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Birgit Wagner ×
Frau Mobil
Neomobilistisches Manifest für intellektuelle Frauen
Flexibilität und Mobilität, meine Damen. Wer nicht ins Ausland geht, kann auch nicht ‚gut' sein. Bitte nicht in irgend ein Ausland. Nur ‚gute' Ausländer geben den erwünschten Karrierekick. Im Grunde gibt es nicht mehr als zwei empfehlenswerte Ausländer: das zweitbeste heißt Deutschland (vor kurzem noch Bundesrepublik) und ist ziemlich gut, und das beste ist eigentlich kein Land, sondern postmodern verteilte Fragmente auf dem Territorium der USA: jene, auf denen die berühmten Universitäten stehen, sowie die Städte New York, San Francisco und Los Angeles. Frankreich zum Beispiel hat ein gespaltenes Image: Paris ist natürlich auch ‚gut'; man und frau können dort herrlich intellektuelle Attitüden lernen (und die sind sehr förderlich); die französische Provinz aber bitte nur für den Urlaub, vielleicht zwischen zwei Kongressen. Ganz zu schweigen von anderen, wenig renommierten Ländern.
Sie werden sagen: früher wurde Intelligenz und Leistung nicht nach zurückgelegten Flugkilometern gemessen. (Oh Gott, Kant: "Ich werde ungesäumt zum Doktrinalen schreiten" - man sieht, wie gemessen er schreitet).
Meine Damen, ich schreite nun ebenfalls zum Doktrinalen und verkünde gerne und freiwillig:
NEOMOBILISTISCHES MANIFEST
Mobilität ist ein Wert an sich, ein summum bonum: schön und gut.
Mobilität wird unabhängig von Geschlecht, Alter, Zweck und Sinn praktiziert. Sie ist ein zweckfrei Schönes. Kein Opfer ist für sie zu schade. ("Die Geschichte der Zivilisation ist die Geschichte der Introversion des Opfers.")
Mobilität hat den Stromlinien des hegemonialen Kulturtransfers zu folgen. Alles andere ist Retrobilität.
Mobilität ist im Zeitalter der Neuen Medien nicht obsolet. (Es zählt das authentische Erlebnis, das zur Erfahrung werden darf: die Publikation in der University Press of Anywhere, die Currywurst von der deutschen Autobahnstation.)
Mobilität verpflichtet die ProgrammteilnehmerInnen zu Glück.
Der Mobil-Konzern ist hiermit zu freiwilligen Zahlungen für Produktwerbung verpflichtet (an: den Kindergarten im Universitätscampus der Universität Wien).
DIESES MANIFEST BEANTWORTET ALLE FRAGEN
Bis auf die, die nie gestellt werden, Restposten von Fragen sozusagen. Beispielsweise: wie sich der neomobilistische Norm-Lebenslauf der Wissenschaftlerin mit ihren individuellen Lebensentwürfen und den sozialen Zwängen und Pflichten, die auf ihr lasten, verträgt. Welche Vorstellungen von wissenschaftlichem Curriculum in einem Land wie Österreich zur Norm werden, das von sich selbst immer schlecht denken muß. Welche Kriterien der Klassifikation von wissenschaftlichen Ausländern in Super-Ausländer und zweit-, dritt- und letztklassige Ausländer zugrundeliegen. Welche Bewertungen von Sprachen (von der einen universell bedeutenden über immerhin noch mögliche bis zu rein folkloristischen Sprachen) mit im Spiel sind. Kurz gesagt: wie Geschlecht, Weltmarkt und Wissenschaftspolitik zusammenhängen.
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