"Sauberkeit ist aller Laster Anfang. Warum? Weil Sauberkeit ohne Wasser nicht zu machen ist. Doch obwohl Sauberkeit auf das Wasser angewiesen ist, schließt sie es aus. Denn Sauberkeit setzt Grenzen, das Wasser nicht." Gerburg Treusch-Dieter
Wenn es so etwas wie Leitmetaphern gibt, dann zählen wohl die Vermischung und ihre Gegenbilder (die Trockenlegung aber auch das Kanalisieren und der Dammbau) zu den populärsten im 19. und 20. Jahrhundert. Sie begegnet uns bei Volkszählern genauso wie bei Ingenieuren, bei Ärzten wie bei Literaturwissenschaftlern und steht im Zentrum Freud´scher Ideen, wenn er die Entdeckung des ES mit einer Austrocknung des Unterbewusstseins, analog zur Austrocknung der niederländischen Zuindersee setzt. Mit der Psychoanalyse werden quasi die (technischen) Methoden der Flussbegradigung und des Dammbaus aus der Stadtentwicklung in den Psychodiskurs übertragen.
Die Metaphorik des Sumpfs spielt in der (englischen) Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle in einer Psychotopologie des (verdrängten) Begehrens. Lassen sich von hier aus direkte Fäden zu den späteren Narrativen der Psychoanalyse ziehen?
Sumpf, Schlamm, Wasser sind im westlichen kulturellen Kontext nicht zuletzt städtebauliche und landschaftplanerische Probleme. Ihnen entspringt Krankheit, sie nehmen wertvollen Bauplatz bzw. Acker in Anspruch und sind deshalb ungesund und unproduktiv. Zu fragen wäre hier, auf welche Arten und Weisen unterschiedliche Umgangsweisen mit dem Nassen in unterschiedlichen Kulturen entstehen. Könnte es eine Kulturtypologie von trockenlegenden und bewässernden Kulturen geben?
Joseph der II befahl den mit der Militärmappierung außerhalb der Grenzen der Monarchie beauftragten Offizieren, "Wegen Gesundheits-Umständen (...) alle Vermischung so viel möglich in den Dörfern vermeiden".
Volkszählungsbezogen ist die Vermischung ein Problem, nämlich immer dann, wenn Beamten Kategorien verwenden, die zu anderen bereits bestehenden Ordnungseinheiten in Konkurrenz treten. Dies war der Fall, wenn die Geschlechteridentität nicht eindeutig bestimmt werden konnte. Man/Frau wurde dann "vermischet angemerckt". Auch ist die Rede von "vermischten Untertanen" und "vermischten Obrigkeiten", und zwar, wenn geographische und rechtliche Ordnungssysteme Uneindeutigkeiten erzeugen. Wenn in einem Dorf die Untertanen zu verschiedenen Grundherrschaften gehören, konnte die Nummerierung der Häuser keinesfalls nach Grundherrschaften erfolgen, es musste die ganze Ortschaft durchnumeriert werden, ordine aritmetico. Dass die Vermischung überhaupt zu einem großen Problem werden kann, hängt wohl auch nicht zuletzt mit der tabellarischen Darstellungstechniken zusammen.
Im Kontext der Faschismustheorie fällt auf, dass die essentialistische Rassenlehre ebenso die Vermischung des Blutes fürchtet, wie die Panzerung des Soldatenkörpers sich immer auch als ein Schutzmechanismus gegen Ausuferungen, die traditionell mit "dem Weiblichen" assoziert werden, lesen lässt. Diese Furcht vor Auflösung und Entropie grundiert jedoch auch aktuelle Debatten zu Multikulturalismus und Integration während sie positiv gewendet in Hybridisierungsdiskursen zum Hoffnungsträger des "guten Lebens" wird.
"Oh it´s a Feh" "Diese Träne war reine Litertur" Hysterie, Sentimentalität und das überbordende Gefühl sind die Assozitationsfelder des Weinens, das gleichzeitig als (weiblicher) Gegenpol zur kalten, geordneten Rationalität figurieren. Ist es wirklich Zufall, dass Hegel keine Metaphern mag, in denen bekanntlich zwei semantische Felder VERMISCHT werden?
Im 18. Jahrhundert lancierten Geometriker ihre Sichtweisen davon, wie Mathematik auf die Felder der Mechanik, Astronomie und der "moralischen Wissenschaften" angewendet werden könnten. Sie theoretisierten damit die Frage, wie Individuen rational "aufgeklärt" werden könnten und nannten diese Subdisziplin "Gemischte Mathematik". Die spätere angewandte Mathematik der Soziologie ging daraus hervor.
Ist "Individualisierung" eine Art Trockenlegung? Eine Abgrenzung von den anderen, von der Masse, wenn denn diese als ozeanisch-flüssiges Gebilde gedacht wird. Aber nicht jede Abgrenzung ist gleich eine Trockenlegung denn a) bleibt das aus dem Matsch gefischte Individuum immer ein aus dem Matsch gefischtes und b) ist nicht jede Menge eine molare (Deleuze).
"Vermischung" ist eine Fortsetzung des Themas "Masse" auf objektbezogener Ebene, wobei die Metaphorik immer hin und her schwappt - vom Staudamm zur Rassenhygiene und retour. Da Capo.
Wo der Matsch war, soll der (moderne) Mensch werden. Und: vielleicht ist ja auch alles ganz anders ...
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