sinn-haft nr 10
für. wahr. nehmung.



ESA ÖHLER

entkörperlichte krankheit

die ablösung des fühlens durch das sehen als bevorzugten sinn in medizin und gesellschaft ist eine alter hut. aber was ist, wenn ich meine krankheit weder sehen noch fühlen kann? wenn der einzige hinweis auf meinen zustand ein paar zahlen sind, die noch dazu nicht eindeutig sind? abstraktes "wissen" welches "does not look to, or speak about, the body", das ich irgendwie mit dem gedanken in einklang bringen muss, dass ich mich 1. gar nicht krank fühle und dass ich 2. in potentieller lebensgefahr schwebe.
helen lambert und hilary rose zeigen, wie menschen mit einer genetisch bedingten, vererbten stoffwechselkrankheit (familiärer hyperlipidämie) mit ihrem "disembodied knowledge" umgehen. konkret geht es um blutwerte, die den blutfettspiegel (u.a. cholesterin) anzeigen, welcher wiederum als statistisches risiko für einen herzinfarkt oder eine andere letale herzkreislauferkrankung gelesen werden kann.
die empirische wahrnehmung der patientinnen ist bei dieser krankheit insofern irrelevant, als nur die bluttests aussagen über den gesundheitszustand / das aktuelle erkrankungsrisiko geben können. die autorinnen kamen zu dem schluss, dass die personen ein situatives, interpretatives, sich ständig weiterentwickelndes verhältnis zum medizinischen wissen aufbauen, das sich in folge dessen in ihren alltag integrieren lässt, "handhabbar" wird. hier treffen mehrere dinge zusammen: einerseits das anfangs schwer verständliche medizinische wissen, das von den betroffenen aktiv angeeignet wird. dann das bedürfnis der patientinnen, ihre krankheit in einen möglichst angenehmen alltag integrieren zu können. und aus meiner sicht: der ausschluss der eigenen erfahrung, das totale verwiesen- und abhängigsein von medizinischen erkenntnissen bzw. geräten, wobei die ergebnisse und deren interpretation nie eindeutig sind. körperwahrnehmung wird durch zahlen ersetzt, die mir sagen, wie ich mich zu fühlen habe. letztlich scheint es nicht mehr relevant zu sein, ob ich mich krank fühle.
aber: die patientinnen können auch dieses abstrakte wissen in ihren alltag eingliedern, woraus sich bedingt ableiten lässt, dass sie das wissen als eine art der erfahrung annehmen können, wenn sie sich intensiv mit ihm und seiner entstehung auseinander setzen, es sich also aktiv aneignen können. gut - diese spezielle gruppe nimmt eine gewisse sonderstellung ein, da es sich um eine erbliche erkrankung handelt, und die betroffenen das umfeld (erkrankte familienmitglieder, cholesterindebatte in den medien) und die zeit haben, um diese aneignung zu ermöglichen. im medizinischen alltag einer ambulanz wird dies so nicht möglich sein.
ich will jedoch darauf hinaus, dass wir unseren technisch-medizinischen erfindungen keineswegs ausgeliefert sind. keine frage: die wahrnehmung, der wortschatz, medizinische praktiken, die sicht auf den körper ändern sich. diese verschiebungen sind in spezifischen sozialen situationen wie in der gesellschaft allgemein wirksam. aber ich meine, wir wachsen mit unseren maschinen mit. heute reicht es durchaus, einen blutwert zu erfahren, um sich danach krank zu fühlen. und ich behaupte, dass digital vermittelte erfahrungen, wenn sie aktiv angeeignet werden, zumindest einen ähnlichen stellenwert haben können wie "echte", körperliche erfahrungen.


    literatur:
  • lambert, helen & rose, hilary: disembodied knowledge? making sense of medical science. in. irwin a., wynne b. (ed): misunderstanding science? the public reconstruction of science and technology. cambridge university press 1996: 65-83.
  • duden, barbara: der frauenleib als öffentlicher ort. hamburg / zürich: luchterhand 1991.



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