erscheinen soll die sinn-haft im März 2004.
am 20. Oktober 2003, 14:50
messy testet das kommentieren
Das Netzkunstprojekt DINGWELT www.dingwelt.de
Ein Online-Katalog mit einer Tauschbörse für Dinge mit Geschichte
Auch wenn die Welt und die Kommunikation immer mehr durch Codes und Bytes bestimmt werden — wir sind mit den uns umgebenden Dingen verbunden. Herzensdinge, Nützliches, Notwendiges aber auch Ungeliebtes, Ausgedientes, Geschenktes und Kurioses begleiten uns. Hinter jedem noch so kleinen Ding steckt ein Gedanke, ein Ereignis, ein Lebensabschnitt - kurz: eine Geschichte.
Die DINGWELT sammelt Kleines und Großes mit der handgeschriebenen Geschichte Ihrer Besitzer und setzt es in Szene. So manches, was im Keller wartet oder in einer Schublade dümpelt, hat hier die Chance auf Ehrung und ist ganz nebenbei Tauschmittel für DIGITAL ART. Man muss sich nur trennen können ...
Bei der Tauschaktion des DINGWELT Kunstprojekts kann jedermann gebrauchte Dinge eintauschen. Die Künstler bieten dafür ihre Dinge mit Geschichte in einem dynamischen Online-Katalog als 12 digitale Arbeiten in Form laminierter und signierter Kunstprints an.
Nutzer können sich ein Bild auswählen, zum Tausch ein Ding per Post einsenden und erhalten dann den Print retour. Bei der Aktion wird gegen alles getauscht, nur muss eine kurze Geschichte zum Ding geschrieben werden. Die eingetauschten Dinge werden dann mit Foto plus Geschichte in dem Katalogportal online publiziert.
Das Projekt DINGWELT stellt Warenbeziehungen und Wertbeziehungen auf den Prüfstand und setzt sich mit dem Einfluss neuer Medien auf die Konsumkultur auseinander. Anders als in unserer Kultur des "Neuen" steht hier vielmehr der Wert des gebrauchten Dings im Fokus.
Liegt dieser etwa im Tausch selbst? Erhöhen wir den Wert und die Beziehung zum Ding durch Geschichte als Zahlungsmittel für die Kunst-Dingwelt? Bei einem Tausch in der DINGWELT werden die Kunstdrucke zum Wertgegenstand und zur symbolhaften Repräsentation der „Dinge mit Geschichte“.
Die Aktion ist ein Work-in-Progress-Projekt von Atelier KUNSTKOMMT! Das Künstlerteam Michelle Adolfs & Petra Müller beschäftigt sich seit 1996 mit Medienkunstprojekten im Themenfeld Bildbedeutung, Medienkommunikation und Wissenstransformation.
Weitere Informationen über das Projekt und das atelier KUNSTKOMMT! sowie ausgewählte Bildmaterialien finden Sie im Pressebereich online: >> http://www.kunstkommt.de/dingwelt/presse.htm
