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Else Rieger
Das Böse ist in uns!

Wie funktioniert diskursive Abtrennung von Eigenem und Fremdem im beginnenden 3. Jahrtausend? Wie wird der Mensch in ein Verhältnis zu einer Welt gesetzt, in der der Störfall anscheinend die Normalität bestimmt? Fordert heute noch jemand Recht und Ordnung?
Horrorszenarien des Störfalls von heute finden sich - beispielsweise auf einem Beipackzettel für Halswehtabletten:

(1. Akt: Das Böse ist in uns, aber das Gute ebenfalls - und es hält das Böse in Schach).
"Liebe Patientin, lieber Patient,
im Mund-Rachenraum leben ständig mehr Keime als Menschen in der Riesenstadt New York. Das Abwehrsystem des Körpers, effektiv wie eine Polizeitruppe, sorgt dafür, dass alle Keimarten in einem ausgewogenen Gleichgewichtsverhältnis zueinander bleiben und dadurch keine Krankheiten auslösen können."

(2. Akt: Das zuvor genannte kriegerische Pat gilt plötzlich als Frieden; das wahre Böse -Krankheitserreger und fremd- nähert sich von außen und stört diesen inneren Frieden).
"Erst Störungen von außen, kleine Verletzungen etwa, eine Invasion fremder Krankheitserreger durch Ansteckung, oder auch Schwächen im Abwehrsystem können die friedliche Situation plötzlich verändern. Dann finden einzelne Keimarten Gelegenheit, sich bedrohlich zu vermehren und gegen den Körper zu wenden."

(3. Akt: Gut und Böse treten in Krieg miteinander, die Katastrophe nimmt ihren unweigerlichen Verlauf, der Höhe- und Umschlagspunkt steht bevor )
"Wegen der reichlichen Versorgung der Mundhöhle mit Nerven machen sich solche Geschehnisse durch Schmerzen und Krankheitsgefühl bald unangenehm bemerkbar. Der Körper wehrt sich so gut er kann durch vermehrtes Heranführen von Abwehrstoffen mit dem Blutstrom. Das Gewebe in Mund und Rachen schwillt an, entzündet und rötet sich. Es bilden sich Beläge auf der Schleimhaut."

(4. Akt: Jetzt kommt Unterstützung für das Gute von außen - der Kampf verliert an Heftigkeit)
"Spätestens jetzt ist es notwendig, energisch einzugreifen und den Körper zu unterstützen. XYZ-Halstabletten bekämpfen die Krankheitserreger intensiv und dämpfen zugleich die Schmerzen nachhaltig. Ihr Organismus wird rascher und besser mit der Erkrankung fertig."

(5. Akt: Das Gute obsiegt - oder auch nicht...)
Wenn sie sich an die Einnahmevorschriften halten, wird der Erfolg nicht ausbleiben. Ist trotz richtiger Einnahme nach 2-3 Tagen keine durchgreifende Besserung festzustellen, sollten Sie den Arzt aufsuchen."

(Tja, ob das und die angefügten Wünsche für gute Besserung dann noch viel helfen können? Die Dramatik des Geschehens läßt Bedenken daran aufkommen!)


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