Meinungen und das Recht zu lügen
Es hat lang gedauert und der Prozess war ein duchaus schmerzhafter, aber jetzt liegt eine Einsicht vor, die kurz und präzise so zusammenzufassen ist: Es gibt keine Jugendkultur mehr. Was wir JugendkulturforscherInnen vorfinden und kommentieren können, ist - bestenfalls - ein buntes, sich stets neu formierendes, immer bewegliches Gemisch von Szenen, das mit einem Oberbegriff wie Jugendkultur zu versehen, nostalgisch verständlich wäre, aber rechtschaffen erkenntnisinteressiert nur mehr schwer möglich ist.
Interessanter und wichtiger scheint mir da die Wiederauferstehung der Kategorie Jugend zu sein. Wenn nämlich das gute Vierteljahrhundert der Jugendkulturdebatte einen Sinn gehabt haben soll, dann am ehesten den, Jugend als fixen, operativen Begriff zu dekonstruieren. Gerade als wir gedacht hatten, wir hätten das (psychologische, manchmal gar soziologische) Gerede zum Beispiel von der Jugendphase endlich hinter uns, schleichen sich Vorboten seiner Rückkehr in die öffentliche Debatte.
Derzeit ist eine diskursive Zurichtung jugendlicher Lebenswelten zu beobachten, betrieben zuvorderst von so genannten PolitikbeobachternInnen und JugendexpertInnen. Besonders die Ersteren sind vor allem daran kenntlich, dass sie ihre schiefen Beobachtungen für die Analyse nehmen oder sie zumindest als solche verkaufen. Wo früher noch eher geklagt wurde, wird heute freimütig konstatiert. Es sind die NormalisierungstheoretikerInnen, die immer seltener schüchternen ApologetInnen einer konservativen Wende, die dabei den Ton angeben. Gegen die eine Wirklichkeit der Vielfalt setzten sie die andere der Vereinheitlichung; wenn sie von Jugend reden, arbeiten sie, absichtlich oder unabsichtlich, an einem Konzept einer inhaltlichen, einer Seins-Bestimmung von Jugend. So, wie es sich wieder bezahlt machen soll, zur Kategorie der Tüchtigen (Fleißigen, Anständigen etc.) zu gehören, so soll Jugend als Alterskategorie zurückgewonnen werden: Aus putzigen Babys sollen brave Kinder und später ordentliche Jugendliche und aus ihnen tüchtige (fleißige, anständige etc.) Erwachsene werden.
Die Anstrengungen des differenzierenden Blicks werden obsolet, Unterschiede hinsichtlich ethnischer, gender- oder klassenspezifischer Kategorien verschwimmen hinter dem verallgemeinernden Konstrukt Jugend. In der aktuellen Diskussion zum Wahlverhalten (Frage: Warum wählen Jugendliche die FPÖ?) wird dies besonders schön sichtbar. Ein diesem Thema gewidmeter Artikel im Profil vom 11.10.99 versammelt altbekannte Stereotypen, die vor einigen Jahren so (nämlich ausschließlich affirmativ) wohl kaum abgedruckt worden wären. Vom "oppositionellen Reflex" ist die Rede, auch davon, dass es kaum noch Bindungen an die traditionellen Parteien gäbe. Keine allzu überraschenden Befunde, das haben wir schon so oft gehört, dass wir es fast glauben möchten. Dennoch: Heftiger als bisher wird von den "Jungen" gesprochen. Eine notorische Motivforscherin bringt die Sache auf den Punkt, wenn sie uns erklärt: "Junge wollen einen Ausweg haben, immer das gleiche Paket zu wählen widerspricht ihrem Lebensgefühl". Ja, ja, das Lebensgefühl der Jungen, dazu lässt es sich trefflich meinen und meinungsforschen.
Meinungen sind es nämlich, die da kommentiert werden, nachdem sie vorher ordentlich abgefragt wurden. Die Meinungsforschung will uns glauben machen, sie würde, sozusagen mit hehrem Pathos und offenen Visiers, an die Menschen herantreten und sie um ihre Meinung fragen. Selbst kleinformatige LokalredakteurInnen sollten mittlerweile durchschaut haben, dass da nicht gefragt wird. Was da oft recht gerissen und mathematisch fleißig und emsig in eine Befragungsfrageform gegossen wird, entspricht einer Ausgangsgewissheit, die einen stets aufs Neue darüber grübeln macht, warum überhaupt noch menschliche Subjekte per Fragebögen, Telefonumfragen etc. behelligt werden. Es muss mit dem Wissenschaftsanspruch zu tun haben und der wird aufrechterhalten, weil es ja um objektive Erkenntnis geht. Natürlich sind die jeweilig präsentierten Einsichten genauso objektiv wie exakt. Ich erlaube mir, in diesem Zusammenhang an die letzten Landtagswahlen im Burgenland zu erinnern . . .
Es ist eine Binsenweisheit, dass die Interessen der AuftraggeberInnen mit den präsentierten Einsichten in keinem allzu komplexen Verhältnis stehen. Mir geht es um jene gebräuchlicher werdende Weise mit penetranten FragerInnen umzugehen, es geht mir um die Waffe der Lüge. Gerade Jugendliche, aber nicht nur sie (vide Burgenland) belügen schlichtweg jene, die sie mit (blöden) Fragen belästigen. Sie belügen sie auch deshalb, weil die Fragen nicht nur blöd, sondern auch irrelevant, letztlich keine Fragen sind. Das ist keine neue Form verändernder oder gar sozialrevolutionärer Praxis, es bedeutet - leider - nicht einmal das Ende der Meinungs- Motiv- etc.- Forschung, aber es macht Hoffnung, weil es am neuen Konsens nagt.
Alte Konfliktlinien, neue Territorien
Wer gelegentlich den einen oder anderen Blick in TV-Magazine wirft und die Medienseiten der Tagespresse zwischen Sport und Kultur nicht geflissentlich auslässt, bekommt den Eindruck, dass die Welt junger Menschen zu einem wesentlichen Teil mit Worten wie Reality, Soap und Fun zu umschreiben wäre. Spaß und Wirklichkeit also, um die Schlüssel/Eckbegriffe ins Deutsche zu übertragen. Eine Frage bleibt dabei stets unbeantwortet, nämlich die, wo sich der Spaß aufhört und die Wirklichkeit beginnt und eine andere, die nach dem weiteren Verhältnis der beiden Begriffe, taucht schon gar nicht mehr auf. Und das, wo sie doch die interessanteste wäre.
Ein langsam (oder eigentlich doch schnell?) verblassendes Beispiel: Taxi Orange. Was war da eigentlich los? Vermarktet wurde die Sendung als Reality-Soap, gefeiert als TV-Aufreger, auch als zielgruppenorientierter Quotenhit, kulturkonservativ und aufklärerisch-pädagogisch verdammt als Moment einer umfassenden Verdummungsstrategie beziehungsweise als Vorbote von 1984 (Orwell, Sie wissen!). Den Text Taxi Orange zu erklären wage ich nicht, die klügsten Sätze zu dem ihn ausmachenden Konzept (über Konstruktion, Nichtkonstruktion, Alltag und inszenierte Realität) hat ohnehin schon Franz Schuh in einem Interview mit Armin Thurnher und Klaus Nüchtern in der Literaturbeilage zum Falter 42/2000 formuliert. (Sie sind dort nachlesbar, ich empfehle ihre Lektüre und die des gesamten Gesprächs jedem wärmstens.)
Mir geht es um Überlegungen zur Konkretion von Spaß und Wirklichkeit, wie sie sich entlang des Phänomens Taxi Orange jugendkulturell kontextualisieren lässt. Dieses wäre dabei als Element einer massenmedialen (mit)inszenierten neuen Formation von Jugendlichkeit/Jugendkultur zu debattieren. Dass dieses Neue kein nach vorne weisendes Neues ist, sondern eher an die Wiederkehr eines residualen Alten erinnert, muss hier genauso festgehalten werden wie der Umstand, dass es sich dennoch um eine andere, eigenständige Formation handelt.
Um einen Augenblick beim Text zu bleiben. Taxi Orange unterscheidet sich auf sehr österreichische Weise von seinem Vorläufer und Vorbild Big Brother. Bei der für RTL produzierten Sendung (ich beziehe mich hier auf die erste Staffel, die im Frühjahr 2000 lief) entschied das TV-Publikum direkt, wer die Gruppe verlassen musste, bei Taxi Orange wählte das Publikum wöchentlich einen Führer bzw. eine Führerin, die dann zu entscheiden hatten, wer gehen musste. Das erinnert, wollen wir es milde deuten, an die Tradition eines aufgeklärten Absolutismus, der in diesem Lande als aufgeklärter ohnehin nie allzu bedeutsam gewesen ist. Dazu fügt sich die Unterkunft der KandidatInnen, in Deutschland lebten sie in einem Container, in Wien im Kutscherhof, auf diese Weise ein Moment des Barock andeutend.
Dass bei Taxi Orange gearbeitet, während bei Big Brother wesentlich herumgesessen wurde, könnte vorschnell als Gegenargument gebracht werden. Nur, wie sah die Arbeit denn aus? Und: welche Art von Arbeit war es, die hier verrichtet wurde? Richtig, eine Dienstleistung, Arbeit mit Augenzwinkern. Ernsthafte TaxifahrerInnen mögen mir verzeihen, es geht mir keineswegs darum, ihre Tätigkeit als leichte zu denunzieren, sondern um das Nachzeichnen traditionaler österreichischer Besonderheiten. Die wohl wichtigste unter ihnen muss noch erwähnt werden: der allwöchentliche Selektionsprozess. Mit bewundernswerter Regelmäßigkeit stilisierten sich die jeweils zu FührerInnen gewählten als Opfer. Nicht die, die sie des Hofes verwiesen, wurden so zu den eigentlich Bedauernswerten (immerhin ging es um eine Million ÖS), sondern die SelektorInnen, die den Ausgesonderten gegenüber stets dieselben guten Gründe für ihr Handeln vorbrachten - "draußen wartet jemand auch Dich", "Du willst ja eigentlich raus" etc. Wer sich da nicht an die berühmte Sequenz um den Herrn Tennenbaum mit den noch berühmteren Sätzen "Da Hausmasta wor jo a ka Nazi, I wor a Opfa" aus dem Herrn Karl erinnert, hat von diesem Land nichts verstanden.
Nochmals, hier soll niemand denunziert werden. Es war ja, wie TeilnehmerInnen und Moderatorin immer wieder betonten, nur ein Spiel. Um Spaß (Stichwort: Spiel) ging es bei der ganzen Geschichte, aber auch um Wirklichkeit/reality. Und diese Wirklichkeit war zuallererst auch eine sozialgeographisch codierte, das Casting des ORF hat eigentlich ganz gut funktioniert, wurde aber, so meine ich, von der Wirklichkeit überholt. Ich beziehe mich hier auf das dem Europäischen Song-Contest nachempfundene Modell der wöchentlichen Abstimmung, die - eben als Eurovision en miniature - nach Bundesländern erfolgte. Die jeweiligen Landesstudios hatten die Wertungen ihres Bundesländerpublikums zu verlautbaren. Dass sie dies, wieder in Anlehnung an das europäische Vorbild, mit Witz zu tun versuchten, sei ihnen vorerst einmal nachgesehen. Jenseits der zwanghaften Lustigkeit (Fun!) wurde durchaus ernst zu Nehmendes sichtbar, nämlich die traditionelle politisch-kulturelle Trennung Österreichs in Ost und West, in Provinz und Metropole.
Als nach endlosen Wochen endlich zwei Bewohner und eine Bewohnerin übrig geblieben waren, hatten sich die Fronten geklärt. Zwei MitfavoritInnen hatten zu diesem Zeitpunkt das Haus schon verlassen müssen: ein Teenager, dessen Qualifikation in der Ähnlichkeit mit einem Filmstar bestand und ein Tiroler Tierarzt. Letzterer war übrigens der Favorit Andreas Khols, dem der zweite Tiroler (gelbhaarig, Skilehrer) offenbar etwas zu jugendlich-vulgär schien. Dass hingegen der erstere sich nicht länger halten konnte, spricht dafür, dass der reine Teenagerkult längerfristig von wirksameren Ein/Zuschreibungen überlagert wurde. Wenn schließlich doch noch der Wiener Kandidat - ein Vertreter einer urbanen, moralisch-verantwortlich gebremsten Lad-culture - gewann und eine Frau (ländlich geformte Alternativ- und Gegenkultur) sogar Zweite wurde, so soll uns das nicht darüber hinweg täuschen, dass auch in der popularen Kultur eine Rückkehr der Provinz stattfindet. Das Video, das zur Unterstützung des Tiroler Weißblonden von den Bewohnern seines Dorfes angefertigt wurde, sprach mit dem Rekurs auf lokale Wurzeln und der gleichzeitigen touristischen Aufbereitung von Hinterwäldlertum als der richtigen Lebensform eine klare Sprache.
Das dahinter steckende weitere Projekt von Verösterreicherung bedeutet und bezweckt eine Sammlung hinter der rot-weiß-roten Fahne in katholischem Geiste. Das wird derzeit symbolisch auf mehreren Ebenen wirksam: Wenn die Volkspartei nach Sanktionsende zum Dankgebet nach Mariazell pilgert und wenn ein fünfzehnjähriger Nachwuchsskispringer seine Schi stolz mit einem schwarzen Kreuz bemalt, dann mögen dies Zeichen sein, die aufgeklärten StadtbewohnerInnen nur ein müdes Lächeln abringen. Dennoch verweisen sie uns auf etwas Wesentliches: Zum einen sind die politischen Konfliktlinien wieder deutlicher sichtbar geworden, was mittlerweile Konsens unter den ZeitkommentatorInnen ist. Neu allerdings ist ihre Verschiebung und Ausweitung hinein in die Territorien der popularen Kultur.
Diese wurde in den letzten Jahrzehnten per se als Ort von Widerständigkeit gesehen und als solche wohl auch überbewertet. Das muss in Hinkunft vermieden werden; wenn sich die Wirklichkeiten ändern, dann müssen dies auch ihre Analysen tun.
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