sexverschwinden
auch auf die gefahr hin jetzt allen ganz furchtbar auf die nerven zu gehen und sehr impertinent zu sein, möcht ich nach der heutigen diskussion mit thomas und esa doch noch mal meine fragen zum thema "es gibt heute keinen sex mehr" bzw. "sex hat heute kein geheimnis mehr" artikulieren.
ich glaub, eins meiner grundlegenden verständnisprobleme besteht darin, dass die aussage "heute ist sex allgegenwärtig, alle reden überall immer davon,
aber niemand hat mehr sex, weil es keinen sex mehr gibt" und die aussage
"sex hat heute nichts geheminisvolles mehr" sich eigentlich genau widersprechen. (bitte widersprecht mir, wenn ich diese standpunkte falsch wiedergebe! ist ja nicht so, dass ich so ganz nüchtern gewesen sei heut abend) weil ja das reden über den sex gerade das geheimnisvolle schafft. genauso wie die aussage "es gibt heute keinen sex mehr" impliziert, es habe "früher" einen gegeben.
für mich wäre es wohl auch hilfreich, die arten, in denen über sexgesprochen wird, die ihr meint, zu klären: werbungsversprechen, stammtischwitze, kollegengespräche, intellektuelle dekonstruktivistInnen???
was ist gemeint? vielleicht müsst auch mal geklärt werden, was denn überhaupt mit dem begriff"sex" gemeint ist? ist das, wovon wir reden nicht vielleicht die veränderung in der konnotation dieses begriffes?
ich hab ja in der yoghurt-diskussion drauf hingewiesen, dass ich (die ich ja derzeit kein verschwinden des sex konstatiere) in diesen werbungen mehr ein eigenständiges körperideal als einen sex-kompatiblen körper beworben sehe. ich denke, es gibt so was wie ein fitness-ideal, das sex eher als fußnote kennt, der narzistisch perfekte körper. der nutzt sex nur, um noch perfekter zu werden. deshalb leuchtet es mir nicht ein, zu meinen, die werbung, die auf die perfekten (letztlich: verschwindenden) körper abzielt, ziele in letzter instanz auf sex ab, womöglich noch auf besonders glücklichen, perfekten, weil mit einem
besonders gelücklichen, perfekten körper.
da sehe ich, die ich ja durchaus kein allgemeines "verschwinden" des sex konstatiere, eher eine asexualisierung des körpers infolge seiner instrumentalisierung als soziales instrument und brain-zulieferer körpereigener power-stoffe.um so verwirrender für mich ist es, diese werbewelt mit "sex" zusammenzubringen und gleichzeitig davon zu sprechen, es gebe heute keinen sex mehr.
und, aus meiner perspektive: dass körper heute asexualisiert betrachtet und verkauft werden, heißt doch nicht, dass es keinen sex und kein heilsversprechen des sex mehr gäbe. ich sehe das als parallel funktionierende märkte. märkte, die nicht zuletzt zeitgenössische formen des privaten (sex) und des öffentlichen (fitness) körperbenutzens, ihre abgrenzungen und ihre verschwimmungen, repräsentieren und ausformen. auch wenn heute (tatsächlich im gegensatz zu früher) überall (fast-)nackerte werbung für irgendwas machen, hält sich die zahl der öffentlich sex praktizierenden ja immer noch sehr in grenzen. und ich weigere mich, mit oder ohne kommunen, entschieden zu glauben, die "generation golf" praktiziere weniger sex als ihre eltern!
es mag sein, dass sich heute utopien gerne an technisierten, sexualisierten körpern festschreiben und barbarellas orgasmenmaschinchen out ist.
aber trotzdem gibts m.e. immer noch sehr wirkkräftige sexheilsversprechen und die dazugehörenden konsumentInnen. und, last but not least, sex als alltägliche lebenspraxis jeglicher generation. dass die versprechen wie die praxis veränderungen unterworfen sind - keine frage. aber: verschwinden - no!
was die frage der verschwundenen sexkinos betrifft und die sache mit dem sex und den medien, hm, wär das nicht eher ein thema für karin?
ich hoffe meine verständnisresistenz nervt euch nicht zu sehr und sage danke für einen sehr feinen spätabend und sehr spannende diskussionen.
else am 16. Juli 2003, 15:42
replik ist in gedankenarbeit ;) bis dahin nur ein zitat: "pornographie in ihrer geschichte zu verstehen erscheint mir vielmehr ein (bescheidener) beitrag zu einer geschichte der körper und der liebe, die noch geschrieben werden muss, vielleicht in einer epoche des verlustes." (georg seesslen, der pornographische film, 1989)
weiterdenkend : heisst das dann , dass 'sex' - nachdem 'er' überhaupt erst in den letzten beiden jahrhunderten als zusammenhängende entität sich konzipiert hat , auch in abgrenzung zu 'liebe' ( wieso eigentlich in dieser paarung ? ) - sich nun via mediale imaginarien transformiert hätte in ein letztlich asexualisiertes , rationalistisch-gymnastisch-fast schon kyborgistisches tätigkeitsdispositiv ( das tatsächlich eher an die reformbewegungsideale von schreber etc. erinnert - und wir wissen nunmehr ja , welche linien von dort aus historisch in totalitäre körperkonzepte hineinliefen ;-) ? so dass dann umgekehrt das _erfahrungssubtrat_ ( my thing , u know ;-) , das in der erfahrung glückender körperlicher zärtlichkeit , geilheit , physischer kulinarik , ficken , liebe in actu gesucht wird , letztlich in eben diesem sex-dispositiv des medialen imaginariums aber eben kaum mehr zu finden wäre ? und dann dadurch ( auch im sinne der drogenhaftigkeit des suchens nach sex ) , die befriedigung naturgemäß tatsächlich unendlich verschoben wird , da sie im ausagieren dieses ja rationalistisch imaginierten sex-dispositivs eben genau gar nicht zu erleben wäre ? sondern eben nur genau in den momenten , in denen sexuell handelnd eben dieses dispositiv non-chalant verlassen wurde . . . kurz : es wird etwas ubiquitär versprochen und als lebensideal präsentiert , das dort eben gar nicht zu finden ist , faktisch sogar eher unglück und absurde erwartungen an sich selbst und die umwelt hervorbringt - wohingegen es ein individuelles resignfizieren und umkodieren dieses dispositivs braucht , um es als glückend zu erfhren ? klingt wohl alles etwas zu technizistisch für den dann doch seeeehr erfahrungsbezogenen gegenstand ;-) , aber vielleicht ja auch klärend ? jedenfalls : deine subtile & wahnsinnig clevere nachfrage hat mir soeben zu einigen genussreichen (selbst-) erkenntnisorgasmen verholfen ;-) . . .
ja, jetzt beim dritten lesen kapier ich's glaub ich. das versprechen, das in dem medial aufgezogenen sex-dingsens (diskurs? dispositiv?) liegt/steckt, ist nicht greifbar, nicht real, nicht zu finden. erfahrung wäre dann abseits davon möglich. es ist ein wenig schwierig, jenseits von dichotomien zu denken, und bei dem thema nicht in gut/böse, real/irreal abzudriften. einerseits gilt's jenseits der eigenen erfahrungen von erfahrungen zu sprechen, dann natürlich auch die frage der messbarkeit. ich glaub nicht, dass da irgendwas argumentier bar ist, das war wohl ein holzweg meinerseits (also z.b. die frequenz der sexualakte). noch nicht befriedigend das...
das is jetzt ziemlich viel und ich steh da mit zwei antworten, von denen die zweite sich mehr auf die erste als auf mich bezieht und tu denken. selbstentwickelnde situationen, das. war ja eh das, was ich wollte. was nicht heißt, dass ich mir jetzt leicht tu, was gescheites zu schreiben. jdenfalls versuch ich in einem zu antworten. - denken jenseits von dichotomien, das is allerdings verdammt schwer. das erleben jenseits von dichotomien auch. - zumindest mal so viel, so wenig: ja, gerade gegen den anschein der messbarkeit hab ich mich in unsrer diskussion sehr gewehrt. das stimmt so nicht und kann nicht der schauplatz des denkens sein. eher doch, wenn ich dir, thomas, in der argumentation entgegenkomme, geht es um qualitäten, nicht um quantität. symbolische ordnungen, so real die sind. - zu der frage, wie weit sex-erfahrung abseits der vorgegebenen diskursiven ströme dann eben doch möglich ist: ich denke es ist unabdingbar, sich von den "absurden" erwartungen, von den üblichen versprechungen und verknüpfungen (die große liebe, der tolle sex, die völlige selbsterkenntnis) loszumachen. wobei ich natürlich von MEINEN erfahrungen ausgehe, von ihnen spreche. die laufen drauf hinaus, dass sex sich sowieso verselbständigt. mit, für, durch, gegen mich. daneben aber gibt es die nicht-ich-ebene, die gesellschaftliche, diskursive, symbolische etc., auf der sex als thema abgehandelt wird. auf der sex zum einen im mistkübel der geschichte verschwindet (gentechnik, künstliche befruchtung statt ficken), zum anderen sehr gehipt wird (erfülltes sexleben macht garantiert schlau im alter und bewahrt vor herzinfarkt - wehe wer zugibt, kein erfüllte sexleben zu haben - unten durch!!!). damit läuft die diskursivierung von sex, das war in deinem, holgers, beitrag für mich das erhellende, auf eine verallgegenwärtigung eines abwesenden hinaus. des is allerdings dann wirklich eine 1a-sucht-figur.
Tja, ob Sex/Nicht Sex und seine Medienwechsel ein Thema für Karin ist, weiß ich nicht so recht, nun da ich mich als Mystikerin geoutet habe, die nicht oder nur allumfassend über Sex sprechen kann/will ... Ich wäre da auch auf der grundsätzlichen Seite zu finden, denke ich: Was heißt es, wenn Nacktheit und entkörperlichter (im Sinn von glattem, schweißfreiem, unpeinlichen) inszeniert wird? Inwiefern hat die zu Schau gestellte Nacktheit und die damit verknüpften Körpernormen mit real bodies, feelings, thoughts zu tun? Wie interagieren diese Bilder und großen Erzählungen (von der großen Liebe bis zum großartigen Sex) mit persönlichen Erfahrungen? WIE schreiben sie sich in Erwartungshaltungen und Heuristiken (des Kennelernens, des Zusammenlebens, des Sex-habens im engeren Sinn) ein? Ich denke das ist alles höchst unklar und höchst unterschiedlich je nachdem aus welchem Milieu und welcher Kultur die Person stammt, in welchen Feldern (Freundeskreisen, professionalisierten Feldern) sie sich bewegt, welchem Geschlecht sie angehört, welche persönlichen Traumata und Freuden sie mit sich herum schleppt. Äh, ist das jetzt zu relativistisch? Hmm,relativistisch aber auch realistisch ;-) Bin wahrscheinlich immer noch geschädigt von anstrengenden Diskussionen über den nicht-diskursivierbaren "Rest" bei Lacan oder äquivalent dazu die "Leerstelle" bei den Feministinnen.
ad karin: hm, nicht nur als mystikerin, sondern offenbar auch als soziologin... :) seeeehr nett, das! liebe grüße von der ollen philosophin, der heute morgen endlich bewusst wurde, dass sie eben lieber über sex als über liebe schreibt.
schöner als mediumflow kann ichs nicht ausdrücken... frage: warum stellt jemand überhaupt die frage, ob es keinen sex mehr gibt? resultiert die frage nicht aus dem erleben dieser diskrepanz von allgegenwärtigem reden über, beschreiben und loben von sex und dem erfahren, dass es für diese person anders ist? mir hat sich die frage nach dem verschwinden so nie gestellt.. versuche grade für mich zu beantworten was sex ist, für mich. erfahrungssubstrat (c) klingt jedenfalls gut. ich glaub ich bin zu sehr in sex verwickelt, um drüber nachzudenken. ich möchte nur nicht vorgefertigte kategorien drauf anwenden, sondern von meiner erfahrung aus denken. und das ist allgemein schwer - schwer zu verallgemeinern und prinzipiell schwer, weil man ja nie losgelöst von blablabla. (...) also was ich sagen will - in welcher form muss man an die versprechen geglaubt haben, um bei sich ein verschwinden zu konstatieren? eins weiß ich aber sicher: sex ist nie gleich. weil immer eine besondere konstellation aus all so vielen dingen, die auch karin aufzählt. (erwartungshaltungen und erfahrungen, wie wann wo hab ich die person(en) getroffen, wie ist das mit dem chemie und wie gut kann ich seinen/ihren schweiß riechen. ) sex ist aber auch nie anders. glaub ich. sex ist dann gut, wenn die bilder einfach verschwinden, alles durchbrennt und durch sauerstoffmangel das gehirn ausfällt und einfach andere körperteile durchblutet werden als die, die die bilder speichern (hm, wär interessant, welche körperteile sie (nicht) speichern). ob diese form der realitätsflucht aber echt ist, also ob die gegenrealität, in die man sich da fallen lässt, nicht genau das ding ist, das mensch eigentlich vergessen sollte oder will? du öffnest eine schachtel, und darin ist wieder eine, und darin wieder... also ich leg mich jetzt mal in der schachtel schlafen, in der ich grad bin.
nur ein paar bemerkungen nach wohl allzu oberflächlicher lektüre: gehts beim sg verschwinden von sex nicht eher um das verschwinden von erotik? und kann man sex wirklich noch zum privaten körperbenutzen zählen? ist es nicht gerade das turnübungshafte an der rezeption von sex etc., das aus sex eine sehr öffentliche körperbenutzung macht? und was hat eigentlich künstliche befruchtung mit sex zu tun? tut mich irgendwas am vögeln (und besonders am unbefangenen geniessen des vögelns) hindern, wenn ich mich künstlich befruchten lasse? sind das nicht 2 paar schuh? (außer ich tanze jetzt mit der christlichen beischlafmoral an...)
danke für den erotik-hinweis ! könnte es nicht sein , dass dieser hinweis tatsächlich die referenz benennt , die mit 'verschwinden des sex' gemeint ist ? das die zeichenpraxis 'erotik' ihre wirksamkeit eingebüßt haben könnte , wenn das obengenannte gymnastisch-reformbewegungshafte mediale imaginarium von sex allgemein geworden ist ? und die ambivalenzen , das spielerische , auch das quälend selbstzerfleischende , das in erotik stecken kann , nicht mehr teil der dominanten selbstbeschreibungen und handlungsformen gegenwärtiger , sich als potent-fertile subjekte verstehender menschen gehören darf ? dann wären ja wohl erotik , triebverzicht u.ä. das neue tabu . womit wir uns allerdings dann wohl bedrohlich den phrasen neokonservativer emanzipations- und aufklärungskritik annähern würden : 'das geheimnis ist verschwunden!' - nur décadents wie wir können wohl darum jammern , dass die qualen , die selbstzerfleischung , die zermürbenden mindrwertigkeitsgefühle früherer generationen oder auch jahre mehr und mehr verschwinden . . . möchten wir wirklich wieder so leben ? ? ? ( abgesehen davon , dass der fluss , ja schon längst weitergerauscht , in den wir damit zu steigen versuchten - )
hmm, ich denke, mit dem hinweis auf das verschwinden des sex' war etwas sehr handfestes gemeint, nicht "nur" veränderungen in der erotischen codierung. ich zumindest hab da nicht zuletzt auch das verschwinden des sex' als praxis rausgehört. also nicht nur die umcodierung auf reiner, hygienischer körpermaschinensex, sondern auch quantitative aussagen. was aus meiner rückblicksperspektive überhaupt ein problem dieser diskussion war: dass quantitäten und qualitäten durcheinander gingen. wobei das, wie gesagt, meine interpretation ist. allerdings hat sich diesbezüglich in letzter zeit so einiges redaktionsintern (an text)ergeben, weshalb die marktingleiterin in abwesenheit des projektmanagers (und aller anderen beteiligten) hiermit feststellt: 1. SEX IST ÜBERALL. 2. ABWARTEN UND IM SEPTEMBER SINN-HAFT-SEX KAUFEN :) weiters: ad mediumflow, erotisch-quälendes: dass derartige ambivalenzen, geschweige denn leid, zunehmend als unsexy angesehen werden und "ernstgemeint spielerisches" (you know what i mean?) vielleicht auch nicht grad der letzte schrei ist, find ich eine zutreffende und sehr verfolgenswerte beobachtung. die bedrohliche nähe zum lamento über den nahenden verlust aller werte, weltuntergang etc. angesichts der angeblich entzauberten sexualität - das war ja mein hauptantrieb, warum ich mich in die auslösende diskussion so reingeschmissen hab. das darf ja wohl nicht wahr sein!, hab ich mir gedacht. ich empfinde die von dir genannten neokonservativen positionen als etwas extrem zerstörerisches, menschenfeindliches. ad neurath, privaten körpergebrauch: dass es öffentliche, verbindliche bilder über sex gibt, ist so neu nun nicht. sex als praxis ist immer noch privat - auch 2003 treiben es die wenigsten menschen öffentlich. öffentlich wird drüber geredet - aber die praxis findet nicht auf der straße und nicht im talkshowstudio statt. ad esa, bilder: "guter sex" als die selbstauflösende implosion der bilder und phantasien - hm, wenn ichs überspitze, kontrastierst du "guten" sex mit erotik :)
hab' den eindruck, hier wird (zu) viel aneinander vorbei geredet - manchmal auch (mit für mich schwülstig-komplizierten, zwar 'gescheit' klingenden, aber letztlich unverständlichen begriffen, einschüben, kommentaren) durchaus interessantes eingeworfen... wenn ich auch die diskussion nur (oberflächlich) 'quer-'lesen konnte (bei manchen texten tat ich mir schon - ähnlich wie th. - schwer, sie zu verstehen), so fiel mir doch auf, dass die anregung von else am 16.7. 'sex' zu definieren weitgehend ignoriert wurde. darum musste es wohl auch zu jener einsicht eines offensichtlich total überraschten mediumflow vom 19.8. kommen, der sich dafür bedankte, dass 'erotik' thematisiert wurde... bitte, was bedeutet das: seit wann ist 'sex' ohne 'erotik', ist 'sex' ohne 'pornografie' (überhaupt) zu denken, zu diskutieren? nun denn, dann springe ich eben ins kalte wasser (und warte, dass ihr mich untertaucht): ich definiere 'sex' - in unserem zusammenhang - ganz locker mal als körperliche betätigung mit den (eigenen oder fremden) geschlechtsorganen zwecks emotionaler stimulierung. im abendland war dieser sex kirchlicherseits nur zur fortpflanzung erlaubt (das lustempfinden wurde 'ein wenig' toleriert, da es sonst zu keiner fotpflanzung gekommen wäre). diese fortpflanzungstätigkeit sollte/musste in 'in liebe' geschehen. womit die verbindung von sex und liebe erfunden wurde. nachdem alle sexuelle betätigungen ausserhalb der kirchlichen vorschriften (die den diskurs in der gesellschaft bekanntlich hegemonial dominierten) als "sünde" eingestuft wurden (siehe 'sechstes gebot'), war sex etwas 'böses', 'schlimmes' und 'verruchtes'. durch die verbindung von emotionaler stimulierung und kirchlicher ächtung war sex jedoch immer auch 'interessant', regte die phantasien, träume und wünsche der menschen an (und wurde auch heimlich in allen nur denkbaren formen praktiziert - nach der beichte und 10 'vater-unser' war alles paletti). aus dieser gesellschaftlich hegemonialen vorstellung von sex entwickelte sich diskursiv (nahezu notwendigerweise) der begriff der erotik (im gegensatz zur pornografie). Erotik sehe ich begrifflich als konstrukt, welches den menschen die möglichkeit bot, sexuelle darstellungen gleichsam ohne 'schlechtes/böses gewissen' zu konsumieren. erotik wurde zur 'guten seite des sex', pornografie war die 'böse seite des sex'. zwar konnte die mit beginn des 20.jahrhunderts entstandene 'sexualwissenschaft' insgesamt die begrifflichkeit von sex etwas entkrampfen, wie jedoch vor allem religionsbücher aus den 50iger jahren zeigen, war sex per se noch immer etwas prinzipiell schlechtes... die gesellschaftlich akzeptierte 'begrifflichkeit sex' ist seit den sechziger Jahren auch durch die zunehmende säkularisierung in einem fundamentalen wandel begriffen. wenn auch ungleichzeitig: vielfach wird noch immer (sehr heftig) liebe&sex miteinander verbunden, gleichgeschlechtlicher sex ist für viele tabu usw., andererseits nehmen immer mehr jüngere menschen an einer 'sexueller sub-kultur' (swinger, fetish etc.) teil. grundsätzlich aber: grossteils hat sex als 'verruchter' begriff ausgedient (die verbindung sex&liebe wird nur noch in grossvaters gazette thematisiert, ebenso wie sex&treue für zunehmend mehr menschen eine zur lebensgestaltung nicht mehr relvante beziehung darstellen , erotik & pornografie verschwinden ebenfalls in einander (und sind trotz fallweiser medialer auf-/err-regungen kaum noch ein thema)... so gesehen: die herkömmliche vorstellung von sex verschwindet... und ob die menschen deshalb oder davon unbebeinflusst mehr oder weniger ficken bleibt thema der sexualforscherInnen... jedenfalls lohnt es sich sinn-haft darüber nachzudenken...
wie sagte doch KH einst in frankfurt so schön: begehren sind keine guten analysekriterien. eigentlich wär dem ja nix hinzuzufügen, dacht ich. aber doch entwickeln sich ungeahnte begehren, darüber zu reden, mit ungeahnten dynamiken. ich bin baff. erotik wird genauso "geschaffen", ist genausowenig ein gegebenes wie begehren. wir reden hier über symbolischen ordnungen, nicht mehr, nicht weniger. und ich danke odysseus für die zusammenfassung.
http://www.orf.at/030805-65561/index.html?url=http%3A//www.orf.at/030805-65561/65561abs_news.html
Shopping-And-Fucking Feminism: Michelle Goldberg, Feminism for Sale (AlterNet January 8, 2001)
lieber odysseus . mir wird etwas unwohl , wenn ich ihre ausführungen lese . wenn ich sie richtig verstehe , dann deckt sich ihr persönliches erleben und nachdenken über ihre eigene sexualität vollständig mit der historisch-akademischen erzählung von der konstruktion von sexualität ( die sie ja vollkommen richtig dargestellt haben ) ? sie empfinden niemals innere widersprüche zwischen liebe und sexualität ? pornografie ist für sie ein vollkommen in ihr leben integrierter und problemloser gegenstand ? ihre eigenen devianten sexualpraktiken oder ihre eigene lebensform mit und durch sexualität können sie in allen sozialen zusammenhängen vollkommen ohne anfeindungen oder irritationen ausbreiten und ausleben ? - ich denke , es ist genau die persönliche erfahrung von sexualität und das nachdenken darüber , das im mittelpunkt der bisherigen diskussion stand - und nicht bei einem aufklärerischen messianismus ( 'über solche diskussionen sind wir schon längst hinaus! wir sehen klar!' ) stehen bleiben wollte . denn dass es eine akademisch verbriefte lehrmeinung gibt , die nachles- und lehrbar und zudem von kaum einer teilnehmerin dieser diskussion wohl bestritten würde , bedeutet noch lange nicht , dass deren erkenntnisse sich auch schon längst in die intrikaten bereiche der erfahrung und des erlebens einer jeden hier schon niedergeschlagen hätten . wie denken sie darüber ?
lieber mediumflow! vorerst ganz herzlichen dank für die sehr feine antwort auf meine gerade gegenüber dir (auch als wandelndes fremdwörterlexikon *g*) weniger feine kritik. ich bin mir nicht so ganz sicher, ob sich meine tour d'horizon so ganz mit der historisch-akademischen lehrmeinung deckt. da mich das thema nun etwas gepackt hat, und ich meine ansicht so aus dem bauch heraus formulierte, versuche ich seit dem mich durch lektüre etwas schlau zu machen. D.h. ich bin mir selbst ob meiner hier simplifizierend vorgebrachten erzählung unsicher, und freue mich denn auch über jeden einwand. Das mal zu zum einen. zum zweiten: jawohl, weniges ist so 'persoenlich', so individuell bestimmt wie 'sex'. bilder, wuensche, hoffungen, traeume vermischen sich mit (z.T. vermeintlichen) realitaeten, identitaetskonstruktionen und gesellschaftlichen mainstreams (siehe auch die beitraege von esa und karin). selbstverständlich auch bei mir. und du hast es bzgl dem 'verschwinden von sex' zutreffend dargestellt, wenn du (in deinem frueheren beitrag) meintest, "das die zeichenpraxis 'erotik' ihre wirksamkeit eingebuesst haben koennte , wenn das obengenannte gymnastisch-reformbewegungshafte mediale imaginarium von sex allgemein geworden ist", oder wie else schrieb, dass dann das heilsversprechen von sex keine wirkueng mehr verbreiten würde. selbstverstaendlich er-regt erotik (noch) die gemueter, aber aues uenterschiedlichsten motiven und wohl als rueckzuegsgefecht etwas doch vielfach bereits 'verschwundenen'. und genaue uem dieses "verschwinden" gibt es (gesellschaftliche) kaempfe, gegenbeweguengen... und in der tat geht es bei letzteren - wie du sagt - um "erotik , triebverzicht u.ae. (als) das neue tabu. womit wir uns allerdings dann wohl bedrohlich den phrasen neokonservativer emanzipations- und auefklaeruengskritik annaehern wuerden". dies zeigen wohl nicht nuer die sogenannten 'keuschheits-bewegungen'(kein sex vor der ehe oder so) in den USA, sondern auch - brandaktuell - das verhalten der katholischen kirche bzgl homo-/lesbenehe. sex darf offenpaar nicht "verschwinden", muss 'böse' konnotiert bleiben, das paarungs- und individuelle sexuelle stimulanzverhalten muss weiterhin tabuisiert und auf (hetero-)ehe und kinderzeugueng beschraenkt bleiben. das ist auefklaeruengskritik par eczellance. zu deinen (doch 'intimen' - welche rolle spielt 'intimitaet' in unserem zusammenhang überhaupt?) fragen ganz offen und um es mit deinen worten zu sagen: ich weiss nicht, ob es mir gelingen würde mein hier allzu locker präsentiertes 'erkenntnistheoretisches konstrukt' ('lehrmeinung' hin oder her) in der praxis 'in allen zusammenhängen vollkommen ohne anfeindungen oder irritationen auszubreiten und auszuleben'! ich weiss es nicht! vielleicht wünsche ich es mir? du dir nicht?
nur ein kleiner nachtrag zur sex-verschwinden debatte mit besonderer berücksichtigung digitaler technologien:
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/15893/1.html
und noch ein nachtragender hinweis auf die amouröse seite des sexes : Eva Illouz, Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, Leske + Budrich Opladen 2003 . Zitat : »So, wie die Konsumsphäre in wachsendem Maße auf die Erzeugung romantischer Gefühlszustände abzielt, so geraten die Intimbeziehungen immer stärker in Abhängigkeit von der Inszenierung und dem Erlebnis des Konsums. Die kollektive Utopie der Liebe, einst als Transzendierung des Marktes idealisiert, ist im Prozess ihrer Verwirklichung zum bevorzugten Ort des kapitalistischen Konsums geworden.« Fernsehkommentar : http://www.3sat.de/kulturzeit/lesezeit/60893/index.html
