sinn-haft nr 10
für. wahr. nehmung.
|
KARIN HARRASSER
Scotty, beam me up if you can.
Einige Episoden des Dauerbrenners "Derealisierung"
|
Der folgende Artikel stellt den Versuch einer Verkomplizierung dar, den Versuch, das Verhältnis von Material und Information, von Wirklichkeit und Simulation, von Referent und Zeichen, Körper und Kultur nicht als einen glatten Bruch, sondern als einen umkämpften Ort zu beschreiben. Es ist sogar eines der beliebtesten Schlachtfelder des vergangenen Jahrhunderts gewesen, auf dem sich fast alle eingefunden haben: SF-Autoren, Medientheoretiker, Kybernetiker, Physiker, Wissenschaftsforscher und Computerkids. Der verlockende Gewinn: die Verfügungsgewalt über die Welt, wie wir sie kennen unter der Vorgabe, sie gar nicht zu kennen.
"Das Zivilisationsparadigma: Abstraktion vom Körper kommt erst auf dem Feld der Neuen Medien zur vollen Entfaltung. Die hier erreichte Komplexität macht es jedoch endgültig schwierig, zu unterscheiden, ob die viel zitierte Selbstreferenz eine Errungenschaft oder ein Verhängnis ist."
Dietmar Kamper: Der Januskopf der Medien. Ästhetisierung der Wirklichkeit, Entrüstung der Sinne. Digitaler Schein. Ästhetik der elektronischen Medien. (Hg.: Florian Rötzer) Frankfurt 1991, S. 93
Kommt, lasst uns die Ablösung des Zeichens vom Referenten besingen: Die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts.
Auch wenn die Arbitrarität des Verhältnisses von Zeichen und Referent seit der Erfindung des phonetischen Alphabets in der westlichen Kultur rumort, im 20. Jahrhundert hat dieses Problem eine besondere Karriere in den Wissenschaften und in der Kunst gemacht. Peter Bürger bezeichnete "die Rückführung der Kunst in Leben" als das Überprojekt der Avantgarden schlechthin. Den Grund für das Leiden der Künste an ihren eigenen Zeichen sah er in den Autonomisierungs- und Spezialisierungstendenzen im 19. Jhdt und den dadurch bedingten "Erfahrungsverlust" der Künstler. Der Rückzug der Künstler aus dem "Leben" zeige sich in der Verschiebung der Form-Inhalt Dialektik zum Formpol - der Ästhetizismus schöpfte zwar alle Kunstmittel aus, akzeptierte aber gleichzeitig seine eigene Folgenlosigkeit im "wirklichen" Leben. Durch ihre institutionalisierte Außenseiterstellung, relativ zu den Feldern der Ökonomie und der Politik, behauptet auch Pierre Bourdieu, werden gesellschaftliche Felder automatisch selbstreflexiv und (nun kommt Boris Groys ins Spiel) entwickeln einen Hunger nach fremden, rohen Zeichen sowie (berechtigte) Zweifel daran, dass ihre eigenen Zeichen auf irgendetwas verweisen. Berechtigt deshalb, weil die feldinternen Wahrnehmungsmodi stets Resultat einer spezifischen sozialen und historischen Situation sind.
Der Pathos der Avantgarden, mit dem die "Loslösung des Zeichens vom Referenten" besungen, aber viel öfter beklagt wird, die Verzweiflung, mit der sie sich auf die Suche nach der "wahren Sprache" machten, sollte uns deshalb nicht verwundern. Die Bebilderungen des Problems sind bekannt: eine Pfeife ist keine Pfeife mehr, ein Kuhauge wird zerschnitten, dreidimensionale Körper zerfallen in zweidimensionale Flächen. Auch das Einmontieren von "echten" Materialien in Bilder, von "echten" Zeitungsmeldungen in Romane illustriert den Hunger der Avantgarden nach "richtigem Leben". Wird jedoch einmal die Konsistenz der Wirklichkeit in Frage gestellt, ist danach selten Behutsamkeit im Spiel: Ästhetische Verfahren des Schneidens, Zerrens, Ziehens und Brechens, im Wiener Aktionismus bis zum Exzess gesteigert, Bilden das ästhetische Inventar der Avantgarden.
Das Leiden der Avantgarden an der Willkür der Zeichen führte zu Sprachspiel und vermeintlichem Un-Sinn: Der Künstler erlaubt sich selbst, Sinn zu setzen und Realität zu simulieren. Ein Text, der all diese Tendenzen aphoristisch zusammenzieht ist Walter Serners "Letzte Lockerung. Handbrevier für Hochstapler", geschrieben 1918. Er führt uns die Aporien des simulativen Modus vor. Hier nur der erste und der letzte Absatz seines Manifestes: "Um die Erde rast eine Kotkugel auf der Damenstrümpfe verkauft und Gaugins besprochen werden.(. . .) Damenseidenstrümpfe sind unschätzbar. Eine Vizekönigin IST ein Fauteuil. Weltanschaaungen sind Vokabelmischungen. Ein Hund ist eine Hängematte. L'art est mort. VIVE LE RASTA!" (Serner 1981, S. 14, 20) In 591 Ratschlägen wird dann die Conditio Artistica vorgeführt. Nr. 55: "Dein größter Vorteil? Nicht zu sein, was du scheinst; ja nicht einmal scheinen zu wollen, was du nicht bist." (Serner 1981, S. 76)
Glauben Sie an die Wirklichkeit? Von intellektuellen Spielereien und Utopien.
Natürlich wäre es naiv, zu glauben, dass das, was wir sehen, die Wirklichkeit wäre. Die rohen Daten unserer Wahrnehmung werden bekanntlich erst entsprechend kultureller Codes und psychischer Dispositionen entschlüsselt. Nur so sind wir dazu in der Lage, der Welt Sinn zu verleihen. Genauso dumm ist es aber, zu behaupten, es gäbe keine Wirklichkeit, denn das hieße die Kontigenz des Kulturellen zu universalisieren und zu naturalisieren. Diese Tendenz, nämlich überall nur die Möglichkeit und nirgends die Wirklichkeit wahrzunehmen, ist eng mit dem intellektuellen bzw. künstlerischen Habitus verknüpft und kann als Strategie der Selbstermächtigung charakterisiert werden.
Sozialkonstruktionisten ist beispielsweise meist daran gelegen, den Status quo als nicht notwendige Folge einer historisch spezifischen Konstruktionsleistung zu entlarven. Sie vertreten damit einen Utopismus-light: Es könnte auch anders sein, wenn . . . Auf der anderen Seite schlägt die reine Möglichkeit oft genug in Omnipotenzphantasien um: Die Vorstellung von der Formbarkeit des (Volks)körpers, die es in linker wie in rechter Utopien gibt, würde hier anschließen.
Ian Hacking nennt Wörter wie "Tatsache", "Wahrheit" und "Wirklichkeit" Hebewörter, weil diese einfache Aussagen auf eine allgemein gültige Ebene heben und damit adeln. Hebewörter haben seiner Ansicht nach zwei Eigenschaften: sie sind zirkulär definiert und sie schillern in ihren Bedeutungsfacetten. Man kann das in Form eines Gesellschaftsspiels ausprobieren: Man schlage beispielsweise das Wort "objektiv" nach und suche dann Wörter aus der Definition auf, wer als Erster wieder zum ursprünglichen Wort zurückkehrt ruft Vish! (Vicious Circle) und hat damit gewonnen. Deshalb sei bei ihrem Auftauchen in Diskursen Vorsicht angebracht, lieber solle man fragen, was als konstruiert oder real präsentiert wird als sich darüber zu streiten ob die Dinge nun real oder konstruiert seien.
Wie lernen daraus: Der De/Konstruktivismus ist nicht unbedingt ein emanzipatorisches Projekt: Es kommt anscheinend darauf an, wer wann was als kontigent charakterisiert: Selbst der/die aufrechtesten VertreterIn einer sozialkonstruktionistischen Auffassung von Rasse und Geschlecht würde Rassenunruhen oder die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern für wirklich halten; lediglich in der Frage, was dies politisch bedeutet, sind sich Rechte und Linke uneinig. Wolfgang Welsch plädiert deshalb für eine formale statt einer ontologischen Auffassung von Wirklichkeit: "[. . .] nicht, was eine Sache an sich ist, sondern was sie im Zusammenhang mit anderen ist, entscheidet über ihren Wirklichkeitscharakter." (Wolfgang Welsch: . In: Krämer (Hg.) 1998. S. 211)
Der Mensch ist von Natur aus künstlich. Vom Informatisieren/In-Form-bringen der Körper.
Villem Flusser sieht in der Fähigkeit des In-Form-bringens den grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier. Die Fähigkeit, in einem genetischen und in einem kulturellen Gedächtnis Information aufzubewahren, gilt ihm als doppelte Naturverneinung, da die Natur immer zu Entropie und Vergessen neige. Daher sei das Informatisieren Grundlage der "Menschenwürde".
Wenn vom "spezifisch Menschlichen" und von Natur die Rede ist, sind Evolution und Anthropologie nicht mehr weit und dann gelingt auch der Sprung von Flussers emanzipativen Konzept der Informatisierung zu Züchtungs- und Identifikationsphantasmen der Nationalsozialisten beunruhigend leicht. Die Brücke legt uns die Anthropologie der Zwischenkriegszeit (Helmuth Plessner, Norbert Gehlen, Jakob von Uexküll), die im Duett mit Freud die destruktiven, natürlichen Triebe des "von Natur aus bösen Menschen" unter Kontrolle zu bringen gewillt war. Nur eine "Aura der Künstlichkeit" (Jacob Taubes) könne mit Gegengewalt diese in Schach halten. Zwar wird in den 20er Jahren die menschliche Fähigkeit des Symbolisierens (bei Flusser die Fähigkeit, Information zu speichern, zu prozessieren und weiterzugeben) als kühler Freiheitsbringer (von Innerlichkeit und Subjektivität) gefeiert und die Oberflächlichkeit der Umgangsformen als erlösende Selbsttechnik wahrgenommen (die offene Möglichkeitsform der Existenz), aber bald schon schlägt dies in ein Bedrohungsszenario um, das alles fürchtet, was formlos erscheint: die Frau, die formlose Masse des Proletariats, die verstreute jüdische Gemeinschaft. "Gemeinschaft" gerät zu Feindbild der "ungesonderten Einheit", ihr wird eine Vorstellung von Gesellschaft entgegengesetzt, die den Verkehr der Mitglieder möglichst formal zu regulieren bestrebt ist und zwar via Militär, das zum Vorbild sozialer Organisation wird. Die Panzerung des wehrlosen Männerkörpers wird zum Leitbild, und damit seine eigene Negation: Ihn gibt es tatsächlich nur als In-Form-gebrachten - sein psychischer Panzer ist das Analogon zum Korsett der Frau.
AI - Die Karriere körperloser Information in der Kybernetik: Posthumanismus (fast) philosophiefrei.
Im Falle der Kybernetik kann man kaum die Absicht des Unterlaufens idealistischer Philosophien für das Entstehen einer bestimmten Variante des Derealisierungsparadigmas verantwortlich machen: keineswegs war ein Angriff auf das bürgerliche Subjekt geplant und die Naturwissenschaften sind jenes gesellschaftliche Feld, das glaubt, über besonders stichhaltige Beweise für die Objektivität der Welt zu verfügen. Das Konzept der Virtualität entwickelte sich nach und nach, als unerwarteter Erbe der Feedback-Schleife.
Eine der mythischen Gründungsnarrative der Computerwissenschaften ist der so genannte Turing-Test, der die Definition dessen, was ein Mensch und was ein Bewusstsein sei, vollkommen vom Körper trennte und ins Symbolische verlagerte: Ein Computer könne dann als intelligent und bewusstseinsbegabt gelten, wenn er in einem Fragespiel (das ursprünglich zur Unterscheidung von Frauen und Männern gedacht war) seine Menschlichkeit so gut simulieren könne, dass sein Gesprächspartner ihn für eine Person hielte. Die glaubhafte Simulation des Homo Symbolicus gilt als Beweis für Bewusstsein. Turings Traum beschränkte sich jedoch nicht auf eine Denkmaschine. Eigentlich dachte er an eine "Kindmaschine", die mit Wahrnehmungsorganen ausgestattet werden sollte und damit lernfähig wäre. Die Nachbildung kognitiver Fähigkeiten erschien ihm jedoch sehr viel einfacher als komplexe Wahrnehmungs- und Gefühlsleistungen, und deshalb auch machbarer.
Die Kybernetik ist ein Kind der Mechanisierung, das Prinzip der Selbstregulierung von Systemen leitete man ursprünglich von Schadensregulierungssystemen traditioneller Maschinen ab, z.B. von Dampfregulierungsmechanismen, aber auch aus der Wirtschaftstheorie. Nach dem WKII etablierte sich die Kybernetik als interdisziplinäre Forschungsrichtung (z.B. Biologie, Physik, Computerwissenschaften), die sich an drei Leitbegriffen orientierte: Homeostase (1945-60) bezeichnet die Fähigkeit geschlossener Systeme, sich über eine Membran mit der Umwelt auszutauschen. In der Semiotik hieß das, dass irgendeine Verbindung, ein Austausch zwischen Zeichen und Referent vorhanden sein würde, dass diese Beziehung beispielsweise sozial reguliert sei. In einer zweiten Phase wurden Reflexivität und Autopoiesis (1960-80) "entdeckt", also die Tendenz der Systeme zur Selbsterhaltung. In der Welt der Systemtheorie ist von da an die Wahrnehmung von dieser Tendenz zur Selbsterhaltung absolut determiniert. Die Idee von informationsmäßig abgeschlossenen Systemen in Biologie, Robotik und Gesellschaft entstand. In der Linguistik brach das Zeitalter des Poststrukturalismus, des frei flottierenden Zeichens, an. Das Konzept der Virtualität (ab 1980) ist nur noch ein weiterer Schritt: Nicht nur organisiert sich ein System selbst, um jede Bewegung wiederum zu integrieren, seine innere Struktur wird zum Produzenten und Generator erhoben - die Gesellschaft und das Zeichensystem wurden zu ihrer eigenen Simulation.
Kybernetiker und Artificial Intelligence-Forscher bedienen sich gerne großer Worte, die dem alten Paradigma der Dichotomie von Körper und Geist geschuldet sind und kaum ein paranoides Klischee auslassen:"Falls wir überhaupt jemals Besuch von intelligenten Wesen von anderen Planeten bekommen, dann werden das Wesen sein, die das Verschmelzungsprodukt einer hoch entwickelten intelligenten Spezies mit ihrer noch höher
entwickelten intelligenten Computertechnologie darstellen. (. . .) Dank ihrer Fähigkeit, ihre Umwelt durch Nano-, Pico- und Femtotechnolgie zu manipulieren, werden sie in der Lage sein, sämtliche eventuell noch existierenden physischen Bedürfnisse zu befrieden. Nein, die einzig vorstellbare Ressource, die solche Zivilisationen interessieren könnte ist - Wissen." (Kurtzweil 2000, S. 393) Der Körper wird zum Anachronismus, oder schlimmer, er erzeugt Unglück: "Unter den gegenwärtigen Bedingungen sind wir unglückliche Zwitterwesen, halb Biologie, halb Kultur, wobei viele unserer biologischen Eigenschaften mit den Erfindungen des Geistes nicht Schritt halten können. (. . .) es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen der Zeit und Energie, die wir in den Erwerb, die Entwicklung und die Verbreitung von Ideen investieren und der Mühe, die wir für unseren Körper und die Aufzucht einer neuen Generation aufwenden (wie alle Eltern halbwüchsiger Kinder bestätigen können). Der mühsam aufrechterhaltene Waffenstillstand zwischen Geist und Körper wird völlig aufgehoben, wenn das Leben endet." (Moravec 1990, S. 13)
Allmachts- und Reinheitsphantasmen mischen sich hier auf beinahe unerträgliche Weise mit (Sozial)darwinismus und Kriegsmetaphorik - nicht vor der Derealisierung der Welt sollten wir uns fürchten, sondern vor der Realisierung solcher Vorstellungen.
Wie man eine Wirklichkeit herstellt, die in zwei Tagen (nicht) wieder zerfällt.
Philipp K. Dick war ein SF-Schriftsteller, der die Vorgabe, SF sei eine Literatur des "Was wäre wenn . . ." mehr als ernst genommen hat. Nicht nur sind seine Geschichten eine konsequente Arbeit an der Frage, was die Wirklichkeit wohl sei, sein reales Leben war geprägt von Medikamentenkonsum und Verfolgungswahn. 1974 hatte er eine, wie er es nannte "Vision der Apokalypse", die ihn dazu brachte anzunehmen, die Wirklichkeit, wie wir sie sehen, sei nur der Zuckerguss einer ganz anderen Welt: darunter verborgen lebten wir alle als Urchristen kurz nach Christi Geburt.
Bei Dick ist das Problem der Wirklichkeit immer mit dem der medialen Vermitteltheit der Welt durch Technik und Gesellschaft auf der einen Seite und mit dem Problem der Identität, der Ichfindung, der Subjektivität der Wahrnehmung auf der anderen Seite verknüpft. Zwei seiner Geschichten, die dies behandeln sind verfilmt worden: "Total Recall" und "Blade Runner". Die Stimmung im Film "Blade Runner" vermittelt ganz gut das Gefühl der Unentschlossenheit, die Dicks Geschichten über Androiden, Außerirdische und Drogenabhängige prägen: wie ein Möbiusband schrauben sich die Wirklichkeiten ineinander - ein fester Grund ist nicht mehr zu erreichen. "Die Wirklichkeit ist das, was übrig bleibt, wenn man aufgehört hat, daran zu glauben.", sagt Dick und nähert sich damit Schelers oder Lacans Auffassung von der Wirklichkeit als dem, was der Phantasie, dem Symbolisieren Widerstand entgegensetzt, an.
Dass die Denkfigur der Simulation nicht unbedingt mit der Entwicklung immer perfekterer Wahrnehmungsdevices zusammenhängt, sondern ein fixer Bestandteil fiktionalen Experimentierens ist, beweist eine seiner Geschichten aus dem Jahr 1969 ("The Electric Ant"), in der ein Mann nach einem Unfall auf dem Operationstisch landet, um zu erfahren, dass er ein Androide ist. Er entdeckt ziemlich schnell, dass er, indem er seine Lochstreifen manipuliert (Löcher hinzufügt oder zuklebt) seine Wirklichkeit manipulieren kann - plötzlich flattert ein ganzer Schwarm Enten durchs Zimmer. Schließlich schneidet er den Lochstreifen ganz durch, worauf die Welt verschwindet - überraschenderweise aber auch für alle andern Figuren, die folglich nichts anderes als Lochstreifenphantasien sind. Dicks Geschichten machen deutlich, dass sich als Folge von Esoterik & Co. eine Vorstellung von multiplen, geschichteten Wirklichkeiten auf sehr breiter Basis durchsetzen konnte. "Matrix" oder "The Truman-Show" sind vergleichsweise einfach gestrickte Filme, die uns jeweils einen unhintergehbaren "Grund", ein Reales, präsentieren. Weniger stark haben sich seine Überlegungen zu Subjektivität und Identität im Kanon populärer Bildwelten durchsetzen können. Anscheinend schiebt man lieber dem Medium die Rolle des Manipulators zu, als sich selbst.
Heroes der Informatisierung
Der Prophet (Marshall McLuhan):
Nicht zufällig schließt einer der wichtigsten Medientheoretiker direkt an die klassischen Avantgarden an. Der kanadische Anglist Marshall McLuhan entwickelte seine Theorie der Medien ausgehend von Walter Benjamins Arbeit und den Montagepraktiken der Avantgardisten. Er erbte damit auch das Misstrauen der Künstler gegenüber der Wirklichkeit und den Zeichen. Einzig die Medien selbst sollten wahrnehmungskonstituierend sein: The medium is the message. Davon ausgehend prophezeite er bereits in den 60er und 70er Jahren das Herannahen von Informationsgesellschaft und Global Village. Grundlage dieser Annahme waren aber keineswegs reale Medienverhältnisse (es stand ihm noch nicht einmal ein vernünftiger Fernsehapparat zur Verfügung), sondern ein assozitatives Verfahren plus einiger theoretischer Annahmen, mit dem es ihm gelang, den Blick der Geisteswissenschaftler auf die Realität der Medien nachhaltig zu irritieren.
Den Begriff der "reinen Information" assoziiert McLuhan mit dem Licht und der Elektrizität, ignorierend, dass beide an Trägermedien gebunden sind. Reine, d.h. semiotisch austauschbare Information brachte uns aber erst der Binärcode, er ist ein Universalcode, "reines Zeichengeld" (Vief 1991, S. 120) Lange bevor der Binärcode in Geldform verfügbar war, fasste McLuhan bereits zusammen: "Auf das angewandt, was wir noch als "Ökonomie" betrachten (. . .) sind alle Formen von Reichtum das Ergebnis von Information." (McLuhan 1968, S. 69). Die Geldwirtschaft als Entfremdungsinstrument ist seit Marx bekannt, dass aber Information die gleiche Rolle spiele, das war in den 60er Jahren neu und prophetisch; dass man Marx mit seiner ganzen Analyse der Gesellschaft von den materiellen Grundlagen aus mit einem Satz abtun könne, nämlich, er habe den Telegraphen irrigerweise ignoriert, fast schon ketzerisch. Erst jetzt, da die Produktionsmittel immer mehr Informationsmittel/Medien geworden sind, lassen sich die beiden Positionen einander annähern und geben McLuhan überraschenderweise Recht: Information ist Geld geworden und erbt damit das Verdikt nur schöner (Geld)Schein zu sein.
Der Apokalyptiker (Jean Baudrillard):
Das Double des Propheten ist der Apokalyptiker - eine beliebte Figur auf der Bühne des Derealisierungsdiskurses. Auch er erhebt Anspruch auf die Gestaltung der Zukunft und gibt sich desillusioniert/bilderlos: Aufgrund des Fehlens einer unhintergehbaren Realität und der Referenzlosigkeit der Zeichen konstatiert Baudrillard: "Überflüssig, von einer Revolution durch die Inhalte zu träumen, überflüssig, von einer Revolution durch die Form zu träumen, da Medium und Reales von nun an in demselben undurchsichtigen Nebel aufgehen." (Baudrillard 1981, S. 127)
Schon die Metapher des Nebels deutet auf den Aufklärer hin, der die Nacht der Irrationalität mit seiner Kerze erleuchten möchte. Jacques Derrida verweist in diesem Zusammenhang auf zwei unterschiedliche etymologische Wurzeln des Begriffs der "Apokalypse": Einerseits sei damit ein Wille zur Enthüllung, zur Offenbarung, zur Aufklärung gemeint, andererseits die umfassende Zerstörung. Es geht also um Aufklärung durch und im Angesicht der drohenden Zerstörung. Nicht die Utopie einer irgendwie herstellbaren "besseren" Welt, sondern die völlige Neuordnung menschlichen Lebens, das sind die totalitären Ansprüche apokalyptischer Visionen. Versuchen sich also Populärkultur und poststrukturalistische Medienkritik gemeinsam als verkappte Aufklärer? Führte nicht schon die Proklamation eines "Verblendungszusammenhangs" durch die Kritischen Theoretiker zu einer Lähmung kultureller Bewegungsfähigkeit und zur Entmachtung des Rezipienten? Baudrillard dreht die Schraube noch etwas weiter: Nicht nur sind die Massen verblendet, es ist weder feststellbar, wer die Blendung herstellt, noch gibt es irgendeine Möglichkeit ihr zu entkommen. Blind tastend kann höchstens noch die Blendung selbst konstatiert werden.
Die Anwartschaft auf Wahrheit, Licht und Klarheit ist jedenfalls eine erstrebenswerte Position im Kampf um die Hegemonie in Sachen "symbolisches Kapital", die des Theiresias ebenfalls. Insbesondere in einer Zeit, in der die Kulturtechniken des Speicherns, Prozessierens und Übermittelns von Wissen aus den Händen einer Bildungselite in die Hände der Informatiker und Programmierer überzugehen scheinen.
Mir erscheint die "Agonie des Realen" als nichts anderes als eine wirkungsmächtige Fiktion, mit einem Denkfehler im Kern: Es ist zwar vielleicht egal, was die Zeichen bedeuten, aber sie müssen etwas bedeuten, sonst wären sie wertlos. Bedeutungswandel wird von Baudrillard schnurstracks zu Bedeutungsverlust umgedeutet. Der einzige tatsächliche Bedeutungsverlust den ich entdecken kann, ist aber der, den die Profession der Philosophen in Sachen Weltdeutung und Kulturproduktion im 20. Jhdt. hinnehmen musste.
Der Retter (Bruno Latour):
Zirkuläre Referenz und Objektivität: Im unendlichen Reich der Zeichen kann einem schon schwindlig genug werden, dabei war noch gar nicht die Rede von jenem Feld, das immer noch den Anspruch erhebt, Wirklichkeit nicht diskursiv herzustellen sondern zu beschreiben: den Naturwissenschaften. In der Diskussion um die sozio-kulturelle Verfasstheit von Technologien scheint derzeit eine Pattstellung erreicht: Während Naturwissenschaftler und Techniker auf die Eigendynamik technologischen Fortschritts pochen und die "Gesellschaft" höchstens als lästiges Übel und Hintergrundgeräusch dieses selbstlaufenden Prozesses wahrnehmen, pocht die Wissenschaftsforschung auf die soziale Konstruiertheit und die symbolische Seite von wissenschaftlicher Praxis und Technologie. Die Science and Technology Studies, die untersuchen, wie wissenschaftliches Wissen hergestellt wird, stehen am Schlachtfeld "Objektivität" den Naturwissenschaftlern gegenüber. Objektivität und Wirklichkeit heißen die umkämpften Territorien. Bruno Latour hat mit seinem Buch "Die Hoffnung der Pandora" den Versuch unternommen, die Situation zu klären, indem er die Kernbegriffe der Auseinandersetzung entkernte: In einem ersten Kapitel durchquert er mit einer Gruppe von Forschern den Regenwald und dokumentiert, wie aus einem Stück Waldboden Text werden kann. Er bricht so mit jener Vorstellung, dass zwischen dem sprachlichen oder statistischen Zeichen und dem Referenten eine nur zufällige Beziehung existiere und führt stattdessen den Begriff der zirkulären Referenz ein: Wenn Forscher in vielen Zwischenschritten Erdproben sammeln, sie systematisieren und letztlich in Buchstaben und Zahlenketten übersetzen, gibt es in jedem dieser Schritte eine Bewegung von Materialität zur Abstraktion, von Partikularität zu Standardisierung, einen Verlust von Komplexität und eine Mobilisierung der Information. Jeder dieser Schritte eröffne zwar einen Graben zwischen Referent und Zeichen, aber die Zuordnung sei alles andere als willkürlich. Indem er die vielen Vermittlungsschritte zwischen Welt und reiner Form dokumentiert, deckt er den "großen Graben" zwischen Zeichen und Referenten zu und ersetzt ihn durch holpriges Gelände. Fast wie Aristoteles denkt er die Zeichen als im Realen bereits angelegt - der Stein gestaltet seine Repräsentation genauso mit, wie der Wissenschaftler, der ihn bezeichnet. Der Akt der Bezeichnung wird rückbezüglich, zirkulär.
Die zweite Denkfigur, die Latour aufs Korn nimmt, ist die Opposition von Fiktion und Fakten: Er begibt sich dazu tief in die europäische Denktradition hinein und zeigt anhand einer Re-Lektüre des Dialoges zwischen Sokrates und Kallikles auf, dass der Hintergrund sowohl für die Proklamation von abstrakter Wahrheit als auch von politischer Tyrannei stets die Angst vor dem Pöbel ist.
Trotz dieser Generalangriffe gegen grundlegende Kategorien der Wissenschaften sieht Latour sich nicht als Feind der Wissenschaften, sondern als einer, der ihnen "mehr Realität" verleiht: durch Kontextualisierung, durch Analyse ihrer impliziten Annahmen und durch das Erfinden neuer Begrifflichkeiten. So ist ihm Wissenschaft nicht der fortschreitende Prozess der Erforschung von Objekten, sondern die "Sozialisation nichtmenschlicher Wesen". Politik soll in einem "Parlament der Dinge und Menschen" abgehandelt werden; das wissenschafltiche Faktum ersetzt er durch den Begriff des faitiches - einem Zwitterwesen aus Fakt und Fetisch. Vielleicht dürfen wir irgendwann wirklich "War is Over" im Krieg der Wissenschaften untereinander und im Krieg der Wissenschaften gegen den Pöbel proklamieren.
Schlusseinstellung
Es ist Zeit, das Schlachtfeld zu räumen und genauer hinzuschauen. Meine Schlusseinstellung ist deshalb ein Closeup: Pipilotti Rists "Pickelporno". Porentief filmt sie ein Paar beim Liebesspiel, schleicht sich in die Körperöffnungen, schmiegt sich hautnah an, sinnlich aber kühl - der "wirkliche" Körper ist zwar auch das nicht, aber weder wird er zum Kampfplatz, noch zur Projektionsfläche, weder wird er zerstückelt, noch in seiner Ganzheit hypostasiert und damit Zufluchtsstätte für die Suche nach uncodierter, unschematisierter Wahrnehmung. Ganz und gar verwoben bleiben Kamera, subjektiver Blick und Körper. "Ich bin ein typisches Fernsehkind. Ich kenne das Gefühl, nicht mehr unterscheiden zu können, was ich am Nachmittag im Wald und danach im Fernsehen erlebt habe.", sagt Rist. Doch es ist nicht die tieftraurige Geschichte des Realitäts- und Authentizitätsverlustes, die sie erzählt, sondern die melancholische von der Bereicherung des Lebens durch multiple Verflechtungen von Wirklichkeiten und Vorstellungen.
Literatur:
- Jean Baudrillard: Simulacres et simulations, Paris 1981.
- Jacques Derrida: Apokalypse. Wien 2000.
- Philip K. Dick: Wie man eine Welt erbaut, die nicht nach zwei Tagen wieder auseinanderfällt. In: Der Rabe 59. Zürich 2000, S. S. 74-104.
- Ian Hacking: Was heißt 'soziale Konstruktion'? Zur Konjunktur einer Kampfvokabel in den Wissenschaften. Frankfurt 1999.
- N. Katherine Hayles: How we Became Posthumane. Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics. Chicago 1999.
- Sybille Krämer (Hg.): Medien Computer Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Frankfurt 1998.
- Ray Kurtzweil: The Age of Spiritual Machines. München 2000.
- Bruno Latour: Die Hoffnung der Pandora. Frankfurt 2000.
- Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle. Düsseldorf/Wien 1968.
- Hans Moravec: Mindchildren. Der Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Hamburg 1990.
- Bernhard Vief: Digitales Geld. In: Digitaler Schein. Ästhetik der elektronischen Medien. (Hg.: Florian Rötzer) Frankfurt 1991, S. 117-146.
- Walter Serner: Das Gesamte Werk. Bd. 7. Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche die es werden wollen. Hg.: Thomas Milch, München 1981.
© der texte bei der autorin/dem autor
|
WHO IS WHO - AutorInnen der nr 10
AutorInnen der sinn-haft

herausgegeben vom hyper[realitäten]büro
|
|
|