sinn-haft nr 12
schlamm & damm



GERBURG TREUSCH-DIETER
Wasser zum Leben
Eine kleine Kulturgeschichte des Flüssigen

fließend, strömend, brausend; plätschernd, murmelnd, glucksend; siedend, schäumend, kochend; springend, zischend, gischtend; wallend, wälzend, wogend; steigend, fallend, stürzend; gurgelnd, brodelnd, spritzend; glitzernd, gleißend, zitternd
Die Ambivalenz des Flüssigen
Wasser als Leben ist Bewegung, die durch die Finger rinnt. Kein Tropfen, kein Augenblick gleicht dem anderen. Eine Permanenz der Veränderung - fließend, strömend, brausend; plätschernd, murmelnd, glucksend; siedend, schäumend, kochend; springend, zischend, gischtend; wallend, wälzend, wogend; steigend, fallend, stürzend; gurgelnd, brodelnd, spritzend; glitzernd, gleißend, zitternd - eine Permanenz der Veränderung, von der mit Heraklit gesagt werden kann: "Man steigt nicht zwei Mal in denselben Fluss". Denn dieser Fluss ist nicht zwei Mal derselbe. Allerdings ergibt der ununterbrochene Fluss der Dinge noch keineswegs eine Kulturgeschichte. Sie muss offensichtlich gegen ihren eigenen Untergang geschrieben werden, gegen ihren Untergang in einem Überfluss, der beides ist: Überflüssigkeit im Sinne von Reichtum und Verschwendung, und Überflüssigkeit im Sinne von Abfall, der auch das Weggeschüttete oder Weggeworfene sein kann. Zu dieser immer gegebenen Ambivalenz des Flüssigen verhalten sich weitere, mit dem Flüssigen verbundene Strukturmomente analog, da das Flüssige nie aus dieser Ambivalenz des Überflüssigen, sei es Reichtum oder Abfall, entlassen wird.

Das Flüssige ist das Element des Ambivalenten, eines doppelwertigen Schwankens, was sich nicht vereindeutigen lässt. Nimmt man die Extreme Reichtum und Abfall, ergeben sich synonyme Signifikantenketten wie beispielsweise Reichtum, fruchtbarer Boden, kanalisiertes Wasser und so fort. Oder Abfall, unfruchtbares Sumpfland, versickernde Kloake und so fort. Am Ende münden beide Extreme in eine gleich lautende Entgegensetzung, denn Reichtum wird auch als Liquidität, Abfall wird als Liquidierung bezeichnet. Ist jemand liquide, blättert er die Scheine nur so hin, er demonstriert Überfluss. Wird jemand liquidiert, bleibt von ihm nicht einmal der Schein. Er ist überflüssig und wird spurlos ausgelöscht. Warum aber werden beide Formen der Überflüssigkeit durch "Verflüssigung" ausgedrückt, hier durch Liqudität, dort durch Liquidierung?

Liquidesein bedeutet, sich in einem flüssigen Seinszustand befinden, aber in der Form der Verfestigung, in der Form von Geld. Liquidiertwerden bezeichnet ebenfalls einen flüssigen Seinszustand, doch in der Form der Auflösung, in der Form von Unwert, der keinen Pfennig wert ist, also weggeworfen, weggeschüttet werden kann. Mit der Redensart "Verpiss dich!" fängt dieses Weggeworfen-, Weggeschüttet-, oder Weggekipptwerden an. Es geht damit weiter, dass jemand "in der Gosse gelandet" oder "den Bach runter" ist. Schließlich schlagen die "Wogen des Schicksals" über jemand zusammen, als handle es sich bei seinem "Untergang" um eine "Naturkatastrophe". Oder wurde er liquidiert, "verflüssigt", hat ihn dies in die Kloake gebracht, die mit Verbrechen, Blutvergießen verbunden ist? Warum führt die Frage nach dem Flüssigen überhaupt dorthin? Weil Flüssiges nie aus der Ambivalenz entlassen, weil auch das "Verflüssigte" in sich doppelwertig, sprich, doppelunwertig ist? Der Redensart, dass jemand "in seinem Blute liegt", entspricht die umgekehrte Redensart, dass jemand "in seinem Glück badet". Dort fiel ein Verbrechen vor, hier ging ein Wunsch in Erfüllung, der jedoch, gemessen an einem "festen Vorhaben", ebenfalls Unwert ist. Das "Baden im Glück" verweist darum, wie das Verbrechen, auf die Kloake und nicht auf ein hygienisches Bad, denn weder das Flüssige noch das "Verflüssigte" wird aus der Ambivalenz entlassen. Ob "Baden im Glück" oder "Blutbad": Beides ist einem Ort des Obszönen zugewiesen, der gemeinhin mit "Sumpf" bezeichnet wird.

Ströme und Kreisläufe
Damit wird eine Topologie des Flüssigen erkennbar, denn in jeder Kultur wird Flüssiges bestimmten Orten zugewiesen, die an Strukturmomente gebunden sind. Innerhalb dieser Topologie stehen sich zwei Extreme gegenüber, die sowohl getrennt als auch verbunden sind, da im Reichtum das Überflüssige ebenso enthalten ist wie im Abfall. In jedem dieser Extreme, die in den von Reichtum und Abfall ausgehenden Signifikantenketten schon angedeutet wurden, kehrt die Ambivalenz des Flüssigen und die des "Verflüssigten" wieder. Für das Verhältnis von Liquidesein und Liquidiertwerden gilt deshalb, dass im Liquidesein die Liquidierung sowohl verdrängt ist als auch nicht. Es geht um eine Bewegung der Verschiebung und Ersetzung. Dabei verdrängt das Ersetzende einerseits, andererseits nicht. Denn das Ersetzte oder Verdrängte verschiebt sich.

Hier tritt das Liquidesein in verfestigter Form, in der Form von Geld, an die Stelle des Liquidierten, beispielsweise scheut die Akkumulation von Kapital vor keiner Liquidierung zurück, sodass die Ersetzung von Flüssigem oder Überflüssigem - menschliche Arbeitskraft heute - durch eine verfestigte Form, die "verflüssigt", ausscheidet, verdrängt, sicher einleuchtend ist. Gleichzeitig ist diese Ersetzung nie eine vollständige, da das Ausgeschiedene, Verdrängte, oder Ersetzte am Ersetzenden haften bleibt. Dafür ein Hinweis auf die menschliche Arbeit, soweit sie noch nicht überflüssig ist: Auch der Lumpen, der das Flüssige aufwischt, wird nass. In der verfestigten Form bleibt also das Flüssige enthalten, wie dies im Liquidesein selbst ausgesprochen ist. Doch als Ersetzung des Flüssigen spricht das Liquidesein ebenso aus, dass das Flüssige seinen Ort gewechselt, dass es sich verschoben hat, sei es, dass es aufgewischt, "verflüssigt" oder weggekippt wurde. Die Ersetzung des Flüssigen bleibt also an die Verschiebung des Flüssigen gebunden, was auf das Problem kapitalistischer Austauschsysteme überhaupt hinweist. Ihrer Logik der Akkumulation zufolge versuchen sie einerseits alles zurückzuhalten, sie funktionieren anal, andererseits muss ein Teil des Zurückgehaltenen in Umlauf kommen. Es muss zirkulieren, denn, ohne dass jemand teil daran hat, ist auch nichts durch Übervorteilung zu gewinnen. Wird das Problem des Austauschs auf das Geschlechterverhältnis übertragen, gilt ebenfalls eine Ersetzung und Verschiebung. Beispielsweise hat der Mann ein Einkommen, mit dem die Frau auskommen soll, damit was "hereinkommt". Dass das Einkommen des Mannes teils verausgabt, teils zurückgehalten wird, entspricht dem, dass er seinen Samen teils durch Geld ersetzt, teils nicht. Dass er seinen Samen dabei nicht ganz verdrängt, geht aus dem Gesagten hervor, aber es kann sein, dass er seinen Ort wechselt. Darum ist zu hoffen, dass auch die Frau ein Einkommen, nicht nur ein Auskommen hat. Schon Freud sprach es aus, dass unser Verhältnis zum Geld und unser Verhältnis zu körperlichen Ausscheidungen dasselbe ist. Als Beispiel dafür nimmt er nichts Flüssiges, versteht sich, nicht Blut, Sperma oder Urin, sondern etwas "Festes", nämlich die zurückgehaltene und schließlich doch verausgabte "Kotstange".

Das Flüssige wird durch das Feste ersetzt, dabei kehrt das Flüssige im Festen wieder, indem es seinen Ort verschiebt, der immer an Strukturmomente gebunden ist. Sie schließen in unserer Kultur eine fundamentale Abwehr des Flüssigen ein. Doch diese Abwehr lässt sich nie perfekt aufrechterhalten, denn Kultur, vor allem die kapitalistische, basiert auf Austausch, auf Zirkulation, deren Inbegriff das Flüssige ist. Was Liquidesein und Liquidierung aussprechen, hier die Ersetzung, dort die Verschiebung des Flüssigen, das nie aus der Ambivalenz entlassen wird, die auf die Extreme von Reichtum und Abfall verweist; was also Liquidesein und Liquidierung aussprechen, das ist allen "Kreisläufen", allen Kapitalströmen, Autoströmen, Datenströmen immanent. Es drückt sich in dieser ganzen inflationären Metaphorik des Fließens aus, die heute das Verdrängte am Verdrängenden - das aufgewischte Wasser im Lumpen - da zur Erscheinung bringt, wo alles stockt, wo nichts mehr fließt, wo sich das "System" selbst blockiert. Den Kapital-, Auto- und Datenströmen entspricht das "Umkippen" der Meere und Flüsse, während das Surfen im Cyberspace oder das Navigieren im Netz zur neuesten Trockenübung wird. Das Modell dieser Blockierung ist die anale Verstopfung: Ein Reichtum, der seinen Abfall nicht mehr verdauen, nicht mehr "verflüssigen" kann. Dass Ausscheidung aber nicht gleich Abfall ist, muss hinzugesagt werden.

Flüssiges und Festes
Die Liquidierung des Flüssigen ist "grundlegend" für unsere Kultur, die Überflüsse nur in verfestigter Form zulässt. Dazu noch einmal Freud: Er vergleicht den Prozess der Ichwerdung, in dessen Verlauf an die Stelle des Es, mittels Über-Ich, das Ich treten soll, mit der "Trockenlegung der Zuider-See". Durch diese Austrocknung soll die Libido, die, wörtlich, das Flüssige ist und Psycho-Dämme, -Deiche und -Bollwerke "überschwemmt", beherrschbar werden, als ob die Ichwerdung ein Akt der Landnahme sei, ein Akt der Kolonisierung oder ein Boden-unter-den-Füßen-Gewinnen, das zu einem unumstößlichen Standpunkt, zu einem unerschütterlichen Sockel schon bei Lebzeiten führt, auf dem nach dem Tod das eherne Monument dessen errichtet wird, der nie schwankte oder wankte, dem nie "das Wasser bis zum Hals stand" und so fort. Erwachsenwerden ist demnach ein Prozess, der als zunehmende Verfestigung aufgefasst wird, die mit dem Hartwerden der "Fontanelle" beginnt. Eine "gefestigte Persönlichkeit" wird niemals "nah ans Wasser gebaut" oder noch "feucht hinter den Ohren" sein. Auf das Geschlechterverhältnis übertragen, heißt das, hart, fest, trocken, so hat das Männliche zu sein, "ein Junge weint nicht", ist bekannt. Weibliches ist weich, wetterwendisch, feucht, als ob jede Berührung mit einer Frau zur männlichen Ichauflösung führe.

Unsere Kultur scheint sich, folgt man ihren Metaphern, aus Schiffbruchs-Erfahrungen und Akten der Landnahme herzuleiten. Sobald Wasser und Erde, Flüssiges und Festes nicht mehr durch Dämme, Deiche und Bollwerke geschieden sind, kehrt das Trauma des Bodenverlusts und des Scheiterns in Schicksalsstürmen wieder, das lange genug schon auf das Weibliche projiziert wird, da Frauen immer ein der Erde analoger Besitz sein sollten, aber nie ganz trocken zu legen waren. Sie konnten dem Sumpf des Obszönen nie ganz entrissen werden. Grund, respektive Abgrund: "Sie sind halt nicht ganz dicht". Sie haben ein Loch und laufen nach unten aus. Blut bei der Menstruation, Fruchtwasser bei der Geburt. Ununterbrochen sich verflüssigend und darum ohne moralische Festigkeit, kommen Frauen als Kulturträgerinnen nicht in Frage, was von der antiken Metaphysik, über die christliche Theologie, bis in die Moderne, beispielsweise von Freud, wiederholt wird und auch in der Postmoderne noch im Schwange ist.

Mit Beginn der Moderne gelten Frauen im "Hexenhammer" auf Grund ihrer "flüssigen Komplexion" als "Einfallstor des Teufels", der es seinerseits auf den Untergang alles Festen, insbesondere aber auf den des Kirchenschiffs abgesehen hat, den er im Bund mit der "Hexe" bewirkt. Denn ihre flüssige Komplexion wird mit Verführbarkeit, Wechselhaftigkeit und Unfähigkeit zur Wahrheit, also mit Täuschung gleichgesetzt. Diese Täuschung wird der Einbildungskraft zugeschrieben, als ob sie ein für jedes Gaukelspiel empfängliches Wasser sei, das alle mit seiner Lüge verschaukelt. Die dem Flüssigen angelastete "Unmoral" der Einbildungskraft ist unerschöpflich. Durch die Verbrennung von Millionen Frauen sollte nicht zuletzt sie mit Beginn der Moderne "ausgetrocknet" werden.

Denn die Moderne bringt den Körper als das feste Ding einer Ratio hervor, die ihn durch ihr Cogito, ihr "Ich denke", kontrolliert. Descartes nennt den Körper einen Leichnam, der gleich bedeutend mit einer Gliedermaschine ist. Im siebzehnten Jahrhundert wird der Körper als Automat konzipiert, im neunzehnten Jahrhundert als Maschine, heute als Computer. Jedes dieser Organisationsprinzipien funktioniert als Ersetzung und Verschiebung der Überflüsse des Körpers, ob der Herz-Lungen-Kreislauf als Pumpe, der Stoffwechsel als Verbrennungs-Motor oder das Gehirn als elektronischer Schaltzyklus aufgefasst wird. Die Konstruktion des Körpers wirkt als Verdrängung, dabei wechselt das Verdrängte, die Überflüsse des Körpers, seinen Ort. Neueste Diskurse wie die Diskriminierung des Blutes durch Aids, die Verlangsamung der Spermien und die in Abwässer fließenden Pseudo-Östrogene der weiblichen Auscheidungen, die angeblich mit einer "Feminisierungs-Seuche" des Mannes drohen, sprechen es aus, dass die Überflüsse des Körpers heute mit Abfall gleichgesetzt werden.

Dabei sind diese Überflüsse des Körpers mit seinen intensivsten Lebensäußerungen verbunden, beispielsweise wenn uns der Speichel im Mund zusammenläuft, wenn uns der Schweiß ausbricht, wenn das Blut aufwallt, die Tränen strömen. Doch die neuesten Diskurse sprechen es aus, dass diese Überflüsse am besten vollends austrocknen sollen. Oder wollen sie austrocknen? Was seine kulturelle Bedeutung verliert, versiegt. Es könnte also sein, dass die Trockenlegung der Zuider-See - sprich, der Libido - durch die Umcodierung der Körper zum elektronischen Schaltzyklus doch noch gelingt. Längst wird Leben als Information aufgefasst, längst zirkuliert es als ein DNS-Datenstrom, der in der Genomanalyse auf Festplatten gespeichert wird.

Wasser- und Blutquelle
Das kulturgeschichtliche Gegenstück zu jenen mechanischen, maschinellen und kybernetischen Organisationsprinzipien ist die Kröte. Richtig, dieses schleimige, warzige, zwischen Erde und Wasser verkehrende, metamorphotische Tier. In der Antike und im Mittelalter symbolisiert es die Gebärmutter, als ob diese selbst auf niedrigen Beinen zwischen Feuchtem und Trockenem, zwischen Leben und Tod grenzüberschreitend herumlaufen würde. In ihrer Ambivalenz zwischen Reichtum und Abfall, zwischen reinem Gefäß und unreiner Kloake, zwischen genealogisch geordnetem und zufälligem Leben, das aus ihr hervorgeht, ist die Gebärmutter - respektive, die Kröte - sowohl lust- als auch ekelbesetzt. Der Ekel dominiert. Augustinus’ Satz, dass wir zwischen "Kot und Urin" geboren sind, ist sprichwörtlich geworden. Doch die Kloake, die für den reinen Geist der Philosophie, der Theologie und der bürgerlichen Vernunft ein Albtraum ist, kehrt in der Ersetzung des Flüssigen durch das Feste wieder, denn das Geld, das Marx als Logik des reinen Geistes persifliert, wird weiterhin als "Kröten" bezeichnet. Offensichtlich ist dem Liquidesein das Liquidierte nicht auszutreiben.

Dass der reine Geist auf eine Kult- und Kulturgeschichte vor der Antike zurückblicken kann, in der er noch nicht das Verdrängende war, geht aus dem Verdrängten hervor, wie es in Märchen erzählt wird. Denn dort springen "Kröten" aus dem Hals von schwarzen Bräuten, während weiße Bräute "Taler" von sich geben. Dort wie hier wird von Reichtum erzählt, einmal in fester, einmal in flüssiger Form, denn die "Kröten" verweisen, im Gegensatz zu den "Talern", auf die Gebärmutter. Dass sie aus dem Hals von schwarzen, von verdrängten Bräuten springt, hat kult- und kulturgeschichtlich damit zu tun, dass die Geburt vor der Antike als Wiedergeburt gefeiert wurde. Dabei gab eine geopferte Braut ihr Blut für ein Leben nach dem Tod, für eine Unsterblichkeit, die noch nicht von der Sterblichkeit geschieden war (vgl. Gerburg Treusch-Dieter, Die Heilige Hochzeit. Sudien zur Totenbraut, Pfaffenweiler, Centaurus-Verlag, 1997). Die Gebärmutter, die aus dem Hals jener Bräute im Märchen springt, symbolisiert die Blutquelle dieses Opfers, seinen Überfluss weiblich gegebenen Lebens, dessen Referenz die mit der Kröte verbundene heilige Wasserquelle ist.

Bis ins Mittelalter behalten die Quellheiligtümer, die mit diesem Braut-Opfer in Verbindung stehen, ihre von seiner Blutquelle ausgehende Heil-Kraft. Sie behalten diese Heil-Kraft nicht zuletzt deshalb, weil sich die Kirche diese Quellheiligtümer integrierte, obwohl sie dem reinen Geist verschrieben war. Stams kann mit seiner Quelle des heiligen Johannes ebenso davon erzählen, wie das Quellheiligtum des "Höttinger Bilds" in der Nähe von Innsbruck. Die Blutquelle des Braut-Opfers ist es, welche die Wasserquelle vor "Verletzung" schützt, weil diese Blutquelle während der Dauer eines Kultzyklus einem strikten Tabu unterliegt. Wurde die Wasserquelle dennoch "verletzt", hieß dies in erster und in letzter Instanz Sanktion durch das Opfer selbst in seiner vergöttlichten Position. Sie wird in Korrespondenz zum Alten Testament noch in der Antike abgeschafft. Doch in Eva, die "Leben" heißt und mit dem stets bei einer Wasserquelle stehenden "Lebensbaum" verbunden ist, kann diese Position ebenso erkannt werden wie in der antiken Pandora, der "Allesgebenden". Beide werden in dem Maß, wie der "Lebensbaum" zum "Baum der Erkenntnis" wird, zur "Quelle allen Übels", auf die der reine Geist, wie die Integration der Quellheiligtümer durch die Kirche zeigt, dennoch nicht verzichten kann, obwohl ihm diese Quelle nicht geheuer war.

Das "Wörterbuch des Aberglaubens" (Bächtold-Stäubli), das seitenweise über die Kröte berichtet, zeugt davon. Dass die Kröte das metamorphotische Organisationsprinzip der Körper symbolisierte, geht nicht nur aus der Unzahl der in diesem "Wörterbuch" empfohlenen Heil-Riten hervor, sondern auch aus dem Märchen vom "Froschkönig". Die Frosch-Gestalt des Prinzen in diesem Märchen wird zwar als Ekel erregend dargestellt, aber die Prinzessin, die ihm dazu verhilft, dass er sie ablegen kann, ist dennoch von Lust erregt, vor allem beim Spiel, das beide an einer Quelle treiben. Diese Quelle legt erstens nahe, dass die Prinzessin selbst eine "Kröte" ist; zweitens, dass sie zu den schwarzen, den geschichtlich verdrängten Bräuten der Märchen zu zählen ist, aus deren Hals "Kröten" springen; drittens, dass sie ihre Gestalt ebenso wechselt wie der "Froschkönig", denn erzählt wird von ihr so, als sei sie eine weiße Braut, deren Hals "Taler" von sich gibt.

Nur ein letztes Überbleibsel zeugt davon, dass die Prinzessin im "Froschkönig" mit dem Braut-Opfer identisch ist, das sein Leben im Tod für eine Wiedergeburt und damit für eine Unsterblichkeit gibt, die im Märchen vom "Froschkönig" der goldene, in die Quelle gefallene Ball der Prinzessin symbolisiert, weil diese Unsterblichkeit in der Kult- und Kulturgeschichte, auf die der reine Geist zurückblicken kann, nicht von ihm ausgeht, sondern von der weiblichen "Lebensquelle". Dass sie zur "Quelle allen Übels" wird, erzählt auch das Märchen vom "Froschkönig", denn die Prinzessin klatscht den König in Frosch-Gestalt an die Wand, aber siehe da! Er wird wiedergeboren als Prinz. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Kult- und kulturgeschichtlich ist die Wasserquelle auf Wiedergeburt und Unsterblichkeit bezogen. Deshalb ist sie "Wasser des Lebens". Ihre Referenz ist die Blutquelle, die jedoch einer Wunde des Opfers entspringt, während die Wasserquelle der Erde ohne Verletzung entströmen kann. Darum ist sie im Stande, Opfer-Wunden zu heilen, wer immer zu ihr hingepilgert ist. Sie ist sprudelnde Gabe, Jungbrunnen, Umkehrung der Opfer-Blutquelle: "Heile, heile Segen, drei Tag Regen, drei Tag Schnee" und so fort, was immer es gewesen ist, es tut nicht mehr weh. Die Ambivalenz des Flüssigen ist dabei jedoch nicht aufgehoben, da Blut- und Wasserquelle ebenso wie die Gebärmutter und Kröte stets auf beides bezogen sind: Auf Wunde und Heilung, auf Tod und Leben, auf Tabuisierung und Enttabuisierung. Sie ist kult- und kulturgeschichtlich zwar mit Opferung verbunden, aber solange das dabei vergossene Blut gesellschaftlich bindend war, gilt mit Blick auf die Gegenwart, dass sie dazu nicht im Stande ist, trotz aller auf den reinen Geist sich berufenden Aufklärung.

Kloake und Gefäß
Die Moderne beginnt mit einer schrankenlosen Enttabuisierung aller "Ressourcen", die kein Tabu mehr kennt und die nicht zuletzt im Zuge der Hexenprozesse durchgesetzt wird. Deshalb ist heute mit Geschichten von Kröten oder Nixen nix mehr zu machen. Und doch will ich noch eine kleine, aus den zerfallenen Quellheiligtümern übrig gebliebene Geschichte erwähnen, die nur mehr ein Satz lang ist: "Immer, wenn ein Kind seine Milchbröckchen aß, kam eine Unke und aß mit, aber die Mutter sah eines Tages die Unke und verbot dem Kind, dass es ihr von seinen Milchbröckchen gab, worauf das Kind starb". Die Unke oder Kröte hatte das Kind mit seinem Lebenselement, mit dem Flüssigen verbunden, von dem es durch seine Mutter selbst abgschnitten wird, die das Gegenstück zur Unke ist. Wurden dieser Mutter zu viel Märchen von schwarzen und weißen Bräuten erzählt, wie sie nach den Hexenprozessen üblich sind? Jedenfalls verhält sie sich so, wie es sich für die bürgerliche Moderne gehört. Sie repräsentiert die Mutter als reines Gefäß, das mit der unreinen Kloake der Unke nichts zu tun haben will.

Die Mutter selbst ist die Liquidierung des Flüssigen, obwohl sie an das Kind Liquides rüberreicht: Milchbröckchen, die in dieser Geschichte jedoch reproduktive Nahrung sind, an der die "Lebensquelle" gestrichen ist. Bezogen auf Ersetzung und Verschiebung schließt dies ein, dass die Milch in diesen Bröckchen zwar noch auf diese "Lebensquelle" verweist, aber der "Witz", die sprudelnde "Lebensquelle", die mit der Muttermilch sprichwörtlich eingesogen wird, ist gestrichen. An ihre Stelle tritt "trockene" Nahrung, die nicht mehr ist, als das Gefäß, in der sie aufbewahrt wird. Die Streichung der weiblichen "Lebensquelle" impliziert seit der Antike eine lange Geschichte der Ersetzung und Verschiebung des Flüssigen. Heute gilt die Technologisierung jener reproduktiven Milchbröckchen, denn das Gefäß, das die Mutter bisher gewesen ist, erscheint heute als Reagenzglas im Labor der Reproduktionstechnologie, wo es eine "Lebensquelle" simuliert, die es gleichzeitig liquidiert.

Derweil trocknen nicht nur die Flussbetten aus, sondern auch die Betten, falls sich die neuesten Diskurse von heillosen Blut- und Wasserquellen durchsetzen, die stets aufs Neue aussprechen, dass die Kultur unserer Geschichte auf der Abwehr der Ambivalenz des Flüssigen basiert. Dieser Abwehr entspricht ein kulturbedingter Alkoholismus, der das Ausmaß ihrer Verfestigungen zeigt. Sie sollen hinuntergespült werden, und sind doch nicht "zu schlucken". Im "Wörterbuch des Aberglaubens" wird gegen alles, was im Hals stecken bleibt, Bestreichen mit einer Kröte vorgeschlagen, deren metamorphotisches Organisationsprinzip des Körpers jedoch vergessen ist. Wer sich daran erinnert, kann sich an Flüssigem betrinken, ohne etwas zu ertränken oder zu ertrinken, beispielsweise im Klosterkeller von Stams. Ein "trunkenes" Schiff, zu dem auch dieser Keller werden kann, ist bisher die gelungenste Konfiguration der Ambivalenz des Flüssigen, ohne die kein Leben möglich ist. Selbst Platon, der den Beginn jener langen Geschichte der Ersetzung und Verschiebung des Flüssigen seit der Antike als Repräsentant des reinen Geistes kat’exochen markiert, selbst Platon schlägt bei großem Schmerz im "Timaios" als Therapie eine Schiffsreise vor, weil sie die Erschütterung bei der Geburt wiederhole. Diese Erschütterung bringt die "Lebensquelle" wieder zum Fließen, die Gefühle wogen, der Hass schäumt, die Wut kocht, der Schmerz strömt, das Lachen gluckst, die Lust brodelt, die Tränen stürzen, oder umgekehrt, das Wasser hält dem Leben seinen Spiegel entgegen, der nie dasselbe Bild zurückwirft: "Man steigt nicht zwei Mal in denselben Fluss" - und dies ist kein Unkenruf, sondern ein Ruf der Unke, die mittrinken will.



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Schlamm und Damm. sinn-haft nr[11] - Cover

Texte der nr [12]:

Erscheinungsdatum: Februar 2002




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