sinn-haft nr 10
für. wahr. nehmung.



WOLFGANG SÜTZL

Vom Fest-stellen der Identität.
Biometrik und Körperlichkeit.

Das Ganze ist weniger wahr, als die Summe der Wahrheiten seiner Teile. Günther Anders
1. Virtualisierung. Von der Möglichkeit zur Möglichkeit.
Am Beginn des Mann ohne Eigenschaften spricht Musil vom "Wirklichkeitssinn" und von dem mit ihm auftretenden "Möglichkeitssinn": allein aus der Tatsache, dass es einen Wirklichkeitssinn gebe, ergebe sich die Notwendigkeit des Möglichkeitssinnes. Wer einen solchen Möglichkeitssinn besitzt, schreibt Musil, "sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen, sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte etwas geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein." Der Möglichkeitssinn besteht also in der Fähigkeit, "das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen, als das was nicht ist." (MoE, S.16)

Möglicherweise gibt es wenige Sätze, die den Geist der Moderne treffender zum Ausdruck bringen als dieser. In der Moderne hat der Möglichkeitssinn dank seiner inhärenten Beweglichkeit einen Siegeszug über die Wirklichkeit angetreten, von dem sich diese nicht mehr zu erholen scheint; der Möglichkeitssinn hat sich universalisiert und ist zum damit zum neuen, zum tatsächlich relevanten Wirklichkeitssinn geworden. So folgenreich der Siegeszug der Möglichkeit über die Wirklichkeit gewesen ist, so mühelos hat er sich vollzogen. Denn der Möglichkeitssinn lebt von jenem "es könnte auch anders sein" und muss damit nicht fragen, wie es überhaupt ist. Dies verleiht ihm eine universelle Einsatzfähigkeit und grenzenlose Mobilität, welche die Wirklichkeit stets alt aussehen lässt. Nicht umsonst ist die Moderne als jene Periode bezeichnet worden, in der modern, also neu sein, selbst zum Wert geworden ist (Vattimo 2000, S.7): die stets am letzten Stand befindliche Wahlumfrage (die Möglichkeit des Wahlergebnisses) zählt so zuweilen mehr als das wirkliche Wahlergebnis, jederzeit zahlbare Zinsen zählen mehr als das Kapital, die rasche Entscheidung mehr als die richtige usw.

Peter Sloterdijk hat daher die Moderne mit einer schwindelerregenden und erschöpfenden "Flucht ins Flüchtige" verglichen (Slotderdijk 1989, S.145), während Massimo Cacciari vom "Wüten der Überwindung" als "entwurzelnder Kraft" spricht (Cacciari 1995, S.9). Beide Diagnosen verweisen in eine Wirklichkeit ohne Eigenschaften, die insofern wirklich ist, als sie nur möglich ist: in den Raum der Virtualität.

Dieser ist freilich selbst nichts mehr Neues. Friedrich Nietzsche sprach in den Achtziger-Jahren des 19. Jahrhunderts davon "wie die wahre Welt endlich zur Fabel wurde" (KSA 6, 80f.): als unerreichbare und unbekannte Idee, die zu nichts mehr nütz sei, sei sie abgeschafft worden - und mit ihr auch gleich die falsche Welt. Diese nihilistische Diagnose weist einerseits auf eine Befreiung von einer als objektiv verstandenen Wirklichkeit und der auf diesem Verständnis aufbauenden Herrschaftsstrukturen hin, sie hinterlässt aber andererseits eine unauflösbaren Ambivalenz und kann niemals als Befreiung im Sinne einer unumkehrbaren Dialektik der "Überwindung" begriffen werden.

Auch wenn, wie Vattimo bemerkt, der Verlust des Wirklichkeitssinnes "kein großer Verlust" sein dürfte (Vattimo 2000, S.16), bleibt also stets eine Möglichkeit, das emanzipatorische Potential des Unterganges der wahren Welt durch neue autoritäre Konfigurationen zu unterlaufen. Diese treten dabei im allgemeinen als "Realismus" auf: also als Lob der Ökonomie, als Rückkehr zu starken Werten, als Mannhaftigkeit, als "Taten statt Worte" usf. Diese realistischen Strömungen sind bestrebt, einen neuen, unhintergehbaren Grund zu definieren und durchzusetzen, wobei sie problemlos an die in der postmodernen Kultur verbreitete Ganzheitsnostalgie und allgemeine Interpretationsmüdigkeit anknüpfen können.

2. Die Weisheit des Körpers. Vom Ich-sagen zum Ich-tun.
Die Universalisierung des Möglichkeitssinnes - die Virtualisierung - vollzieht sich aber nicht unabhängig vom Körper, sie bringt vielmehr eine "Entkörperlichung" mit sich. Die Auflösung der Wirklichkeit und der Realismus, der sich dieser Auflösung entgegensetzt, vollziehen sich hier als Befreiung vom körperlichen Festgelegtsein einerseits, und als "realistische" Erneuerung der Körperlichkeit nach altem, autoritären Muster durch die Technik andererseits. Diese realistische Erneuerung der Körperlichkeit hat ihren Platz bekanntlich in der Informatisierung des Körpers. Denn auch wenn der Körper seit jeher gemessen und gewogen, verglichen und angepasst wird, entstehen durch das rasche Fortschreiten der Informations- und Kommunikationstechnologien völlig neue Möglichkeiten, die sich als Biotechnologie, Gentechnik, usw. entfalten. Doch während um Biotechnologie und Gentechnik wenigstens gestritten wird, regt die digitale Fest-stellung von Identität durch die Biometrik kaum jemand auf. Ein seltsames Schweigen umgibt sie, denn sie ist, wie ich im folgenden zeigen will, eine Verstummungstechnologie.

Zunächst aber zur äußeren Erscheinung der Biometrik. Bei ihr geht es um die Identifizierung von Personen anhand der digitalen Erfassung von unveränderlichen Körpereigenschaften, wie z.B. Fingerabdruck, Iris, Gesichts- oder Handform. Mit einem Scanner werden die jeweiligen Körperteile digital eingelesen und mit in Datenbanken gespeicherten Mustern verglichen. Im Falle einer Übereinstimmung ist eine Identifikation erfolgt. Fast immer ist diese Voraussetzung um Zugang zu etwas zu erhalten: zu Gebäuden, Archiven, Datenbanken, Leistungen, zu Ländern und Rechten (So ist z.B. die biometrische Erfassung aller Asylbewerber in der EU geplant - "Eurodac"). Fälschungen oder Tricks sollen dabei ausgeschlossen werden. Vom fälschungssicheren Online-Zahlungsverkehr bis zur Früherkennung von Autodieben anhand ihrer spezifischen Bewegungsmuster reichen die Anwendungen. Ja sogar Ladendiebinnen, die ihr Diebsgut als Schwangerschaftsbauch tarnen, können durch ihre abweichende Gangart erkannt und gestellt werden.

Dabei nimmt die Identifizierung einen sonderbaren Weg: nämlich jenen vom Haben zurück zum Sein. Während im modernen demokratischen Staat die Identifikation meist über etwas erfolgt, was man hat (also etwa einen Ausweispapier, oder ein Passwort) scheint die Identifikation über das Sein - also Geburt, oder eben Körpereigenschaften - einer vordemokratischen Praxis zu entsprechen, bzw. jenen Zonen demokratischer Gesellschaften zu Hause zu sein, wo eine Inbesitznahme von Körpern erfolgt: so werden etwa bei Verhaftungen Fingerabdrücke genommen, Soldaten gemessen und gewogen, bei Schönheitswettbewerben weibliche Körper vermessen, und auch der wissenschaftliche Rassismus bedient sich der Vermessung von Körpern (Koupen-Hass/Saller 1999). Eine derartige Identifikation über das Sein ist freilich viel sicherer als die Identifikation über das Haben, welche immer Veränderungen zulässt.

Mit der Biometrik erfolgt also eine Rückbindung an eine objektive Evidenz - mit ihr wird eine "realistische Instanz" in Stellung gebracht, die kein Herumdeuten mehr zulässt. Damit erfolgt aber nichts anderes als die technische Neuinstallation eines objektiven Grundes, was politisch der Rekonstruktion von zentraler Autorität gleichkommt. Denn diese hat sich historisch stets auf einen objektiven, nicht in Frage zu stellenden Grund berufen: auf die Gnade Gottes in der Monarchie, auf "die Geschichte" im Faschismus, den "Sachzwang" in der Technokratie. Als Gegenentwurf dazu könnte man die Demokratie betrachteten, in der die Berufung auf einen objektiven Grund nicht von vornherein, also kraft der objektiven Beschaffenheit des Grundes, seiner Übereinstimmung mit der Wahrheit, legitim ist. Die Legitimität des Grundes wird durch das diskursive Verfahren unter Gleichberechtigten geschwächt und relativiert.

Nietzsche hat die Schwächung der Identität, und die Rolle die der Körper dabei spielt antizipiert, als er von der Weisheit des Körpers sprach, die der moderne Mensch vergessen habe. Seinen Zarathustra lässt er sagen: ",Ich' sagst du, und bist stolz auf dieses Wort. Aber das Grössere ist, woran du nicht glauben willst - dein Leib und seine grosse Vernunft, die sagt nicht Ich, aber thut Ich" (KSA 4, S.39). Tatsächlich "tut der Leib Ich", es ist der Körper, der die Identifizierung ermöglicht, der dem Wort Ich einen nach außen erkennbare Bedeutung gibt. Die Biometrik unternimmt es nun, das Ich-tun vom Ich-sagen zu trennen, die Identität von der Sprache und all ihren Möglichkeiten zu lösen und wieder an eine objektive Wirklichkeit zu binden.

Damit scheint sie Zarathustras Aufforderung in einer sonderbaren Art zu entsprechen sie bringt uns zum Schweigen, macht dem endlosen Ich-sagen ein Ende, indem es bei jedem Scan den Körper "Ich tun" lässt und damit ein für allemal fest-stellt, was Ich nun zu bedeuten hat.

3. Interpretation oder Fest-stellung?
Die Biometrik macht dem also endlosen "Ich-sagen" ein Ende und bringt uns zum Schweigen, indem es das interpretierbare Ich-sagen mit einem mess- und damit fest-stellbaren Ich-tun ersetzt, das bedeutungslos, dafür aber eindeutig ist. Möglich ist dies allerdings nur, wenn auch die Sprache mit den ihr innewohnenden Interpretationsmöglichkeiten zurückgedrängt wird. Dies ist wohl ein Grundzug jeder Identifikation. Die Sprache wird in ihr immer weiter reduziert, gerät immer mehr zur inhaltsleeren, dafür umso klareren Formel, um schließlich im Passwort zur Karikatur von Sprache zu werden. In der Biometrik werden nun sprachliche Vollzüge aus dem Identifikationsvorgang selbst eliminiert, um als digitale Signale in den Verfügungsbereiche der jeweiligen Kontrolleinrichtung überzugehen, welche damit als einzige noch über die Identität der Gescannten verfügen kann Die Biometrik verhängt ein Schweigegebot, nach ihr gibt es nichts mehr zu sagen. Sprache, die es unternimmt, Ich zu sagen, wird angesichts der "objektiven Wahrheit" der Messung zum bloßen Gerede, angesichts der Autorität der Messung zur Ausrede eines Angeklagten. Wenn also die Biometrik tatsächlich, wie ihre Verfechter unermüdlich betonen, dem "Identitätsdiebstahl" Grenzen zieht, dann gilt dies noch mehr für die Möglichkeit der Selbstinterpretation, und damit für das, was politische und kulturelle Freiheit ausmacht.

Daher manifestiert sich dieses Schweigegebot auf politischer Ebene als Anwachsen des opaken und wortlosen Inneren der Politik, der "Sicherheit". Demokratien scheinen nämlich auf paradoxe Weise genötigt zu sein, sich vor sich selbst in Schutz zu nehmen, indem sie verhindern, dass die Möglichkeit der Pluralität selbst von einer Möglichkeit abhängig wird, und sich die Demokratie damit selbst negieren und in ein autoritäres System verwandeln könnte. Die demokratische Legitimität von Sicherheit ist a priori problematisch. Dass es dennoch einen demokratisch legitimierten Sicherheitsapparat geben kann, liegt daran, dass die Grenzen, die dieser Apparat nicht überschreiten darf, jedenfalls demokratisch definiert werden können, etwa in Form von einklagbaren Verfahrensregeln.

Die Bindung der Biometrik an demokratische Verfahren ist also höchst problematisch, denn diese reichen mit ihrer Sprache gerade dorthin, wo die Biometrik erst anfängt. Biometrik ist keine Technologie, die punktuell eingesetzt wird, sondern sie penetriert grundsätzlich den Raum als ganzes, und sie ist eine ständige Einrichtung. Mit ihr können nicht nur Gebäude und Territorien, sondern der öffentliche Raum überhaupt, sei es virtuell oder real, zu einem Hochsicherheitstrakt ohne Mauern werden, in dem jede/r nur mehr als angepasstes digitales Signal legitim existieren kann.

4. Identifikationstechnologie und Fundamentalismus.
Für die Rückbindung der Möglichkeit an die Wirklichkeit, gibt es ein Wort, das am besten ausdrückt, dass es dabei immer um die Revalidierung eines Grundes geht, über den nicht mehr hinausgegangen werden kann und der alle zum Schweigen bringt: Fundamentalismus. Freilich wird dieses Wort lieber mit bestimmten religiösen Strömungen außerhalb Europas in Verbindung gebracht, als mit Identifikationstechnologien, aber hier wie dort geht es wohl um nichts anderes als das Ziehen einer Grenze, jenseits der das Schweigen herrscht, wo also nichts mehr interpretiert und entworfen werden kann, wo keine Fragen mehr möglich sind. Der Grund ist aber nicht von selbst evident, sondern wird bekanntlich durch die Autorität repräsentiert, und Verstöße gegen ihn werden durch Ausschluss sanktioniert.

Nicht umsonst war die Rede Nietzsches von der Weisheit des Leibes eine, die dem heraklitischen Nietzsche-Interpreten Alfred Bäumler, Wegbereiter der folgenreichen nationalsozialistischen Vereinnahmung Nietzsches, besonders zusagte (Bäumler 1931). Für Bäumler bestand die Welt aus voneinander getrennten und einander widersprechenden Körpern, zwischen denen es nur ein Kämpfen und Siegen geben konnte. Das Werden der Welt verdichtet sich für ihn im Krieg, dem "Vater aller Dinge". Die Trennung der Leiber und ihre Verschiedenheit erfordert daher nach Bäumler eine zentrale Autorität, die einen Ausleseprozess ermöglicht, und damit einen gestärkten "Volkskörper" schafft, der sich Schicksal und Feind entgegenwirft. Auch wenn der Zusammenhang zwischen faschistischem Volkskörper und Biometrik zunächst weit hergeholt scheinen mag, ist zu bedenken, dass jede Messung, auch jene der Biometrik nicht vollkommen "wertfrei" ist: um überhaupt Messungen vornehmen zu können, muss die Biometrik von einer bestimmten "idealen" Körperlichkeit ausgehen. Selbst die einfachste Messung ist ein Angleichen dessen, was gemessen wird, an ein vordefiniertes Ideal. Und auch die gescannte Iris wird ja nicht direkt mit der dem Muster in der Datenbank verglichen, verglichen werden die Messergebnisse, die ihrerseits nur durch die Definition bestimmter Mess-Paramenter, also eines abstrakten "Ideales" erst möglich werden. Ist jedoch bei einfachen Messungen die Distanz zwischen dem vordefinierten Ideal und dem konkreten Körper noch als solche erkennbar und beeinflussbar (indem man etwa mehr oder weniger "gerade steht" wenn die Messlatte angelegt wird), wird diese Distanz bei der Biometrik praktisch völlig eliminiert. Träume von vollkommener Identität, von Reinheit und Trennschärfe werden durch sie zum unauffälligen Sachzwang, dessen politischer Charakter leicht im allgemeinen Lob von Annehmlichkeit und Sicherheit zu übersehen ist.

In diesem Zusammenhang ist außerdem von Bedeutung, dass Biometrik grundsätzlich keine stand-alone Technologie ist, sondern ihren Platz in elektronischen Netzwerken hat. Die Ergebnisse der Identifikationsverfahren in sogenannter Echtzeit an allen möglichen Orten im Netz abrufbar sind - wo genau und durch wen, das bleibt für den / die Erfasste/n im Dunkeln oder versickert im Sub-Text der Privacy-Statements. Dafür erfahren die Nutzer biometrischer Daten umso mehr, was den Sicherheitsapparat und weltweit operierende Großunternehmen zu den bedeutendsten Förderern biometrischer Technologien macht. So wird im US-Staat Pennsylvania jede Leistung der Sozialversicherung biometrisch verifiziert, in lateinamerikanischen Ländern werden elektronische IDs mit digitalen Fingerabdrücken eingeführt, und die EU hofft Asylsuchenden mit einem breitangelegten biometrischen Erfassungsprogramm Herr zu werden. We can conceivably end up with a mulitiple purpose national / international system from which people can't escape. (Davies 2001) Doch nicht immer dominiert das nüchterne, dem "Sachzwang" verpflichtete Sicherheitsspektakel die öffentliche Erscheinung der Biometrik. Levi's Jeans hat in Läden in den USA bereits damit begonnen, Kunden biometrisch zu scannen und die bestehenden Kundenprofile entsprechend zu erweitern (Glave 2001). Als Gegenleistung erhalten Kunden das Gefühl, ein wenig am Glamour der Welt der teilhaben zu dürfen, und bekommen Angebote, die so sehr personalisiert sind, dass es kaum mehr zu erkennen ist, wo die Trennlinie zwischen Käufer und Produkt verläuft. Die zuerst abgegebene Identität kommt als käufliche Ware zurück - Biometrik als Schmiermittel des fritcionless capitalism.

Der totalitäre Geist der Biometrik muss also keineswegs als sinister-faschistischer Exklusionsapparat auftreten. Biometrik ist vielmehr alles in einem: Fortschritt, Sicherheit, Herrschaft und Fun. Ratloses Schulterzucken und ehrfurchtsvolles Schweigen sind daher häufige Reaktionen, die der Vormarsch dieser Technologie erzeugt.

Aber vielleicht lässt sich dieses Schweigen doch noch durch den "Teufelslärm der freien Geister", durchbrechen, der bei Nietzsche die Abschaffung der wahren Welt begleitet. Es ließe sich nämlich fragen, ob die große Vernunft des Leibes, von der Nietzsche spricht, nicht vielmehr einer Aufwertung des Körperlichen als Opposition zur platonischen Feindschaft gegenüber dem Körper verstanden werden könnte, und damit auch als Absage an das Herrschen über den Körper vom Standpunkt eines objektiven Grundes aus.

Einen Idealkörper als neuen Grund zu setzten, der auch in der Pluralisierung und in der Relativität der Postmoderne die Ausübung von zentraler Autorität ermöglicht, das scheint kaum im Sinne Nietzsches zu sein, der mit der Metaphysik die Möglichkeit eines objektiven Grundes gewissermaßen in seine chemischen Bestandteile auflöste und seinen Freigeist deswegen in ein Freudengeheul ausbrechen ließ. Denn wenn mit der Einsicht in den Ursprung nimmt die Bedeutungslosigkeit des Ursprungs zunimmt, wie Nietzsche bemerkt, dann gewinnt das Nächste, das Sinnliche, der Körper also eine neue Bedeutung. Es kann dann von alten Autorität des Grundes befreit werden, die ihn von vorneherein als Arbeiter oder Soldat oder Jungfrau oder sonst wie setzt. Der Körper könnte so gerade in der Virtualisierung eine emanzipatorische Bedeutung gewinnen und sich mit Autorität als unvereinbar erweisen.


    Literatur:
  • Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften (MoE), Reinbek 1978
  • Gianni Vattimo, La società trasparente, 3. Aufl., Milano 2000
  • Peter Sloterdijk, Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik, Frankfurt 1989
  • Massimo Cacciari, Grossstadt. Baukunst. Nihilismus, Klagenfurt 1995
  • Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe (KSA), hrsg. von Colli / Montinari, München 1999
  • Gianni Vattimo / Pier Aldo Rovatti, Il pensiero debole, Milano 1983
  • Koupen-Hass / Saller, Wissenschaftlicher Rassismus, Frankfurt: Campus 1999
  • Alfred Bäumler, Nietzsche der Philosoph und Politiker, Leipzig: Reclam 1931
  • Simon Davies, Direktor von Privacy International, Interview zur Biometrik (28.5.2001)
  • James Glave, "Levi's Brave New World", wired.com/news/business/0,1367,21268,00.html (28.5.2001)




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