sinn-haft nr 10
für. wahr. nehmung.
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ELSE RIEGER
Menschen-Bilder
Überlegungen zu einem Interview
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"Am Anfang des 19. Jahrhunderts haben die Ärzte beschrieben, was Jahrhunderte lang unter der Schwelle der Sichtbarkeit und des Aussagbaren geblieben war. Aber das kam nicht daher, dass sie sich wieder der Wahrnehmung zuwandten, nachdem sie allzu lange spekuliert hatten . . . [sondern] dass die Beziehung des Sichtbaren zum Unsichtbaren . . . ihre Struktur geändert hat" (Foucault, Die Geburt der Klinik, 10).
So beschreibt Michel Foucault in seinem Buch Die Geburt der Klinik den wesentlichen Unterschied zwischen klassischer und moderner Medizin. Seinen Analysen zufolge ändert sich hier nicht der Inhalte, sondern die syntaktische Form: "Nicht nur die Namen der Krankheiten und die Gruppierungen der Symptome haben sich gewandelt, sondern vor allem die fundamentalen Wahrnehmungscodes" (ebd., 69).
Der klassifizierenden Medizin liegt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine bestimmte Konfiguration von Krankheit zugrunde: Ihr nosologisches Tableau impliziert "eine Figur der Krankheiten, die weder Verkettung der Ursachen und Wirkungen ist, noch die chronologische Reihe der Ereignisse oder ihr sichtbarer Weg durch den menschlichen Körper". Vielmehr geht es um eine intelligible Anordnung von frei und veränderlich in einem Körperraum zirkulierenden Krankheiten, die dort zu finden sind, "wo sich Analogien häufen", in einem "Projektionsraum ohne Tiefe", innerhalb dessen die Wirkung denselben Status wie die Ursache hat. Die Krankheit ist in der Abstraktion vom Kranken zu erkennen - dann bekommt sie ihren Platz zugewiesen im abgeschlossenen "Garten der Pathologie, in dem Gott die Arten wachsen ließ" (vgl. ebd., 20ff), sie ist - unabhängig vom betroffenen Menschen - eine eigene ontologische Größe.
Dagegen bildet sich an der Wende zum 19. Jahrhundert eine Medizin mit offenen, potenziell endlos weiterzuführenden Auflistungen von Erkrankungen. Alle Qualitäten eines zu beobachtenden Menschen bekommen jetzt einen Status als Gegenstand zugewiesen, es interessieren nicht mehr ontologische Wesenheiten, sondern positiv gegebene Eigenschaften, die es in der klinischen Erfahrung zu erblicken gilt. Foucault bringt dies paradigmatisch zum Ausdruck anlässlich der Veränderung in der entscheidenden Frage, mit der ein Arzt versucht, sich ein Bild vom Patienten zu machen: Aus "was haben Sie?" wird "wo tut es Ihnen weh?" - damit "gestaltet sich das ganze Verhältnis des Signifikanten zum Signifikat um . . . zwischen den Symptomen und der Krankheit, die deren Signifikat bildet" (vgl. ebd., 16f).
Wesentlich für den medizinischen Erkenntnisgewinn wird zu diesem Zeitpunkt die Anatomie: Mit ihrer Hilfe dringt der klinische Blick in den Körper ein, anstatt - wie bis dato praktiziert - nur von außen zu entdecken und zu ordnen. Erstmals wird es möglich, sich ein Bild vom Inneren des Menschen zu machen, einem Inneren, dessen abnorme Veränderungen als bestimmbare Orte bestimmbarer Krankheiten wahrgenommen werden. Somit wird das Sezieren zur Grundlage jedes Medizinstudiums, Anatomie wird zur Bedingung der Möglichkeit medizinischer Erkenntnis.
Dass diese Drehung zur positivistischen, ontologiefreien klinischen Medizin eine ontologische Verschiebung von der Krankheit als Wesen zum Menschen als pathologisierbaren Wesen mit sich bringt, soll hier nur am Rande interessieren. Wie aber hält die zeitgenössische Medizin es mit der Wahrnehmung des Menschen? Welche Bedeutung haben moderne bildgebende Verfahren wie Computertomograhie und Magnetresonanz-Untersuchungen für die Entwicklung der Medizin, insbesondere für das medizinische Bild vom Menschen? "Man macht im Grunde genau das, was das Wort ‚Anatomie? macht: auseinanderschneiden," so sagt es Dr. Martin Uffmann, Radiologe am Allgemeinen Krankenhaus Wien. Sezieren bringt einen einmaligen Erkenntnisgewinn, der stets im Nachhinein erst möglich ist. Moderne bildgebende Verfahren hingegen erscheinen als Techniken der Möglichkeiten. Diese Untersuchungsmethoden ermöglichen eine Anatomie jenseits des Seziersaales - kein Wunder, dass das eine revolutionäre Umgestaltung des Medizinstudiums nach sich zieht, in dem der einführende Sezierkurs bald der Vergangenheit angehören soll. An die Stelle des materiellen Gewebes tritt jetzt die digitale Darstellung desselben, vorzugsweise in 3-D-Qualität und vom Arzt mit Hilfe der bei der Untersuchung gewonnenen Daten selbst mehr oder weniger beliebig zu Bildern zusammensetzbar.
"Der Mensch bleibt ganz und wird nur von verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet", meint Dr. Uffmann. Nun ja, Blicke können ja bekanntlich nicht töten - oder vielleicht doch? M.E. ist eine solche Sichtweise, die das Betrachten aus verschiedenen Blickwinkeln nicht als Aufsplittung wahrnimmt, sondern als "ganzheitliche" Methode zur Gewinnung von Menschenbildern, unabtrennbar verbunden mit der grundlegenden Transformation des modernen Menschenbildes als solchem. Der menschliche Körper wird nicht mehr zerlegt, er wird transformiert in eine Masse von Daten. Daten, die unabhängig vom Körper wiederum beliebig zerleg- und zusammensetzbar sind, die den Körper in gewisser Hinsicht überflüssig machen. Daten, die den Körper von Innen heraus jenseits materieller Grundlagen, auch jenseits der Gene, technisch reproduzierbar machen; diese Bilder bilden, absichtlich und ohne eine andere Intention vorzuspiegeln. Damit drängen sie die sterblichen Überreste des Untersuchungsgegenstandes "Mensch" ins Abseits. Seziert zu werden - könnte schon bald eine Ehre bedeuten.
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