fließend, strömend, brausend; plätschernd,
murmelnd, glucksend; siedend, schäumend, kochend; springend,
zischend, gischtend; wallend, wälzend, wogend; steigend,
fallend, stürzend; gurgelnd, brodelnd, spritzend; glitzernd,
gleißend, zitternd
Die Ambivalenz des Flüssigen
Wasser als Leben ist Bewegung, die durch die Finger rinnt. Kein
Tropfen, kein Augenblick gleicht dem anderen. Eine Permanenz der
Veränderung - fließend, strömend, brausend;
plätschernd, murmelnd, glucksend; siedend, schäumend,
kochend; springend, zischend, gischtend; wallend, wälzend,
wogend; steigend, fallend, stürzend; gurgelnd, brodelnd,
spritzend; glitzernd, gleißend, zitternd - eine Permanenz der
Veränderung, von der mit Heraklit gesagt werden kann: "Man
steigt nicht zwei Mal in denselben Fluss". Denn dieser Fluss
ist nicht zwei Mal derselbe. Allerdings ergibt der ununterbrochene
Fluss der Dinge noch keineswegs eine Kulturgeschichte. Sie muss
offensichtlich gegen ihren eigenen Untergang geschrieben werden,
gegen ihren Untergang in einem Überfluss, der beides ist:
Überflüssigkeit im Sinne von Reichtum und Verschwendung,
und Überflüssigkeit im Sinne von Abfall, der auch das
Weggeschüttete oder Weggeworfene sein kann. Zu dieser immer
gegebenen Ambivalenz des Flüssigen verhalten sich weitere, mit
dem Flüssigen verbundene Strukturmomente analog, da das Flüssige
nie aus dieser Ambivalenz des Überflüssigen, sei es
Reichtum oder Abfall, entlassen wird.
Das Flüssige ist das Element des Ambivalenten, eines
doppelwertigen Schwankens, was sich nicht vereindeutigen lässt.
Nimmt man die Extreme Reichtum und Abfall, ergeben sich synonyme
Signifikantenketten wie beispielsweise Reichtum, fruchtbarer Boden,
kanalisiertes Wasser und so fort. Oder Abfall, unfruchtbares
Sumpfland, versickernde Kloake und so fort. Am Ende münden beide
Extreme in eine gleich lautende Entgegensetzung, denn Reichtum wird
auch als Liquidität, Abfall wird als Liquidierung bezeichnet.
Ist jemand liquide, blättert er die Scheine nur so hin, er
demonstriert Überfluss. Wird jemand liquidiert, bleibt von ihm
nicht einmal der Schein. Er ist überflüssig und wird
spurlos ausgelöscht. Warum aber werden beide Formen der
Überflüssigkeit durch "Verflüssigung"
ausgedrückt, hier durch Liqudität, dort durch Liquidierung?
Liquidesein bedeutet, sich in einem flüssigen Seinszustand
befinden, aber in der Form der Verfestigung, in der Form von Geld.
Liquidiertwerden bezeichnet ebenfalls einen flüssigen
Seinszustand, doch in der Form der Auflösung, in der Form von
Unwert, der keinen Pfennig wert ist, also weggeworfen, weggeschüttet
werden kann. Mit der Redensart "Verpiss dich!" fängt
dieses Weggeworfen-, Weggeschüttet-, oder Weggekipptwerden an.
Es geht damit weiter, dass jemand "in der Gosse gelandet"
oder "den Bach runter" ist. Schließlich schlagen
die "Wogen des Schicksals" über jemand zusammen, als
handle es sich bei seinem "Untergang" um eine
"Naturkatastrophe". Oder wurde er liquidiert,
"verflüssigt", hat ihn dies in die Kloake gebracht,
die mit Verbrechen, Blutvergießen verbunden ist?
Warum führt die Frage nach dem Flüssigen überhaupt
dorthin? Weil Flüssiges nie aus der Ambivalenz entlassen, weil
auch das "Verflüssigte" in sich doppelwertig,
sprich, doppelunwertig ist? Der Redensart, dass jemand "in
seinem Blute liegt", entspricht die umgekehrte Redensart, dass
jemand "in seinem Glück badet". Dort fiel ein
Verbrechen vor, hier ging ein Wunsch in Erfüllung, der jedoch,
gemessen an einem "festen Vorhaben", ebenfalls Unwert
ist. Das "Baden im Glück" verweist darum, wie das
Verbrechen, auf die Kloake und nicht auf ein hygienisches Bad, denn
weder das Flüssige noch das "Verflüssigte" wird
aus der Ambivalenz entlassen. Ob "Baden im Glück"
oder "Blutbad": Beides ist einem Ort des Obszönen
zugewiesen, der gemeinhin mit "Sumpf" bezeichnet wird.
Ströme und Kreisläufe
Damit wird eine Topologie des Flüssigen erkennbar, denn in
jeder Kultur wird Flüssiges bestimmten Orten zugewiesen, die an
Strukturmomente gebunden sind. Innerhalb dieser Topologie stehen sich
zwei Extreme gegenüber, die sowohl getrennt als auch verbunden
sind, da im Reichtum das Überflüssige ebenso enthalten ist
wie im Abfall. In jedem dieser Extreme, die in den von Reichtum und
Abfall ausgehenden Signifikantenketten schon angedeutet wurden, kehrt
die Ambivalenz des Flüssigen und die des "Verflüssigten"
wieder. Für das Verhältnis von Liquidesein und
Liquidiertwerden gilt deshalb, dass im Liquidesein die Liquidierung
sowohl verdrängt ist als auch nicht. Es geht um eine Bewegung
der Verschiebung und Ersetzung. Dabei verdrängt das Ersetzende
einerseits, andererseits nicht. Denn das Ersetzte oder Verdrängte
verschiebt sich.
Hier tritt das Liquidesein in verfestigter Form, in der Form von
Geld, an die Stelle des Liquidierten, beispielsweise scheut die
Akkumulation von Kapital vor keiner Liquidierung zurück, sodass
die Ersetzung von Flüssigem oder Überflüssigem -
menschliche Arbeitskraft heute - durch eine verfestigte Form, die
"verflüssigt", ausscheidet, verdrängt, sicher
einleuchtend ist. Gleichzeitig ist diese Ersetzung nie eine
vollständige, da das Ausgeschiedene, Verdrängte, oder
Ersetzte am Ersetzenden haften bleibt. Dafür ein Hinweis auf die
menschliche Arbeit, soweit sie noch nicht überflüssig ist:
Auch der Lumpen, der das Flüssige aufwischt, wird nass. In der
verfestigten Form bleibt also das Flüssige enthalten, wie dies
im Liquidesein selbst ausgesprochen ist. Doch als Ersetzung des
Flüssigen spricht das Liquidesein ebenso aus, dass das Flüssige
seinen Ort gewechselt, dass es sich verschoben hat, sei es, dass es
aufgewischt, "verflüssigt" oder weggekippt wurde.
Die Ersetzung des Flüssigen bleibt also an die Verschiebung
des Flüssigen gebunden, was auf das Problem kapitalistischer
Austauschsysteme überhaupt hinweist. Ihrer Logik der
Akkumulation zufolge versuchen sie einerseits alles zurückzuhalten,
sie funktionieren anal, andererseits muss ein Teil des
Zurückgehaltenen in Umlauf kommen. Es muss zirkulieren, denn,
ohne dass jemand teil daran hat, ist auch nichts durch Übervorteilung
zu gewinnen. Wird das Problem des Austauschs auf das
Geschlechterverhältnis übertragen, gilt ebenfalls eine
Ersetzung und Verschiebung. Beispielsweise hat der Mann ein
Einkommen, mit dem die Frau auskommen soll, damit was "hereinkommt".
Dass das Einkommen des Mannes teils verausgabt, teils zurückgehalten
wird, entspricht dem, dass er seinen Samen teils durch Geld ersetzt,
teils nicht. Dass er seinen Samen dabei nicht ganz verdrängt,
geht aus dem Gesagten hervor, aber es kann sein, dass er seinen Ort
wechselt. Darum ist zu hoffen, dass auch die Frau ein Einkommen,
nicht nur ein Auskommen hat. Schon Freud sprach es aus, dass unser
Verhältnis zum Geld und unser Verhältnis zu körperlichen
Ausscheidungen dasselbe ist. Als Beispiel dafür nimmt er nichts
Flüssiges, versteht sich, nicht Blut, Sperma oder Urin, sondern
etwas "Festes", nämlich die zurückgehaltene und
schließlich doch verausgabte "Kotstange".
Das Flüssige wird durch das Feste ersetzt, dabei kehrt das
Flüssige im Festen wieder, indem es seinen Ort verschiebt, der
immer an Strukturmomente gebunden ist. Sie schließen in unserer
Kultur eine fundamentale Abwehr des Flüssigen ein. Doch diese
Abwehr lässt sich nie perfekt aufrechterhalten, denn Kultur, vor
allem die kapitalistische, basiert auf Austausch, auf Zirkulation,
deren Inbegriff das Flüssige ist. Was Liquidesein und
Liquidierung aussprechen, hier die Ersetzung, dort die Verschiebung
des Flüssigen, das nie aus der Ambivalenz entlassen wird, die
auf die Extreme von Reichtum und Abfall verweist; was also
Liquidesein und Liquidierung aussprechen, das ist allen
"Kreisläufen", allen Kapitalströmen,
Autoströmen, Datenströmen immanent. Es drückt sich in
dieser ganzen inflationären Metaphorik des Fließens aus,
die heute das Verdrängte am Verdrängenden - das
aufgewischte Wasser im Lumpen - da zur Erscheinung bringt, wo alles
stockt, wo nichts mehr fließt, wo sich das "System"
selbst blockiert. Den Kapital-, Auto- und Datenströmen
entspricht das "Umkippen" der Meere und Flüsse,
während das Surfen im Cyberspace oder das Navigieren im Netz zur
neuesten Trockenübung wird. Das Modell dieser Blockierung ist
die anale Verstopfung: Ein Reichtum, der seinen Abfall nicht mehr
verdauen, nicht mehr "verflüssigen" kann. Dass
Ausscheidung aber nicht gleich Abfall ist, muss hinzugesagt werden.
Flüssiges und Festes
Die Liquidierung des Flüssigen ist "grundlegend"
für unsere Kultur, die Überflüsse nur in verfestigter
Form zulässt. Dazu noch einmal Freud: Er vergleicht den Prozess
der Ichwerdung, in dessen Verlauf an die Stelle des Es, mittels
Über-Ich, das Ich treten soll, mit der "Trockenlegung der
Zuider-See". Durch diese Austrocknung soll die Libido, die,
wörtlich, das Flüssige ist und Psycho-Dämme, -Deiche
und -Bollwerke "überschwemmt", beherrschbar werden,
als ob die Ichwerdung ein Akt der Landnahme sei, ein Akt der
Kolonisierung oder ein Boden-unter-den-Füßen-Gewinnen, das
zu einem unumstößlichen Standpunkt, zu einem
unerschütterlichen Sockel schon bei Lebzeiten führt, auf
dem nach dem Tod das eherne Monument dessen errichtet wird, der nie
schwankte oder wankte, dem nie "das Wasser bis zum Hals stand"
und so fort. Erwachsenwerden ist demnach ein Prozess, der als
zunehmende Verfestigung aufgefasst wird, die mit dem Hartwerden der
"Fontanelle" beginnt. Eine "gefestigte
Persönlichkeit" wird niemals "nah ans Wasser gebaut"
oder noch "feucht hinter den Ohren" sein. Auf das
Geschlechterverhältnis übertragen, heißt das, hart,
fest, trocken, so hat das Männliche zu sein, "ein Junge
weint nicht", ist bekannt. Weibliches ist weich,
wetterwendisch, feucht, als ob jede Berührung mit einer Frau zur
männlichen Ichauflösung führe.
Unsere Kultur scheint sich, folgt man ihren Metaphern, aus
Schiffbruchs-Erfahrungen und Akten der Landnahme herzuleiten. Sobald
Wasser und Erde, Flüssiges und Festes nicht mehr durch Dämme,
Deiche und Bollwerke geschieden sind, kehrt das Trauma des
Bodenverlusts und des Scheiterns in Schicksalsstürmen wieder,
das lange genug schon auf das Weibliche projiziert wird, da Frauen
immer ein der Erde analoger Besitz sein sollten, aber nie ganz
trocken zu legen waren. Sie konnten dem Sumpf des Obszönen nie
ganz entrissen werden. Grund, respektive Abgrund: "Sie sind
halt nicht ganz dicht". Sie haben ein Loch und laufen nach
unten aus. Blut bei der Menstruation, Fruchtwasser bei der Geburt.
Ununterbrochen sich verflüssigend und darum ohne moralische
Festigkeit, kommen Frauen als Kulturträgerinnen nicht in Frage,
was von der antiken Metaphysik, über die christliche Theologie,
bis in die Moderne, beispielsweise von Freud, wiederholt wird und
auch in der Postmoderne noch im Schwange ist.
Mit Beginn der Moderne gelten Frauen im "Hexenhammer"
auf Grund ihrer "flüssigen Komplexion" als
"Einfallstor des Teufels", der es seinerseits auf den
Untergang alles Festen, insbesondere aber auf den des Kirchenschiffs
abgesehen hat, den er im Bund mit der "Hexe" bewirkt.
Denn ihre flüssige Komplexion wird mit Verführbarkeit,
Wechselhaftigkeit und Unfähigkeit zur Wahrheit, also mit
Täuschung gleichgesetzt. Diese Täuschung wird der
Einbildungskraft zugeschrieben, als ob sie ein für jedes
Gaukelspiel empfängliches Wasser sei, das alle mit seiner Lüge
verschaukelt. Die dem Flüssigen angelastete "Unmoral"
der Einbildungskraft ist unerschöpflich. Durch die Verbrennung
von Millionen Frauen sollte nicht zuletzt sie mit Beginn der Moderne
"ausgetrocknet" werden.
Denn die Moderne bringt den Körper als das feste Ding einer
Ratio hervor, die ihn durch ihr Cogito, ihr "Ich denke",
kontrolliert. Descartes nennt den Körper einen Leichnam, der
gleich bedeutend mit einer Gliedermaschine ist. Im siebzehnten
Jahrhundert wird der Körper als Automat konzipiert, im
neunzehnten Jahrhundert als Maschine, heute als Computer. Jedes
dieser Organisationsprinzipien funktioniert als Ersetzung und
Verschiebung der Überflüsse des Körpers, ob der
Herz-Lungen-Kreislauf als Pumpe, der Stoffwechsel als
Verbrennungs-Motor oder das Gehirn als elektronischer Schaltzyklus
aufgefasst wird. Die Konstruktion des Körpers wirkt als
Verdrängung, dabei wechselt das Verdrängte, die Überflüsse
des Körpers, seinen Ort. Neueste Diskurse wie die
Diskriminierung des Blutes durch Aids, die Verlangsamung der Spermien
und die in Abwässer fließenden Pseudo-Östrogene der
weiblichen Auscheidungen, die angeblich mit einer
"Feminisierungs-Seuche" des Mannes drohen, sprechen es
aus, dass die Überflüsse des Körpers heute mit Abfall
gleichgesetzt werden.
Dabei sind diese Überflüsse des Körpers mit seinen
intensivsten Lebensäußerungen verbunden, beispielsweise
wenn uns der Speichel im Mund zusammenläuft, wenn uns der
Schweiß ausbricht, wenn das Blut aufwallt, die Tränen
strömen. Doch die neuesten Diskurse sprechen es aus, dass diese
Überflüsse am besten vollends austrocknen sollen. Oder
wollen sie austrocknen? Was seine kulturelle Bedeutung verliert,
versiegt. Es könnte also sein, dass die Trockenlegung der
Zuider-See - sprich, der Libido - durch die Umcodierung der Körper
zum elektronischen Schaltzyklus doch noch gelingt. Längst wird
Leben als Information aufgefasst, längst zirkuliert es als ein
DNS-Datenstrom, der in der Genomanalyse auf Festplatten gespeichert
wird.
Wasser- und Blutquelle
Das kulturgeschichtliche Gegenstück zu jenen mechanischen,
maschinellen und kybernetischen Organisationsprinzipien ist die
Kröte. Richtig, dieses schleimige, warzige, zwischen Erde und
Wasser verkehrende, metamorphotische Tier. In der Antike und im
Mittelalter symbolisiert es die Gebärmutter, als ob diese selbst
auf niedrigen Beinen zwischen Feuchtem und Trockenem, zwischen Leben
und Tod grenzüberschreitend herumlaufen würde. In ihrer
Ambivalenz zwischen Reichtum und Abfall, zwischen reinem Gefäß
und unreiner Kloake, zwischen genealogisch geordnetem und zufälligem
Leben, das aus ihr hervorgeht, ist die Gebärmutter - respektive,
die Kröte - sowohl lust- als auch ekelbesetzt. Der Ekel
dominiert. Augustinus’ Satz, dass wir zwischen "Kot und
Urin" geboren sind, ist sprichwörtlich geworden. Doch die
Kloake, die für den reinen Geist der Philosophie, der Theologie
und der bürgerlichen Vernunft ein Albtraum ist, kehrt in der
Ersetzung des Flüssigen durch das Feste wieder, denn das Geld,
das Marx als Logik des reinen Geistes persifliert, wird weiterhin als
"Kröten" bezeichnet. Offensichtlich ist dem
Liquidesein das Liquidierte nicht auszutreiben.
Dass der reine Geist auf eine Kult- und Kulturgeschichte vor der
Antike zurückblicken kann, in der er noch nicht das Verdrängende
war, geht aus dem Verdrängten hervor, wie es in Märchen
erzählt wird. Denn dort springen "Kröten" aus
dem Hals von schwarzen Bräuten, während weiße Bräute
"Taler" von sich geben. Dort wie hier wird von Reichtum
erzählt, einmal in fester, einmal in flüssiger Form, denn
die "Kröten" verweisen, im Gegensatz zu den
"Talern", auf die Gebärmutter. Dass sie aus dem Hals
von schwarzen, von verdrängten Bräuten springt, hat kult-
und kulturgeschichtlich damit zu tun, dass die Geburt vor der Antike
als Wiedergeburt gefeiert wurde. Dabei gab eine geopferte Braut ihr
Blut für ein Leben nach dem Tod, für eine Unsterblichkeit,
die noch nicht von der Sterblichkeit geschieden war (vgl. Gerburg
Treusch-Dieter, Die Heilige Hochzeit. Sudien zur Totenbraut,
Pfaffenweiler, Centaurus-Verlag, 1997). Die Gebärmutter, die aus
dem Hals jener Bräute im Märchen springt, symbolisiert die
Blutquelle dieses Opfers, seinen Überfluss weiblich gegebenen
Lebens, dessen Referenz die mit der Kröte verbundene heilige
Wasserquelle ist.
Bis ins Mittelalter behalten die Quellheiligtümer, die mit
diesem Braut-Opfer in Verbindung stehen, ihre von seiner Blutquelle
ausgehende Heil-Kraft. Sie behalten diese Heil-Kraft nicht zuletzt
deshalb, weil sich die Kirche diese Quellheiligtümer
integrierte, obwohl sie dem reinen Geist verschrieben war. Stams kann
mit seiner Quelle des heiligen Johannes ebenso davon erzählen,
wie das Quellheiligtum des "Höttinger Bilds" in der
Nähe von Innsbruck. Die Blutquelle des Braut-Opfers ist es,
welche die Wasserquelle vor "Verletzung" schützt,
weil diese Blutquelle während der Dauer eines Kultzyklus einem
strikten Tabu unterliegt. Wurde die Wasserquelle dennoch "verletzt",
hieß dies in erster und in letzter Instanz Sanktion durch das
Opfer selbst in seiner vergöttlichten Position. Sie wird in
Korrespondenz zum Alten Testament noch in der Antike abgeschafft.
Doch in Eva, die "Leben" heißt und mit dem stets
bei einer Wasserquelle stehenden "Lebensbaum" verbunden
ist, kann diese Position ebenso erkannt werden wie in der antiken
Pandora, der "Allesgebenden". Beide werden in dem Maß,
wie der "Lebensbaum" zum "Baum der Erkenntnis"
wird, zur "Quelle allen Übels", auf die der reine
Geist, wie die Integration der Quellheiligtümer durch die Kirche
zeigt, dennoch nicht verzichten kann, obwohl ihm diese Quelle nicht
geheuer war.
Das "Wörterbuch des Aberglaubens"
(Bächtold-Stäubli), das seitenweise über die Kröte
berichtet, zeugt davon. Dass die Kröte das metamorphotische
Organisationsprinzip der Körper symbolisierte, geht nicht nur
aus der Unzahl der in diesem "Wörterbuch"
empfohlenen Heil-Riten hervor, sondern auch aus dem Märchen vom
"Froschkönig". Die Frosch-Gestalt des Prinzen in
diesem Märchen wird zwar als Ekel erregend dargestellt, aber die
Prinzessin, die ihm dazu verhilft, dass er sie ablegen kann, ist
dennoch von Lust erregt, vor allem beim Spiel, das beide an einer
Quelle treiben. Diese Quelle legt erstens nahe, dass die Prinzessin
selbst eine "Kröte" ist; zweitens, dass sie zu den
schwarzen, den geschichtlich verdrängten Bräuten der
Märchen zu zählen ist, aus deren Hals "Kröten"
springen; drittens, dass sie ihre Gestalt ebenso wechselt wie der
"Froschkönig", denn erzählt wird von ihr so,
als sei sie eine weiße Braut, deren Hals "Taler"
von sich gibt.
Nur ein letztes Überbleibsel zeugt davon, dass die Prinzessin
im "Froschkönig" mit dem Braut-Opfer identisch ist,
das sein Leben im Tod für eine Wiedergeburt und damit für
eine Unsterblichkeit gibt, die im Märchen vom "Froschkönig"
der goldene, in die Quelle gefallene Ball der Prinzessin
symbolisiert, weil diese Unsterblichkeit in der Kult- und
Kulturgeschichte, auf die der reine Geist zurückblicken kann,
nicht von ihm ausgeht, sondern von der weiblichen "Lebensquelle".
Dass sie zur "Quelle allen Übels" wird, erzählt
auch das Märchen vom "Froschkönig", denn die
Prinzessin klatscht den König in Frosch-Gestalt an die Wand,
aber siehe da! Er wird wiedergeboren als Prinz. Und wenn sie nicht
gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Kult- und kulturgeschichtlich ist die Wasserquelle auf
Wiedergeburt und Unsterblichkeit bezogen. Deshalb ist sie "Wasser
des Lebens". Ihre Referenz ist die Blutquelle, die jedoch einer
Wunde des Opfers entspringt, während die Wasserquelle der Erde
ohne Verletzung entströmen kann. Darum ist sie im Stande,
Opfer-Wunden zu heilen, wer immer zu ihr hingepilgert ist. Sie ist
sprudelnde Gabe, Jungbrunnen, Umkehrung der Opfer-Blutquelle: "Heile,
heile Segen, drei Tag Regen, drei Tag Schnee" und so fort, was
immer es gewesen ist, es tut nicht mehr weh. Die Ambivalenz des
Flüssigen ist dabei jedoch nicht aufgehoben, da Blut- und
Wasserquelle ebenso wie die Gebärmutter und Kröte stets auf
beides bezogen sind: Auf Wunde und Heilung, auf Tod und Leben, auf
Tabuisierung und Enttabuisierung. Sie ist kult- und
kulturgeschichtlich zwar mit Opferung verbunden, aber solange das
dabei vergossene Blut gesellschaftlich bindend war, gilt mit Blick
auf die Gegenwart, dass sie dazu nicht im Stande ist, trotz aller auf
den reinen Geist sich berufenden Aufklärung.
Kloake und Gefäß
Die Moderne beginnt mit einer schrankenlosen Enttabuisierung aller
"Ressourcen", die kein Tabu mehr kennt und die nicht
zuletzt im Zuge der Hexenprozesse durchgesetzt wird. Deshalb ist
heute mit Geschichten von Kröten oder Nixen nix mehr zu machen.
Und doch will ich noch eine kleine, aus den zerfallenen
Quellheiligtümern übrig gebliebene Geschichte erwähnen,
die nur mehr ein Satz lang ist: "Immer, wenn ein Kind seine
Milchbröckchen aß, kam eine Unke und aß mit, aber
die Mutter sah eines Tages die Unke und verbot dem Kind, dass es ihr
von seinen Milchbröckchen gab, worauf das Kind starb". Die
Unke oder Kröte hatte das Kind mit seinem Lebenselement, mit dem
Flüssigen verbunden, von dem es durch seine Mutter selbst
abgschnitten wird, die das Gegenstück zur Unke ist. Wurden
dieser Mutter zu viel Märchen von schwarzen und weißen
Bräuten erzählt, wie sie nach den Hexenprozessen üblich
sind? Jedenfalls verhält sie sich so, wie es sich für die
bürgerliche Moderne gehört. Sie repräsentiert die
Mutter als reines Gefäß, das mit der unreinen Kloake der
Unke nichts zu tun haben will.
Die Mutter selbst ist die Liquidierung des Flüssigen, obwohl
sie an das Kind Liquides rüberreicht: Milchbröckchen, die
in dieser Geschichte jedoch reproduktive Nahrung sind, an der die
"Lebensquelle" gestrichen ist. Bezogen auf Ersetzung und
Verschiebung schließt dies ein, dass die Milch in diesen
Bröckchen zwar noch auf diese "Lebensquelle"
verweist, aber der "Witz", die sprudelnde "Lebensquelle",
die mit der Muttermilch sprichwörtlich eingesogen wird, ist
gestrichen. An ihre Stelle tritt "trockene" Nahrung, die
nicht mehr ist, als das Gefäß, in der sie aufbewahrt wird.
Die Streichung der weiblichen "Lebensquelle" impliziert
seit der Antike eine lange Geschichte der Ersetzung und Verschiebung
des Flüssigen. Heute gilt die Technologisierung jener
reproduktiven Milchbröckchen, denn das Gefäß, das die
Mutter bisher gewesen ist, erscheint heute als Reagenzglas im Labor
der Reproduktionstechnologie, wo es eine "Lebensquelle"
simuliert, die es gleichzeitig liquidiert.
Derweil trocknen nicht nur die Flussbetten aus, sondern auch die
Betten, falls sich die neuesten Diskurse von heillosen Blut- und
Wasserquellen durchsetzen, die stets aufs Neue aussprechen, dass die
Kultur unserer Geschichte auf der Abwehr der Ambivalenz des Flüssigen
basiert. Dieser Abwehr entspricht ein kulturbedingter Alkoholismus,
der das Ausmaß ihrer Verfestigungen zeigt. Sie sollen
hinuntergespült werden, und sind doch nicht "zu
schlucken". Im "Wörterbuch des Aberglaubens"
wird gegen alles, was im Hals stecken bleibt, Bestreichen mit einer
Kröte vorgeschlagen, deren metamorphotisches
Organisationsprinzip des Körpers jedoch vergessen ist. Wer sich
daran erinnert, kann sich an Flüssigem betrinken, ohne etwas zu
ertränken oder zu ertrinken, beispielsweise im Klosterkeller von
Stams. Ein "trunkenes" Schiff, zu dem auch dieser Keller
werden kann, ist bisher die gelungenste Konfiguration der Ambivalenz
des Flüssigen, ohne die kein Leben möglich ist. Selbst
Platon, der den Beginn jener langen Geschichte der Ersetzung und
Verschiebung des Flüssigen seit der Antike als Repräsentant
des reinen Geistes kat’exochen markiert, selbst Platon schlägt
bei großem Schmerz im "Timaios" als Therapie eine
Schiffsreise vor, weil sie die Erschütterung bei der Geburt
wiederhole. Diese Erschütterung bringt die "Lebensquelle"
wieder zum Fließen, die Gefühle wogen, der Hass schäumt,
die Wut kocht, der Schmerz strömt, das Lachen gluckst, die Lust
brodelt, die Tränen stürzen, oder umgekehrt, das Wasser
hält dem Leben seinen Spiegel entgegen, der nie dasselbe Bild
zurückwirft: "Man steigt nicht zwei Mal in denselben
Fluss" - und dies ist kein Unkenruf, sondern ein Ruf der Unke,
die mittrinken will.
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