sinn-haft nr 11
zur masse.



EDITORIAL IN DER UMZUGSKISTE
Massenhaft Subjekte - und wie hältst du es mit der Klebrigkeit?



Die Kurzreflektion im Zerrspiegel ergibt ein eindeutiges Bild: Wir suchten die Masse, wir fanden den Rest. Das Entstehen von Massen ist uns ein Rätsel geworden, die Massenanalyse führte direkt zur Ich-Hysterie. "Masse" geronn zur Leerstelle in der sinn-haft nr. 11. In fast allen Artikeln taucht sie nur als "dunkle Folie" auf, für die Beschreibung von Ausnahmen, Individuen, Intellektuellen, Jugendlichen.

Rekapitulation: Masse soll zum Subjekt gemacht werden, so wollen es zumindest die Fortschrittlichen 1789. Die Individuen aber grapschen sich ihren Teil und geben plötzlich vor, selbst Subjekte zu sein, von ihren eigenen Gnaden. Der Widerspruch "Masse = Menge aus Subjekten von eigenen Gnaden" ist der Geburtsfehler der modernen Masse. Massse entsteht, als es sie nicht mehr gibt (geht man von Massen unmündiger Untertanen als Ur-Bild für "Masse" aus). Das Individuum wird zum solchen durch Abgrenzung von der Masse und die Masse zum Subjekt durch die Subjekthaftigkeit der einverleibten Massen.
Doch dann scheint sich alles in Wohlgefallen aufzulösen: Ulrich Beck prognostiziert (s)eine reflexive Moderne. Aber halt - warum tragen hier alle dasselbe individuelle H&M - Shirt? War die ganze Geschichte von der Individualisierung nur ein Marketinggag? Und warum gibt es im Regenwald Cola? - "Individualisierung? Häufige Diagnose aktueller Zustände, doch etwas kurzgreifend."
Die Konzepte Individuum und Masse sind gleichzeitig entstanden und voneinadner abhängig wie die bekannten zwei Seiten der Medaille. Vielleicht sind sie deshalb nicht zusammenzudenken - wenn du die eine siehst, ist die andere plötzlich futsch. Wenn das Individuum in den Spiegel schaut, blickt ihm die Masse entgegen. Die Masse: zu verachtende Menschenmenge, ungewaschene Jugendliche, "rote Flut", weiblicher Schmutz, klebriger Brei. Masse, das bedeutet Krieg, mit ihr oder gegen sie. Hitler ist tot, danach kam das Fernsehen. Kommen die Massen nun endlich auf ihre Rechnung? Klar wird: Masse macht mobil!

Was in der Masse auftauchte und dort wieder unterging: Die Staatstheorien des Alexis de Toqueville und das Higgs-Boson, Wählerstromanalysen und die Blaue Blume, die Geschichte der Popularkulturforschung und die Fragen nach Lieblingssendern und Privatleben der Redaktion. Es blieb die Frage: Ist die Masse klebrig oder doch (das) Subjekt?
Antwort: Die picken aufeinander. Und wer versucht, sie zu trennen, bekommt unanständig Klebriges zu spüren. In diesem Sinne wünscht das hyper[realitäten]büro anregende Lektüre!


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