Das Schicksal der Bilder und die Frage, was die Bilder vom
Einschlag der Passagierflugzeuge in die Twintowers von Manhattan am
Charakter von Bildern überhaupt geändert haben, diesen
beiden Momenten ging Klaus Theweleit in seiner Rede zur Eröffnung
der Viennale am 19. Oktober nach. Er kommentierte damit einen Prozess
der Auflösung bestimmter Ordnungssysteme, der vielleicht schon
längere Zeit im Gang ist, der aber mit dem 11. September eine
Umschaltstelle bekommen hat.
CNN und U2
Am 16. September, ich hatte CNN laufen, wie die Tage vorher oft
auch, passierte etwas Merkwürdiges. Die beiden Moderatoren, ein
Mann, eine Frau, unterbrachen den normalen Nachrichtenstrom mit dem
Hinweis, dass sie jetzt einen Dank abzustatten hätten an "you
too" (ich erschrak: was, an mich auch?) Aber gemeint war die
Band U2, die irisch-new yorker Band mit dem Sänger Bono. Sie
bedankten sich für einen Song mit dem Titel New York, von ihrer
LP All That You Can’t Leave Behind, den U2 zur Verfügung
gestellt hätten. Dann fing dieser Song an zu laufen:
"In NY freedom looks like too many choices, in NY I found a
friend to drown the other voices" usw. Ein Stimmungsbild von NY
und als Rückblick die einstürzenden Gebäude. Diese
Bilder wurden nun auf den Song geschnitten, MTV-mäßig,
z.B. wird der zweite Einschlag im WTC mit dem lange anfliegenden
Flugzeug akzentuiert mit dem schärfsten Gitarrenakkord des
Stücks. Davor hat man eine Schnittfolge von Gesichtern gesehen,
die alle in dieselbe Richtung starren, Richtung Crash; und dann der
Einschlag, die Flammen, die Rauchwolken, die terrorisierten
Gesichter, die Rettungsarbeiten. Im Song kommen dann einige Stellen,
die vom Text her zu den Bildern der brennenden Türme ein
bisschen heikel gewesen wären. "In NY summers get hot well
into the hundreds", also so um 40° Celsius, man kann nicht
einmal um den Block gehen ohne die Klamotten wechseln zu müssen...
"hot as a hairdryer in your face" - heiß wie
ein Haartrockner im Gesicht. Diese Zeilen sind von Feuerwehrsirenen
übertönt. So schneiden die Nachrichtenredakteure Schnipsel
für Schnipsel der Katastrophenbilder auf das Musikstück NY
von U2, bis ein kompletter Musikclip entstanden ist. Das Stück
läuft ungekürzt, bis auf diese - wie gesagt unhörbar
gemachten - Textstellen.
Der Text wird dann wieder verständlich, wo NY mit Alphaville
verglichen wird, wo NY’s ethnische Mischungen ins Spiel kommen:
Iren, Italiener, Juden, Spanier usw. Dann: "In NY I lost it
all". Was verlor "ich" alles in NY? Nun kommts,
warum die CNN-Nachrichtenleute den Song ausgesucht haben, die
Katastrophe des Sängers Bono. Er hat einen Eisberg gerammt in
seinem Leben. Das war seine Frau. Seine eigene
"Midlife-CrisisMidlife-Crisis" und die
Titanic-Katastrophe stoßen in dieser Strophe zusammen. Aber:
"Frauen und Kinder zuerst in die Rettungsboote". Er
trauert ihr nach. Der Song endet mit einer Geste des
Trotzdem-Weitermachens.
Was passiert da, wenn uns die Nachrichtenredakteure von CCN den
Anschlag auf die WTC-Twin Towers als Video-Clip vorführen, auf
dem Song eines Sängers, der seine persönliche
Liebeskatastrophe mit der der Titanic vermischt und mit der
spezifischen Bedeutung der Stadt NY für ihn?
Was passiert da, was für Bilder sehen wir? Video-Clips machen
sonst Werbung, zweitens sollen sie unterhalten. Drittens vielleicht
Kunst sein, Art Design. Als Unterhaltung wäre der Clip schlicht
schamlos. Kunst? So ein Verbrechen darf nicht als Kunst betrachtet
werden oder in solche verwandelt - das hat doch Stockhausen
gerade erfahren, dass man der Stadt Hamburg verwiesen wird, wenn man
ein Kunstwerk in der Zerstörung der Türme sieht und Musik
darf man dann auch nicht mehr machen in HH. Aber die CNN-Leute
dürfen. Was machen sie eigentlich anders? Sie liegen nur
moralisch anders. Sie verurteilen den Anschlag. Stockhausen vergaß
das in seiner Hingerissenheit von der Überlegenheit des
dämonischen Künstlers. Er beneidete die Dämonen um
ihren wahnsinnigen Erfolg. Und dreht dabei etwas durch. Ernst Jünger
war übrigens viel schlimmer, als er die Bombenanschläge in
Pariser Stadtteilen mit einem Glas Bourgogne in der Hand als großes
ästhetisches Schauspiel bewunderte, tatsächlich Live vom
Dach seiner Residenz. Aber der ist jetzt im Himmel der heilig
gesprochenen Kriegs-Fundamentalisten.
Am Ende des CNN-Katastrophen-Clips sieht man die Freiheitsstatue,
aufgenommen von schräg oben, vom WTC also. Aus einem
Blickwinkel, den es nicht mehr gibt. Wo haben sie die her? Die liegt
doch zerstört und eingebuddelt in der letzten Sequenz vom Planet
der Affen am Strand der ehemaligen Stadt Nueva York, wo nur zwei
Menschen noch eine Wirklichkeit hatten: Anna Karina und Eddie
Constantine bei der Entdeckung eines fast verschollenen Gedichts.
Es geht wohl einiges durcheinander im Wahrnehmungs- und
Begriffsladen unserer Kulturverwalter und auch der professionellen
Wahrnehmungspezialisten und Bildermacher. Einige Beispiele.
Georg Seeßlen
Georg Seeßlen, immer sehr schnell in seinen Reaktionen auf
alle möglichen Sorten von Ereignissen, oft auch ganz kompetent,
überschreibt einen seiner ersten Artikel mit "Drehbuch
eines Alptraums". Haben Träume Drehbücher? Seit wann?
Albträume vielleicht, indem sie sich immer wiederholen. Seeßlen
spricht auch vom "kollektiven Unterbewusstsein", aus dem
die Bilder hervorbrachen. "Jede mögliche Katastrophe ist
zumindest als Angstbild in unseren Bildermaschinen festgehalten."
Alles Katastrophische gab es schon mal als "Medientraum".
Was ist das nun: Träumen auch Medien? Weiter sieht Seeßlen
"die Katastophenphantasie im Zentrum der Kultur". Erst
Traum, dann Phantasie. Ist das alles eins? Die TV-Berichterstattung
wird als "Kinematographisierung des Geschehens" erkannt.
Sie schaffe es nicht mehr, "das Reale und das Symbolische
auseinander zu halten". Noch etwas weiter heißt es "der
ikonische und emotionale Schlag" käme "einer
gewaltigen Blendung gleich". Wir hatten jetzt Unterbewusstsein,
Traum, Phantasie, Verwischung von Realem und Symbolischem, gewaltige
Blendung. All dies treffe "eine Gesellschaft, die sich gerade
immateriell und metaorganisch machen wollte". "Virtuelle
gegen körperliche Welt" ist auch im Spiel. Zum TV der
Befund, es liefere "ein Sampling der Höhepunkte" vom
World Trade Crash - das würde für den beschriebenen Clip
treffen. Fazit: Das TV habe sich "heillos in der Falle von
Authentizität, Aktualität und Fiktionalisierung verfangen."
Bloß das TV, frage ich mich?
Marcia Pally
Die amerikanische Medientheoretikerin Marcia Pally beschreibt in
einem Aufsatz im Merkur von der Invasion der Körperfresser die
Situation vor diesem Crash, wie sie als normal angesehen werden kann.
Nämlich: Moderne Medien, darunter das Kino, "erlauben uns,
im Großformat von unseren Ängsten zu träumen,
inklusive unseren Ängsten vor den Medien." Das ist in
Ordnung und sozusagen ein geregeltes gesellschaftliches Spiel mit dem
Kontrollverlust. "Kontrollverlust ist uns ein Graus",
schreibt sie. Kino reguliert: "Die Technologie bietet einen
doppelten Erzählstrang, einen, der den Kontrollverlust und die
Wiedergewinnung der Kontrolle umfasst." Wenn das Licht am Ende
angeht, ist alles wieder Popcorn und "die Computer sitzen still
auf unseren Schreibtischen", statt uns zu verschlingen. So kann
man leben und im Kino Ferien machen vom Alltags-Darwinismus. Amerika
habe dazu die Geschichte vom ständigen Neuanfang entwickelt. Man
wechselt sein Ich, durchläuft verschiedene Identitäten.
nennt sie alle authentisch, dafür hat man einen Mund, sagt sie,
nämlich um zu lügen. "Das neue Ich ist einfach die
nächste Folge". Aber schließlich wächst das
Gefühl, kein einziges dieser Leben sei echt. Man zahlt für
die Dauerverwandlung mit dem Gefühl der Unwirklichkeit.
Alexander Kluge
Zum Komplex "Unwirklichkeit" äußert sich
auch Alexander Kluge in einem Interview mit der Süddeutschen.
Krieg und Terrorismus vergleichend sagt er: "Im Krieg haben Sie
eine abgeschlossene Erfahrung. Sie sind vertraut mit dem Krieg. In
Manhattan und am Fernseher trifft es Sie ungeschützt, weil Sie
nicht vorgehärtet sind. Die Bilder treffen auf Sie: Menschen
schauen aus dem Fenster, unter ihnen quillt der Rauch, sie wissen,
dass sie nicht davonkommen werden. (...) Beim Krieg ist es ganz
anders, da erleben wir eine Abhärtung der Außenhaut des
Bewusstseins. Das ist ja üblich, hieß es selbst bei den
schlimmsten Luftangriffen und jeder lauert nur, dass wir’s den
anderen heimzahlen. Diese Entrealisierung ist der Unterschied zum
Bombenkrieg 1940. Wirklichkeitsentzug ist eine Terrorwaffe."
Dass dem Wirklichkeitsentzug ausgerechnet der Krieg als
Realitätsmodell abhelfen soll, mag etwas befremden, macht in
Kluges Denken aber durchaus Sinn. Mir allerdings wird nicht wirklich
klar, was er mit "Entwirklichung" an dieser Stelle sagen
will.
Elisabeth Bronfen
Der spezifischen Realitätsform des Crashs sucht auch
Elisabeth Bronfen sich zu nähern. Sie spricht vom
"Zitat-Charakter" der Terroraktion, wie auch Boris Groys.
Aber diesmal sei es "for real", wie eine schwarze Frau
vorm Schaufenster-TV in Washington gesagt habe, wo E. Bronfen stand,
als das Schreckliche passierte. Damit sei die Schutzdichtung weg, die
sonst den "Einbruch des realen Todes in unsere medial
verbreiteten Fiktionalisierungen von Katastrophen" verhindern.
Mich wundert an solchen Artikeln auch, dass sie gern von unserer
medial verbreiteten Katastrophenfiktionalisierung sprechen. Mich hat
z.B. kein einziger dieser Katastrophenfilme ins Kino und in seinen
Bann gezogen. Aber: gut. Laut Seeßlen ist die
Katastrophenphantasie das geheime Zentrum unserer Kultur.
Weitere Stichworte zum Komplex "Wirklichkeiten" bei
Elisabeth Bronfen: realisiertes Phantasma, tiefe Traumatisierung,
beleuchtete Leerstelle, nicht metaphorisch verstandenes ground zero,
imaginäre, greifbare und virtuelle Bilder greifen ineinander,
und eine "Berichterstattung, die zum ästhetischen Genuss
mutiert" demgegenüber "die reine Gegenwart des
gewaltsamen Geschehens", oder auch "die reine Diesheit
des Ereignisses". Ich frage mich, wieso ist diese Gegenwart
oder Diesheit "rein", was heißt das überhaupt?
Ich weiß, wenn ich alle diese Artikel lese, kein bisschen
besser, was Gegenwart ist, was Realität, was Traum, was Trauma
ist, und habe zunehmend das Gefühl, die Leute, die das
schreiben, wissen es auch nicht. Bronfen bemerkt das irgendwie, indem
sie von einem "unsagbaren Kern" des Ereignisses spricht.
Unsagbarer Kern, das ist immer gut.
"Ahnungsvermögen der Künstler"
Um dem Dilemma der Realitätsvermischungen zu entkommen,
steuert Alexander Kluge die Idee vom "Ahnungsvermögen der
Künstler" bei: "Im Remake von King Kong (1976)
steigt dieser Affe, der aus seiner Heimat weggeschleppt wurde, aufs
World Trade Center, zermalmt in seiner Faust Flugzeuge und hält
in seiner anderen Hand sehr zärtlich die weiße Frau. Er
endet als sterbender Sieger gegen die Flugzeuge, von denen ja einige
in die Hochhaustürme hinein rammen" (Im Original war es
bekanntlich das Empire State Building.).
"Diese Phantasie stammt ursprünglich aus dem Jahr 1933.
Woher kommt das? Oder nehmen Sie den jüngsten Roman von Tom
Clancy. Ein japanisches Verkehrsflugzeug wird umgelenkt, stürzt
ins Capitol, tötet Senat, Abgeordnetenhaus, den Präsidenten.
Nur der Sicherheitschef bleibt übrig und rettet Amerika. Wieder
ein enormes Ahnungsvermögen. Dabei ist es absolut
unwahrscheinlich, dass Terroristen solche Bücher lesen."
Die SZ (Willi Winkler) fragt zurück: "Die Attentäter
lesen keine Bücher, aber wie wäre es mit der
Wahnvorstellung, dass Osama bin Laden, den vagen Plan im Herzen
trägt, wir müssen gegen den neu-bösen Feind vorgehen
und eine Arbeitsgruppe in Hamburg-Harburg sieht Independence Day und
Airforce One und vielleicht sogar Mars Attacks. Sie spielen eine
Neuauflage von Kiplings Great Game in hochauflöslicher
Fernsehqualität und in ganz passablem Ton." Kluge: "Ich
bin mir ganz sicher, dass die nicht ins Kino gegangen sind. Für
die Anschläge reicht der Hass." Woher er das weiß,
bleibt sein Geheimnis.
Kathrin Röggla
Kathrin Röggla, in NY lebende österreichisch-deutsche
Schriftstellerin, im Moment öfter für die taz berichtend,
sieht in diesen Tagen den neuen Film von David Lynch, Mulholland
Drive. Die Figuren im Film haben keine Erinnerung, seien Staffagen
einer Dramaturgie, schreibt sie: "Das ist wohl das
Amerikanischste an dem Film, versteht man Amerika als das Land der
sich perpetuierenden Ahistorik, der fortgesetzten Ausblendung eines
geschichtlichen Blicks". Wieder draußen findet sie sich
"im Gegenprogramm" der Realität der Straße,
aber es ist David-Lynch-Zeit in NY: Der Film hält seine Räume
nicht getrennt, er bezieht "seine Spannung nicht zuletzt
daraus, dass Traum, Realität, Projektion ineinander gehen."
Amerika, so deutet sie an, weigert sich, dies "Ineinander von
Traum, Realität, Projektion" aufzugeben. Das ist sein
Spiel.
Achternbusch
Eine Lösung dieses Problems für die verwirrten
europäischen Gehirne bietet, soweit ich sehe, allein Herbert
Achternbusch an. In dem Theaterstück, das er gerade in München
einübt, lässt er einen Schauspieler den Satz sagen: "Wenn
wir jetzt ein Bier trinken, bekommt München wieder eine
Realität". Das ist exakt. Wir hatten mal eine Realität
und nun ist sie verspielt oder geraubt und wir wollen eine
wiederhaben.
Diedrich Diederichsen
Auch dazu gibt es Versuche, etwa Diedrich Diederichsen: "Das
völlig formalisierte, verselbständigte und durch Milliarden
von Repräsentationen floatende Zeichen WTC gehörte zu einer
geschlossenen Welt der Codes, die sich die Leute angewöhnt
haben, "die Medien" zu nennen. Dass in einem Angriff auf diese
Codes darin lebende Menschen zu Tode kommen, das war mein
entscheidender Schock. Dieser Tag war das überfällige Ende
der seit zwei Jahrzehnten kursierenden Überzeugung, dass die
Medien eine einzige andere und geschlossene Welt wären. Eine,
die man zwar immer gerne kritisierte und beschrieb, ja gerne auch für
die realere hielt, deren Diskurse und Produktionen aber jede
Abbildfunktion verloren hatten." Und er folgert daraus: "Mit
dem Baudrillardismus müsste man jetzt aufhören können."
Baudrillard - bekannt vor allem für seine Therorie der
Simulacren und der verschiedenen parallelen Wirklichkeiten, die sich
mit den verschiedenen Technologien in den letzten Jahrzehnten
entwickelt haben. Mir hat das sowieso nie so gut gefallen. Von mir
aus dürfte der Baudrillardismus gerne eingehen; ich wusste z.B.
nie, wie die Simulacren und Realitäten anderer Art sich
unterscheiden.
Diederichsen noch mal: "Das WTC, das hatte es echt
gegeben.(...) Doch wir haben zu lange geglaubt, es reiche, sich über
mediale Effekte zu unterhalten statt über die politischen Sachen
selbst." Das klagt er nun ein. Was die "politischen
Sachen selbst" seien, ging dann in den Artikel leider nicht
mehr rein.
Boris Groys
Es gibt auch sofort die Gegenstimme dazu: Boris Groys spricht von
der "Krise der Repräsentation", eine nicht ganz
unbekannte Sache, aber Groys hat darin eine überraschend klare
Position: "Viele fragen immer noch nach den Ursachen des
Terrors und verweisen auf die Lage in Israel/Palästina oder die
Armut in bestimmten arabischen Ländern. Diese politische
Symptomatik lehne ich generell ab." Lehnt er ab. Das ist klar
in die Gegenrichtung geschrieben zu dem, was ich eben von
Diederichsen zitiert habe. Und weiter: "Der Terrorismus und das
Geheimbundwesen hat in unserer Zivilisation eine lange Tradition. Es
gab Michael Bakunin, Peter Kropotkin, George Sorel. Es gab den
modernen politischen Terror und es gab eine moderne Theorie des
Terrors. Auch die Al Qaida steht in der Tradition dieser durch und
durch europäischen und modernen Geschichte. Immer haben wir es
dabei mit Repräsentanten der Mittelschicht zu tun. Wie die Täter
des 19. Jahrhunderts oder der sechziger/siebziger Jahre stammen auch
die heutigen Verdächtigen aus wohlhabenden, gut ausgebildeten
Familien. Die islamischen Kleider halte ich schlicht für
Kostümierung. Diese Orientalisierung wird ebenso absichtlich
betrieben, wie die Angabe von möglichen Ursachen. In meinen
Augen spielt hier Religion überhaupt keine Rolle. Signifikanter
ist doch, wie sehr die Terrorakte Filme wie Independence Day oder
Armaggedon zitierten und wie geschickt Video als Medium verwendet
wird. Das heißt, die Bewegung ist durch und durch modern."
Boris Groys, bekannt geworden u.a. durch eine Theorie der
Überbietung, überbietet sich hier natürlich selber mit
dem Satz, Religion spiele überhaupt keine Rolle: eine Art
kontrollierte Offensive zur Verteidigung seiner Zeichenwelten.
Übereinstimmend sind alle allein in einem Punkt: In dem der
nicht möglichen oder ausbleibenden Emotionen, die sich nicht
einstellen wollen angesichts der Opfer dieses Verbrechens. Durch das
Nebeneinander von Inszenierung, also Künstlichkeit, Spiel der
Codes, Dramatisierung und Drama der Aktualität kommt es zu
keiner angemessenen emotionalen Reaktion, wie Mitleid oder Trauer,
außer man hat jemanden dort gekannt. "Niemand sieht, was
den Menschen passiert ist", beklagt Susan Sontag. Sie sieht die
"Last der Realität" verschwinden, wo es allein um
"military responses" geht, also Gegenschläge. Und
findet "Medien, Regierung und vor allem Präsident Bush
nach dem Attentat von der Wirklichkeit losgelöst". Welche
Wirklichkeit, sagt auch sie nicht.
Ich entnehme alldem, und könnte das durch zahlreiche
Beispiele erweitern, dass der Einschlag nicht bloß ins WTC
ging, in die amerikanische Psyche oder was immer, er ging auch direkt
in die Hirne der Kommentatoren sowie "unser Hirn", und
zwar nicht bloß symbolisch, metaphorisch.
Infektionsbazillen
Ich habe in den letzten Wochen, selbst verwirrt, versucht,
dahinter zu kommen, was eigentlich vorgegangen ist. Mir ist dabei
wieder die Bezeichnung eingefallen, die ich für Fernsehbilder
beim Golfkrieg für mich gefunden hatte: Ich habe die
Schwarzkopf-kontrollierten Raketenhäppchen -
ununterscheidbar, ob Computer- oder Kamerabilder -
"Überlebensbazillen" genannt. Nämlich Bilder,
die uns versichern, dass wir im Sicheren sitzen, sicher, dass uns
nichts passiert, unter dem Satz: "Wer fernsieht, stirbt nicht."
Das hat für diesen Zeitraum auch gegolten, und galt in gewisser
Weise bis jetzt, auch wenn die Katastrophenfilme diesen Zustand auf
ihre Art wohl zu verändern versucht haben. Aber nach allem, was
ich gehört habe von den New Yorker Kinos, vom Publikum, sind die
Bilder von der Zerstörung New Yorker Gebäude dort mit
Gelächter und Beifall aufgenommen worden; weil niemand diesen
Schritt für möglich hielt oder machen wollte: "That
it could be for real".
Was ist dann jetzt passiert mit dem Einschlag der Mordjets ins
WTC? Ich glaube, die Geschichte mit den Überlebensbazillen ist
durch sie umgedreht worden. Das, was wir jetzt sehen im Fernsehen
versichert uns nicht mehr unserer Unverletztlichkeit, unseres
Überlebens, unserer Unsterblichkeit, sondern des Gegenteils. Die
Bilder sind jetzt für uns "Infektionsbazillen". Die
Bilder haben uns infiziert mit potentiellem Tod. Wir werden sterben,
irgendwann, sagen sie, und: Wir kommen nicht mal in den Himmel, wie
die Attentäter. Ich glaube, das ist eine wirkliche materielle
Veränderung an diesem Material: Bild, das ja nicht etwas
Fiktives, Immaterielles uns gegenüber ist, sondern als eine
ungeheure Materialität in unsere Augen eindringt im Sinne wie
Godard früher formuliert hat: Wir sehen eigentlich nicht,
sondern das Kino hat gesehen, sieht mit der Kamera und unsere Augen
waren eher die Leinwand, die das aufgenommen hat. Dies stimmt auch
für die Fernsehbilder vom Crash, nur dass sie in keiner Weise
mehr auf das gehen, was in dieser alten Theorie des Kinos Wahrheit
oder Wirklichkeit hieß, sondern auf Immunisierung versus
Ansteckung. Wir hatten ein Immunisierungsbild, jetzt haben wir ein
Infektionsbild.
So könnte man dieses Video lesen, das ich eingangs
beschrieben habe. Es versucht, diese Wahrnehmung, die auch in die
Hirne der Fernsehmacher eingeschlagen ist, durch so etwas wie eine
"Artistisierung" der TV-Bilder wieder zu löschen,
eine neue Schutzdichtung einzuziehen; darunter wissend, dass das sehr
wahrscheinlich vergeblich ist.
Die Bilder, die Videoclip-Interviews, die von Bin Laden
ausgestrahlt werden, haben ihren Charakter in diesem Zusammenhang
ebenfalls geändert. Das Fernsehen war schon seit der
Machtergreifung des Ayatollah im Iran Instrument nicht nur der
höchsten religiösen Instanz, sondern auch des Staates.
Höchste staatliche und kirchliche Funktionen fielen mit der des
mächtigsten Mediums in eins. Im Iran war es zeitweise bei
Todesstrafe verboten, ausländische Fernsehsender zu empfangen,
und das eigene TV sprach von der Stelle Gottes aus. Diese Qualität
der Bilder, des Gott-Mediums, geht auf bin Laden als "den
Propheten" über; es werden "heilige Videos".
Die Unverletzlichkeitsphantasie hat sozusagen die Seiten gewechselt.
Als Unsterblichkeitsgarantie funktioniert sie jetzt bei den
Aktivisten der fundamentalistischen Welt.
Wenn etwas "entrealisiert" worden ist, ist es die
westliche Sprache: Von welcher Wirklichkeit spricht Alexander Kluge,
wenn er "Entwirklichung" sagt? Was meint er, wenn er
Realität sagt? Was meinen all die anderen? Ist es realer, wenn
ich einen Apfel esse, als wenn ich ins TV hineinschaue? Oder im Kino
träume? Oder den Computer lade? Wovon spricht Susan Sontag, wenn
sie sagt, dass die Medien usw. sich von der Wirklichkeit losgelöst
haben? Ich glaube, all diese Wörter, all diese Begriffsversuche
bezeichnen nichts mehr. Es gibt die Wirklichkeit nicht mehr, von der
diese Wörter einmal sprachen. Es gibt nur mehr diese
Begriffssysteme, die leer im Raum rotieren. Es gibt in dem Sinne auch
nicht mehr das dokumentarische Bild. Es gibt schon gar nicht mehr,
was im Artikel von Bronfen "herkömmliche Sehgewohnheiten"
heißt. Was ist denn das, "herkömmliche
Sehgewohnheiten"? Kann eine(r) von Ihnen sagen, was das wäre?
Nein, ich glaube, wir sind infiziert mit einer Art neuem Bild. In
der Anthrax-Bakterie, die jetzt freigelassen im Öffentlichen
auftaucht, wieder genau gezielt, nämlich auf Medienleute, unsere
Virenverwalter, materialisiert sich vielleicht auch dieser Einschlag
in unseren Köpfen. Welcher nicht vorbei ist, wenn der
Milzbrand-Spuk, hoffentlich bald, wieder verschwunden sein wird.
So, was machen wir jetzt? Wir sehen einen Film und trinken dann
ein Bier, oder einen Wein, und zählen dann unsere Realitäten:
Den Kopf voller Viren, einer Entzündung, mit der wir "lange
zu tun haben werden".
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