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sinn-haft [nr_9] - störfälle

Karin Harrasser
Geld und/oder Leben . . .

Im semantischen Umfeld des "Störfalls" ist die "Katastrophe" nicht weit. Eine kurze Zeitungsnotiz vom 14.11.2000 (Kurier) über die Ereignisse in Kaprun, stellen diese in eine historische Linie mit dem Ringtheaterbrand von 1881. Die Rhetorik des Katastrophenberichts lebt auch hier vom Stilbruch: einerseits wir das "Horrorszenario" eindringlichst und in buntesten Farben geschildert. Ein literarisches Zitat zum Ringtheaterbrand soll das Grauen des Infernos veranschaulichen, andererseits verhilft wissenschaftliches Vokabular und die Historisierung des Ereignisses dem Leser zu einer relativ bruchlosen Distanzierung. Lakonisch wird die dialektische Natur der Katastrophe verbucht: "Der erwähnte Ringtheater-Brand hat einst dazu geführt, dass erstmals bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Tote durch Zahnbilder identifiziert wurden - ein Grundstein für den guten Ruf der `Wiener Schule der Kriminalistik´." Die Wichtigkeit der Identifikation wird aber keineswegs mit Hilfe des emotionalen Leids der Hinterbliebenen eingeschärft, sondern mit ihrem pekuniären. Der Schluss-Satz lautet schlicht "Lebensversicherungen werden nicht ausbezahlt." (Solange die Identität per DNA-Test nicht festgestellt werden kann.)


Es gibt also zweierlei Sorten von Leid: ein persönliches, das mit genuin literarischen Mitteln beschrieben werden kann und ein materielles, zu dessen Beschreibung ein quasi wissenschaftlicher Jargon bevorzugt wird. Der Störfall Kaprun fungiert als Gelenk zwischen den beiden Diskursen, im Sprechen über die Katastrophe wird hier verglichen, was so einfach nicht verglichen werden kann: der Tod und das Geld. Es wird gesagt, was eigentlich verschwiegen werden muss: der Tod, dieser endgültige Störfall, bringt den Geldfluss in Gang - ist so eigentlich Garantie für das Weiterleben der anderen. Die Zahnräder der Wissenschaften (Geschichtsschreibung, Gen-Analyse, Kriminalistik) bewegen sich, und ihren Impetus erhalten sie im Tod. Je mehr Tod - eine der wichtigsten Fragen nach den Katastrophen ist immer: Wie viele? -, desto mehr Energie kann dieser Bewegung also zugeführt werden.


Bleibt alles anders, singt übrigens auch der Ruhrpott-Orpheus Herbert Grönemeyer, kaum dass er sich vom Grab seiner Frau abwendet und sich bei den Lebenden zurückmeldet. (So heißt jedenfalls die CD mit der er 1999 "zurückkommt".) Nicht nur der massenhafte Tod, sondern auch der einfache wird so (folgt man Klaus Theweleit) zur Batterie der künstlerischen Schöpferkraft.