" ... dass die Grundfeste aller Größe in einem Reich die Menge der Einwohner ist"
Foucault (1)
"Maximalisierung des Lebens" nennt Michel Foucault das Programm der von ihm so bezeichneten "Bio-Macht". Bio-Macht gilt als die die europäische Moderne bestimmende Form von Machtverhältnissen: Bio-Macht richtet sich auf die Sorge um die menschliche Spezies als solche: Es geht um die Schaffung möglichst vieler, möglichst gesunder Bürger. In diesem Zusammenhang ist die Entstehung der modernen Medizin zu sehen, die zum Auffang- und Bestimmungsort für nicht normkonformes menschliches Verhalten wird. Wo vordem Außenseiterexistenzen und auch strafbare Regelverstöße gesehen wurden, wird in der Moderne zunehmend pathologisiert; die neu entstehenden Disziplinen Psychiatrie und Psychologie "entdecken" eine Fülle von vordergründig rein wissenschaftlich orientierten Zuschreibungen jenseits von Strafe und Moral.
Bezugspunkt dieser neuen Wissenschaften vom Menschen ist der Mensch schlechthin, das unerfüllbare Idealbild "Mensch". Jede konkrete Zuschreibung ergibt sich durch zu bestimmende Abweichung von diesem Ideal; letztlich ist dieses nur über die Abweichungen zu gewinnen: "So ist man ... zu einem Denken des Gleichen übergegangen, das stets seinem Gegenteil abzugewinnen ist." (2) Die Norm lässt sich nur über eine Nicht-Norm darstellen, Abweichungen von der Norm wirken konstituierend für die Norm.
Eng verbunden mit diesen Bestrebungen ist die Entwicklung der Statistik: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde erstmals eine internationale Klassifikation der Todesursachen entwickelt; aus ihr leitet sich noch heute die ICD ab, das verbindliche Kompendium zur Klassifikation von Krankheiten zu statistischen Zwecken. In den auf ihre Normabweichungsgrade zu bestimmenden Menschen erblickt die Bio-Macht dann das Phänomen "Bevölkerung"; Gesellschaft wird jetzt als Menge statistischer Regelmäßigkeiten gesehen, die zusammengenommen die Größe "Volk" ergeben. Eine Größe, die als Kapital eines jeden Landes erkannt wird. Deshalb wird sie zum Objekt der Wissenschaften: Die ideale Bevölkerung bestände aus einer Ansammlung von Idealmenschen; sind jedoch zu viele der Einzelelemente krank, so gilt die Bevölkerung als "krank".
Zur Bestimmung des "zu viel" tritt dann die Statistik an, die den im Zeichen der Bio-Macht entstehenden Nationalstaaten als Möglichkeit erscheint, Auskunft über sich selbst zu erhalten. In der Sorge um Volksgesundheit verbindet sich wissenschaftlicher Aufklärungsdrang mit Nationalismus, so wie sich in der modernen Medizin Forschungsinteresse mit neuen und tradierten Moralvorstellungen verknüpft. Kulminierungspunkt dieser Bewegungen ist die pathologische Persönlichkeit, der als krank erkannte Mensch, der der Gesellschaft schadet.
Fußnoten
(1) Albrecht von Haller: Tagebuch seiner Beobachtungen über Schriftsteller und über sich selbst. Bern 1787 Bd.1, S.52
(2) Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt/Main 1999 S. 409 (Herv. i. O.)
© der texte bei der autorin/dem autor
|