Die Eurobarometer-Umfrage zu Biotechnologie 1999 förderte einen historischen Tiefstand in der Akzeptanz von Gentechnologie zutage: 53% aller EU-BürgerInnen lehnten gentechnisch verändertes Essen ab. Viele Menschen scheinen gegen wissenschaftliche Erkenntnisse, gegen manche Zweige der Wissenschaft zu protestieren. Die Kluft zwischen ihnen scheint groß. Zeit für diese Wissenschaft, sich belehrend an die Öffentlichkeit zu wenden? Zeit, politisch einzuschreiten?
Die österreichische Bundesregierung zumindest will dem "Problem der mangelnden Akzeptanz von Wissenschaft und Technologie" mit einem "umfassenden Programm zur Förderung des Verständnisses der Öffentlichkeit für Wissenschaft" entgegentreten. Ziel ist die "Verankerung von "Wissenschaftsbewusstsein" in einem breiteren Segment der Bevölkerung." Dabei will die Bundesregierung "Vertrauen schaffen, Dialoge suchen, der Wissenschaftsskepsis den Boden entziehen, einen Freiraum für Forschung sichern". (alle Zitate: Gehrer 2000: 3)
Popularisierung und die Massen
Bei diesen Wortmeldungen handelt es sich um klassische Erscheinungsformen jenes Popularisierungsdiskurses, der sich unter dem Titel Public Understanding of Science (PUS) in den 1980er Jahren in Großbritannien formierte. Darin erscheint die Öffentlichkeit als unaufgeklärte Masse, die es zu belehren gilt. Doch dieses Bild ist nicht das einzige, das sich die Wissenschaft von Öffentlichkeit gemacht hat. Ich begebe mich auf eine Spurensuche nach den Konstruktionen von Öffentlichkeit und Wissenschaft im wechselseitigen Verhältnis und nach der Wirksamkeit dieser Konstruktionen in der Gesellschaft. Wer definiert Öffentlichkeiten? Wie stellt die Wissenschaft ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit dar? Wie und warum werden Unterscheidungen getroffen, welche wechselnden Anforderungen werden an die Öffentlichkeit gerichtet? Ist die Öffentlichkeit für WissenschafterInnen eine Masse, auf die sie ihre Interessen und Wünsche projiziert?
Die einleitenden Zitate zeigen zwei Aspekte des Verhältnisses von Wissenschaft und Öffentlichkeit: Einerseits entsteht hier das klassische Bild, dass Wissenschaft und Gesellschaft, Experten- und Laientum klar voneinander abgrenzbar seien. Wissenschaft ist jener Teil der Gesellschaft, der selbstständig hoch ausdifferenziertes Wissen produziert. Die Öffentlichkeit verfügt nicht über relevantes Wissen. Das wissenschaftliche Wissen wiederum scheint so abgehoben vom Alltagskontext zu sein, dass es der Vermittlung bedarf, um vom Rest der Gesellschaft verstanden zu werden. Wissen erscheint jedoch auch als etwas Neutrales, Vermittelbares, das allein durch die ihm innewohnende Kraft und Autorität die aufklärungsmäßig Zwangsbeglückten auf die Seite der guten, reinen, wahren Wissenschaft ziehen wird. Gehrer spricht zwar von einem "Dialog", aber im Grunde geht sie davon aus, dass mehr Wissen mehr Akzeptanz bedeutet. Wissenschaftssoziologische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass dies nicht so ist (vgl. Michael 1992).
Andererseits geht es um (den Mangel an) Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse, welches existentiell wichtig für die Position der Wissenschaft in der Gesellschaft ist. Öffentliche Anerkennung ihrer Legitimität ist eine Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten, bis hin zur Finanzierung.
"Die Öffentlichkeit" dient in Popularisierungsdiskursen immer wieder als relativ passiver, homogener, aber weitgehend unbestimmter Gegenpol zur Wissenschaft. Sie erscheint dabei als unwissende Masse, die - ohne es zu wissen - nur darauf wartet, von wissenschaftlich Berufenen über das Gute, Fortschrittliche und vor allem Wahre aufgeklärt zu werden. Programmatisch festgeschrieben ist diese Vorstellung in einem Papier der Royal Society von 1985, das eine breite Diskussion und zahlreiche wissenschaftssoziologische Studien initiiert hat. Darin wird festgestellt, dass es für "individual citizens" in einer demokratischen Gesellschaft notwendig ist, Kenntnisse über Wissenschaft zu besitzen, um am politischen Entscheidungsprozess teilnehmen zu können. Das stimmt durchaus. Diese Idee missachtet jedoch, dass andere, lokale Arten von Wissen ohne Universalitätsanspruch diese Funktion erfüllen könnten. Sie vergisst, dass wissenschaftliches Wissen im öffentlichen Raum genauso Objekt von Verhandlungen ist wie innerhalb des Wissenschaftssystems. Mikrosoziologisch betrachtet, pflegen Menschen einen aktiven Umgang mit für sie relevanten wissenschaftlichen Wissensinhalten, die sie zusammen mit anderen Formen von Erfahrung in ihren Alltag einbauen. Mir stellt sich auch die Frage, wie die angesprochenen BürgerInnen im einen Fall kritiklos auf das hören sollen, was ihnen von oben an wissenschaftlichen Erkenntnissen reingedrückt wird, und im anderen Fall dann plötzlich selbstständig auf der Basis von objektivem Wissen zu entscheiden, was gut für ihr Land ist. Handelt es sich bei dieser Vorstellung vom Individuum nicht von vornherein um Selbstbetrug? Genau dieser Aspekt ist für mich der Anlass, diesem Ansatz von PUS zu unterstellen, er behandle die vermeintlichen BürgerInnen als zu bevormundende Masse.
Unter Ausschluss des Publikums
Seit der Entstehung der modernen Wissenschaften im 17. Jahrhundert hat sich die Position der Wissenschaft in der Gesellschaft wesentlich verändert, und damit auch ihre Beziehungen zur Öffentlichkeit.
Zu Paracelsus' Zeiten gab es Wissenschaft im heutigen institutionalisierten Sinn nicht. Allzu akademisch-theoretisches Wissen war in seiner Abgehobenheit suspekt, denn "Proper knowledge was properly public knowledge, generated by using the knowledge-acquiring techniques of ordinary members of society." (Shapin 1991: 994f)
Die Royal Society of London um Robert Boyle betonte im 17. Jahrhundert in ihrem epistemologischen Programm, das sich an Empirie und Beobachtung orientierte, die Wichtigkeit der Öffentlichkeit für die wissenschaftliche Tätigkeit. Damit war ebenso die Präsenz der WissenschafterInnen in der Öffentlichkeit gemeint (etwa durch öffentliche Experimente und Demonstrationen) als auch die Teilnahme der Öffentlichkeit an diesen. Praktisch hätte dies bedeutet, dass die etwa durch esoterische Formen der Sprache und des Diskurses entstandenen sozialen Grenzen im methodischen Programm des Empirismus durchlässig werden. Die Praxis sah jedoch anders aus: Zugang hatte eine kleine Bildungs- und Geldelite. Die Öffentlichkeit war somit essentiell wichtig als Zeugin, aber unter die Definition von Öffentlichkeit fiel nur ein ausgewählter, entsprechend disziplinierter Teil der Bevölkerung.
Zur gleichen Zeit gab es aber auch eine entgegengesetzte Richtung in der Wissenschaft: Newtons mathematische Naturphilosophie wurde immer populärer. Dieses mathematisch fundierte Programm verschloss sich eindeutig einer breiten Öffentlichkeit, indem es sich der Mathematik als esoterischer Sprache bediente. Verständlichkeit für oder Teilnahme der Öffentlichkeit waren eindeutig keine Ziele dieser Wissenschaftspraxis.
Legitimität und Religion
Wissenschaft braucht das Vertrauen der Gesellschaft (Shapin 1991). In den Anfangsjahren musste dieses Vertrauen in die Einrichtung Wissenschaft überhaupt erst aufgebaut werden. Das Ziel der WissenschafterInnen war die öffentliche Anerkennung der Legitimität ihrer Tätigkeit und des von ihnen produzierten Wissens. Das Kriterium der Glaubwürdigkeit bestand etwa in einem wenig institutionalisierten Kontext im Ehrenwort unter Gentlemen (Gentlewomen?). Mit zunehmender Professionalisierung konnte Glaubwürdigkeit über die Zugehörigkeit zur Scientific Community definiert werden. Andere komplexe Interaktionen, die für die Akzeptanz von wissenschaftlichen Erkenntnissen innerhalb und außerhalb der Scientific Community führen können, bleiben hier unberücksichtigt (vgl. etwa Garrety 1997).
Wichtig scheint mir, dass WissenschafterInnen lange Zeit ihre Legitimation aus der Berufung auf religiöse Aspekte durch anthropozentrische oder teleologische Ausrichtung ihres Tuns bezogen. Dies war die gemeinsame kulturelle Basis, die WissenschaftlerInnen, Laien und Geistliche verband. "In the early modern period, the idea that man was the measure of all things formed a heavily-trafficked bridge between science and other forms of culture and between science and public discourse. That bridge was dismantled by the triumph of Darwin and other Naturalist scientists." (Shapin 1991: 997) Der Naturalismus im 19. Jahrhundert bemühte sich, eben jene Momente aus der Wissenschaft zu verbannen, die sie in hermeneutischer Sicht mit der Gesellschaft verbanden. Stattdessen rief man nach einer objektiven Konzeption von Natur, die jene Auffassungen, die man in der Gesellschaft vorfand, als Laiendarstellungen disqualifizierte. Die Öffentlichkeit dürfe keinen Einfluss auf wissenschaftliche Tätigkeit nehmen, sie müsse sie jedoch fördern und unterstützen. Dafür werde sie in den Genuss der Erkenntnisse kommen. Die autonomen WissenschafterInnen seien die einzigen Experten mit einem gerechten Interesse für die Natur.
Vermutlich befand sich das Wissenschaftssystem zu diesem Zeitpunkt bereits in einem solchen Zustand der Professionalisierung und Institutionalisierung und damit Legitimität, dass man sich vom common ground der Religion verabschieden zu können glaubte. Die WissenschafterInnen erreichten durch diese Säkularisierung Hegemonie und absolute professionelle Legitimität, denn kein Geistlicher, kein Laie konnte ihnen jetzt noch etwas dreinreden. Die Anforderungen, welche die Gesellschaft anfangs an die Wissenschaft zu stellen berechtigt war, seien es technische Verwertbarkeit oder moralische Richtigkeit der Forschung, waren nun merkbar beschränkt. Die Öffentlichkeit hatte ihre traditionelle Rolle gegenüber der Wissenschaft verloren. Die Natur war quasi ein moralisches Vakuum. Nun schien es eine strikte Trennung zwischen einer generalisierten Öffentlichkeit mit moralischen Ansprüchen und professionellen Erklärern der Natur zu geben. Dieser Übergang von einer Gesellschaft, in der Wissenschaft und Spektakel Teil des sozialen Lebens waren, zu einer Trennung von WissenschafterInnen und ZuschauerInnen bzw. einer Öffentlichkeit war eine geschichtliche Errungenschaft, keine notwendige Entwicklung. "Whereas at one point the "lay" was a part of science, now it has been thoroughly exorcised - the public's role being one of providing support for science." (Michael 1998: 321) Logischerweise war damit auch die Gesellschaft selbst zum Gegenstand der Beobachtung geworden. Brian Wynne (1996) hat darauf hingewiesen, dass die Dichotomie Wissenschaft - Öffentlichkeit ihre Entsprechung in den grundlegenden Gegensätzen - und auch Problemen - der Moderne findet: Natur - Kultur, natürliches Wissen - gesellschaftliches Wissen, wissenschaftliches Expertenwissen - populäres Laienwissen. Diese Art von Abgrenzungen und Einschließungen, oder der Ausschluss durch Einbeziehung, sind spezifisch für die Modernität.
KonsumentIn und BürgerIn?
Eine rezente Sichtweise der Öffentlichkeit in der Wissenschaftsforschung bezieht sich auf das Verhältnis zwischen ihren Rollen als BürgerIn und KonsumentIn. Die Bedeutung von Konsum ist Gegenstand zahlreicher sozialwissenschaftlicher Untersuchungen (siehe etwa Baldauf & Weingartner, in dieser Ausgabe). Auch verschiedene Formen von Wissen werden in mikrosoziologischen Untersuchungen zu PUS hinsichtlich der Gestaltung sozialer Identitäten und der Ästhetisierung des Lebens als Konsumgüter angesehen. Welche Implikationen bringt dies nun für PUS, die vermeintlichen politischen Partizipationsmöglichkeiten durch "mehr Wissen" und das Bild von der Öffentlichkeit?
Politische Partizipation wird unter dem Aspekt der Konsumtion betrachtet - es fällt auf, dass bestimmte Institutionen wie Ämter neuerdings hinsichtlich ihres (BürgerInnen-) Services beurteilt werden, was nicht nur mit der Privatisierung etwa der Post zu tun haben mag.
Positiv betrachtet, wird durch den Akt des Kaufens von Dienstleistungen des Staates ein Gefühl der Kontrolle oder Einflussnahme erzeugt, welches wiederum das Selbstbewusstsein als BürgerIn stärkt - wichtig für die Zivilgesellschaft. Es ist jedoch fraglich, ob solche Akte der Bedürfnisbefriedigung schon als politische Partizipation bezeichnet werden können. (Michael 1998: 320) Es gibt aber auch andere Formen der konsum-politischen Meinungsäußerung, etwa durch "kritischen Konsum". Durch diese theoretischen Entwicklungen wird es schwieriger, die Praktiken der politischen Partizipation und Konsumtion auseinander zu halten. Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit die Theoretisierungen Einfluss auf das haben, was in unserer Gesellschaft vorgeht.
Konsum wird nicht nur von wissenschaftlichen Kriterien geleitet, sondern auch von ethischen, politischen, ästhetischen und ökonomischen Gesichtspunkten. Die Grenzen zwischen verschiedenen Formen des Wissens werden unschärfer: "[W]ith the possible increase in the "authority of the consumer", doing politics through consumption is guided by many considerations that draw on many different sorts of knowledges that cannot be brought exclusively under the rubric of science." (Michael 1998: 320) Die Menschen konsumieren Wissen und fügen es in ihr Welt- und Selbstbild ein. Bei der Verhandlung von Identität spielen somit auch öffentliche Diskurse in den Sozialwissenschaften eine Rolle - ihre Konzeptionalisierungen der Öffentlichkeit beeinflussen das Selbstbild von der eigenen Rolle gegenüber der Wissenschaft.
Auch sozialwissenschaftliche Untersuchungsmethoden sind Technologien der Subjektkonstruktion. Egal, welchen Inhalt diese Modelle haben, sie haben in Demokratien eine gesellschaftliche Wirkungsmacht. Sie produzieren verschiedene Bilder der Öffentlichkeit, die im Alltag wirksam werden. Die großen Umfrageuntersuchungen zum Thema Wissenschaft, wie etwa das eingangs erwähnte Eurobarometer machen, haben damit einen bestimmten Effekt: Da sie von einem Defizit-Modell hinsichtlich Wissen ausgehen, erzeugen und verbreiten sie das Bild einer Öffentlichkeit, die aus Menschen besteht die nur darauf warten, durch wissenschaftliche Aufklärung zu mündigen BürgerInnen gemacht zu werden.
Die Verbreitung wissenschaftlichen Wissens durch Programme des Public Understanding of Science ist insofern zu begrüßen, als es kleine Luken in die Mauern des Wissenschaftsbetriebs schlägt. Wissen allein ermöglicht noch keine Kritik, kann aber durch das Schaffen von sozialer Kompetenz und Vertrautheit ein erster Schritt dazu sein.
Abgesehen von diesem Schaffen von Durchlässen ist es wichtig, die Vorstellungen zu hinterfragen, die hinter solchen Programmen stehen. Sie haben nicht nur Auswirkungen auf die Effektivität der Programme, sondern viel weitgehendere Folgen in Zusammenhang mit sozialer Identität.
Auch wenn man bei PUS nicht direkt von einer Konzeption der Öffentlichkeit als Masse sprechen kann, so sollte klar geworden sein, dass diese Öffentlichkeit, vermittelt durch Bilder, Austragungsort von wissenschaftsinternen und politischen Interessen ist.
Literatur:
- Garrety, Karin (1997): Social Worlds, Actor-Networks and Controversy: The Case of Cholesterol, Dietary Fat and Heart Disease. In: Social Studies of Science Vol. 27, 727-773.
- Gehrer, Elisabeth (2000): Dialoge suchen mit PUS. In: heureka 5/2000. Falter Verlag: Wien.
- Michael, Mike (1992): Lay Discourses of Science: Science-in-General, Science-in-Particular, and Self. Science, Technology and Human Values Vol. 17, Number 1, 313-333.
- Michael, Mike (1998): Between citizen and consumer: multiplying the meanings of the "public understanding of science". In: Public Understanding of Science Vol. 7, 313-327.
- Shapin, Steven (1991): Science and the Public. In: R. C. Olby et al. (ed.): Companion to the History of Modern Science. Routledge: London, 990-1007.
- Wynne, Brian (1996): May the sheep safely graze? - A Reflexive View of the Expert-Lay Knowledge Divide. In: Scott Lash et al. (ed.): Risk, Environment and Modernity. Sage: London/Thousand Oaks/New Delhi, 44-83.
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