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Florian Nelle
Trial and Terror -
Zur systematischen Produktion von Instabilitäten

Störfälle sind nicht das Resultat zufälliger Irrtümer, sie sind das Ergebnis programmatischer Destruktivität. Dieser Terror, der im Innersten der experimentellen Wissenschaft verankert ist, soll aus der Zerstörung des Alten Neues hervorgehen lassen.
Die verkannte Größe
Die Vorstellung, dass Störfälle Randerscheinungen und missliebige Folgen des technischen Fortschritts sind, gehört zu den wohl populärsten Irrtümern der letzten zweihundert Jahre. Im Englischen und Französischen hat sie sich im Begriff des Unfalls niedergeschlagen. Aus dem philosophischen Akzidenz wird hier der accident, der zufällige Unfall, der keine eigene Substanz hat. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig seit den Anfängen der industriellen Revolution. Dass eine Eisenbahn entgleist, ein Dampfkessel explodiert, ein unsinkbares Schiff wie die Titanic an einem Eisberg zerschellt, ein Reaktor wie Tschernobyl die halbe Welt verstrahlt, erscheint als Kollateralschaden oder bestenfalls als unvermeidliche Konsequenz menschlicher Selbstüberschätzung. Darin sind sich Apokalyptiker und Integrierte einig. Ob man nun von bedauernswerten Begleiterscheinungen spricht oder von unausbleiblichen Ungeheuerlichkeiten, die Opfer des Fortschritts im Namen der Zukunft preist oder die menschliche Hybris geißelt - der Störfall ist das Symptom einer ursächlichen Problematik, die auf wirtschaftlicher, technischer oder gesellschaftlicher Ebene verortet wird. Es fragt sich aber, ob diese Sichtweise in einer Zeit, in der die Rede vom Tod des Autors und dem Ende des Subjekts ihren Weg in die Feuilletons mittelmäßiger Illustrierter gefunden hat, nicht überholt ist. Weit davon entfernt, eine bedrohliche Folge darzustellen, hat der Störfall in unserem Leben längst eine zentrale Stellung eingenommen. Wenn Carlyle Mitte des 19. Jahrhunderts die Müllkippe zur elektrischen Batterie des gesellschaftlichen Lebens erklären konnte, so scheint es nun an der Zeit endlich dem Störfall den Ehrenplatz im öffentlichen Leben anzuweisen, der ihm gebührt.
Reparatur am Ego
Der Unfall, gewissermaßen die noch metaphysisch behaftete Form des zum rein technischen Problem gewordenen Störfalls, verbindet sich über weite Strecken des 20. Jahrhunderts mit jenem Medium, das mehr noch als Marlboro-Cowboys und Internet alle Versprechungen von Freiheit und Abenteuer repräsentiert. Das Auto soll den Ertrag des Fortschritts als individuelle Bewegungsfreiheit jedem Menschen zugänglich machen. Freie Fahrt für freie Bürger, so lautete die längst zum Schlagwort gewordene Parole in den achtziger Jahren. Abgesehen davon, dass diese Fahrt in dem zum Kapitalismus befreiten Brandenburg nicht selten an den Straßenbäumen endet, wohnt dem Gefährt selbst ein Störungspotential inne, das beständig überwunden werden muss. Darüber berichten auch die Tagebücher von Viktor Klemperer. Denn der gebraucht erstandene Opel, mit dem zumindest kleine Fluchten und Landpartien aus nazideutsch erzwungener Klaustrophobie gelingen sollen, befindet sich im Zustand aller älteren Autos: dem des kontinuierlichen technischen Defekts. Was für Klemperer nur ein weiterer Aspekt seiner nicht ganz privaten Hölle war, das wird im Deutschland nach dem Wirtschaftswunder zum Teil einer vorübergehenden Idylle. Die Fülle von Do-it-yourself Anleitungen zum Reparieren von Autos aller Modelle, die insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren auf dem Markt waren, ist nicht allein Ausdruck der Sparsamkeit des deutschen Mannes. Sie ist vielmehr Indiz für einen Prozess der Integration moderner Technologie ins Privatleben. Denn die Reparatur stellt eine Form der Aneignung dar, die leicht pathologische Züge annehmen kann. Die Störanfälligkeit des Autos dürfte nicht unerheblichen Anteil an der bekannten Fetischisierung des Gefährts haben, die in den sonntäglichen Wasch- und Wienerorgien stolzer Besitzer ihren zwanghaften Höhepunkt erreichten. Aber der technische Defekt, der zur Reparatur zwingt, erfüllt auch wichtige soziale Funktionen. Wer je einen Familienvater tage- und nächtelang in der Garage hat schrauben sehen, der weiß um den rituellen Charakter solcher Veranstaltungen. Sie stellen den Prüfstein für Freundschaften und Nachbarschaftshilfe dar und können zum veritablen Fundament kleiner Gruppenidentitäten werden. Schließlich verteidigt der Mann, der sein Auto selbst repariert, seinen Platz in der angestammten Familienhierarchie. Insofern kann die Begeisterung für das Herumschrauben am eigenen Wagen als Ersatzhandlung gesehen werden, die auf jene schreckliche Bedrohung reagiert, die um 1960 das kleinfamiliäre Machtgefüge aus den Angeln zu heben drohte. Denn mit dem Fernseher wurde ein Gerät zum Mittelpunkt des Haushalts, das der Vater nicht selbst reparieren konnte - das sich störrisch seiner Verfügungsgewalt entzog. Der televisionäre Störfall ist für die Mehrzahl der deutschen Bürger längst zum Inbegriff des privaten Super-Gaus avanciert, und ein Reparaturservice, der nicht binnen einer halben Stunde nach Anruf einen Ersatzapparat stellt, kann die Bude dichtmachen. Das aber sind nur entfernte Ausläufer jener erdbebenartigen Erschütterung überkommener Familienstrukturen, die der defekte Fernseher zu Beginn der Bildschirmära auslöste. Untergrub er doch die Gewalt des Vaters, vom notwendigen Eindringen eines Fremden in Form des Fernsehreparateurs und seiner sexuellen Attraktivität für die einsame Hausfrau ganz zu schweigen, womit denn der Untergang der Kleinfamilie in greifbare Nähe rückte. Das Auto bot sich als idealer Fluchtpunkt für alle an, die weiterhin nach der Devise "selbst ist der Mann" leben wollten. Und es ist sicher kein Zufall, dass dieser Freiraum im Zeitalter moderner Elektronik langsam aber sicher geschlossen wird. In dem Maße, wie modernste Technik die Autos selbst für traditionelle Werkstätten undurchschaubar werden lässt und wo die Computerdiagnostik in der Vertragswerkstatt zum Maß aller Dinge wird, wo Mikrochips in Staubsaugern noch den passioniertesten Hobbytüftler entmutigen, soll das zum Datenhighway stilisierte Internet die alten Bedürfnisse neu kanalisieren. Und natürlich kommt dabei dem Störfall eine entscheidende Funktion zu.
Garantierte Instabilität
Das aufklärerische Potential von Computer und Internet ist lange Zeit unterschätzt worden. Natürlich liegt es nicht in der vielbeschworenen Demokratisierung des Wissenszugangs oder in den neuen, vermeintlich herrschaftsfreien Kommunikationsräumen, die es bereitstellt. Diese schwafeligen Ausdünstungen neoliberalen Gedankenguts vernebeln, worin die eigentlich revolutionäre Bedeutung des neuen Mediums liegen könnte. Im Computer nimmt die Störungsanfälligkeit der technischen Zivilisation eine für jeden Menschen konkret erfahrbare Form an. Als beständiger Kampfplatz, auf dem unweigerlich auftretende Fehler und Systemabstürze, Kompatibilitätsprobleme und Softwarefragen durch einen im System verankerten Zwang zur technischen Innovation perpetuiert werden, lässt er jeden Besitzer oder Benutzer am eigenen Leib spüren, dass sein ganzes Leben von kleinen und großen Störfällen bestimmt wird. Denn Computer werden niemals besser. Betriebssysteme werden umfangreicher, größer und aufwändiger, aber niemals stabiler. Das weiß jeder Windows-User. Der "schwere Ausnahmefehler" und "Blue Screens" sind ihm geläufige Erscheinungen. Und wer jemals den Fehler gemacht hat, eine Support-Hotline anzurufen, wurde zumindest durch die Einsicht entschädigt, dass die Komplexität der bei Aldi zu erwerbenden Systeme längst auch die Experten von Microsoft überfordert. Der Office-Assistent schließlich, der mit perfidem Lächeln auf magische Weise erscheint, wann immer man ihn am wenigsten gebrauchen kann, räumt mit dem Mythos interaktiver Programme auf. Keine hundert Jahre nach Freuds Feststellung, dass das Ich nicht mehr Herr im eigenen Haus ist, macht es unmissverständlich klar, dass der User längst nicht mehr Herr über die Verwendung des Programms ist. Mit dem Computer dringt die Technologie ins Privatleben ein, und in ihrem Gefolge bahnt sich der Störfall seinen Weg ins Herz individueller Lebens- und Arbeitszusammenhänge. Das wiederum hat zu einer ebenso schleichenden wie unerbittlichen Veränderung im Angsthaushalt geführt. Die in den achtziger Jahren herrschende Angst vor dem Computerfehler im Frühwahrnsystem, der die atomare Katastrophe auslösen könnte, beruhte auf abstrakten Informationen. Heutzutage braucht man sich nur vorzustellen, dass die Computerprogramme des Pentagon über einen perfide grinsenden Office-Assistenten und ein unberechenbares Touchpad verfügen, das jede Bewegung auf der Benutzeroberfläche zum Lotteriespiel werden lässt. Erstaunlich ist dabei, dass die abstrakte Vorstellung besser geeignet war, Ängste zu schüren, als die konkrete Erfahrung. Je realer und nachvollziehbarer die Wahrscheinlichkeit der Katastrophe ist, desto weniger vermag sie zu erschrecken. Offensichtlich hat das Eindringen des Störfalls ins Privatleben zu einer Habitualisierung geführt. Dass Dinge nicht funktionieren, ist längst zum Regelfall geworden. Denn Störungsanfälligkeit zu mindern, ist kein Kriterium technischen Fortschritts. Ganz im Gegenteil. Ein stabiles System wäre der Inbegriff von Stillstand. Es würde Konsum überflüssig und Wachstum hinfällig werden lassen. Aus Sicht derzeit herschender ökonomischer Dogmatik wäre ein stabiles System gleichzusetzen mit dem Systemtod. Deshalb ist der Störfall keine zufällige Folge der technischen Entwicklung, sondern eine grundlegende Notwendigkeit. Nur was nie funktioniert, muss ständig verändert werden. Dank Bill Gates lässt sich unsere gegenwärtige Kultur als ein weit verzweigtes Netz systematisch nicht-funktionierender Mechanismen beschreiben. Der Störfall ist Programm und Lebenselixier der Postmoderne. Wir leben im Zeitalter garantierter Instabilität, und der Computer ist der jedem verfügbare Heimtrainer, mit dessen Hilfe wir den Rhythmus permanenter Unterbrechung verinnerlichen.
Wahnsinn und Methode
Der Unfall, so hieß es früher oft, ist eine Wiederkehr des Verdrängten - der Gewalt gegenüber der beherrschten Natur etwa. Diese idyllische Sicht der Geschichte, wie sie mit beruhigend apokalyptischen Untertönen daherkommt, verdankt sich dem Prinzip Hoffnung. Ihm entspringt die heimliche Freude, die mancher angesichts von Naturkatastrophen und Börsencrashs empfindet - so lange die Überschwemmung nicht allzunah an der eigenen Haustür stattfindet. In der stillen Genugtuung ist die Hoffnung auf einen großen Umschwung aufgehoben, einen Neuanfang, wie ihn amerikanische Blockbuster à la Independence Day gerne in der Wüste inszenieren. In Wirklichkeit ist der Unfall längst zum Störfall geworden, zu einer systematisch produzierten Instabilität, die nichts, aber auch gar nichts Befreiendes hat und der jedes utopische Moment abgeht. Ihren Ausdruck findet diese neue Qualität vornehmlich in Seuchenszenarien, die alles zerstören und nichts verändern. Auch BSE ist der genaue Reflex einer Gesellschaft, die sich der systematischen Produktion von Instabilitäten verschrieben hat. Wie es gelang, den Rinderwahn zu erzeugen, wird wohl nie ganz geklärt werden. Ob das Verdienst Winston Churchills Projekt zur biologischen Kriegsführung gebührt oder dem Versuch, die Dasselfliege mittels Pestiziden auszurotten, spielt keine Rolle. Fest steht nur, dass es sich um einen gelungenen Anschlag auf Stabilität handelt. Wir haben es dabei mit dem Resultat jener Methode zu tun, die im 17. Jahrhundert zum wichtigsten Moment empirischer Wissenschaft wurde: dem Experiment. Selbst wenn wir die harmloseste und unwahrscheinlichste aller Erklärungen als Ursache nehmen und glauben, dass sich der Rinderwahn ursächlich der Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer verdankt, liegt die Verbindung zu den Experimenten auf der Hand, wie sie im 17. Jahrhundert die Grundlagen moderner Wissenschaft legten. Seit sich die Herren der Londoner Royal Society die Zeit damit vertrieben, Hunde bei lebendigem Leib aufzuschlitzen und ihre Lungenfunktion mit Blasebälgen aufrechtzuerhalten, Bauern von Giftschlangen beissen zu lassen oder Hekatomben von Vögeln im Vakuum der Luftpumpe zu ersticken, ist die Ars combinatoria zum wichtigsten Mittel wissenschaftlicher Forschung geworden. Im 17. Jahrhundert folgte das Experiment dabei einer religiös-ästhetischen Logik. Die Zusammenstellung disparater Elemente sollte neue, ungewohnte Einsichten offenbaren. Was unmittelbar wahrnehmbar war, stellte nur eine trügerische zweite Natur dar, deren Zerstörung durch die kombinatorische Kunst des Experiments eine erste wahre Natur enthüllte. An dieser Vorstellung hat sich bis heute nicht viel geändert. Zerstörung ist keine mehr oder minder beliebige Folge der Suche nach Erkenntnis, sondern deren grundlegende Bedingung. Deshalb handelt es sich bei der sprichwörtlichen Formel von Trial and Error um einen groben Euphemismus. Störfälle sind nicht das Resultat zufälliger Irrtümer, sie sind das Ergebnis programmatischer Destruktivität.
Dieser Terror, der im Innersten der experimentellen Wissenschaft verankert ist, soll aus der Zerstörung des Alten Neues hervorgehen lassen. Seine Quintessenz ist der Traum von der Schaffung künstlichen Lebens. So fällt es nicht schwer, am mythischen Horizont der experimentellen Methode einen pervertierten Auferstehungsgedanken auszumachen. Erste Annäherungen an eine praktische Umsetzung in der staatlich organisierten Transplantationstherapie zeigen, dass der Weg dorthin über Leichen führt - konkret über das dem noch lebenden Körper im Rahmen nächtlicher Horrorszenarien explantierte Spendenmaterial. Umso naiver ist es zu glauben, dass der genetischen Experimentaltechnik ethische Grenzen gesetzt werden könnten. So lange die Methode des Trial and Terror als Quellcode moderner Wissenschaft unser Leben bestimmt, ist daran nicht zu denken. Bleibt nur zu hoffen, dass die systematisch produzierten Instabilitäten irgendwann auch dessen Gleichgewicht zerstören. Die Erfahrung lehrt, dass fortschreitende Gehirnerweichung allein nicht ausreichen wird. Insofern sollten keine allzugroßen Hoffnungen in den Rinderwahn gesetzt werden.


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