sinn-haft nr 10
für. wahr. nehmung.



MARCUS HAMMERSCHMITT

Blinde Spiegel

1
Die Computerwissenschaft möchte die Behauptung der Pythagoreer wahr machen, dass die Dinge in Wirklichkeit aus Zahlen bestehen. Ließe sich jeder beobachtbare Vorgang als Programm ausdrücken und jede Situation als maschineller Zustand, dann hätte sie damit auch Recht.
2
Die Indianerspiele im Computerbereich greifen die Frage der abendländischen Wissenschaft, was "hinter" den Phänomenen denn eigentlich steckt, neu auf, und versuchen sie durch den Transport in einen virtuellen Raum lösbar zu machen. Im Computer verweist eine Ebene entweder auf die ihr unter - oder übergeordnete, und der Zutritt zu den Ebenen ist den Kennern vorbehalten, auch wenn sie nur wissen müssen, wie man eine Maus bedient. Im verschärften Fall aber, dem der Verschlüsselung, für den der Computer erfunden worden ist, erlangen nur wahre Adepten Zugang. Und das Erfolgserlebnis, mit dem ein Passwort oder ein Code geknackt werden, soll das ausgebliebene Erfolgserlebnis bei der Entschlüsselung der Welt ersetzen. Damit es dies kann, muss planvoll die Welt durch ihre Simulation substituiert werden, bis die Schmach vergessen ist, die die Wirklichkeit dem abendländischen Rationalismus angetan hat, indem sie sich hinter die Quantenmechanik zurückzog, wo sie nicht mehr greifbar war.
3
Wie bei den Eisenbahnen, denen man zur Zeit ihrer Einführung nachsagte, eine Fahrt mit ihnen könne Gehirnschäden verursachen, malte man bei der Einführung der Computer den falschen Teufel an die Wand, mit der Behauptung, sie würden massenhaft Arbeitsplätze kosten, die Kommunikation zwischen den Menschen weiter verarmen lassen, einen Überwachungsgesellschaft ermöglichen, usw. Und obwohl dies wahr ist, wie die regelmäßigen Eisenbahnunglücke, die Rationalisierungskahlschläge in einzelnen Branchen und die periodisch aufgedeckten Überwachungsskandale zeigen, liegt die Hauptgefahr doch woanders, nämlich darin, dass die Computer als echte Entsprechung des menschlichen Geistes begriffen werden, und nicht als dessen Metapher. Also nicht als Planspiel, sondern als Substitut. Der Schein der Subjekthaftigkeit haftet umso fester an den Maschinen, umso begeisterter er ihnen aufgedrängt wird. Wie Marxens tanzender Tisch verkörpern die Computer plötzlich die "Intelligenz", die in Wahrheit aufgewandt wurde, um sie funktionieren zu lassen.
4
Die meisten der Erfindungen, die das Funktionieren des Computers vorbereitet haben, sind noch in gesellschaftlichem Gebrauch. Was auffällt ist die Disparatheit der Maschinen und Gebiete, die im Funktionieren des Computers zusammengefasst werden, Merkmal für einen wirklich bedeutsamen Innovationssprung. Es war alles schon vorher da, aber nie in dieser Kombination. Und nun, da der Computer allpräsent ist, sind die technischen Einrichtungen, die ihn vorbereitet haben, zwar noch in Gebrauch, aber der Computer durchwirkt sie von vielen verschiedenen Punkten aus, umarmt sie spielerisch, bis im Ernst bewiesen ist, dass er sie ersetzen kann. Er kann, wenn die Programme dazu möglich sind. Die Apparate, die der Computer ersetzt (einschließlich der Menschmaschine Bürokratie), waren die Verkörperungen der Regeln, die der Computer anwenden muss, damit er sie ersetzen kann. Dabei ist auffällig, dass das Auto im Stammbaum des Computers keine Rolle spielt. Mobilität ist ihm fremd. Wer ein Laptop in den Himalaya mitnimmt, macht nicht sein Büro mobil, sondern verwandelt den Himalaya in die Fototapete für sein Büro.
5
Am Computer sind Spielen und Lernen dasselbe. Ist es darum, weil alles andere Lernen mit anderen Menschen zusammen abläuft? Lernen mit anderen Subjekten verändert auch deren Subjektivität, sodass das Lernen einen Einfluss auf das Dasein des jeweils anderen und seine Fähigkeit dazu hat. Das Spiel ist von diesem Ernst abgekoppelt. Aber das Lernen mit Computern hat auf deren Dasein keinen Einfluss, da sie keine Subjekte sind. Computer sind in dem Sinn die elektronischen Entsprechungen der Geister, dass sie da sind und doch auch wieder nicht, wie Schemen, die erscheinen und handeln, aber auf den Anruf eines Subjekts nicht mit Subjetivität, sondern mit einem Programm antworten, das heute noch primitiv genug ist, um als solches erkennbar zu sein. Computer sind Untote, gefangen in einem Bann, gegen den sie unter bestimmten Bedingungen schon heute anlöcken, als seien sie es nicht. Bei der Arbeit mit einem Computer sehen wir uns in einen Spiegel, der in einem verstaubten Ballsaal hängt. Wir wissen nicht, was genau wir darin verloren haben. In dem getrübten Glas sehen wir uns selbst als Geister.
6
Intelligenz gibt es nicht an und für sich. Es ist auch sicher, dass sie sich nicht im Labor erzeugen lässt. Daher wächst bei einer Sekte der KI - Forscher die Begeisterung für den Versuch, eine gesteuerte Maschinenevolution in Gang zu bringen. Darin ist genau so wenig Segen wie in den Basteleien der Konservativen etwa um Marvin Minsky oder in den kranken Phantasien eines Hans Moravec. Die erträumte Versuchsanordnung der Evolutionisten hat Stanislaw Lem mit seinem Roman "Der Unbesiegbare" geliefert, in dem nach einigen Millionen Jahren einer Maschinenevolution eine geistlose "Zivilisation" von Pseudoinsekten entstanden ist, die sich als schwarze Wolke jeder Herausforderung zu stellen vermag. Das geheime Weltbild der Evolutionisten ist der Sozialdarwinismus, gekoppelt mit der militaristischen Idee von der Gesellschaft als einer unüberwindbaren Kampfmaschine: der äußerste Gegenpol der befreiten Gesellschaft. Nach den Gesetzen der Dialektik müsste es von dort einen Umschlag eben in ihr absolutes Gegenteil, die befreite Gesellschaft geben, aber wie ein schwarzes Loch, das alles um sich herum in seinen Schlund saugt, ist die Macht der These so groß, dass sie jede mögliche Antithese unter sich begräbt. Es findet in Wahrheit gar keine Auseinandersetzung statt, sondern nur eine Vernichtung. Ob es bis dahin überhaupt kommt, ist gar nicht wichtig, sondern allein die Tatsache, dass gescheite Köpfe daran arbeiten. Die Subjektivität frisst sich just wie in der "Dialektik der Aufklärung" selbst, bis sie in eine tosende Objektivität umschlägt, die neben sich nichts duldet, ohne überhaupt ein Subjekt oder auch nur einen Willen zu haben. Vollendetes Sinnbild dieser absoluten Objektivität ist die schwarze Wolke in Lems Roman.
Den ideologisch vollkompatiblen Hintergrund zu den heute noch lächerlich wirkenden Versuchen, eine Maschinenevolution in Gang zu bringen, liefert der Positivismus, der dummdreist die Anwesenheit und das Erkenntnisinteresse des Subjekts im Versuch verleugnet. Das äußerst Künstliche soll als das Natürliche schlechthin gelten, und die Veranstalter halten sich dezent zurück, ganz wie Millionäre, die als edle Spender nicht genannt sein wollen. Der edle Spender in der KI - Forschung, der nicht genannt sein will, ist das Militär, dem das Menschenmaterial letztlich doch zu unzuverlässig wurde.
7
Wie der Allegoriker in der Natur die Bedeutung sucht, um sie seinem Wissen einzuverleiben, so sucht der Programmierer in ihr das Programm, oder im Jargon, das "effektive Verfahren", mit dessen Hilfe er endlich Zugriff gewinnt. Beiden, dem Allegoriker und dem Programmierer sind sowohl die Natur als auch die von ihnen gefundenen Bedeutungen vollkommen gleichgültig, sie wollen sie nur kennen. Für beide ist die Natur nur eine Chiffre für noch nicht erlangte Macht. Wenn alles zerlegt sein wird, bleiben nur Wissen und Schweigen, eben jener Abgrund des Bösen, von dem Walter Benjamin in seinem Trauerspielbuch gesprochen hat.
8
Die Photographie zerstörte die Aura der Originale. Diesen Prozess hat Benjamin beschrieben wie kein anderer. Da aber im neunzehnten Jahrhundert der Unterschied zwischen dem Original und der Kopie noch so klar war wie der zwischen Bedeutung und Information, hatte das Original das Vorrecht, auch wenn es nur noch der Herrscher in einer konstitutionellen Monarchie war. Dem Computer ist alles gleich. Er ist so egalitär, dass an ihm die grauenhafte Seite dieses Begriffs sich so recht erst erweist. Da es keinen Unterschied in seinen Speichern zwischen Information und Bedeutung gibt (er ist zu dumm, um den Unterschied zu erkennen), hat er das Original abgeschafft. Außerhalb seiner Schaltkreise leben die Originale ihr von den Kunstmanagern verbrauchtes Leben fort, aber die Gebilde, die mit seiner Hilfe geschaffen werden, weisen den Begriff des Originals von sich ab, es gibt schlicht keine Stelle, an der er sich anlagern ließe. Der letzte Verbündete des Begriffs vom Original ist die Zeit. Er wird die heute fortgeschrittensten Modelle in Kürze in Originale verwandelt haben, in elektronische Folklore, an die sich Sekretärinnen und Programmierer mit feuchten Augen erinnern werden. Im Kielwasser dieser Entwicklung werden Exempel der kruden Gebilde, die auf den Rechnern von vorgestern geschaffen wurden, als Quasioriginale eingeführt werden, als die Ahnen des jeweils Neuesten.
9
Es ist die Trägheit unserer Augen, die Kino und Fernsehen möglich machen. Es ist die Trägheit der menschlichen Beine, die es möglich machen, dass Maschinengewehrsalven dazwischenfahren. Ein Schuss könnte danebengehen, einhundert kaum. Es ist die Trägheit des menschlichen Geistes, die uns glauben lässt, das phantastisch schnelle Verschieben und Überschreiben von Megabytes sei als "intelligent" zu bezeichnen. Die lichtgeschwind gewordene Umsetzung des reduktionistischen Credos, die Welt bestehe aus Teilen von Teilen, hat die technische Seite der menschlichen Organik veralten lassen. Unser Leib soll angeblich verbessert worden sein durch die technischen Errungenschaften, die falsche Gesellschaften benutzt haben, um ihn auszubeuten; in Wirklichkeit war das Ziel von Anfang an, ihn zu überwinden, was herausgekommen ist, ist die Negation. Dies hat seinen Ursprung in der Leibfeindlichkeit des Christentums, das sich so wenig mit dem Unrat und Schleim in unserm Körperinneren anfreunden konnte, dass es noch die sexuell interessante äußere Hülle zum Teufel jagen wollte, in voller Übereinstimmung mit dem sadistischen Zweig der Aufklärung, der so überaus großes Vergnügen an uhrwerksgetriebenen Pferdeautomaten und anatomischen Atlanten hatte. Besonders dieser Zweig der Aufklärung, von den fetischistischen Scheißeäquivalenten Geld und Macht so unwiderstehlich angezogen, hat den Reduktionismus gepredigt, in seinen Dienst genommen und heutigentags den multinationalen Trusts zu treuen Händen übergeben, die von den Datenalchemien der KI - Forscher immer noch mächtigere Instrumente zur Profitmaximierung sich wünschen. Diese Forscher sind die Theologen des Reduktionismus und ihre "intelligenten" Produkte Denkmale der Scham der Menschen vor ihrem unzureichenden organischen Körper. Wir sollen sie angesichts unglaublicher Taktzeiten und ins schier Uferlose anwachsender Speicherkapazitäten nicht bestaunen. Wir sollen Abbitte für unseren schwachen Leib leisten.
10
Das geheime Vorbild aber der Erfindungen, die die Schwächen des Menschen nutzen, um sich ins rechte Licht zu setzen, wie Kino, Maschinengewehr und Computer, ist die Uhr. Ihr in Segmente zerlegter Kreis, Erbe der Astrologie, die jedem das Seine zuteilt, ob er will oder nicht, kehrt noch wieder in der Filmspule die im Projektor abläuft, der Nipkowscheibe, die am Anfang des Fernsehens stand, den Zirkularmagazinen der ersten Maschinenwaffen, und dem Festplattenspeicher des Computers. Dieser zerlegte Kreis ist die Fortentwicklung der differenzlosen Zeit, mit der sich Tiere begnügen, die die Gesetzmäßigkeiten des Himmels, sei's des astrologischen, des kapitalistischen oder des elektronischen, nicht brauchen.
11
Es kann sein, dass Poesie und Informatik letztlich eins sind, aber was bedeutet "letztlich"? Aus der Entfernung ist alles eins, die Wahrheit ist konkret. Poesie und Informatik sind so scharf voneinander unterschieden wie Bedeutung und Information, die nur in der menschlichen Sprache konvergieren. Die KI - Forscher möchten die Unterschiede zwischen Schöpfung und Technik aufgehoben sehen in einer Einheit, der sie den Namen der Technik geben, aber die sie selber meint. Das Ziel der KI - Forschung ist die Selbstglorifikation der Forscher, so mächtig aufgeladen mit wissenschaftlich bemänteltem Narzißmus, wie sonst nur noch bei der Gentechnik. Die KI - Forscher machen dabei den Fehler aller Positivisten, die bescheiden ihre Messergebnisse als die Welt selbst präsentieren, noch das Ohr verleugnend, das sie an ihren Pulsschlag gehalten haben: weil sie nicht zugeben möchten, dass sie vor Stolz über ihre Entdeckungen beinahe platzen. Mutter soll den Nobelpreis herausrücken für die Wurst, die sie in die Schüssel gelegt haben. Der Positivismus wie der Anspruch der KI - Forscher, dem reinen Geist auf der Spur zu sein, ist weder ein Denksystem noch auch nur ein "Paradigma", es ist ein Charakterfehler. Dass sich der Unterschied zwischen Schöpfung und Technik nur in etwas aufhebt, das größer ist als sie, und das auch den geschmähten Leib umfasst, dem sie den reinen Geist entreissen wollen, ist ihnen nicht einsichtig. Sie sind ja schon selbst die Größten.
12
Es spricht aber auch viel dafür, dass auf dem vermeintlichen Weg zur künstlichen Intelligenz selbst die keinen Einblick in die Eigendynamik der stets komplexer werdenden Systeme haben, die sie schaffen. Ereignisse wie das Auftreten der Computerviren, deren offizieller Bezeichnung ("Softwareanomalien") man noch das verwirrte Kopfschütteln der Technokraten über ihre Existenz ansieht, oder die Tatsache, dass komplexe Programme längst auch für die unüberprüfbar geworden sind, die sie entwerfen, haben an den Plänen der ersten Generation von KI - Forschern, die dem Menschen höhere, weil perfekt funktionable elektronische Wesen folgen lassen wollten, deutlich den Charakter kindlicher Omnipotenzphantasien hervortreten lassen. Derselbe Verblendungszusammenhang, der uns den Einblick in die Natur der jeweilig fortgeschrittensten Technologie versperrt, versperrt ihn auch den Technologen. Und wenn auch die periodisch in katastrophalen Fehlfunktionen ausschlagende immanente Unvollkommenheit elektronischer Systeme nicht etwa der Beweis dafür ist, dass sie sich niemals "intelligent" werden verhalten können, sondern der beunruhigende Hinweis darauf, dass sie dem bloß apparativen Stadium entwachsen, ist doch die Blindheit der Technokraten selbst das einzige, was trotz der Vorahnung kommender Katastrophen einen Rest von Gelassenheit noch begründet.



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