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Birgit Lang
Geld und Schuld oder neue Störfälle in Entenhausen
Störfälle gibt es viele, besonders in Entenhausen. Doch ein Störfall im Entenhausen der 80er Jahre unterscheidet sich nachhaltig von einem des 21. Jahrhunderts . . .
Den meisten von uns als Lektüre aus der Jugendzeit bekannt, erhalten sich manche ihr Disneyfieber. Die hartnäckigste Sorte der erwachsenen LeserInnenschicht ist jedoch jene, die als Kinder einem Disneyverbot unterlagen, was das Lesen selbiger Produkte zu einem gefährlichen und intensiven Unterfangen machte, und die erst im Erwachsenenalter dazu übergingen - endlich frei von der elterlichen Interdiktion - die Lustigen Taschenbücher schlicht am Kiosk zu kaufen. Wie oft bei (gezwungenen) HeimlichtuerInnen, die ihre Gier erst spät stillen konnten, ist das Verlangen nach dem Produkt ein nachhaltiges - die Verfasserin der vorliegenden Zeilen gehört in selbige Kategorie und gibt ihrer nun legalisierten Disneysucht seit über zehn Jahren nach.
Naheliegenderweise beginnt der / die LeserIn Mitte des Monats intensiv über seine / ihre Lektüre nachzudenken (Der Einfachheit halber verwende ich von nun an ausschließlich weibliche Formen, die männlichen Disney-Fans werden's hoffentlich verkraften). Der Grund dafür ist einfach, es dauert noch zwei Wochen bis der neue Band erscheint, und - das Disyneysuchtzentrum will befriedigt sein. Welche Plots gefallen einer, was ist die beste Figur und wann kommen endlich wieder Storys und Zeichnungen von den favorisierten Autorinnen und Künstlerinnen. Das Thema Störfall kam also wie gelegen um den leichten Schwindelanfall in produktive intellektuelle Schaffenskraft umzusetzen. Und es stellte sich heraus, Störfälle gibt es viele, besonders in Entenhausen. Mehr noch, betrachtet man die Geschichten des beliebten und populären Walt Disney Produkts wird klar: Entenhausen lebt geradezu vom Störfall. Damit ist es in der Genre der Unterhaltung nicht allein. Lustspiele, ja Komödien oder Unterhaltendes aller Art, lassen sich oftmals auf eine Störenfried-Formel zurückführen (Klotz 1980). Im Comic ist es kein innerer Konflikt, welcher die zweidimensionalen HeldInnen zerreißt, sondern ein ausgelagerter. Und die Perzeption, wer oder was denn jetzt als Störfall zu betrachten ist, ändert sich im Laufe der Zeit. Oder anders gesagt: Ein Störfall im Entenhausen der 80er Jahre unterscheidet sich nachhaltig von einem des 21. Jahrhunderts.
Der Dagobertsche Geldspeicher
Da mir Mickey Mouse in seiner heroischen Perfektion noch nie besonders gefallen hat, sind es die Ducks, allen voran Dagobert, denen ich mein besonderes Augenmerk schenken werde. Das Zentrum des Dagobertschen Universums ist sein Geldspeicher, der mächtig und erhaben auf einem Hügel Entenhausens thront. Er ist nicht nur der Wohnort Dagoberts, er beherbergt vor allem eines, das in klingende Münzen und in ein paar Scheine verwandelte Kapital, das Dagobert badend genießt. Der Geldspeicher ist auch der Ort, an dem sich die Störfälle zentrieren, er ist gleichsam eine Burg, die es - zumindest aus der Perspektive der Störenfriede - einzunehmen gilt. Der bekanntesten ihrer sind die Panzerknacker, die Hexe Gundel Gaukeley und - nicht zu unterschätzen - Gitta Gans, die versucht, in ihrer grenzenlosen, gefühlsduseligen Liebe zu Dagobert in den Geldspeicher zu gelangen. Die Störenfriede entsprechen - und das ist nicht ganz offensichtlich - konventionellen gesellschaftlichen Stereotypisierungen. Die Panzerknacker sind nicht nur Sträflinge, die zumeist erfolglos hinter dem Geld von Dagobert her sind. Sie sind eine Gefahr für die Gesellschaft und für das Kapital. So ruft Dagobert, wann immer er von der Freilassung der Panzerknacker hört, sofort Polizeibeamte, Minister und andere für die öffentliche Sicherheit zuständige Personen an. Dies dient dem Schutz des Kapitals, die Tatsache jedoch, dass die Freilassung der Panzerknacker meist in der Zeitung angekündigt wird (man fragt sich, wieso der Medienmogul Duck die Nachrichten immer zuletzt hört), verweist auf das Interesse der Entenhausener Öffentlichkeit an den Verbrechern. Die Panzerknacker wiederum charakterisieren sich durch folgende Merkmale: Sie tragen Nummern, sind voneinander nur schwer zu unterscheiden und ihr notorisch rotes Gewand weist auf das hin, als was sie unschwer enttarnt werden können: Sie sind Kommunisten und vielleicht auch noch solche italienischer Herkunft. Walt Disney (1901-1966) war ein strenger Antikommunist und nutzte die propagandistische Funktion des Mediums Comic durchaus.
Hexerei und Konsum
Auch die Figur Gundel Gaukeley lässt sich in ähnlicher Weise deuten. Gundel, die versucht, Dagoberts Glückszehner in ihren Besitz zu bekommen, ist Italienerin - sie wohnt am Rande des Vesuv - und damit Ausländerin. Mit ihrer Hexenmacht will sie Dagobert die Grundlage seines Reichtums entreißen, denn ohne seinen Glückszehner ist der Alte gar nichts. Dieser mythische Glückszehner verweist auf ein kolonisiertes weibliches Wissen, das sich Dagobert angeeignet hat. Dagobert vereinigt grundsätzlich diverse Wissensformen in sich. Er ist Kapitalist, denn er besitzt und vermehrt seine Produktionsmittel, er rafft Geld an sich, dabei entwickelt er eine überaus sinnliche Beziehung zum Geld - und er ist abergläubisch. Ohne Glückszehner glaubt er sich der Realität nicht gewachsen, dieser ist quasi der Ursprung seines Erfolgs. Genau hinter diesem ist Gundel her, sie braucht die Glücksessenz zur Vervollkommnung ihrer Zauberkünste. Diese stehen dem technologisierten Wissen Dagoberts gegenüber, der auf den opportunistischen Ingenieur Düsentrieb zurückgreifen kann, wenn es darum geht, seinen Geldspeicher zu verteidigen (beispielsweise in Das war knapp! LTB 235). Das beste Mittel gegen Gundel ist und bleibt jedoch Knoblauch; - die Hexe mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen, gleichsam mit einer Gegenessenz, verschafft Dagobert sichtliche Befriedigung.
Auch Gitta Gans ist der Zutritt zum Geldspeicher und zu ihrem geliebten Dagobert verwehrt. So Annäherungen stattfinden, passieren diese ausschließlich außerhalb des Geldspeichers. Der Grund für die Abweisung Gittas bildet das Klischee von der Frau als Konsumentin. Würde er Gitta heiraten - etwas anderes ist für Dagobert nicht zu denken - müsste er sie auch erhalten, und dies würde - da ihre Ansprüche unermesslich wären - an die Substanz des Geldspeichers gehen (beispielsweise in Das Chronophon TB 278). Außerdem sind Sinnlichkeit und Sexualität in Entenhausen eine äußerst komplizierte Angelegenheit. Es scheint, dass Dagobert eigentlich nur mit seinem Geld kann und auf keinen Fall mit einer Frau, schon gar nicht mit einer, die verspricht, ihm alle Wünsche zu erfüllen. So weit so gut, der Störfall, so könnten die abschließenden Worte heißen, manifestiert sich in Entenhausen in gesellschaftlichen Anderen, die sich dem Kapitalismus widersetzen, beständig an diesem Widerstand scheitern und solchermaßen das System erst am Leben erhalten. Der Störfall wird so zum grundlegenden Prinzip der Systemerhaltung.
Ende der Schwarzweißmalerei
Das System Panzerknacker, Gundel, Gitta versus Dagobert/ Geldspeicher beginnt sich jedoch in den letzten Jahren zu verschieben. Als Hinweis dazu kann eine Geschichte im Lustigen Taschenbuch 261 gelten, welche die Beziehung zwischen Gundel und Dagobert neu definiert. Hier wird erstmals der Ursprung für die alte Feindschaft zwischen den beiden erzählt. Hexenzauber und Piraten aus dem Jahr 1999 beginnt ganz konventionell. Gundel befindet sich im Anflug auf den Geldspeicher und wird von einer überdimensionierten Sprühpistole, die Knoblauchessenz versprüht, zu Fall gebracht. Sie stürzt ab und landet ramponiert auf Dagobert und schließlich auf dem Dach des Geldspeichers, wo Tick, Trick und Track, Donald sowie der lauthals klagende Dagobert sie empfangen. Dagobert, der die Kosten der Hexenabwehr vor Augen hat, weint und ruft klagend Warum musste diese Frau meinen Weg kreuzen? Warum bleibt mir das nicht erspart? Warum? Sag mir wem ich diese Heimsuchung verdanke? Gundel erstarrt ob dieser Impertinenz und ruft aus Ganz einfach, mein Lieber: deinem Urahn Raffobert Duck. Sie erzählt folgende Geschichte. Gustel, die Stammmutter der Gundelschen Hexenlinie (die Herleitung erfolgt ausschließlich matrilinear), stammte ursprünglich aus dem Norden (Deutschland?) und hatte das Hexen gründlich satt. Mit dem großmütterlichen Segen ausgestattet, verließ sie ihr Zuhause, um einen schönen warmen Ort ohne Magie zu suchen. Am Vesuv trifft sie Masetto, der ihr sogleich hilft, ein altes verlassenes Haus - jenes, in dem Gundel immer noch lebt - herzurichten. Als Masettos Dorf von den Turbanknackern (!) heimgesucht wird, gibt der geizige Fürst sein erstes "selbst verdientes" Geld, um eine Hexe aus dem Norden anzuheuern. Diese entpuppt sich als Gustels ehemalige Freundin und Betrügerin Ulla. Als Gustel herausfindet, dass Ulla eine heimliche Komplizin der Turbanknacker ist, beschließt sie, ihre magischen Kräfte zu benutzen: Sie verwandelt sich in einen Feuer speienden Drachen und schlägt Ulla und die Räuber in die Flucht. Die Dorfbewohner feiern sie, und auch Masetto wendet sich nicht von seiner Zukünftigen ab, als er erfährt, dass sie eine Hexe ist. Nur Raffobert Duck, dem in seinem Geiz nicht klar ist, welches Opfer Gustel gebracht hat - aus ihrer Assimilation wird nun nichts - fordert sein Geld zurück. Seitdem - so Gundel - sind die Gaukeleys hinter dem Glückszehner her, und sie fordert von Dagobert die Herausgabe seines Glückzehners.
Die Schuld des Kapitals
Diese Geschichte offenbart vielerlei. Erstens erfolgt die Zeichnung der Panzerknacker nicht als unbestimmt, möglicherweise italienisch, sondern als arabisch, ein Hinweis auf die Austauschbarkeit deren "Ethnizität". Zweitens wird Gundel zu einer Nomadin gemacht, ihre Vorfahren kamen nämlich aus dem Norden, sind also selbst am Vesuv nicht ganz zu Hause, und drittens fixiert die Geschichte die grundlegende und singuläre Differenz zwischen Dagobert und der Hexe und transzendiert sie dadurch im selben Moment. Der Glückszehner wird dabei zum Symbol einer Schuld, die Raffobert auf sich lädt, indem er als Feudalherr seine Untertanen nicht beschützt und eine Minderheit - hier bestehend aus einer einzigen Person - in ihrer Differenz festschreibt und ausbeutet, indem er sie zwingt, sich "zu erkennen zu geben" und die geleistete Arbeit nicht entlohnt. Als Gundel am Ende von Hexenzauber und Piraten Dagobert auffordert, ihr nun den Glückszehner zurückzugeben, verweigert er dies, er holt jedoch das Porträt Raffoberts hervor und versetzt diesem einen Tritt.
Der Schluss dieser Geschichte verweist auf eine Neukonzeptualisierung des Verhältnisses von Schuld und Schulden in den Lustigen Taschenbüchern. Während in den frühen Taschenbüchern Schuld oder Verantwortlichkeit abgeschmettert wurde, tritt Dagobert Gundel gegenüber als jemand auf, der sich von der Tat seiner Ahnen distanziert, mit einer Beschädigung der Ahnengalerie durchaus leben kann, den Gewinn jedoch nach wie vor einstreicht und eine Wiedergutmachung, die sein tatsächliches Kapital angreift, streng zurückweist. Diese Konstellation wird in einer ganz anderen Geschichte ebenfalls bearbeitet. In Das Scherbengericht (LTB 276) versuchen die Panzerknacker über die Schuldschiene, Dagobert Geld zu entlocken. Sie inszenieren eine Situation, in der Dagobert unabsichtlich das geliebte Keksglas der Panzerknacker zerstört, und klagen ihn deswegen in der Fernsehserie Recht So! auf Kompensation. Dagobert, der sich seiner Sache sicher ist - wer wird schon den Panzerknackern glauben schenken - steigt ein und weigert sich, die geforderten 1000 Taler Schmerzensgeld zu bezahlen. Als die Panzerknacker mittels eines Films zeigen, wie sehr sie als Kinder an dem Keksglas hingen - Originalton: Mit ihm haben wir ein Stück unserer Kindheit verloren! - schlägt die Stimmung im Publikum zu Gunsten der Panzerknacker um. Diese werden jedoch enttarnt, weil ein Verkäufer das zerbrochene Glas als ein von ihm gestohlenes erkennt. Einer der Panzerknacker wollte das ursprüngliche Glas nämlich nicht dem Bruch freigeben, er versteckt es und meint dazu . . . ich wollte doch nicht, dass ihm etwas passiert. Damit scheitern die Panzerknacker an ihrer wirklichen Sentimentalität, sind also nicht fähig oder korrupt genug, sich wegen Geldes über ihre Emotion hinwegzusetzen. Dagobert ist das schon, denn seine einzige Angst, ist die um das Kapital.
Wiederkehr des Verdrängten?
Dagoberts Angstträume sind dementsprechend. In den LTB 264 und 266 erhebt sich das Geld im wörtlichen Sinn gegen Dagobert. In Die geheime Bruderschaft soll Dagobert in den Geheimbund der Sauerkrautzer aufgenommen werden, dazu muss er jedoch seinen inneren Schweinehund besiegen, dient der Geheimbund doch dem Wohle und Fortschritt der Menschheit. In diesem Kontext hat Dagobert mehrere Prüfungen zu bestehen. Die Lossagung von seinem Geld - soviel sei vorweggenommen - gelingt ihm schlussendlich nicht. In seinem ersten durchaus real wirkenden Albtraum manifestiert sich seine Angst vor der "Erhebung des Geldes". Entlassen von der Versammlung der Brüderschaft will er zur Entspannung ein Geldbad nehmen, versucht das gerade Vorgefallene, die Reise durch Raum und Zeit, zu verkraften. Doch kurz nachdem er in die Geldfluten eintaucht, verfinstert sich der Himmel und seine Geldmünzen sammeln sich in einer riesigen Flutwelle. Dagobert stammelt nur mehr Das ist Meuterei! Mein eigenes Geld stellt sich gegen mich! Ich bin verloren! Zwei Monate später - in Das Schlafen der Lämmer - kehrt Dagoberts Albtraum erneut wieder. Dagobert leidet an Schlaflosigkeit und pilgert zu seinem Glückszehner, in dessen Nähe er prompt in einen unruhigen Schlaf verfällt. Der folgende Midas-Albtraum versetzt ihn in seine Kindheit nach Schottland an jenen Teich, dessen Wasser ein Lebenselixier enthält. Als dieses versehentlich mit dem Geld im Geldspeicher in Berührung kommt - wer anderer als der Schussel Donald könnte dafür verantwortlich sein - ersteht dieses golemartig zum Leben und verwandelt Tick, Trick und Track sowie Daniel Düsentrieb in Goldstatuen. Dagobert ist nur an der Befriedung des Geldes interessiert, während Donald seine Familie zurückhaben möchte. Das Geld verkündet Wir sind jetzt der Herr und möchte endlich in die Freiheit. Als selbst der Glückszehner Dagobert einen Kinnhaken versetzt, beginnt dieser vor Wut zu weinen Wie schändlich, wie demütigend! Nichts ist schlimmer für mich, als wenn meine geliebten Talerchen mich verachten! Gestresst erwacht er aus seinem Angsttraum und findet zu seiner Erleichterung alles normal vor.
Während die Angstträume Dagoberts direkt auf seine emotionale Bindung zum Geld verweisen, ist eine andere Entwicklung nicht ganz so einfach zu lesen. In der Titelgeschichte des im Herbst dieses Jahres erschienenen LTB 279 hat Dagoberts Geldliebe auf ihn selbst negative Auswirkungen. In Eine lästige Allergie bekommt er eine Goldallergie, die sich gewaschen hat. Sobald er in die Nähe jeglichen Edelmetalls kommt, geht er auf wie ein Germteig, unschöne Flecken sind auch zu beobachten. Einzige Medizin - so sagt das Schlaue Buch von Tick, Trick und Track - ist ein Heiltrank aus den Schuppen eines Silberschuppensandskarabäus aus Zastarabad. Dorthin hat Dagobert die sich in seinem Besitz befindliche Sammlung des Großfürsten Kah-nau-sehr verliehen, ein Deal, der nur zustande kommt, da der Bürgermeister Dagobert verspricht, ihm einen städtischen Verdienstorden in Gold zu verleihen - Argumente wie Gemeinwohl oder Verbesserung der internationalen Beziehungen ziehen nicht. Der Grund für seine anfängliche Weigerung ist die gestörte Beziehung zum Direktor des Museums der Ausstellung Wisl-ben-Fauch, dem er bei Versteigerungen so manches Kleinod weggeschnappt hat. Wisl-ben-Fauch bedingt sich aus, dass Dagobert während der Ausstellung keinen Fuß in diese setzt, da er befürchtet, dass dieser ihm die Leihgabe wieder abknöpft. Das einzige versteinerte Exemplar des heilenden Skarabäus, der seit ewigen Zeiten ausgestorben ist, befindet sich jedoch in der Ausstellung, das glauben zumindest die Ducks. Wisl-ben-Fauch ist in der Frage nicht kooperationswillig und droht an, sich an den vergessenen Brauch seiner Vorfahren zu erinnern und unliebsame Gäste an die Krokodile zu verfüttern. Den Ducks gelingt es zwar in die Ausstellung einzudringen und den versteinerten Käfer zu rauben, der zerfällt jedoch zu Staub. Als sie demoralisiert durch den Basar wandern, sehen sie, dass dort Hunderte der versteinerten Käfer verkauft werden, brauen den Trank für Dagobert und dieser gesundet von seiner Allergie.
Das Kapital und sein Dagobert
Vergleicht man diese Geschichte mit den frühen Comicstrips fällt auf, dass die Differenzen zwischen den einzelnen Protagonisten des Störfallszenarios erklärungsbedürftig werden und dass diese Erklärungen von verschiedene Seiten vorgebracht werden. Gundel hat dabei die Autorität, ihre Feindschaft mit Dagobert erzählend zu begründen, die Panzerknacker bleiben in ihrer Betrugserzählung stecken. Zur gleichen Zeit fürchtet sich Dagobert vor der Macht, die ihn und Entenhaus beherrscht, dem Kapital, versinnbildlicht durch den Geldspeicher. Er fürchtet also eine Differenz zwischen seiner Person und dem Geld. Diese scheint sich in Eine lästige Allergie tatsächlich zu manifestieren, da hier Dagoberts Körper allergisch reagiert. Zwischen ihn und die Macht stellt sich ein Diskurs der Schuld, wie er bereits in Hexenzauber und Piraten und in Das Scherbengericht angeklungen ist. Während in diesen beiden Fällen Dagobert obsiegt und sich weigert die Schuld - seine oder die seiner Vorfahren - mit Geld abzutragen, passiert in Eine lästige Allergie anderes. Dagobert darf sich zwar am Besitz des Großfürsten Kah-nau-sehr erfreuen und aus vergangenem Unrecht profitieren - wie sonst mag der Schatz wohl in die Hände Dagoberts gelangt sein als durch einen Raubzug oder die Vermittlung des internationalen Kunsthandels, wenn er jedoch gegen den Nachlassverwalter des Erbes heimtückisch agiert, rächt sich das Kapital. Dass der Heiltrank gegen die Allergie eine Spur zur Urszene des Unrechts legt, gleichzeitig jedoch nur eine Symptombekämpfung erfolgt, erscheint nur folgerichtig. Die Fixierung Dagoberts lässt ihn nur an die Sammlung und seinen Rivalen Wisl-ben-Fauch denken, eine dermaßen persönliche Bindung widerspricht letztendlich seiner Affinität zum Kapital, das nun in seinem Körper merkwürdige Reaktionen hervorruft.
Die allergische Reaktion Dagoberts hat Konsequenzen: sie zeigt, dass Dagobert und sein Kapital - oder besser das Kapital und sein Dagobert - nicht prinzipiell miteinander verbunden sind. Auch der autoritäre Fiesling muss sich dem Geldfluss unterwerfen und kann deswegen weder Gundel noch die Panzerknacker ausbezahlen. Oder anders gesagt: Dagobert ist seit neuestem nicht mehr der Besitzer des Geldspeichers, sondern nur mehr dessen Hauptmieter. Für die Inszenierung des Störfalls hat dies weit reichende Konsequenzen, wird doch Dagobert in dem Moment entthront, als die Einführung der Kategorie Schuld die Störenfriede zu ermächtigen droht. Ein Zufall oder nur eine Adaption des Comics zu Zeiten der Postmoderne - Version 1.0?
Literatur:
Volker Klotz: Bürgerliches Lachtheater. Komödie - Posse - Schwank - Operette, München 1980.
Sigrid Weigel: Shylocks Wiederkehr. Die Verwandlung von Schuld in Schulden oder: Vom symbolischen Tausch der Wiedergutmachung, in: Birgit Erdle und Sigrid Weigel (Hg.): Fünfzig Jahre danach. Zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus, Zürich 1996.
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