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Klaus Ratschiller
. . . so ertönt Radio-Klaviergeklimper von nebenan . . .

Es war unmöglich nicht nachzudenken - aber worüber man auch gerade nachdachte, man wurde unterbrochen. (Virginia.Woolf ) 1991, 6 Jahre nach Carl Schmitts Tod, wird sein Glossarium. Aufzeichnungen der Jahre 1947 - 1951 veröffentlicht. 1945 wurde er im Zusammenhang mit dem Nürnberger Prozess inhaftiert, wobei es aber zu keiner Anklage kam, da seine Kollaberation nicht unter die Anklagepunkte fiel. Er blieb bis März 1947 mit Unterbrechungen in Lagerhaft. Die publizierten Aufzeichnungen beginnen mit dem 28.8.47. Politische Ungeheuerlichkeiten, monomane Selbstinszenierungen in der Märtyrerpose und provozierende Analysen der Nachkriegssituation verketten sich nach dem Modus eines Tagebuchs. Sie differenzieren gleichermaßen den Schmitt'schen Denkraum aus, wie sie ihn auch wieder paranoisch verengen. In diesem monströsen Selbstbespiegelungskabinett findet sich eine kleine Episode, die im Folgenden als paradigmatische Inszenierung des Störfalls durch einen Rechtsintellektuellen lesbar gemacht werden soll.
16.12.47
Ich verliere meine Zeit und gewinne meinen Raum. Aber kaum habe ich das gesagt, so ertönt Radio-Klaviergeklimper von nebenan und belehrt mich darüber, daß ein von fremden Tonwellen durchzogener Raum als eigener Raum zerstört ist. Die unhörbaren Wellen, die meinen Raum durchkreisen, sind mir zwar nicht als gehört bewußt, wohl aber unhörbar bewußt. Es ist, als ginge ich in einem Hagel von unsichtbaren Geschossen und empfinde das als Ruhe und als meinen Raum. Unser Bewußtsein ist auf solches Wissen nicht eingerichtet. Auf das neue Bewußtsein aber können wir uns nicht einrichten ohne uns selbst zu zerstören. (. . .)


Die Szene ist wohl bekannt: Ein sich einzig fühlendes Subjekt befindet sich in einem Raum, denkt und wird gestört. Es könnte auch ein Volk sein, ein "wir". Bei etwas genauerer Betrachtung allerdings muss man eine Umkehrung vornehmen: Ein sich einzig fühlendes Subjekt befindet sich in einem Raum und hat seine gewöhnlichen Gedanken, mit einem Wort: Es wohnt, da wird es plötzlich von außen gestört und stürzt ins Bodenlose, ins ungewohnte Denken. Im vorliegenden Fall zieht es Bilanz über die eigene Position in Raum und Zeit, aber diese scheint schicksalhaft, fast magisch mit eben der räumlichen Situation verknüpft. Kaum ausgesprochen wird die Gewohnheit, so bitter diese selbst schon war, durch die Realität dementiert. Die Ruhe des Denkraums wird von außen gestört und stürzt den Denkenden in eine Krise, er sucht nach einer Sicherheit.
Aber diesmal, allerdings ist diese Wende mittlerweile ebenso wohl bekannt, verbleibt die Szene nicht im Wohlvertrauten, sondern dem Einzigen offenbart sich ein tragisches Paradox: Diesmal ist da nichts als die Gewissheit des eigenen Untergangs, das heißt die Szene ist heroisch. Das Bewusstsein des Helden findet seinen Ausdruck im hellsichtigen Sturz ins Bodenlose. Kein Descartes'sches Cogito stoppt den Sturz, es ist gerade dieser Begriff, der im Glossarium mehrmals Schmitts Spott und Hohn findet: Cogito ergo sum - sum, sum, sum, Bienchen summ herum. Es gibt keinen Halt im denkenden Selbst. Diese Verhöhnung Descartes` bezeichnet präzise die Störung: Statt Ruhe im Denkraum ein summendes, ein lästiges Geräusch, das einen möglichen Stich ankündigt. Statt eines Halts im Denken braucht der Schmitt'sche Einzige vielmehr Raum, das heißt absolute Herrschaft über einen Raum, was eine klare Unterscheidung zwischen Innen und Außen und eine Politik der Identifizierung erfordert: das unwahrnehmbar werdende Fremde ist der schrecklichste Feind des großen Einzigen.

Wo Klavier war, ist Radio geworden. Was Schmitt hier inszeniert, ist das absolute Bedrohungsszenario. Der eigene Raum ist durchquert von Unidentifizierbarem. In Analogie zu Heidegger definiert Schmitt die Angst im Unterschied zur Furcht als Angst vor nichts Bestimmbarem, was aber bei Heidegger den Namen Nichts trägt, wird bei Schmitt zur (in seinem Sinne politischen) Formel vom unsichtbaren Feind. (Der unsichtbare Feind trägt im Schmitt'schen Universum viele Namen, etwa: "Technik", "Partisan", "Amerika", im Glossarium vor allem aber den des "Juden": Gerade der assimilierte Jude ist der wahre Feind.
Aufgrund einer Störung von außen(=das Radio-Klaviergeklimper), die sich aber nicht mehr von einer Störung im Inneren(=die Radiowellen) unterscheiden lässt, verwandelt sich das Heimelige ins Unheimliche, der Raum in eine unbewohnbare Wüste.

Der Anlass dieser Entortung des eigenen Raums ist im konkreten Fall ein Geräusch. In dieser Inszenierung ist der Denkende also de facto aus seinen Gewohnheiten aufgeschreckt. Schmitt spricht ja sogar von einem belehrenden Zeichen, das bedeutet wohl, dass das Zeichen letztlich sogar einen schöpferischen Prozess in Gang setzte. Der klassische Fall einer produktiven Störung. Weil das Geklimper den Einzigen zum Denken gebracht hat, heißt der abgründige Grundsatz des Denkens nun: Ich denke, weil ich gestört bin, oder: Ich bin, weil es summt. Genau diese Schlussfolgerung ist nun aber für das Bewusstsein zerstörerisch. Bewusstsein ist der Raum, über den der Einzige die Kontrolle hat, wenn es darin summt, dann ist es und damit er gestört. Warum aber kann der Einzige sich dann so klar und ungestört seines eigenen Untergangs bewusst sein? Kann es sein, dass es im heroischen Bewusstsein letztlich doch ganz ruhig ist? Dass der Einzige gar nichts gehört hat? Wenn das stimmt, dann ist die Qualität des Geräusches zufällig und letztlich irrelevant. Statt des Geklimpers hätte es auch die 9. Symphonie von Beethoven sein können. Statt des Radios hätte es auch das Klingeln eines Telefons sein können. Welches Geräusch auch immer, Schmitt ist weniger der Gestörte als vielmehr der Konstrukteur einer Szene, der Einzige hat sich das Geklimper nur als Beispiel ausgedacht. Letztlich geht es Schmitt um die Analyse des geräuschlos eindringenden Feindes, der als paradigmatische Figur des Zeitalters der Technik das Ende des Nationalstaates, des damit verbundenen Raumkonzeptes, des damit verbundenen Bewusstseinkonzeptes und der damit verbundenen Figur des Einzigen bedeutet. Wozu dafür das Geklimper von nebenan?

Eine Tagebucheintragung ist natürlich kein naiver Erlebnisbericht, sondern selbst Ergebnis einer mehr oder weniger bewussten Inszenierung, das heißt vor allem ein Resultat aus Selektionen, Platzierungen und aus Gewichtungen. Im vorliegenden Fall kann, da Schmitt dieselbe Szene variiert hat, überprüft werden, wie notwendig das besagte Geräusch auf die Bilanz folgt.
Die Eingangsbilanz: Ich verliere meine Zeit und gewinne meinen Raum, findet sich in der Textproduktion von 1947 zumindest drei Mal in wörtlicher Wiederholung, aber nur einmal wird der Einzelne in der Folge durch das Radio-Klaviergeklimper eines Besseren belehrt. Das erste Mal findet sich der Satz gegen Ende des Textes Weisheit der Zelle aus der Textsammlung Ex Captivitate Salus. Erfahrungen der Zeit 1945/47, der von Schmitt selbst auf April 1947 datiert wird:

Das ist die Weisheit der Zelle. Ich verliere meine Zeit und gewinne meinen Raum. Plötzlich übereilt mich die Ruhe, die den Sinn der Worte birgt. Raum und Rom ist dasselbe Wort. Wunderbar ist die Raumkraft und Keimkraft der deutschen Sprache. Sie hat es zustande gebracht, daß Wort und Ort sich reimen. (. . .)
Der Text Weisheit der Zelle inszeniert sich als Meditationstext eines radikal auf sich zurückgeworfenen Einsamen, in dem der Einzige als Prüfstein für die Erkenntnis der eigenen Lage die Achtsamkeit darauf empfiehlt, welche von den tausend Definitionen des Menschen dir unmittelbar einleuchtet. Ihm leuchtet eine Definition ein, nach der der Mensch ursprünglich nackt und dem Paradiese näher wäre, nicht bekleidet wie in den Paradiesen des heutigen Diesseits. Im Katholizismus (Raum/Rom) findet er also seine vorerst ungestörte Ruhe. Die Technikspekulation findet sich hier nicht im Anschluss an die Bilanz als Konsequenz einer unmittelbaren Störung, sondern vorher, in der Mitte des Textes. Und sie ist für den meditierenden Einzelnen mindestens so beunruhigend wie die Radiowellen, die den eigenen Raum zerstören: Die Differenz nackt/bekleidet, die seine Meditationen auslöste, würde durch die Technik selbst aufgelöst werden. Vielleicht wird es gar keine Kleider und Kostüme mehr geben. Die Technik wird sich so steigern, daß wir uns mit Licht- und Wärmehüllen umgeben können. Wunderbar. Aber noch mehr. Wir werden die Materie unseres Körpers selbst in Strahlung umsetzen. Das ist dann der technisch verklärte Leib, so wie unsere Flieger die technisch vervollkommneten Engel sind. (. . .) Alles ist dann nur noch Strahlung. Gegen diese vollkommen diesseitige Version der Verklärung spielt Schmitt das Selbstbild vom geburthaft nackten Einzelnen aus, der in den wüsten Weiten einer engen Zelle haust. Kein Klaviergeklimper stört, keine Radiowelle penetriert jedoch die Bilanz des Nackten in der Zelle. Aus der Zeit gefallen landet er in Rom. Statt der Störung von nebenan sucht das Wort den geschwisterlichen Klang seines Sinnes. (. . .) Ich horche auf ihr Wort (gemeint sind die Dichter-Freunde Theodor Däubler und Konrad Weiß), ich horche und leide und erkenne, daß ich nicht nackt bin, sondern bekleidet und auf dem Weg zu einem Haus. Im Inneren des Hauses wird sich aber, wie wir schon wissen, das Geklimper nicht mehr auf den Klang reimen.
Die zweite Version findet sich wiederum als Tagebucheintragung - der Einzige ist nicht mehr inhaftiert, sondern daheim -, die allerdings zugleich an Marie Stewens, offenbar eine Schülerin von Carl Schmitt (so der Kommentar im Namensverzeichnis), adressiert ist:

14.12.47 an M. Stewens
Ich verliere meine Zeit und gewinne meinen Raum. Time must have a stop. Weg mit den 1.800, meinetwegen auch 18.000 Jahren! Schluß mit der Utopie! Aldous Huxley schließt die Epoche der Utopie ab, Thomas Morus hat sie eröffnet. Er kann jetzt heilig gesprochen werden, während Huxley (a people) can only be condemned out of his own mouth.


Fräulein Stewens wird am 21.11.47 ausführlich auf diesen rabiaten Befehl vorbereitet, der nun statt der Ruhe, des geschwisterlichen Klangs und statt der Erkenntnis auf dem Weg nach Hause zu sein auf die Bilanz folgt. Unter diesem Datum findet sich der Text der Sendung, deren Inhalt sich auf das Problem der Utopie bezieht, deren Spezifikum darin bestünde, von Raum und Ort abzusehen, wohingegen nach Schmitt der Zusammenhang von Ordnung und Ortung zumindest für den antiken Menschen ewig sei. Jede Ordnung ist konkret geortetes Recht. Recht ist Recht nur am rechten Ort, diesseits der "Linie"! Die Entortung wäre aber nur der erste Schritt, mit steigender Technik steigt daher die Utopie in diesem Sinn in immer kühnere Dimensionen. Sie stößt schließlich auf die letzte Naturschranke, die Natur des Menschen selbst (. . .). Thomas Morus bringt die Entortung, bei Beginn der geographischen Raumrevolution; Huxley die Entmenschung, bei Beginn der technischen Raumrevolution. Denn wir treten wohl ein in das Zeitalter der Technik. Die Bilanz kann nur aufrechterhalten bleiben, wenn das Zeitalter der Utopie, zumal der technischen aufgehalten werden kann. In die pädagogische Szene dringt kein Geräusch von außen. Fräulein Stewens bleibt stumm.
Natürlich geht es in allen drei Versionen um das Problem der Technik. Aber erst in der dritten Version wird der bilanzierende Satz ganz vom Triumph der Technik eingeholt. Kaum gesagt, muss die Bilanz schon zurückgenommen werden. Für den großen Einzelnen ist also de facto die Zelle und das Lehrerpult der adäquate Ort, nur dort stört nichts die Ruhe und die Konsequenz seiner Gedanken. Schweigen und Befehlen sind seine Gesten. Kein Radio-Klaviergeklimper unterbricht diese Größe. Wo befindet er sich mit einem Mal, kaum spricht er seine Bilanz aus?

War also in der zwei Tage darauf folgenden Version tatsächlich das Geräusch von nebenan der Störer, der die Bilanz ins Kippen brachte? Keineswegs, es ist bloß die dritte Inszenierung desselben Problems. Allerdings scheint diese Inszenierung seltsam missglückt, zumindest wenn man annimmt, dass es Schmitt auch in dieser Wiederholung um die Inszenierung der Krise des Einzelnen geht. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Störung von außen zu kommen hat und dass zugleich der Einzige bleiben muss. Sonst wäre der Feind ja identifizierbar. Das Problem liegt nun tatsächlich in der Schallquelle: Während es Schmitt um die Radiowellen geht, scheint es in der unmittelbaren Störung nur um die Schallwellen von nebenan zu gehen. Diese unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit einen Raum zu besetzen aber nicht prinzipiell von denen, die ein Klavier, ein Staubsauger oder ein Murmeln aussenden. Das konkrete Geräusch erinnert den gestörten Einzelnen bloß an die unhörbaren Wellen im Inneren des eigenen Raums, von denen er immer schon gewusst hat. Das Geklimper evoziert nicht ein Bild vom Nebenan, von dem, was da gehört wird, sondern das eines Schlachtfeldes: Es ist als ginge ich in einem Hagel von unsichtbaren Geschossen . . . Eine Aufzeichnung vom 19.2.48 entwickelt dieses Problem weiter: Ich höre (morgens um 6.00 Uhr im Dunkeln und noch im Halbschlaf) eine Fabrikssirene und sehe dabei den weit geöffneten Rachen eines großen Fisches. Dieser unmittelbaren Simultanität eines akustischen Eindrucks mit einem visuellen Bild möchte ich nachgehen. Das wäre wahrscheinlich aufschlußreicher als die Erforschung der Radarprobleme. Es wäre ein Blick in unser inneres Sensorium. Menschen, die statt der Kirchenglocken nur noch Fabriksirenen hören, sollen an den Gott glauben, der in Kirchen verehrt wird? Es ist nun offensichtlich, der Ton ist nichts als der Auslöser gigantischer Projektionen im Inneren. Keine Rede vom Nebenan.
Aber in dieser Lektüre beharre ich darauf, dass das Schlachtgemälde von Klaviergeklimper begleitet bleibt, was sich völlig gegen die Absicht der Inszenierung richten muss. Die heroische Tragik ist zumindest begleitet von alltäglicher Banalität. Während im Kino des großen Einzelnen ein Kriegsfilm läuft, hat nebenan jemand das Radio eingeschaltet. Ist das Geklimper etwa doch keine Erfindung, sondern der Hinweis darauf, dass da noch jemand ist. Noch etwas. Etwas fürchterlich Banales im Vergleich zu dem Unerhörten, das es auslöste? Ist es die Tatsache, dass der Einzige nicht allein in seinem Hause lebt? Wer hört denn nebenan dieses Radio-Klaviergeklimper? Jedenfalls keine sehr männliche musikalische Ausdrucksform: Geklimper. Ist da nebenan etwa eine. . .

Man wagt es kaum, diese Banalität auszusprechen, aber es ist dringend nötig der Namensreihe, die für den unsichtbaren Feind eingesetzt wird, den der "Frau" anzufügen.

Bei genauer Betrachtung der Inszenierung fällt dann doch der reichlich ambivalente Charakter der den Raum durchquerenden Wellen auf: Einerseits gebärden sie sich im Raum des Einzigen nicht gerade feindlich, immerhin belehren sie ihn, sie durchziehen und durchkreisen seinen Raum, andererseits sind sie aber zerstörerische Geschosse, die ihn zuletzt zerstören, weil sie bewusst nicht zu ertragen sind. Die Bilanz dieses kriegerischen Szenarios hat aber längst vom "ich" zum "wir" übergewechselt: Unser Bewußtsein ist auf solches Wissen nicht eingerichtet. . . Der Einzelne erschleicht sich dadurch den Übergang vom egomanen und paranoiden Gefühl zum Axiom, keineswegs ist er deswegen aber wenigstens zu zweit. Das Geklimper hört nicht auf.
Schmitt hat diese Inszenierung wohl nicht befriedigt und dennoch weiter beschäftigt. Am 20.12.47 findet sich noch eine vierte, bereinigte Version, die ihn wieder als Einzelnen zeigt. Das Geklimper von nebenan ist eliminiert, damit weitestgehend auch die Ambivalenz der Wellen:

Ich gewinne meinen Raum. Ist das nicht auch geprahlt? Fremde Tonwellen durchsausen ungehört, aber doch wirklich meinen Raum. Daß ich sie nicht höre, macht meine Raum-Lage nicht besser. Es ist, als würden unsichtbare Kugeln um mich herumgeschossen, die mich nicht treffen. Kann ich hier sagen: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß? Ich weiß es ja, leider. Es ist ein Bewußtsein davon da. Ich bin nicht mehr in der Lage des römischen dominus und pater familias. Sollten wir dieses Bewußtsein des von fremden Dingen erfüllten Raumes einfach abstoßen? Ins Glück der Mücke hüpfen?

Der Einzige findet sich wieder in der technologischen Wüste, in der es keinen Ort mehr für ihn gibt. Aber das lästige Problem mit dem Radio-Klaviergeklimper ist beseitigt. Nun zieht er Bilanz, befragt seine Bilanz kritisch, stellt eine neue These auf, illustriert sie, erweitert die These um die These vom eigenen Ende, die nun mit aller Deutlichkeit dem Untergang einer Herrschaftsform entspricht und plädiert zuletzt noch heroisch für die Bewusstmachung des Unerträglichen: dass es Fremdes gibt im eigenen Raum. Aber kein Geräusch dringt mehr herüber von nebenan. Auf Wort und Ort reimt sich bekanntlich auch Mord.
In allen - nun vier - Versionen des Schmitt`schen Störfalls geht es um dasselbe Problem, aber nur in einer ist der Hinweis auf ein Geräusch nicht getilgt. Dass etwas zu hören ist, erweist sich letztendlich als die banale, alltägliche und daher von einer/m unter vielen und nicht dem Einzigen gemachte Erfahrung von dem, was stört. Von dem, was Schrecken und Freude erzeugt, weil es nicht aus dem eigenen Bewusstsein kommt. Von etwas außerhalb des Bewusstseins. Die Ohren sind auf dem Feld des Unbewußten die einzige Öffnung, die sich nicht schließen kann, schreibt Jacques Lacan.

Der Ausweg aus der Schmitt'schen Konstruktion, der hier implizit vorgeschlagen wurde, besteht darin, das Radio-Klaviergeklimper nicht zum Verstummen zu bringen. Nicht sofort in die visionär/visuell dominierten Technikspekulationen einzutreten, sondern die Differenz zwischen dem was man sieht und dem was man hört möglichst lange aufrechtzuerhalten. Ruhe braucht nur der, der alleine sprechen will. Nebenan existiert aber ein/e andere/r, weil hier immer etwas zu hören ist. Die Geschichte vom großen Einzelnen ist eine vom Untergang faszinierte Inszenierung, doch der Raum wird tatsächlich von einer Vielzahl anderer Lärmender, Mumelnder, Klimpernder und Sprechender durchquert. Das Geklimper produziert vielleicht Wüsten, aber diese sind bevölkert. Insofern ist jedes Geräusch tatsächlich ein Störfall, das der große Einzelne unhörbar machen muss, wenn er sich nicht dem Abenteuer eines Kleiner-Werdens, eines Viele-Werdens oder eines Unwahrnehmbar-Werdens in der Begegnung mit dem/r/n anderen in offenen Räumen aussetzen will. Die Störung ist vor allem als akustisches Problem zu denken. Wer das versucht, für den ist es allerdings notwendig jemand zu werden, der gleichzeitig spricht und zuhört, wie Getrude Stein schreibt.


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