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zum Inhaltsverzeichnis der sinnhaft [nr 9] druckfähige Version dieses Artikels Evelyne Polt-Heinzl
Ach, rief er bei dem Unfall aus, hätte ich doch diesen Morgen etwas angenehm Böses getan, so wüßte ich doch weswegen ich jetzt leide! | Der UNFALL. Schon das Wort ist ein Unwort. Signalisiert dieses Un- bei den meisten analog gebildeten Wörtern das Gegenteil des Grundwortes (Unglück, Unlust, Undank) im Sinne von "kein", ist 'Unfall' eben nicht 'kein Fall', sondern ein ganz besonderer. Und während beim Gros der Un-Wörter Ableitungen möglich sind (undankbar, unsinnig, veruntreuen...), gibt es weder 'unfallbar/unfällig' noch eine Verbform, will man 'verunfallen' nicht als solche akzeptieren. Im heutigen, alltagssprachlichen Sinn ist der Unfall etwas Modernes, insofern er im Zusammenhang steht mit der fortschreitenden Technisierung vor allem auch der Reiseindustrie. Das Wort hingegen wirkt reichlich antiquiert, so wie viele andere Un-Verbindungen mit monosilbigen Substantiva, die für sich nichts bzw. etwas ganz anderes bedeuten oder längst aus dem Sprachgebrauch gekommen sind, wie Unglimpf, Unbill und Unflat. Semantisch steht 'Unfall' lange Zeit als Synonym für 'Zufall' mit eher philosophischer Bedeutung bis er allmählich zur Bezeichnung für das in Form und Häufigkeit neuartige Phänomen 'Technikunglück' mutiert. Vor allem im engeren Verständnis von Verkehrsunglück wurde der Unfall von Schriftstellern rasch als ergiebiges Sujet entdeckt. | Im wesentlichen sind es drei Themen, die die Literatur beschäftigen: Hochzeit, Mord und Wahnsinn/Suizid, mit anderen Worten: Aussöhnung mit der existierenden Ordnung, radikaler Konflikt und Austritt aus ihr (Peter von Matt). Und der Reiseunfall ist für die Dramaturgie aller drei Konstellationen einsetzbar. Die Hochzeit nach dem überstandenen Unfall und der dadurch ausgelösten Lebensumkehr, die Rache am Gegner durch den bewusst herbeigeführten Unfall, der als Unfall getarnte Selbstmord - alle Varianten sind denkbar und wurden in den unterschiedlichsten Konfigurationen durchgespielt. Immer aber steht der Unfall für den Moment, wo das reibungslose Funktionieren der Alltäglichkeit plötzlich und gewaltsam aufgebrochen wird, und das ist - unabhängig vom thematischen Bezug - immer der Punkt, wo literarische Auseinandersetzung mit Realität ansetzt. Der Grad der Dramatik wächst mit dem Stand der Naturbeherrschung und der Fallhöhe ihrer Un-fälle. Die Geschwindigkeit der Reisetechnologie steigert die zerstörerische Kraft, die in der Explosion oder im Zusammenstoß zum Ausdruck kommt, und namentlich im Eisenbahnunglück erreichte der Unfall mit dem Ausmaß der "Destruktion in der Dysfunktion" (Wolfgang Schivelbusch) eine neue Qualität. |
Der fröhliche Schiffbruch Die erste literarische Reihe des Reiseunfalls kristallisiert sich auf den Seewegen heraus: Im 18. Jahrhundert wird die literarische Unfallstatistik eindeutig vom Schiffbruch dominiert, der allerdings noch nichts von der Tragik des Untergangs hat, für den im 20. Jahrhundert die 'Titanic' zur Chiffre wird. In der guten alten Zeit verschlägt die Unbill des Schiffbruchs die Betroffenen oder eigentlich nur einige von ihnen - der Schiffskoch und seine KollegInnen sind selten dabei - an neue Lebensgestade, die Ort utopischer Lebensentwürfe werden: sei es mit Akzentuierung privaten Liebesglücks wie bei Bernardin de Saint Pierres Paul und Virginie (1788), sei es mit stärker gesellschaftspolitischem Impetus wie in Daniel Defoes Robinson Crusoe (dt. 1720) oder Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg (1731-1743). Gemeinsam ist ihnen der zivilisationskritische Grundton - wobei sich letztlich auch das geschilderte Idyll der Zivilisation bzw. dem Scheitern ihrer Technik verdankt - und die Überlagerung des tragischen Moments der Konfiguration 'Schiffbruch' durch seine Stilisierung zum Hoffnungsträger für neue Lebensaufbrüche wird. Der äußere Anstoß 'Unfall' erschließt den Figuren jenseits einer bewussten Entscheidung - geographisch wie sozialpsychologisch - neue Lebenshorizonte. |
Kutschenplaudereien Kehrt man auf den Landweg zurück, ist dieser zunächst bevölkert von (Post)Kutschen, bereits für Gustave Flaubert Inbegriff des "Ihren Zeiten Nachtrauerns". Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam. Dieses Selbstzitat aus dem Egmont setzt Goethe an das Ende des vierten und letzten Teils seiner Memoiren. Hier wird die Präfiguration des Autounfalls aus der griechischen Mythologie herbeizitiert und mit dem Bild des (schicksalhaften) Lebensweges verbunden. Phaeton, Sohn der Klymene und des Sonnengottes Helios, erpresst von seinem Vater die Erlaubnis, einmal den Sonnenwagen über den Horizont kutschieren zu dürfen und erliegt den Folgen des tödlichen Unfalls. Der Griff von Unbefugten nach der technischen Beherrschung des Verkehrswesens (Aviatik - Ikarus, Nautik - Odysseus) ist in zahlreichen Anekdoten der griechischen Mythologie in gleicher Weise geächtet wie der nach dem Feuer (Prometheus) und unterliegt prompter Bestrafung, nicht selten mit letalem Ausgang. Ein Kutschenunfall ist dann auch in Goethes Hermann und Dorothea (1796) Höhepunkt des Unglücks, das menschliche Hybris hervorgerufen hat: Der Bericht des Apothekers vom Zug der von den Wirren der Französischen Revolution Vertriebenen, ihrem Elend und der allgemeinen Unordnung kulminiert im Bild einer umgestürzten Kutsche, das für den Gang der Handlung ohne Folgen bleibt und in dieser exponiert isolierten Stellung zum Sinnbild des (gesellschaftspolitischen) Chaos mutiert. Dass Goethe auf seinen zahlreichen Reisen keinen anderen Unfall erlebte als jenen auf der Fahrt durch den Thüringerwald nach Leipzig, wo er sich beim Anschieben der Kutsche über eine morastige Anhöhe "die Bänder der Brust übermäßig ausgedehnt hat", ist kaum wahrscheinlich, aber zumindest in seinen Memoiren scheinen sich keine weiteren Hinweise zu finden. Diese Episode gehört zudem - obwohl von ihm selbst so benannt - weniger in die Kategorie 'Unfall', denn in die des Ärgers über die Zumutung, beim beschwerlichen Anschieben mithelfen zu müssen. |
Die Romantik des Unfalls und das Ende der Kommunikation Die unbändige Reiselust der Romantiker wiederum wird zwar zum Teil in fröhlichen Fußmärschen befriedigt, aber ebenso häufig und eigentlich immer glücklich auch mit der Kutsche. Wenn Eichendorffs Taugenichts (1826) realisiert, dass er sich, plötzlich von seinen beiden Reisegefährten verlassen, allein in einer Art Sondertransport in rasender Fahrt gen Süden befindet, überwiegt die unbeschwerte Neugier auf den Ausgang des Abenteuers jede aufkeimende Bangigkeit: "'Nun Gott befohlen!' rief ich aus und war innerlich ganz munter geworden vor Erwartung, wo sie mich da am Ende noch hinbringen würden." Das ist das Paradigma eines Unfalls, auf dessen Ausbleiben man ebenso vertrauen kann wie auf die grundsätzliche Intaktheit des ihn umrahmenden Weltentwurfs. Trotz halsbrecherischer Fahrt in schwierigem Gelände und unter geheimnisvollen Umständen hat der Reisende der Romantik die berechtigte Gewissheit, dass der quasi vorprogrammierte Unfall NICHT eintreten wird. Wie fern der Unfall als reale Gefahr dem Vorstellungshorizont der reisefreudigen Romantiker tatsächlich war, zeigt Jean Pauls Erzählung Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz (1807). Attila Schmelzle fürchtet sich vor allem, was an Unglücken während einer Reise denkbar ist und entwickelt dabei eine beachtliche Phantasie: Blitzschlag, Diebsgesindel, Riesen, Überfälle, Gespenster oder gar die Erfindung eines luftzersetzenden Ferments. Was in der langen Reihe seiner Angstvisionen nicht vorkommt, ist ein Unfall. Mit einem tödlichen Absturz endet hingegen Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch (1800/01), in dem Jean Paul mit der literarischen Eroberung des Luftraums den distanzierten Blick nicht nur auf die überflogenen deutschen Lande sucht, sondern auch auf das ausufernde Genre der Reiseliteratur mit aufklärerischen Intentionen. Generell pessimistisch der Reisetechnologie gegenüber scheint Franz Grillparzer, der 1837 notiert: Aus Billigkeitsgründen wird künftig auf der Eisenbahn das Passagiergeld nicht bei der Abfahrt sondern erst bei der Ankunft bezahlt. Auf diese Art bleiben die Toten ganz frei. Die Verwundeten zahlen nur nach Verhältnis der übrig gebliebenen Gliedmaßen. |
Spätestens seit der Jahrhundertwende verschiebt sich dann das motivische Schwergewicht der Reiseunfallliteratur vom Kommunikations- zum Katastrophenpol. Schon Eduard Mörike und Ferdinand Saar beklagen Interesselosigkeit und Unzugänglichkeit der Reisenden als Folge steigender Gewöhnung und Geschwindigkeit. Entsprechend verliert der Reiseunfall um die Jahrhundertwende die dramaturgische Funktion, Bekanntschaften und Liebesbeziehungen zu stiften. Zunehmend steht seine potentielle oder reale Letalität im Vordergrund. Er wird Ausdruck des sinnlosen Zufalls, der das Leben bestimmt, Symbol omnipräsenter Lebensgefahr und anonymer Bedrohungen. Da Straße traditionell Metapher für den Lebensweg ist, erhält der Unfall, bei dem der Lebensweg auf der Straße endet, eine eigenartige metaphorische Duplizität. So wie der Schiffbruch, als er mit Ausweitung des Seehandels Alltagsrealität wurde, zunehmend eine übertragene Bedeutung erhielt (Hans Blumenberg), ist der Reiseunfall zu Lande im 20. Jahrhundert häufig Metapher für das Leben und die Ausgeliefertheit des Menschen an Destination und (technische) Fremdbestimmung. Generell prädestiniert die Tatsache, dass eine größere Gruppe von einander nicht Bekannten "in einer engen Schachtel" sitzen wie "Gefangene der Bewegung", gemeinsam betroffen von "Stoß und Erschütterung" (Alfred Polgar), das Zugsunglück stärker als den Autounfall zu dieser Metaphorisierung. |
Dramaturgie des Zufalls: Schuldlose Schuld Trotz des kategorialen Unterschiedes zwischen Zugsunglück und Autounfall in bezug auf Verursachung und betroffenen Personenkreis, eignet beiden Unfallarten aus der Perspektive des Individuums die Kraft zur Pointierung entscheidender Lebensbrüche. Ein an sich harmloser Unfall, dem wegen Alkoholisierung der Führerscheinentzug folgt, kann die ganze Existenz in Frage stellen wie in Gernot Wolfgrubbers Verlauf eines Sommers (1981). Als romantechnischer Kunstgriff ist der Reiseunfall dabei beständig in Gefahr, symbolisch und dramaturgisch überfrachtet zu werden. Eine überstrapazierte Dramaturgie des Zufalls enteignet die Figuren ihrer Autonomie und Verantwortung und füllt die entstandene Leerstelle mit einem schwammig gewordenen, auf nichts mehr verweisenden Symbol als Selbstzweck. Max Frisch thematisiert in seinem Roman Mein Name sei Gantenbein (1964) genau diese verhängnisvolle Qualität der Unfall-Variante als bloß erzählerischen Kniff, aus verfahrenen (Figuren)Konstellationen herauszufinden: "Ich sehe mehrere Möglichkeiten: Svoboda saust mit seinem Wagen gegen einen Baum." In Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (1929) wird die Gefahr symbolischer Überfrachtung des Motivs 'Unfall' - der hier eigentlich ein Mordversuch ist - noch deutlicher. Der Arm, den Franz Biberkopf dabei verliert, dient der bleibenden Visualisierung der Schicksalschläge und verweist auf den "Arm des Schicksals", dessen Eingriff in die Handlung bereits im Erzähler-Vorspann angekündigt wird. Das dichte Netz der Unfall/Krüppel/Schicksal-Metaphorik trägt weniger zur strukturellen Verankerung bei als zur Überspannung der Symbolkraft des Unfalls. | Ein anderer Umgang mit der Problematik des Zufalls ergibt sich aus der Handlungsorientierung rund um die ewig unbeantwortbare Frage nach dem Warum: Wen trifft es, für wen geht der Unfall letal aus und wer überlebt? Eine besonders tragische Variante findet sich in Veza Canettis Roman Die Gelbe Straße, der in den dreißiger Jahren entstanden ist und 1990 erstmals in Buchform erschien. Die bis zur Entstellung verwachsene, an den Rollstuhl gefesselte "Runkel" beschwört in einem Anfall von Lebensüberdruß einen Unfall herauf, bei dem allerdings nur ihre gesunde Betreuerin Rosa ums Leben kommt. Ähnlich auch der Schluss von Gerhard Fritschs Roman Moos auf den Steinen (1956). Der junge Petrik wankt nach durchzechter Nacht mit zwei älteren Männern nach Hause, einer der beiden trägt die Laterne und stolpert den Straßengraben entlang. Der vorbeifahrende Lastwagen töten den in der Mitte gehenden Petrik, seine beiden Begleiter überleben. Der Lastwagenfahrer begeht Fahrerflucht, das Tatauto verschwindet im Dunkeln - ein idealer Abschluss der äußerst verknappten Szene: "Aber was war das? Er warf plötzlich einen Schatten, einen langen Schatten vor sich her, in den er hineintrat. Dann warf es ihn hin wie einen Sack voll Schotter." Beide Beispiele thematisieren die Frage des unschuldig schuldig Werdens, die auch in literarischen Aufarbeitungen der Unfallfolgen häufig mit im Raum steht. Zentral etwa in Alfred Pittertschatschers Roman Vom Warten auf den Lauf der Dinge (1992), der die Schicksale des vierzehnjährigen Unfallopfers, das seit fünf Jahren im Koma liegt, seiner Familie und des unschuldig schuldigen Täters Oskar Z. verfolgt. Der Mittelteil des Roman ist mit "Der Zufall" übertitelt und enthält den Schlüsselsatz: "Plötzlich, das waren die Fakten, plötzlich hatten die Dinge ihren Lauf genommen, ohne Oskar Z., ganz ohne seine Beteiligung und ohne seine Mitwisserschaft." Alois Hotschnig lässt in seinem Roman Leonardos Hände (1992) einen Unfalltäter Rettungsfahrer werden, auf der Suche nach seinem gleichfalls im Koma liegenden Opfer. Hier wird die alte Qualität des Reiseunfalls, lebensbestimmende Begegnungen einzuleiten, unter dem radikalisierten Aspekt eines (beinahe) letalen Unfallausgang wieder aufgenommen. Die Figuren, deren Lebenswege sich durch den Unfall kreuzen, sind in ihren tragischen Rollen festgeschrieben als Täter und Opfer. |
Pannen und Lebensbrüche Ingeborg Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr (1966) endet mit einem Autounfall, den der Held schwer verletzt überlebt und als Ausgangspunkt für einen neuen Lebensentwurf nimmt. Auch in Walter Kappachers Rosina (1978) wird die unvermutete Begegnung mit dem Tod bei einem Autounfall Anlass zu Lebensumkehr und Selbstbesinnung. Das Gefühl, noch einmal davon gekommen zu sein, weitet in beiden Fällen den Blick für eine Neubestimmung der eigenen Wertigkeiten in größerer Unabhängigkeit von vorgegebenen Normen und Prestigedefinitionen. Kappacher benötigt dazu weder implizit noch explizit den Rekurs auf das Fatum, vielmehr ist Rosina die Geschichte eines Unfallopfers, die da einsetzt, wo Unfallberichterstattung gewöhnlich aufhört. Der Unfall selbst wird nicht geschildert, so als wollte der Autor eine Redundanz dieser Beschreibung vermeiden, die ihren Ort auf den Lokalseiten hat. Anders in Franz Tumlers Aufschreibung aus Trient (1965), wo der Unfall als Vehikel des Schicksals im Zentrum der Handlung steht. Der Ich-Erzähler empfindet sich durch den Unfall vom Schicksal "eingeholt, gestoppt", was eine strafende und eine warnende Komponente enthält. Zwar hat er nicht eigentlich Schuld an diesem konkreten Unfall, aber doch eine höhere Schuld, indem er durch sein bisheriges, oberflächliches Leben diesen Schicksalsschlag auf sich (und seine namenlose Freundin) heraufbeschworen hat. Unfallursache ist ein alter Mann, der durch sein plötzliches Verschwinden zu einer Art mystischen Reinkarnation des Vaters wird, auf dessen Suche sich der Ich-Erzähler nun erstmals begibt. Ausführliche Rekonstruktionsversuche des Unfallhergangs sollen helfen, den Schock zu verarbeiten, wobei als unaufgearbeiteter Rest die individuell erlebte Todesangst bleibt. Zur existentiellen Verunsicherung genügt auch der nur beobachtete Unfall: In Sepp Malls Erzählung Verwachsene Wege (1993) versetzt der Absturz eines Linienbusses die Bewohner des ganzen Dorfes in Aufregung und Unruhe und stellt den Versuch des Ich-Erzählers, in seinen Heimatort zurückzukehren, von Anfang an unter ein böses Omen. Und auch in Walter Kopackas Romanerstling Der Wald (1992) ist es das hautnahe Miterleben eines schweren Verkehrsunfalls, mit dem die Verunsicherung und der Austritt des Protagonisten aus seinem bisherigen Lebenszusammenhang einsetzt. Die Varianten, mit dieser latenten psychischen Dauerbelastung fertig zu werden, sind vielfältig. Eine etwas ausgefallene schildert Manfred Maurer in seinem Roman Das schwarze Schaf (1989). Stolz zeigt ein Mitreisender seine Sammlung sorgfältig ausgeschnittener Berichte von spektakulären Autounfällen. Ein alltägliches "Kaleidoskop des Schreckens", in Klarsichthüllen wohl verpackt und geordnet, zum systematischen Einüben in die omnipräsente Bedrohung durch die Alltagskatastrophe Unfall. |
Gottesurteile des 20. Jahrhunderts Als der Privatgelehrte Murau in Thomas Bernhards Auslöschung. Ein Zerfall (1986) die Nachricht erhält, "Eltern und Johannes tödlich verunglückt", ist ihm sofort klar: "Ihr Tod, es kann nur ein Autounfall sein". Die 600 Seiten des Buches sind ein Kampf gegen die Verunsicherung durch diesen plötzlichen Einbruch des Todes. Auch wenn er den Verunglückten mehr in Hass denn Liebe verbunden war, bleibt die Qualität des Unfalltodes als Vanitas-Symbol des 20. Jahrhunderts. Der Schrecken über den sinnlosen plötzlichen Unfalltod, der während einer beliebigen Alltagsverrichtung ebendiesen individuellen Alltag endgültig aufhebt. Fasziniert und abgestoßen zugleich studiert Murau die Unfallberichte. Auch den persönlich gehaltenen Berichten seiner Schwestern ist zu misstrauen, und Murau selbst ringt mit der stereotypen Formel vom "zweifellos entsetzlichen" Unglück hilflos um eine persönliche Haltung zum Geschehen. Die (massen)medial vermittelten Realität dominiert das tatsächlich Erlebte/Erlebbare: "Immer wieder das Unglück im Totengebirge, das mich mehr beschäftigt, weil ich es in der Zeitung gelesen habe, als das andere auf dem Katschberg, das ich erlebt habe", heißt es in Ungenach (1968). (8) Muraus Spekulationen über die Unfallursache stellen einen Zusammenhang her zwischen dem unbefriedigenden Leben seines Bruders (dem Lenker des Unfallautos) und seiner Neigung zu Autokult und riskanter Fahrweise: "War er sonst der ruhigste Mensch, wenn er Auto fuhr, war er nurmehr noch der entfesselte, der zum absoluten Machtmenschen gewordene, welcher er außerhalb des Autos nicht sein konnte". Das Schicksal wird in seine Schranken verwiesen, indem ein Teil der Verantwortung dem Bruder selbst bzw. seinen deprimierenden Lebensumständen zugeordnet wird. | Impliziert ist darin die Möglichkeit eines nicht zufälligen Unfalltods. Der Autounfall als versteckter Selbstmord(versuch), der im Graubereich der Dunkelziffer verbleibt, ist in der neueren Literatur vergleichsweise häufig anzutreffen. Letal endet die rasende Fahrt durch die Allee nach dem endgültigen Ende ihrer Beziehung zu einem älteren Mann für die Studentin Ulla in Graziella Hlawatys Grenzfahrt (1990). Über den "Tathergang" besteht zumindest für den erschüttert zurückbleibenden Ich-Erzähler kein Zweifel. Janda in Helmut Zenkers Froschfest (1977) unternimmt denselben Versuch, seinem Charakter entsprechend weniger durch aktives Handeln als durch Unterlassen einer Handlung: "Janda sieht das Auto kommen /.../ vielleicht wäre er leicht weggekommen, vielleicht wollte er sich gegen das Auto fallen lassen. Er weiß es nicht." An russisches Roulette erinnert das bewusst kalkulierte Unfallrisiko in seinem Roman Morgen (1975), wo die Figuren immer dann besonders exzessiv das Gaspedal betätigen, wenn von einem Autounfall die Rede ist oder eine Unfallstelle passiert wird: "/.../ er sagte 'schrecklich!' und im Handumdrehen hatten wir wieder 150 drauf." Dieses bewusste Ausblenden der realen Gefahr enthält sowohl Elemente des Selbstschutzes als auch potentieller Selbstzerstörung. Dorothea Zeemann beschreibt in ihrem Roman Reise mit Ernst (1991) diese Gefühlsambivalenz bei einem gefährlichen Überholduell mit einem Motorrad: "Der Todesengel scheißt blaue, giftige Gase /.../ Ernst hat Angst, ich habe auch Angst, aber ich will Angst." |
Was bleibt nach dem Unfall, sei er harmlos oder letal: ein kleiner Verkehrsstau, denn der "Ausfall der meisten Leben verursacht keine Störung, /.../höchstens eine Verkehrsstörung, gegebenenfalls, gegebenenunfalls, doch alle ordnenden Kräfte waren eingesetzt, eine solche abzuwenden" (Gottfried Benn).
An diesem Punkt setzt der Unfallbericht in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften an. Die lakonische, technisch exakte Schilderung EINES Verkehrsunfalls in EINER Stadt, macht mit dieser Konzentration auf das Faktische des Ablaufs die Exemplarität des Unfall als allgegenwärtige Realität kenntlich. Der programmatische Verzicht auf die Perspektive der Betroffenen verweist auch auf die Antiquiertheit tradierter Vorstellungen vom 'individuellen' Tod in einer Gesellschaft, die die Kategorie 'Individuum' längst ausgehöhlt hat. Der literarische Unfall als "Daseinsmetapher des 20. Jahrhunderts" (Hans Blumenberg) partizipiert an beiden Aspekten und geht ein in die allgemeine Qualität von Literatur, existenzielle Beunruhigung zu provozieren und verhärtete, inadäquate Realitätsbilder aufzubrechen. Denn der Unfall als die Ausnahme von der Regel macht dem Einzelnen die Apperzeptionsverweigerung der Unfallstatistiken vergleichsweise leicht - solange die individuelle Erfahrung nicht das Gegenteil beweist. Auflehnung gegen die Spurenlosigkeit dieses individualisierten - gleichwohl organisiert sich vollziehenden - Verkehrstodes und die soziale wie psychische Assimilation an die jederzeit mögliche Unfallkatastrophe, war auch Hintergrund von Leo Schatzls Installation Akzidenz bei der Ars electronica 1991: Der Aufprallmoment eines verunglückenden Autos, fixiert in weichem Beton, verfestigt ein Memento mori als Brennpunkt der Autogesellschaft. |
Einige Literaturtips - Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1988 - Freiheit mit hundert PS. Der Österreicher und sein Auto. Hrsg. v. Robert Sedlaczek und Günther Hanreich. Wien: ÖBV, 1989 - darin besonders: Hermann Schlösser/Wendelin Schmidt-Dengler: Der lange Bremsweg, S. 90 - 105 - Lydia Murauer: "Die verschobenen Abbilder der Hebel und Räder". Zur Darstellung der Maschine in der deutschen Literatur von 1830 bis 1870. Phil. Diss. Wien 1983 - besonders S. 199 - 270 - Reise und Utopie. Zur Literatur der Spätaufklärung. Hrsg. v. Hans Joachim Piechotta. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1976 - Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. Hrsg. v. Hermann Bausinger, Klaus Beyrer, Gottfried Korff. München: Beck, 1991 - Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein, 1979 (= Ullstein-Bücher. 35015. Ullstein-Materialien. Anthropologie) - besonders S. 117 - 151 |
Einige literarische Unfälle zum Schmökern
- Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr. Erzählungen. München: dtv 1966 - Thomas Bernhard: Auslöschung. Ein Zerfall. Frankfurt/Main:Suhrkamp 1986 - Alfred Bittner: Der Schweinskopf oder Die Anfänge der Dehominisation. Roman. Wien: Edition S 1987 - Veza Canetti: Die Gelbe Straße. Roman. Mit einem Vorwort von Elias Canetti und einem Nachwort von Herlmut Göbel. München, Wien: Hanser 1990 - Heimito von Doderer: Ein Mord, den jeder begeht. München: Biederstein 1958 (= Die Bücher der Neunzehn. 14) - Ders.: Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre. Roman. München: Biederstein 1951 (München dtv 1966) - Alfred Döblin. Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Berin: Fischer 1929 (Hrsg. v. Walter Muschg. München: dtv 1965) - Max Frisch: Homo faber. ein Bericht. Reinbek: Rowohlt 1973 - Graziella Hlawaty: Die Grenzfahrt. Roman. Wien. Edition Atelier 1990 - Ödön von Horvath. Der jüngste Tag und andere Stücke. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1988 (= Gesammelte Werke. 10) - Walter Kappacher. Gipskopf. Graz: Droschl, manuskripte Edition 1984 - Ders.: Morgen. Roman. Salzburg: Winter 1975 - Ders.: Rosina. Erzählung. Frankfurt/Main: Ullstein 1980 - Angelika Klüssendorf: Sehnsüchte. Eine Erzählung. München: Hanser 1990 - Walter Kopacka: Der Wald. München: Nymphenburger 1992 - Alexander Lernet-Holenia: Der Mann im Hut. München, Konstanz: Südverlag, 1953 - Sepp Mall: Verwachsene Wege. Erzählung. Innsbruck: Haymon 1993 - Thomas Mann. Die Erzählungen. Frankfurt/Main: Fischer 1986 - Leo Perutz: St. Petri-Schnee. Roman. Reinbek: Rowohlt 1989 - Alfred Pittertschatscher: Vom Warten auf den Lauf der Dinge. Graz, Wien, Köln: Styria 1992 - Franz Rieger: Der Orkan. Weitra: Bibliothek der Provinz 1993 - Leo Tolstoi: Anna Karenina. Ein Roman in acht Teilen. Dt. v. H. Röhl. Leipzig: Insel o.J. - Franz Tumler: Aufschreibung aus Trient. Frankfurt/Main: Fischer 1982 - Dorothea Zeemann: Reise mit Ernst. Wien: Edition Falter im ÖBV 1991 - Helmut Zenker: Das Froschfest. Roman München: Bertelsmann, Autoren Edition 1977
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