schlamm ist das prototypische gebärende. dort, wo das wasser,
das reine, helle, in seiner pervertierten daseinsform herrscht, wird
gegoren, gebrütet, im zusammenspiel der (anorganischen)
substanzen leben gezeugt.
chemische prozesse fördern aale, frösche und anderes
niederes getier zutage. diese waren im schlamm (des nil) durch
urzeugung, die "generatio aequivoca" entstanden, wie
empedokles und aristoteles lehren. das land am nil heißt nach
seinem dunklen schlamm auch "chemia".
während die größeren tiere aus der arche noah
stammen, bleiben die kleinsten - vor allem die schädlinge
- bis weit in die moderne schlammgeborene.
kepler schreibt:
"Das ganze All ist von gestaltendem Geist beseelt, der weiß,
was aus jeglicher überschüssiger Materie am besten zu
machen ist. So verwandelt er den Schweiß von Frauen und Hunden
in Flöhe und Läuse, den Tau in Heuschrecken und Raupen, den
Morast in Frösche, die Erde in Pflanzen, das Aas in Würmer,
den Kot in Käfer." (frauen und hunde als
schlammäquivalent).
der schlamm fördert also vor allem unangenehmes zutage; ist
ort für all jenes, das sich der beobachtung eines zunehmend
mechanistischen entzieht. freilich ändert sich später die
fragestellung; nicht jedoch die antwort.
vom dilemma der durch neuentdeckungen zunehmend zahlreicher
werdenden tiergattungen und der frage, wie diese auf der arche platz
gefunden hätten - nämlich gar nicht; wer würde
parasiten mitführen ? - gerät man im 19. jahrhundert
zur frage des schnittpunktes zwischen organischer und anorganischer
chemie:
"Von besonderer Wichtigkeit für die organische Chemie
war seine Entdeckung (1828) der künstlichen Darstellung des
Harnstoffs. Es war dies das erste Beispiel, daß eine organische
Substanz durch chemische Mittel allein aus unorganischen Stoffen
hervorgebracht werden kann; es vernichtete diese Entdeckung den
bisher zwischen den organischen und unorganischen Körpern
angenommenen Unterschied, daß nämlich die ersteren nur
unter dem Einfluß der vegetabilischen oder tierischen
Lebenskraft entstehen, während nur die letzteren durch Kunst
darstellbar seien."(Kopp 1843)
der schritt vom unbelebten zum belebten scheint getan, die bis
dahin postulierte "lebenskraft" hat ausgedient. noch
nicht ganz: nunmehr ist es die konservative lehrmeinung der
vitalisten, welche sich gegen die meinung der alten, die möglichkeit
einer urzeugung, richtet. der these der mechanisten, welche GOTT als
causa prima der lebenskraft vertriebe, versucht man durch konstrukte
wie die "panspermie" beizukommen. das all sei gefüllt,
erfüllt von unsichtbar kleinen samen, welche die planeten
belebten. bis ins 21. jahrhundert zieht sich der kampf. (vgl.:
www.panspermia.org)
die vitalisten erhalten hilfe von der wissenschaft; dem abt
spallanzani gelingt es 1769, organische flüssigkeiten zu
sterilisieren und so das dogma "ohne leben kein leben" zu
verteidigen. die diskussion um die urzeugung wird durch die versuche
pasteurs mitte des 19. jahrhunderts ad acta gelegt, ohne dass die
frage nach der möglichkeit der entstehung (niederen) lebens aus
anorganischen stoffen endgültig gelöst worden wäre.
(Lange 1974)
diesmal ist es der schlamm, als versteck für die mysterien
des lebens, der ausgedient hat. das mikroskop hat ihn in seine
bestandteile aufgelöst: wasser, mineralien, salze. lediglich als
metapher vermag er seine aufgabe, versteck für brütendes zu
sein, noch zu erfüllen; schlamm sind zuerst die aufkeimende
demokratie und die niederen stände; der schlamm ist der
"staatsbottich", in dem die hefe des volkes brütet
(von Arnim 1959), der schlamm ist die masse des volkes in seiner
amorphen unformbarkeit und unberechenbarkeit:
"Aber die alte Welt der Helden ist nun vergangen. Die Himmel
über uns sind dunkel von Sentimentalität [...] nichts
bleibt uns zu vergöttern als die Masse, die blinde,
unausgeformte und unersättliche Masse; Nebel und Sumpfland vor
uns, werden wir im verwesenden Morast einsinken, umgeben von
Geschöpfen des Schlamms und des Schilfs." (Moore 1996)
das schlammige drängt sich als metapher für das unbewusste der
tiefenpsychologie geradezu auf. in der schauerliteratur, welche als
proto-psychoanalytische literatur wie keine andere metaphern zu
verdinglichen versteht, ist das schlammige, moorige hingegen zunächst
kaum anzutreffen. höllenfeuer, wiedergänger, böse
geister, erlösung durch liebe - der dualismus der
vormodernen zeit besteht noch; für alternativen -
ungeheuer, die anderes sind als engel oder dämonen, für
ausgeburten unserer welt besteht noch kein bedarf. bei hoffmann ist
der schlamm wohl lebensraum des "egelprinzen". allein:
krönung des grauens sind ihm, dem feind der moderne, die
automate, antagonisten der natur und zerstörer des
transzendenten - hoffmann, ein vitalist. (Hoffmann 1963)
die monströsen bedrohungen werden im laufe des 19.
jahrhunderts durch das eindringen des vampirmotivs ins diesseitige,
materielle transferiert; sie weisen ein näheverhältnis eher
zum linné’schen system auf als zum transzendent bösen.
die von lord byron und polidori ersonnenen ungeheuer sind
diesbezüglich die urahnen der lovecraft’schen "älteren",
der aliens, gozillas und dem pandämonium aus den vorstadtkinos.
(Sturm, Völker 1994)
es stellt sich nun wiederum die frage nach dem ort ihres brütens.
Literatur:
- Kopp, Hermann 1843: Geschichte der Chemie, http://www.museum.chemie.uni-goettingen.de/musbrief/19/musb19_1.htm
- Lange, Friedrich Albert 1974: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Herausgegeben und eingeleitet von Schmidt, Alfred, 2 Bde., Frankfurt/M., Suhrkamp, S.674 ff.
- Arnim, Bettina von 1959: Dies Buch gehört dem König. In: Werke und Briefe. Herausgegeben von Konrad, Gustav, Bd. 1-5, Frechen, Bartmann, Bd. 3, S. 145
- Moore, George 1996: Confessions of a Young Man. London 1888. Zit. nach: Carey, John: Haß auf die Massen. Intellektuelle 1880-1939, Göttingen, S. 74
- Hoffmann, E. T. A. 1963: Meister Floh. In: Ders., Poetische Werke in sechs Bänden, Berlin, Aufbau, Bd. 6, S. 41 und Bd. 2, S. 393
- Sturm, Dieter und Völker, Klaus [Hrsg.] 1994: Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. 507ff., Frankfurt/M., Suhrkamp
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