sinn-haft nr 10
für. wahr. nehmung.



ANNETTE OHME-REINICKE

"Du musst kein Scheich sein zum Reich-Sein"

Über die Konditionierung in der technischen Zivilisation durch Fernsehsendungen wie "Taxi Orange" und "Big Brother"

Die "Epoche des vereinzelten Einzelnen" (Marx) hat sich im Zuge der Technisierung zu einer Epoche der Vereinzelung des Einzelnen in künstlichen Gemeinschaften gewandelt. Die Konjunktur von Fernsehsendungen wie "Big Brother" oder "Taxi Orange" oder "Gran Hermano" spiegeln dies wider. Hier wird die aktuelle Gesellschaftsstruktur medial reproduziert und Formen der Selbstunterdrückung ideologisch eingeübt.

Fernsehsendungen wie "Taxi orange", "Big Brother" oder "Gran Hermano" haben derzeit Hochkonjunktur. Sie breiten sich in den westlichen Industrieländern epidemieartig aus, weil sie massenhaft Zuschauer finden. In 25 Ländern soll das Originalformat der Sendung bald gelaufen sein. Über 60 000 Personen bewarben sich in Deutschland als Teilnehmer für die zweite Staffel, vier Millionen sahen den Einzug der Kandidaten in den Container. Offenbar identifiziert sich die Masse der ZuschauerInnen mit jenen, die eingesperrt, von Kameras überwacht und von der Öffentlichkeit kontrolliert um soziale Anerkennung buhlen.

Vom Taylorismus...
Die "Zeit- und Bewegungsstudien", die Frederick W. Taylor Ende des 19. Jahrhunderts durchführte, zielten darauf, Menschen gemäß ihrer physischen Fähigkeiten zu selektieren und dementsprechend in der Produktion einzusetzen. Taylor zerlegte die Bewegungen und fragmentierte so jede menschliche Aktivität in elementare und automatische Abläufe. Damit war eine neue Form der produktiven Arbeit und Organisation begründet. Das Ergebnis dieser Betriebsorganisation war die Aneinanderreihung der Arbeiter und Arbeiterinnen am Fließband: die Verrichtung stupider Tätigkeiten, der Arbeiter/die Arbeiterin wurde gänzlich zum Anhängsel der Maschine. Fortan war eine beträchtliche Zahl an Kontrolleuren, Inspektoren, Zeitregulatoren und Buchhalter notwendig, welche die Bewegungen der Arbeiter zu überwachen hatten. Ein wesentliches Prinzip von Taylors Betriebsorganisation war die Bestrafung der/die ArbeiterInnen, falls sie die erwarteten Leistungen nicht erbrachten. Großzügig belohnt wurden sie, wenn sie die Normen übertrafen. Es folgte die Ingangsetzung einer Massenindustrie zur Herstellung von Massenprodukten zu deren KonsumentInnen wiederum der/die vereinzelte ArbeiterInnen wurden. Sie suchten ihre Bedürfnisse nun mehrheitlich in der "schönen neuen Warenwelt" zu befriedigen und waren bestrebt, sich jenen Idealen anzupassen, welche zuvor in den Werbeagenturen erfunden worden waren.
... zur Teamarbeit
Im Gegensatz zu den offen autoritären Produktionsformen der tayloristischen Fließbandproduktion bedarf der effektive Einsatz des Computers in der Produktion eines neuen Typus des Arbeitenden. Ohne so genannte "soziale Kompetenz" lassen sich die neuen Technologien nicht gewinnbringend einsetzen. Diese verlangen vielmehr psychische Fähigkeiten, um Konflikte zu vermeiden oder zu "lösen" und mit individuellen Fehlern so umzugehen, dass diese den Produktionsprozess nicht beeinträchtigen. "Teams" werden gebildet. Die Teamarbeit ist der strukturelle Kern und die Bedingung zur effektiven Verwertung der Arbeitskraft in der Hightech-Industrie. Die "Teams" aber, sind keine Gemeinschaften, sondern künstliche Gruppen, deren Struktur der Markt bestimmt und deren Mitglieder subtil gegeneinander konkurrieren. Während früher die Hierarchie im Produktionsprozess von oben nach unten, vom Vorgesetzten zum Untergebenen verlief, so findet nun eine gegenseitige Kontrolle der Arbeitenden untereinander statt. Die Stechuhr wird durch den Erwartungsdruck der Kollegen ersetzt. "Gruppendruck ist sehr effektiv für die Arbeitsdisziplin" (ein Manager in der Zeit, 11.03.94) Die Teamarbeit dehnt sich auf sämtliche Sphären des gesellschaftlichen Lebens aus und wird zu ihrem strukturellen Merkmal. Teams werden nicht nur in Betrieben und Büros gebildet, sondern auch in Sozialstationen, Schulen und Gefängnissen.

Durch den Einzug des Computers in den privaten Lebensraum wird die Trennung von Lohnarbeit und Wohnen zunehmend aufgehoben. Die Wohnung wird vernetzt, verkabelt, mit der Öffentlichkeit verbunden. Der digitale Arbeitsplatz macht einsam und reduziert den zwischenmenschlichen Kontakt auf eine digitale Schnittstelle. Im Zuge der durch die neuen Technologien erzwungenen Flexibilisierung verschwinden zunehmend Orte, an welchen über einen längeren Zeitraum hinweg kollektive Erfahrungen gemacht werden können; es entsteht eine Sehnsucht nach Gemeinsamkeit.

Selbstunterdrückung im "Team"
Dabei scheint das Konzept simpel: Die etwa dreizehn von der Fernsehanstalt ausgewählten DurchschnittskandidatInnen lassen sich uneingeschränkt dabei filmen, wie sie etwa drei Monate lang zusammen eingesperrt sind. (Der Produzent der niederländischen Sendung "Big Brother" übrigens verglich seinerzeit den Drehort mit einem "deutschen Straflager".) Zur Belohnung winken den TeilnehmerInnen Prominenz, Beliebtheit, Geld und Werbeverträge. Menschen werden als Objekte der Beobachtung durch die Zuschauer ausgesetzt, sie erscheinen als fremdartige, erklärungsbedürftige Wesen. Die Situation auf der Leinwand enthält zugleich eine Endzeitvision: Auf engem Raum eingesperrt, mit verknappten Ressourcen Haus haltend, sind die Kandidaten scheinbar damit beschäftigt, drohende Überlebenskämpfe zu bestehen. Damit werden Ängste vor Krisen, Ordnungsverlust, Konkurrenz und Entzivilisierung angeprochen. Es ist ein allgemeines Gefühl des Bedrohtseins, das der Zuschauer mit den Protagonisten teilt. Doch was auf den ersten Blick aussieht wie ein Team, das um sein gemeinsames Dasein kämpft, ist in Wirklichkeit ein Haufen willkürlich bestimmter Einzelner, die gegeneinander konkurrieren. Die Teilnehmer unterliegen ständiger Überwachung, Normierung und Sanktionsdrohung. Sie werden wöchentlich gezwungen, einen aus der Gruppe auszuschließen. Die allgegenwärtige Kameraüberwachung bis in die Betten suggeriert vollkommene soziale Kontrolle und eine alle Verstellung durchkreuzende Objektivität. Die ständige Sichtbarkeit zwingt die Teilnehmer, die Selbstkontrolle auf die Spitze zu treiben, um möglichst lange dabei zu bleiben. Die Kameras beobachten an den Kandidaten die Affekte des Versuchs, sozial erwünscht zu sein. Und genau das betrachtet der voyeuristische Zuschauer.

Der von den Zuschauern erwählte Gewinner, muss im Falle von "Taxi orange" den Verlierer bestimmen. Anstatt dass der Gewinner selber geht, ohne einen anderen, der schwächer ist, öffentlich zum Verlierer zu machen, entschuldigt er sich, nur seine Pflicht zu tun. Durch diesen Akt der Ausgrenzung erfüllt der Mitspieler die Erwartungen des Publikums. Denn für die Zuschauer besteht der Thrill bei "Big Brother" in derselben Frage, die im Alltag ständig als Damoklesschwert über ihnen schwebt: "Wer schafft es, wer fliegt aus der Gruppe raus?" Er identifiziert sich mit den in der Gruppe der Eingesperrten. Dabei begegnet er seinen eigenen Ängsten: Angst vor Versagen, vor Mobbing, Unbeliebtheit und Überwachen. Doch diesmal steht er - anders als im Produktionsprozess - daneben. In der "ersten Reihe" sitzend droht ihm persönlich keine Gefahr. Im Gegenteil: Nachdem er durch das Schlüsselloch der Kamera private und intime Verrichtungen der Kandidaten observiert hat, kann er endlich einmal den Spieß herumdrehen. Für einen Augenblick übernimmt er die Rolle des Chefs über das Team. Endlich erhält er selbst einmal die Macht, Menschen öffentlich zu selektieren.

Volksvergnügen Selektion
So liegt der Grund für die Hochkonjunktur derartiger Fernsehsendungen in folgendem Phänomen: Der Zuschauer erkennt sich in der künstlich geschaffenen Gruppensituation wieder, weil er eine solche in der Teamarbeit täglich erlebt. Durch den Telefonanruf beim Fernsehsender bekommt er ein Machtmittel in die Hand, das ihm ermöglicht für kurze Zeit von der Opfer- in die Täterrolle zu entkommen. Er darf nun bestimmen, wer für das Team "gut genug" ist und wer nicht. Diese Selektion wird zum Volksvergnügen, ja zum sportiven Gerangel der Bundesländer: TirolerInnen gegen SteiererInnen, WienerInnen gegen OberösterreicherInnen, etc. Es findet eine nationale "demokratische" Abstimmung darüber statt, welches Verhalten sozial erwünscht ist und welches nicht; eine nationale Abstimmung über soziale Ausgrenzung. Der Ausschluss sozial unerwünschter Personen wird so mental ritualisiert..

Fernsehsendungen wie "Big Brother" oder "Taxi Orange" sind Abbilder der Gesellschaftsstruktur der technischen Zivilisation und dienen der massenhaften Einübung von Herrschaftsformen. Hier wird die Entfremdung sozialer Verkehrsformen auf der Höhe der Hightech-Ökonomie des 21. Jahrhunderts reproduziert und zugleich ideologisch exerziert. Ferner findet dabei eine massenhafte Konditionierung zur sozialen Selektion statt. "Du musst kein Scheich sein, zum Reich-Sein" lautet der Refrain im Lied von "Taxiorange" - denn jede/r darf sich auf dem Markt sozialer Entfremdung verkaufen.



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