sinn-haft nr 12
schlamm & damm



KLAUS THEWELEIT
Vom Immunisierungsbild zum Infektionsbild

Das Schicksal der Bilder und die Frage, was die Bilder vom Einschlag der Passagierflugzeuge in die Twintowers von Manhattan am Charakter von Bildern überhaupt geändert haben, diesen beiden Momenten ging Klaus Theweleit in seiner Rede zur Eröffnung der Viennale am 19. Oktober nach. Er kommentierte damit einen Prozess der Auflösung bestimmter Ordnungssysteme, der vielleicht schon längere Zeit im Gang ist, der aber mit dem 11. September eine Umschaltstelle bekommen hat.
CNN und U2
Am 16. September, ich hatte CNN laufen, wie die Tage vorher oft auch, passierte etwas Merkwürdiges. Die beiden Moderatoren, ein Mann, eine Frau, unterbrachen den normalen Nachrichtenstrom mit dem Hinweis, dass sie jetzt einen Dank abzustatten hätten an "you too" (ich erschrak: was, an mich auch?) Aber gemeint war die Band U2, die irisch-new yorker Band mit dem Sänger Bono. Sie bedankten sich für einen Song mit dem Titel New York, von ihrer LP All That You Can’t Leave Behind, den U2 zur Verfügung gestellt hätten. Dann fing dieser Song an zu laufen:

"In NY freedom looks like too many choices, in NY I found a friend to drown the other voices" usw. Ein Stimmungsbild von NY und als Rückblick die einstürzenden Gebäude. Diese Bilder wurden nun auf den Song geschnitten, MTV-mäßig, z.B. wird der zweite Einschlag im WTC mit dem lange anfliegenden Flugzeug akzentuiert mit dem schärfsten Gitarrenakkord des Stücks. Davor hat man eine Schnittfolge von Gesichtern gesehen, die alle in dieselbe Richtung starren, Richtung Crash; und dann der Einschlag, die Flammen, die Rauchwolken, die terrorisierten Gesichter, die Rettungsarbeiten. Im Song kommen dann einige Stellen, die vom Text her zu den Bildern der brennenden Türme ein bisschen heikel gewesen wären. "In NY summers get hot well into the hundreds", also so um 40° Celsius, man kann nicht einmal um den Block gehen ohne die Klamotten wechseln zu müssen... "hot as a hairdryer in your face" - heiß wie ein Haartrockner im Gesicht. Diese Zeilen sind von Feuerwehrsirenen übertönt. So schneiden die Nachrichtenredakteure Schnipsel für Schnipsel der Katastrophenbilder auf das Musikstück NY von U2, bis ein kompletter Musikclip entstanden ist. Das Stück läuft ungekürzt, bis auf diese - wie gesagt unhörbar gemachten - Textstellen.

Der Text wird dann wieder verständlich, wo NY mit Alphaville verglichen wird, wo NY’s ethnische Mischungen ins Spiel kommen: Iren, Italiener, Juden, Spanier usw. Dann: "In NY I lost it all". Was verlor "ich" alles in NY? Nun kommts, warum die CNN-Nachrichtenleute den Song ausgesucht haben, die Katastrophe des Sängers Bono. Er hat einen Eisberg gerammt in seinem Leben. Das war seine Frau. Seine eigene "Midlife-CrisisMidlife-Crisis" und die Titanic-Katastrophe stoßen in dieser Strophe zusammen. Aber: "Frauen und Kinder zuerst in die Rettungsboote". Er trauert ihr nach. Der Song endet mit einer Geste des Trotzdem-Weitermachens.

Was passiert da, wenn uns die Nachrichtenredakteure von CCN den Anschlag auf die WTC-Twin Towers als Video-Clip vorführen, auf dem Song eines Sängers, der seine persönliche Liebeskatastrophe mit der der Titanic vermischt und mit der spezifischen Bedeutung der Stadt NY für ihn?

Was passiert da, was für Bilder sehen wir? Video-Clips machen sonst Werbung, zweitens sollen sie unterhalten. Drittens vielleicht Kunst sein, Art Design. Als Unterhaltung wäre der Clip schlicht schamlos. Kunst? So ein Verbrechen darf nicht als Kunst betrachtet werden oder in solche verwandelt - das hat doch Stockhausen gerade erfahren, dass man der Stadt Hamburg verwiesen wird, wenn man ein Kunstwerk in der Zerstörung der Türme sieht und Musik darf man dann auch nicht mehr machen in HH. Aber die CNN-Leute dürfen. Was machen sie eigentlich anders? Sie liegen nur moralisch anders. Sie verurteilen den Anschlag. Stockhausen vergaß das in seiner Hingerissenheit von der Überlegenheit des dämonischen Künstlers. Er beneidete die Dämonen um ihren wahnsinnigen Erfolg. Und dreht dabei etwas durch. Ernst Jünger war übrigens viel schlimmer, als er die Bombenanschläge in Pariser Stadtteilen mit einem Glas Bourgogne in der Hand als großes ästhetisches Schauspiel bewunderte, tatsächlich Live vom Dach seiner Residenz. Aber der ist jetzt im Himmel der heilig gesprochenen Kriegs-Fundamentalisten.

Am Ende des CNN-Katastrophen-Clips sieht man die Freiheitsstatue, aufgenommen von schräg oben, vom WTC also. Aus einem Blickwinkel, den es nicht mehr gibt. Wo haben sie die her? Die liegt doch zerstört und eingebuddelt in der letzten Sequenz vom Planet der Affen am Strand der ehemaligen Stadt Nueva York, wo nur zwei Menschen noch eine Wirklichkeit hatten: Anna Karina und Eddie Constantine bei der Entdeckung eines fast verschollenen Gedichts.

Es geht wohl einiges durcheinander im Wahrnehmungs- und Begriffsladen unserer Kulturverwalter und auch der professionellen Wahrnehmungspezialisten und Bildermacher. Einige Beispiele.

Georg Seeßlen
Georg Seeßlen, immer sehr schnell in seinen Reaktionen auf alle möglichen Sorten von Ereignissen, oft auch ganz kompetent, überschreibt einen seiner ersten Artikel mit "Drehbuch eines Alptraums". Haben Träume Drehbücher? Seit wann? Albträume vielleicht, indem sie sich immer wiederholen. Seeßlen spricht auch vom "kollektiven Unterbewusstsein", aus dem die Bilder hervorbrachen. "Jede mögliche Katastrophe ist zumindest als Angstbild in unseren Bildermaschinen festgehalten." Alles Katastrophische gab es schon mal als "Medientraum". Was ist das nun: Träumen auch Medien? Weiter sieht Seeßlen "die Katastophenphantasie im Zentrum der Kultur". Erst Traum, dann Phantasie. Ist das alles eins? Die TV-Berichterstattung wird als "Kinematographisierung des Geschehens" erkannt. Sie schaffe es nicht mehr, "das Reale und das Symbolische auseinander zu halten". Noch etwas weiter heißt es "der ikonische und emotionale Schlag" käme "einer gewaltigen Blendung gleich". Wir hatten jetzt Unterbewusstsein, Traum, Phantasie, Verwischung von Realem und Symbolischem, gewaltige Blendung. All dies treffe "eine Gesellschaft, die sich gerade immateriell und metaorganisch machen wollte". "Virtuelle gegen körperliche Welt" ist auch im Spiel. Zum TV der Befund, es liefere "ein Sampling der Höhepunkte" vom World Trade Crash - das würde für den beschriebenen Clip treffen. Fazit: Das TV habe sich "heillos in der Falle von Authentizität, Aktualität und Fiktionalisierung verfangen." Bloß das TV, frage ich mich?
Marcia Pally
Die amerikanische Medientheoretikerin Marcia Pally beschreibt in einem Aufsatz im Merkur von der Invasion der Körperfresser die Situation vor diesem Crash, wie sie als normal angesehen werden kann. Nämlich: Moderne Medien, darunter das Kino, "erlauben uns, im Großformat von unseren Ängsten zu träumen, inklusive unseren Ängsten vor den Medien." Das ist in Ordnung und sozusagen ein geregeltes gesellschaftliches Spiel mit dem Kontrollverlust. "Kontrollverlust ist uns ein Graus", schreibt sie. Kino reguliert: "Die Technologie bietet einen doppelten Erzählstrang, einen, der den Kontrollverlust und die Wiedergewinnung der Kontrolle umfasst." Wenn das Licht am Ende angeht, ist alles wieder Popcorn und "die Computer sitzen still auf unseren Schreibtischen", statt uns zu verschlingen. So kann man leben und im Kino Ferien machen vom Alltags-Darwinismus. Amerika habe dazu die Geschichte vom ständigen Neuanfang entwickelt. Man wechselt sein Ich, durchläuft verschiedene Identitäten. nennt sie alle authentisch, dafür hat man einen Mund, sagt sie, nämlich um zu lügen. "Das neue Ich ist einfach die nächste Folge". Aber schließlich wächst das Gefühl, kein einziges dieser Leben sei echt. Man zahlt für die Dauerverwandlung mit dem Gefühl der Unwirklichkeit.
Alexander Kluge
Zum Komplex "Unwirklichkeit" äußert sich auch Alexander Kluge in einem Interview mit der Süddeutschen. Krieg und Terrorismus vergleichend sagt er: "Im Krieg haben Sie eine abgeschlossene Erfahrung. Sie sind vertraut mit dem Krieg. In Manhattan und am Fernseher trifft es Sie ungeschützt, weil Sie nicht vorgehärtet sind. Die Bilder treffen auf Sie: Menschen schauen aus dem Fenster, unter ihnen quillt der Rauch, sie wissen, dass sie nicht davonkommen werden. (...) Beim Krieg ist es ganz anders, da erleben wir eine Abhärtung der Außenhaut des Bewusstseins. Das ist ja üblich, hieß es selbst bei den schlimmsten Luftangriffen und jeder lauert nur, dass wir’s den anderen heimzahlen. Diese Entrealisierung ist der Unterschied zum Bombenkrieg 1940. Wirklichkeitsentzug ist eine Terrorwaffe."

Dass dem Wirklichkeitsentzug ausgerechnet der Krieg als Realitätsmodell abhelfen soll, mag etwas befremden, macht in Kluges Denken aber durchaus Sinn. Mir allerdings wird nicht wirklich klar, was er mit "Entwirklichung" an dieser Stelle sagen will.

Elisabeth Bronfen
Der spezifischen Realitätsform des Crashs sucht auch Elisabeth Bronfen sich zu nähern. Sie spricht vom "Zitat-Charakter" der Terroraktion, wie auch Boris Groys. Aber diesmal sei es "for real", wie eine schwarze Frau vorm Schaufenster-TV in Washington gesagt habe, wo E. Bronfen stand, als das Schreckliche passierte. Damit sei die Schutzdichtung weg, die sonst den "Einbruch des realen Todes in unsere medial verbreiteten Fiktionalisierungen von Katastrophen" verhindern.

Mich wundert an solchen Artikeln auch, dass sie gern von unserer medial verbreiteten Katastrophenfiktionalisierung sprechen. Mich hat z.B. kein einziger dieser Katastrophenfilme ins Kino und in seinen Bann gezogen. Aber: gut. Laut Seeßlen ist die Katastrophenphantasie das geheime Zentrum unserer Kultur.

Weitere Stichworte zum Komplex "Wirklichkeiten" bei Elisabeth Bronfen: realisiertes Phantasma, tiefe Traumatisierung, beleuchtete Leerstelle, nicht metaphorisch verstandenes ground zero, imaginäre, greifbare und virtuelle Bilder greifen ineinander, und eine "Berichterstattung, die zum ästhetischen Genuss mutiert" demgegenüber "die reine Gegenwart des gewaltsamen Geschehens", oder auch "die reine Diesheit des Ereignisses". Ich frage mich, wieso ist diese Gegenwart oder Diesheit "rein", was heißt das überhaupt? Ich weiß, wenn ich alle diese Artikel lese, kein bisschen besser, was Gegenwart ist, was Realität, was Traum, was Trauma ist, und habe zunehmend das Gefühl, die Leute, die das schreiben, wissen es auch nicht. Bronfen bemerkt das irgendwie, indem sie von einem "unsagbaren Kern" des Ereignisses spricht. Unsagbarer Kern, das ist immer gut.

"Ahnungsvermögen der Künstler"
Um dem Dilemma der Realitätsvermischungen zu entkommen, steuert Alexander Kluge die Idee vom "Ahnungsvermögen der Künstler" bei: "Im Remake von King Kong (1976) steigt dieser Affe, der aus seiner Heimat weggeschleppt wurde, aufs World Trade Center, zermalmt in seiner Faust Flugzeuge und hält in seiner anderen Hand sehr zärtlich die weiße Frau. Er endet als sterbender Sieger gegen die Flugzeuge, von denen ja einige in die Hochhaustürme hinein rammen" (Im Original war es bekanntlich das Empire State Building.).
"Diese Phantasie stammt ursprünglich aus dem Jahr 1933. Woher kommt das? Oder nehmen Sie den jüngsten Roman von Tom Clancy. Ein japanisches Verkehrsflugzeug wird umgelenkt, stürzt ins Capitol, tötet Senat, Abgeordnetenhaus, den Präsidenten. Nur der Sicherheitschef bleibt übrig und rettet Amerika. Wieder ein enormes Ahnungsvermögen. Dabei ist es absolut unwahrscheinlich, dass Terroristen solche Bücher lesen." Die SZ (Willi Winkler) fragt zurück: "Die Attentäter lesen keine Bücher, aber wie wäre es mit der Wahnvorstellung, dass Osama bin Laden, den vagen Plan im Herzen trägt, wir müssen gegen den neu-bösen Feind vorgehen und eine Arbeitsgruppe in Hamburg-Harburg sieht Independence Day und Airforce One und vielleicht sogar Mars Attacks. Sie spielen eine Neuauflage von Kiplings Great Game in hochauflöslicher Fernsehqualität und in ganz passablem Ton." Kluge: "Ich bin mir ganz sicher, dass die nicht ins Kino gegangen sind. Für die Anschläge reicht der Hass." Woher er das weiß, bleibt sein Geheimnis.
Kathrin Röggla
Kathrin Röggla, in NY lebende österreichisch-deutsche Schriftstellerin, im Moment öfter für die taz berichtend, sieht in diesen Tagen den neuen Film von David Lynch, Mulholland Drive. Die Figuren im Film haben keine Erinnerung, seien Staffagen einer Dramaturgie, schreibt sie: "Das ist wohl das Amerikanischste an dem Film, versteht man Amerika als das Land der sich perpetuierenden Ahistorik, der fortgesetzten Ausblendung eines geschichtlichen Blicks". Wieder draußen findet sie sich "im Gegenprogramm" der Realität der Straße, aber es ist David-Lynch-Zeit in NY: Der Film hält seine Räume nicht getrennt, er bezieht "seine Spannung nicht zuletzt daraus, dass Traum, Realität, Projektion ineinander gehen." Amerika, so deutet sie an, weigert sich, dies "Ineinander von Traum, Realität, Projektion" aufzugeben. Das ist sein Spiel.
Achternbusch
Eine Lösung dieses Problems für die verwirrten europäischen Gehirne bietet, soweit ich sehe, allein Herbert Achternbusch an. In dem Theaterstück, das er gerade in München einübt, lässt er einen Schauspieler den Satz sagen: "Wenn wir jetzt ein Bier trinken, bekommt München wieder eine Realität". Das ist exakt. Wir hatten mal eine Realität und nun ist sie verspielt oder geraubt und wir wollen eine wiederhaben.
Diedrich Diederichsen
Auch dazu gibt es Versuche, etwa Diedrich Diederichsen: "Das völlig formalisierte, verselbständigte und durch Milliarden von Repräsentationen floatende Zeichen WTC gehörte zu einer geschlossenen Welt der Codes, die sich die Leute angewöhnt haben, "die Medien" zu nennen. Dass in einem Angriff auf diese Codes darin lebende Menschen zu Tode kommen, das war mein entscheidender Schock. Dieser Tag war das überfällige Ende der seit zwei Jahrzehnten kursierenden Überzeugung, dass die Medien eine einzige andere und geschlossene Welt wären. Eine, die man zwar immer gerne kritisierte und beschrieb, ja gerne auch für die realere hielt, deren Diskurse und Produktionen aber jede Abbildfunktion verloren hatten." Und er folgert daraus: "Mit dem Baudrillardismus müsste man jetzt aufhören können."

Baudrillard - bekannt vor allem für seine Therorie der Simulacren und der verschiedenen parallelen Wirklichkeiten, die sich mit den verschiedenen Technologien in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben. Mir hat das sowieso nie so gut gefallen. Von mir aus dürfte der Baudrillardismus gerne eingehen; ich wusste z.B. nie, wie die Simulacren und Realitäten anderer Art sich unterscheiden.

Diederichsen noch mal: "Das WTC, das hatte es echt gegeben.(...) Doch wir haben zu lange geglaubt, es reiche, sich über mediale Effekte zu unterhalten statt über die politischen Sachen selbst." Das klagt er nun ein. Was die "politischen Sachen selbst" seien, ging dann in den Artikel leider nicht mehr rein.

Boris Groys
Es gibt auch sofort die Gegenstimme dazu: Boris Groys spricht von der "Krise der Repräsentation", eine nicht ganz unbekannte Sache, aber Groys hat darin eine überraschend klare Position: "Viele fragen immer noch nach den Ursachen des Terrors und verweisen auf die Lage in Israel/Palästina oder die Armut in bestimmten arabischen Ländern. Diese politische Symptomatik lehne ich generell ab." Lehnt er ab. Das ist klar in die Gegenrichtung geschrieben zu dem, was ich eben von Diederichsen zitiert habe. Und weiter:
"Der Terrorismus und das Geheimbundwesen hat in unserer Zivilisation eine lange Tradition. Es gab Michael Bakunin, Peter Kropotkin, George Sorel. Es gab den modernen politischen Terror und es gab eine moderne Theorie des Terrors. Auch die Al Qaida steht in der Tradition dieser durch und durch europäischen und modernen Geschichte. Immer haben wir es dabei mit Repräsentanten der Mittelschicht zu tun. Wie die Täter des 19. Jahrhunderts oder der sechziger/siebziger Jahre stammen auch die heutigen Verdächtigen aus wohlhabenden, gut ausgebildeten Familien. Die islamischen Kleider halte ich schlicht für Kostümierung. Diese Orientalisierung wird ebenso absichtlich betrieben, wie die Angabe von möglichen Ursachen. In meinen Augen spielt hier Religion überhaupt keine Rolle. Signifikanter ist doch, wie sehr die Terrorakte Filme wie Independence Day oder Armaggedon zitierten und wie geschickt Video als Medium verwendet wird. Das heißt, die Bewegung ist durch und durch modern."
Boris Groys, bekannt geworden u.a. durch eine Theorie der Überbietung, überbietet sich hier natürlich selber mit dem Satz, Religion spiele überhaupt keine Rolle: eine Art kontrollierte Offensive zur Verteidigung seiner Zeichenwelten.

Übereinstimmend sind alle allein in einem Punkt: In dem der nicht möglichen oder ausbleibenden Emotionen, die sich nicht einstellen wollen angesichts der Opfer dieses Verbrechens. Durch das Nebeneinander von Inszenierung, also Künstlichkeit, Spiel der Codes, Dramatisierung und Drama der Aktualität kommt es zu keiner angemessenen emotionalen Reaktion, wie Mitleid oder Trauer, außer man hat jemanden dort gekannt. "Niemand sieht, was den Menschen passiert ist", beklagt Susan Sontag. Sie sieht die "Last der Realität" verschwinden, wo es allein um "military responses" geht, also Gegenschläge. Und findet "Medien, Regierung und vor allem Präsident Bush nach dem Attentat von der Wirklichkeit losgelöst". Welche Wirklichkeit, sagt auch sie nicht.

Ich entnehme alldem, und könnte das durch zahlreiche Beispiele erweitern, dass der Einschlag nicht bloß ins WTC ging, in die amerikanische Psyche oder was immer, er ging auch direkt in die Hirne der Kommentatoren sowie "unser Hirn", und zwar nicht bloß symbolisch, metaphorisch.

Infektionsbazillen
Ich habe in den letzten Wochen, selbst verwirrt, versucht, dahinter zu kommen, was eigentlich vorgegangen ist. Mir ist dabei wieder die Bezeichnung eingefallen, die ich für Fernsehbilder beim Golfkrieg für mich gefunden hatte: Ich habe die Schwarzkopf-kontrollierten Raketenhäppchen - ununterscheidbar, ob Computer- oder Kamerabilder - "Überlebensbazillen" genannt. Nämlich Bilder, die uns versichern, dass wir im Sicheren sitzen, sicher, dass uns nichts passiert, unter dem Satz: "Wer fernsieht, stirbt nicht." Das hat für diesen Zeitraum auch gegolten, und galt in gewisser Weise bis jetzt, auch wenn die Katastrophenfilme diesen Zustand auf ihre Art wohl zu verändern versucht haben. Aber nach allem, was ich gehört habe von den New Yorker Kinos, vom Publikum, sind die Bilder von der Zerstörung New Yorker Gebäude dort mit Gelächter und Beifall aufgenommen worden; weil niemand diesen Schritt für möglich hielt oder machen wollte: "That it could be for real".

Was ist dann jetzt passiert mit dem Einschlag der Mordjets ins WTC? Ich glaube, die Geschichte mit den Überlebensbazillen ist durch sie umgedreht worden. Das, was wir jetzt sehen im Fernsehen versichert uns nicht mehr unserer Unverletztlichkeit, unseres Überlebens, unserer Unsterblichkeit, sondern des Gegenteils. Die Bilder sind jetzt für uns "Infektionsbazillen". Die Bilder haben uns infiziert mit potentiellem Tod. Wir werden sterben, irgendwann, sagen sie, und: Wir kommen nicht mal in den Himmel, wie die Attentäter. Ich glaube, das ist eine wirkliche materielle Veränderung an diesem Material: Bild, das ja nicht etwas Fiktives, Immaterielles uns gegenüber ist, sondern als eine ungeheure Materialität in unsere Augen eindringt im Sinne wie Godard früher formuliert hat: Wir sehen eigentlich nicht, sondern das Kino hat gesehen, sieht mit der Kamera und unsere Augen waren eher die Leinwand, die das aufgenommen hat. Dies stimmt auch für die Fernsehbilder vom Crash, nur dass sie in keiner Weise mehr auf das gehen, was in dieser alten Theorie des Kinos Wahrheit oder Wirklichkeit hieß, sondern auf Immunisierung versus Ansteckung. Wir hatten ein Immunisierungsbild, jetzt haben wir ein Infektionsbild.

So könnte man dieses Video lesen, das ich eingangs beschrieben habe. Es versucht, diese Wahrnehmung, die auch in die Hirne der Fernsehmacher eingeschlagen ist, durch so etwas wie eine "Artistisierung" der TV-Bilder wieder zu löschen, eine neue Schutzdichtung einzuziehen; darunter wissend, dass das sehr wahrscheinlich vergeblich ist.

Die Bilder, die Videoclip-Interviews, die von Bin Laden ausgestrahlt werden, haben ihren Charakter in diesem Zusammenhang ebenfalls geändert. Das Fernsehen war schon seit der Machtergreifung des Ayatollah im Iran Instrument nicht nur der höchsten religiösen Instanz, sondern auch des Staates. Höchste staatliche und kirchliche Funktionen fielen mit der des mächtigsten Mediums in eins. Im Iran war es zeitweise bei Todesstrafe verboten, ausländische Fernsehsender zu empfangen, und das eigene TV sprach von der Stelle Gottes aus. Diese Qualität der Bilder, des Gott-Mediums, geht auf bin Laden als "den Propheten" über; es werden "heilige Videos". Die Unverletzlichkeitsphantasie hat sozusagen die Seiten gewechselt. Als Unsterblichkeitsgarantie funktioniert sie jetzt bei den Aktivisten der fundamentalistischen Welt.

Wenn etwas "entrealisiert" worden ist, ist es die westliche Sprache: Von welcher Wirklichkeit spricht Alexander Kluge, wenn er "Entwirklichung" sagt? Was meint er, wenn er Realität sagt? Was meinen all die anderen? Ist es realer, wenn ich einen Apfel esse, als wenn ich ins TV hineinschaue? Oder im Kino träume? Oder den Computer lade? Wovon spricht Susan Sontag, wenn sie sagt, dass die Medien usw. sich von der Wirklichkeit losgelöst haben? Ich glaube, all diese Wörter, all diese Begriffsversuche bezeichnen nichts mehr. Es gibt die Wirklichkeit nicht mehr, von der diese Wörter einmal sprachen. Es gibt nur mehr diese Begriffssysteme, die leer im Raum rotieren. Es gibt in dem Sinne auch nicht mehr das dokumentarische Bild. Es gibt schon gar nicht mehr, was im Artikel von Bronfen "herkömmliche Sehgewohnheiten" heißt. Was ist denn das, "herkömmliche Sehgewohnheiten"? Kann eine(r) von Ihnen sagen, was das wäre?

Nein, ich glaube, wir sind infiziert mit einer Art neuem Bild. In der Anthrax-Bakterie, die jetzt freigelassen im Öffentlichen auftaucht, wieder genau gezielt, nämlich auf Medienleute, unsere Virenverwalter, materialisiert sich vielleicht auch dieser Einschlag in unseren Köpfen. Welcher nicht vorbei ist, wenn der Milzbrand-Spuk, hoffentlich bald, wieder verschwunden sein wird.

So, was machen wir jetzt? Wir sehen einen Film und trinken dann ein Bier, oder einen Wein, und zählen dann unsere Realitäten: Den Kopf voller Viren, einer Entzündung, mit der wir "lange zu tun haben werden".



herausgegeben vom hyper[realitäten]büro

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Schlamm und Damm. sinn-haft nr[11] - Cover

Texte der nr [12]:

Erscheinungsdatum: Februar 2002




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