sinn-haft [nr 8] - auto-mobile


Autoprojektion

Ich fahre, also bin ich . . . frei.
Über mögliche Ursachen und Implikationen dieser Weltanschauung


Umschalten, bitte!
Weit mehr als nur Maschine oder Automat ist das Automobil vor allem Gegenstand überspannter Projektionen. "Sein Glanz strahlt über das Grau aller übrigen Dinge", schreibt Baudrillard. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhundersts wird das Auto als belebtes Wesen charakterisiert. In Filippo Tommaso Marinettis Beschreibungen etwa, brüllt das Auto und ist hungrig wie ein Tier. Dabei wird es nicht als bloßes Abbild des Menschen oder Tieres gedacht, sondern als eine Art Zwitterwesen, eine Mischung aus Mensch und Maschine. Und wohl aus diesem Grund weiß das Auto, was Menschen sich wünschen: Geschwindigkeit. Punkte werden zu Linien und verflüchtigen sich schließlich in einer einzigen Geraden. Dem Ort entrissen, funktioniert das Auto als Projektor, es entwirft vorbeihuschende Bilder, die uns von einer Realität in eine andere befördern. So gesehen, wird die Welt durch das Auto zu einem Kontinuum von Übergängen: Die Welt verschwindet in jedem Augenblick und entsteht neu. Das Automobil ist also ein Autokommunikator, ein Selbstschalter, wie Virilio feststellt. "Der Motor des Autos und der des Projektors haben einen ähnlichen Effekt: beides sind Übertragungsmittel."
Die Vorstellung Freiheit beginnt (spätestens) im fünften Gang. Wir sitzen in der ersten Reihe.

Speed is essential
Virilio zufolge liegt das Besondere und der Zweck des Fahrens im Fahren selbst. Fahren, fahren, fahren, einfach so, ohne Ziel oder nach dem Motto, die Straße ist das Ziel. Der mit dem Autofahren verbundene Freiheitsgedanke kann vielleicht durch dieses zweckbefreite Fahren erklärt werden. Man fährt nicht deshalb mit dem Auto, um von einem Ort zum anderen zu gelangen, sondern um dem Ort selbst, um der "Schwerkraft der Verhältnisse" (Treusch-Dieter) zu entkommen - was bekanntlich am ehesten durch eine hohe Geschwindigkeit zu erreichen ist: Während der Körper mehr oder weniger unbequem in den Sessel gedrückt wird, rast man mit mehr oder weniger Stundenkilometern eine Strecke entlang. Wir bewegen uns mit Höchstgeschwindigkeit nicht von der Stelle und befinden uns somit im Zustand des rasenden Stillstands. Das Erlebnis des Fahrens erinnert an jenes des Kinos; weitaus treffender jedoch ist ein Vergleich mit Musikvideos, wo das Tempo durch schwindelerregende Schnitte, durch das Aneinanderreihen von Mikro-Ausschnitten auf die Spitze getrieben wird. Sehen, das auf "natürlicher Geschwindigkeit" beruht, wirkt antiquiert, es entspricht nicht der an Geschwindigkeit und Mobilität geknüpften Ästhetik der so genannten Postmoderne, kurz: es wurde überholt.

Frei für die Arbeit
Kleiner Einwand: Ein, wenn auch nicht Zweck, so zumindest Zweck-Vorwand liegt doch im Autofahren: Man fährt zur Arbeit. Die enge Verbindung von Auto und Arbeit ist bekannt. Nicht nur, dass der Bau von Autos und Autobahnen Arbeitsplätze schafft. Eine Gesellschaft, die auf Arbeit baut, ist per se eine mobile Gesellschaft. Angesichts der Flexibilisierung und Globalisierung dürfte das einem höheren Zweck (Arbeit) untergeordnete Auto weiterhin Sinn machen. Man muss es sich bildlich vorstellen: Eine Unzahl von AutofahrerInnen und PendlerInnen, die der prekär gewordenen Arbeit hinterherfahren und zunehmend bereit sind, immer weitere Strecken in Kauf zu nehmen . . . Hier ist es also das Auto, das uns frei für die Arbeit macht. Der Kabarettist Werner Schneyder bringt diese Ironie des Autos auf den Punkt, wenn er erklärt, dass das Auto ein Gerät ist, das dem Menschen ermöglicht, rascher zur Arbeit zu kommen, deren Ertrag ihm ermöglicht, sich ein Auto zu kaufen. Aus diesem Grund kommt er dann auch zu folgendem Schluss: Ein Auto ist an und für sich schon ein Delikt.

Ihre Papiere, bitte!
Die Freie Fahrt ist an etliche Vorschriften und Gesetze geknüpft. Führerscheinprüfung, Verkehrsregeln, Tempolimits, Gurtpflicht, Strafzettel, Alkoholtest, Radarüberwachung, Autobahngebühren. Erst durch Unterwerfung wird man Herr der Straße. Dieser an die Subjektivierung erinnernde Prozess fällt nicht nur mit einer freiwilligen Einschließung, sondern also auch mit einer umfangreichen Kontrolle zusammen. Dabei ist das Kriterium der Einschließung für die Ausübung der Kontrolle wahrscheinlich zweitrangig. Wohl eher ist der Innenraum des Autos als Ausdehnung des Privatbereichs zu deuten - dafür spricht gegenwärtig die bezeichnenderweise im Taxi stattfindende österreichische Version von Big Brother. Auch Virilio wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass das Problem nicht vordergründig das der Einsperrung, sondern das der Kontrolle der Zirkulation von Personen und Gütern und ihrer Verteilung im Raum ist - die Nähe zu Foucaults Panoptismus, vorausgesetzt man begreift diesen als abstrakte Maschine, ist nicht zu übersehen. Die Schlüsselrolle der Zirkulation untermauert Virilio mit der Tatsache, dass die politische Staatsgewalt in Form der Polizei besonders großen Wert auf die Verwaltung der Verkehrswege legt, genauso wie der politische Diskurs seit der Französischen Revolution die gesellschaftliche Ordnung mit der Kontrolle der Zirkulation zu vermengen versucht. Gleichzeitig verweist er auf die strategische Bedeutung der Straße und zeigt, wie das Recht auf die (Fern)Straße mit dem Recht auf den Staat zusammenfällt.

Die Risiken des Autofahrens legitimieren eine zunehmende Kontrolle des Verkehrs und führen gleichzeitig dazu, dass diese von vielen AutofahrerInnen und auch FußgängerInnen als Fortschritt begrüßt wird. Die an das Auto geknüpfte Idee der Freiheit wird durch zunehmende Kontrolltechniken erstaunlicherweise kaum beeinträchtigt. Schließlich ist man im eigenen Auto so gut wie zu Hause und zu Hause kann man immer noch tun und lassen was man will. Außerdem weisen diverse Kontrolltechnologien weiterhin zahlreiche Lücken auf . . . Und wird Freiheit, dieses kostbarste Gut der Einbildungskraft, nicht - zumindest was das Autofahren betrifft - negativ definiert? Keine Verkehrsordnung, keine Idee des Freiseins von dieser - dann bliebe wirklich nur noch die Befreiung von Körper und Raum. Daraus lässt sich nur schließen, dass Verstöße gegen Verkehrsregeln in die Ordnung des Verkehrs eingeschrieben sind.

Get your car connected!
Steigender Komfort verspricht den AutofahrerInnen nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch neue technische Feinheiten und Freiheiten. Das indirekte Versprechen aber lautet: du kannst damit noch schneller fahren! Und bald schon wird es lauten: du kannst damit gratis telefonieren! Dass technischer Komfort auch Mittel der Verkehrskontrolle sein kann, ist kein Geheimnis. Diese funktioniert längst als Fernlenkung und Fernüberwachung - Verkehrsfunk, Mobiltelefon und GPS samt Satellitensysteme garantieren dafür. Das wissen auch die Autokonzerne. Mitsubishi, Toyota und VW planen die nächste Generation ihrer Fahrzeuge als mobile Funkstationen, die drahtlos über ein eigenes Netz miteinander kommunizieren. Dabei soll jedes Auto nicht nur senden und empfangen können wie ein normales Mobiltelefon, sondern es wird selbst zur Relaisstation. Somit würde jedes Auto zu einem eigenen dezentralen mobilen System, wie Experten das nennen. Gespräche und Daten würden somit nicht mehr vom Absender über eine zentrale Stelle zum Empfänger geschickt, sondern von Gerät zu Gerät bis sie schließlich beim gewünschten Empfänger ankommen. So entsteht ein elektronisches Koordinatennetz, in dem jedes Gerät die Position der übrigen VerkehrsteilnehmerInnen kennt. Jede/r FahrerIn stellt seine Verkehrsdaten sozusagen der Allgemeinheit zur Verfügung und kann, das ist der Clou dabei, innerhalb dieses Netzes zum Nulltarif telefonieren. Was also sollte man dagegen einzuwenden haben?
Die Vorstellung Kontrolle hat bereits begonnen? Burroughs und Deleuze? Sehr schön. Zwei Karten, erste Reihe, bitte.


Literaturauswahl:

Baudrillard, Jean: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen [1968], Frankfurt/New York 1991.
Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a. M. 1995.
Metzger, Daniel: Das fahrende Handynetz, in: Die Zeit Nr. 10 (2000), S. 31 f.
Peters, Wolfgang: Bericht aus dem Inneren der Kesselpauke, in: Zibaldone. Zeitschrift für italienische Kultur der Gegenwart, Hamburg 1998.
Treusch-Dieter, Gerburg: Frei vom Körper, jenseits der Geschlechterdifferenz - den Knoten des Sozialen lösen, in: Rudolf Maresch (Hg.): Am Ende vorbei. Ein Gespräch mit Rudolf Maresch, Wien 1994.
Virilio, Paul: Fahren, fahren, fahren . . ., Berlin 1978.
Virilio, Paul: Geschwindigkeit und Politik [1977], Berlin 1980.

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