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zum Inhaltsverzeichnis sinn-haft [nr 9] druckfähige Version dieses Artikels Einleitung:
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Zurück zur ursprünglichen Störung, die diese Sinn-haft auf den Weg brachte: Im kaiserlichen Österreich fällt ein Packen mit Konskriptionslisten vom Wagen - Konskriptionsdaten gehen verloren, der Wehrdienst einiger Soldaten wird verzögert, die Bürokratie in ihrem Ablauf gehemmt. Gleichzeitig führt die Störung zu neuen, besseren Arten der Kontrolle: zum Beispiel zur doppelte Buchführung beim Ausheben der Soldaten. (vgl. Anton Tantner) Ein gewöhnlicher Ablauf wird durchbrochen, der ungehinderte Fluss gehemmt, eine Maschine läuft aus den Normwerten - sowohl ein Zu viel als auch ein Zu wenig an Bewegung kann stören; in jedem Fall erscheint der Störfall an Bewegungsparadigmen gekoppelt. Die Doppelbewegung, die uns besonders interessierte, war jene des Fortschreitens als gleichzeitiges Gehen und Fallen: Kein Störfall ohne daran anschließende Verbesserungen, Präventionsmaßnahmen, Anschlusstechniken etc. Kein Uhrwerk ohne eine Hemmung. |
Wo es um Fortschreiten geht, ist die Aufklärung mit ihrer Annahme der Perfektibilität der Menschheit nicht weit. Es war Anne Robert Jacques Turgot, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein ebenso konsequentes wie erfolgreiches Fortschrittskonzept entwarf: Es gäbe, so Turgot, nur eine Voraussetzung für Fortschritt: dass unter Menschen überhaupt etwas geschehe. Alles, auch Kriege, treibe zwangsläufig den Fortschritt voran. Nicht schlechte Praxis lege den Fortschritt lahm, sondern nur das Fehlen von Tätigkeit überhaupt.
Somit finden wir uns ausgehend vom Störfall unversehens im Zentrum der Moderne wieder: fortschreitende Bewegung, besser: Bewegung, die zur Voraussetzung noch intensiverer Bewegung wird - Moderne als Mobilisierung. Von hier eröffnet sich ein Blick auf moderne Technik, Wirtschaft und Wissenschaft, für den der Störfall nicht mehr Randphänomen oder Kollateralschaden ist, sondern im Zentrum des Fortschrittsprojekts steht. Florian Nelle bringt das einleitend auf die Formel vom "Trial and Terror". |
Ein anderer Schnitt durch die Moderne zeigt einen Zusammenhang von Bewegung und Störung anhand der modernen Konstruktionen von Subjekt, Bewusstein und Identität. Hier finden wir die literarische Inszenierung des Störfalls; als ein Fall für ein Ich, der es aus der Bahn wirft, vernichtet, reformiert, auf die richtige Bahn zurückführt und mit sich selbst oder einem anderen konfrontiert. Die dazu gehörende Motivik und Requisiten führt der Beitrag von Evelyne Polt-Heinzl anhand eines historischen Streifzugs durch literarische Störfälle vor. Darauf folgt, ganz am Puls der Post-Postmoderne, eine dechiffrierende Lektüre der Störfälle im Entenhausen der 90er Jahre von Birgit Lang.
In die Abgründe eines nicht-fiktionalen Subjekts steigt Klaus Ratschiller in seiner Carl-Schmitt-Analyse: Hier erscheint der Störfall nicht als produktives Moment einer Bewegung, sondern als das Andere eines Eigen-Raumes und mithin Bedrohung einer Identität: Das "Radio-Klaviergeklimper von Nebenan" wird im Bewusstein Carl Schmitts zur Metapher der persönlichen Apokalypse und zum Ausdruck paranoider Ängste vor dem Fremden. |
In der Ökonomie des freien Marktes erscheint der Störfall inzwischen als Normalfall. Selbst anti-essentialisitische Demokratietheorien, wie sie aus dem Post-Marxismus und der französischen Post-68er Philosophie hervorgegangen sind, beziehen ihre Logik aus der agonalen Konfliktkultur des freien Marktes und verschweigen, dass auch der neue "Aktivbürger" mit Hilfe von Ausschlussmechanismen gebaut wurde. Zum Störfall in einer Situation der Ökonomisierung des Politischen werden jetzt, wie Ramón Reichert zeigt, diejenigen, die sich nicht auf das "Bleibt alles anders" des (politischen) Marktes einlassen wollen oder können. Diese Sorte Störfall wird nicht bestraft, sondern diffamiert und durch Sachzwangargumente neutralisiert.
Solche Theoreme sind zwar keine klassischen Fortschrittsprojekte aber dennoch Bewegungsprojekte: hier ist die Bewegung das ungeplante Resultat gegenseitiger Störungen, die auf kein zentrales Subjekt rückführbar sind. In diesem Automobil hat sich der/die/das Lenker/in/rad verabschiedet und unter die Motorhaube begeben. Diese Motivik des "Unter die Haube Kommens" begegnet uns auch bei Gerburg Treusch-Dieter: Als Motoren fungierten längs durch die Kulturgeschichte Götter, Frauen und Männer. Sicher ist aber, dass am Ende alle miteinander "zur Hölle fahren". |
Zusammenzuhalten ist dies alles durch Theologie: der Störfall als (negatives) Korrelat eines spezifisch modernen Bewegungs- und Raumkonzeptes - einer immanentisierten monotheistischen Metaphysik, wo jeder "Fall" zum "Sündenfall" wird? Hier stimmt alles zusammen: ein System (die göttliche Kosmologie) wird gestört durch Neugier (vielleicht auch ein wenig durch Langeweile). Es gibt zwar einen, der den Helden spielt (Adam), das Skript war aber nicht die Idee eines großen Einzelnen: Schlange und Eva halfen bekanntlich mit. Gott strafte und brachte damit die Menschengeschichte in Gang. Dem großen Weltenbauer steht seither nicht nur ein Zerstörer, sondern auch ein hilflos tollpatschiger Störenfried gegenüber - eingekeilt zwischen Körper und Geist schafft er es, so Florian Oberhuber, weder, das Gewicht der Welt von seinen Schultern gleiten zu lassen, noch sich in sie hineinzuwühlen |
Die somit gekennzeichnete aktuelle Lage hat ein globales Bedürfnis nach Störung hervorgebracht, wie es sich nicht nur in Seattle manifestierte. Die Frage nach der Benennungsmacht im Kampf um den magischen Begriff Störfall, der bekanntlich hohes politisches Ansehen genießt, stellt Oliver Kirnbauer in seinen Ausführungen über "Checkpoint Politics": Hier präsentieren sich Gegner der schwarz-blauen Regierung als mediengewandte Systemkenner: Das Blockieren verschiedener Verkehrsknotenpunkte zeugt von ihrem Sinn fürs Symbolische und ihr verstreut-organisiertes Stören macht auf die Hoheitsgewalt des Staates in der Verwaltung der Menschen-, Waren- und Verkehrsströme aufmerksam.
Die Lösung für die allgemein verwickelte Problemlage hat unversehens Marcus Hammerschmitt gefunden: Man braucht nur seine Träume aufzuzeichnen und die Bremsen fest ziehen - schon gehts ab! Sinn-haft wünscht: Gute Reise!
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