sinn-haft nr 11
zur masse.



REZENSIONEN


Stadt.Masse.Raum.
Wiener Studien zur Archäologie des Popularen. Herausgegeben von Roman Horak, Wolfgang Maderthaner, Siegfried Mattl, Lutz Musner, Turia + Kant, Wien, 2001.


"Stadt. Masse. Raum." ist das gedruckte Ergebnis eines Forschungsauftrags des österreichischen Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur zum Thema "Imaginäre Räume und Geschmackslandschaften. Studien zur Massen- und Popularkultur der Wiener Moderne." Mit Hilfe historischer Fallstudien untersuchen sechs Autoren und Autorinnen in vier Artikeln Wechselwirkungen von Alltag, Kultur und Politik im Wien der Zwischenkriegszeit und wollen so einen Beitrag zur "Archäologie zeitgenössischer Massenkultur", wie sie selbst im Editorial schreiben, leisten. Im Mittelpunkt stehen dabei die jeweilige Definition und Nutzung des öffentlichen Raums, die Repräsentation und Transformation von "Modernisierung" sowie die Frage nach den Mechanismen, die bestimmte politische und kulturelle Diskurse hegemonial und andere marginal werden lassen. Ein hoher Anspruch, den sich die Autoren und Autorinnen da stellen - aber sie versprechen nicht zu viel. Im Gegenteil. Die vier gewählten Beispiele, die Julirevolte 1927, der Zeppelin über Wien (1929), die Zeitschrift "Wiener Magazin" (1927 - 1940) und Wien als "Welthauptstadt der Musik" bieten nicht nur einen guten Überblick über die jeweiligen Ereignisse und Entwicklungen, sondern werden mit Genese und Bedeutung der Masse in einem breiten historischen und politischen Kontext verlinkt. Nicht nur Wien ist anders, sondern auch die hier gebotene Perspektive auf die Stadt. Pflichtlektüre für alle, die mehr über die Donaumetropole und ihre Massenkultur-Verstrickungen wissen möchten!

Doris Wallnöfer


Minerva kleidet sich an

Salean A. Maiwald: Von Frauen enthüllt. Aktdarstellungen durch Künstlerinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Berlin Aviva, 1999, Gebunden, 224 S., 35 Abb.

Ausnahmefrau mal drei - so könnte das Motiv des vorliegenden Buches auf den Punkt gebracht werden: Die Frau als Künstlerin. Die Künstlerin, die Aktdarstellungen anfertigt. Akte, die Frauenkörper zeigen. Salean Maiwald spannt den Bogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart und setzt sich mit dem Leben und Werk bedeutender Künstlerinnen auseinander. Es sind außergewöhnliche Geschichten, die die Autorin zu erzählen weiß, und das verdankt sich nicht nur dem außergewöhnlichen und teils abenteuerlichen Leben der Künstlerinnen, sondern auch dem besonderen Zugang sowie der eigenen Erzählweise. Maiwald bewahrt trotz großer Verbundenheit zum Thema eine gewisse Distanz: Es erfolgt keine Vereinnahmung oder Kategorisierung, weder Stereotypisierung noch Ideologisierung. Zudem werden Leben und Werk der einzelnen Frauen stets in einen politischen Kontext gestellt und mit dem Geschlechterdiskurs der jeweiligen Epoche konfrontiert.
Die Autorin schreibt nicht bloß Kunstgeschichte neu, indem sie einige der in dieser Disziplin auch heute noch klaffenden Leerstellen besetzt. "Von Frauen enthüllt" ist weit mehr als bloßes Addieren der Kategorie Frau oder Künstlerin. Viel eher erinnert die Methode Maiwalds an das Gemälde "Minerva kleidet sich an" von Lavinia Fontana. Im Gegensatz zu anderen Darstellungen der Kriegsgöttin zeigt Fontana Minerva nicht gepanzert und kriegerisch, sondern in einer entspannten Haltung, bevor sie ihre Rüstung anlegt. Ihr Blick ist ruhig, aber sicher auf den Betrachter/die Betrachterin gerichtet. Minerva ohne Lanze und Schild ist deshalb jedoch nicht weniger gefährlich. Doris Wallnöfer


Data - Body - Sex - Machine

Karin Gieselbrecht und Michaela Hafner (Hg.): Technoscience und Science-Fiction aus feministischer Sicht. Wien, Turia + Kant 2001, 203 S. - Mit Beiträgen von Mona Singer, Silke Bellanger, Dagmar Fink, Andrea zur Nieden, Lisbeth N. Trallori, Gerburg Treusch-Dieter, Barbara Neuwirth, Katherina Zakravsky, Barbara Ossege.


Dieses Buch habe ich mir schon lange gewünscht. Schon deshalb, weil ich im Juni 1999 keine Gelegenheit fand, die zugehörige Veranstaltungsreihe im Wiener Depot zu besuchen. Der zweite Grund für meine Vorfreude war das Faktum, dass der deutschsprachige wissenschaftliche Buchmarkt nicht gerade mit Publikationen gesegnet ist, die Sciencefiction Literatur und Film mit zeitgenössischer Theoriebildung konfrontieren, insbesondere mit der feministischen. Mir hingegen erschienen die rhetorischen, narrativen und metaphorischen Überkreuzungen zwischen wissenschaftlichen Genres und denen der SF immer schon evident und Untersuchungen dazu (wie sie im angelsächsischen Raum auch getätigt werden) höchst ergiebig.
Als ich das Buch dann in Händen hielt, freute ich mich auch tatsächlich: Das Cover ziert eine superpixelige Lara Croft und je näher frau das Buch zu sich zieht, desto mehr löst sie sich in einfarbige Quadrate auf. Damit ist das Hauptanliegen des Buches bereits gefasst: Dekonstruktion/ Auflösung nicht nur traditioneller Vorstellungen von Geschlechtlichkeit/Weiblichkeit, sondern auch die der feministischen HoffnungsträgerInnen der 1980er und 90er Jahre: Herangezoomt werden Cyborgs, Barbies, Schönheitsoperierte, Aliens, Mannequins, Wonderwomen mit Schießeisen, Androiden u. v. m. All jene Figuren, die dem Feminismus den Ausgang aus dem Essentialismus versprochen hatten, werden in dem Band noch einmal versammelt, um . . . sie dennoch mehr oder minder zu verabschieden.
In ihrem einleitenden Essay skizziert Mona Singer eine Geschichte der Cyborg, die als Metapher einer emanzipativen feministischen Körperpolitik und einer Lebenspraxis, die von Bio(Technologie) geprägt ist, figuriert(e), und anhand derer die Dichotomien der Moderne (Objekt-Subjekt, Natur-Kultur usw.) - so die feministische Theorie der 1980er Jahre - notwendigerweise brüchig werden mussten.
Ungeklärt bleibt jedoch (wie in allen anderen Aufsätzen auch) die Frage, wie so ein "Brüchigwerden der Kategorien", so es überhaupt stattfindet, denn vonstatten gehen könne, oder ob nicht auch in der SF lediglich neue Bilder für alte Ordnungen gemalt werden. Denn das Verhältnis von (populärer) Repräsentation, (normativer) Körperpolitik, technischer Innovation und Lebenspraxis bleibt weitgehend ungeklärt. Ansatzweise werden jedoch Antworten gegeben und zwar sehr verschiedene: Betonen Gerburg Treusch-Dieter und Barbara Ossege die Wirkmächtigkeit uralter abendländischer Narrationen innerhalb der neuesten SF und verweisen sie damit auf die Stabilität der "symbolischen Ordnung" seit dem Sündenfall, verfährt Katharina Zakravsky genau umgekehrt, indem sie Szenen von Sprengkraft gerade in äußerst misogynen Filmen (wie "A Boy and His Dog", "Species") aufsucht und diese zu psychosozialen Situationen der potentiellen RezipientInnen in Beziehung setzt. Klassisches "Dating", Singledasein und bürgerliche Lebensverläufe bilden sich demnach gebrochen, ironisiert oder erhöht in kulturellen Artefakten ab. So werden immerhin zwei Lesarten populärer SF vorgeführt: Eine die auf die immergleiche Narration verweist und eine, die in einzelnen Szenen diese subvertiert wahrnimmt. Was allerdings RezipientInnen mit affirmativen oder subversiven Bildern anfangen, davon ist keine Rede. Stillschweigend wird vorausgesetzt, dass sich Kinobilder einfach in die RezipientInnenköpfe einschreiben, anstatt die komplizierten Codierungs- und Decodierungsverfahren, die hier im Spiel sind, in Rechnung zu stellen.
Obwohl die hier versammelten Essays unterschiedliche Qualität aufweisen, insbesondere in ihrem Vermögen mit Widersprüchen umzugehen und differenziert zu argumentieren (am Negativsten fällt in dieser Hinsicht Barbara Neuwirths Beitrag auf), sind Bücher wie dieses Desiderate: Sie konfrontieren - zweifellos anziehende und beliebte - Bilderwelten und Erzählungen mit feministischer Theorie und Politik, sowie mit technischen Realentwicklungen und den damit einhergehenden sozialen Prozessen. Dass die Ergebnisse dieser Konfrontation unterschiedlich ausfallen, ist klar, dass diese dann in einem hübschen Buch nebeneinander stehen und deshalb umso mehr ihre eigene Ambivalenz bekennen, ist gut. Mir geht es mit dem Buch jedenfalls wie Andrea zur Nieden mit "Seven of Nine" aus der Star Trek-Welt: Trotz aller Kritikpunkte mag ich es.
Karin Harrasser



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