sinn-haft [nr 8] - auto-mobile


Europas Stier
Anmerkungen zu Motorrädern, Espresso und Sex

Ausgehend von einer Schlüsselerzählung des Fortschritts- und Eroberungsdenkens - dem Raub Europas durch Zeus - findet hier ein Versuch statt, Cyborgpolitik mit stinkenden Maschinen auf zwei Rädern und einem Konzentrat namens Espresso zu synchronisieren. Stilistische Anleihen aus der Reise- und Tagebuchliteratur sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Solcherart schreibend hergestellte Authentizität ebenfalls.


Modell einer Reiterin

Europa, der Sage nach Tochter des phönikischen Königs Agenor, spielt mit ihren Gefährtinnen unschuldig am Strand, als Zeus sie erblickt und sich in sie verliebt. Er verwandelt sich in einen wunderschönen, weißen Stier und legt sich vor Europa nieder, um sich streicheln zu lassen. Er erscheint ihr so zahm und sanft, dass sie auf seinen Rücken klettert und sich von ihm ins Meer tragen lässt. Zu spät erkennt sie seine List und er entführt sie trotz ihrer Schreie schwimmend nach Kreta. Dort setzt er sie am Ufer ab und gibt sich zu erkennen. In ihrer Verwirrung und Einsamkeit auf der fremden Insel gibt sie sich ihm hin und aus der Verbindung gehen drei Söhne hervor:
Der Erste ist Minos, der spätere König von Kreta, dessen Frau mit einem anderen Stier den Minotaurus zeugen wird. Der zweite verbotene Ritt auf dem Stier quasi, der ein Monster hervorbringt, welches seine Opfer (junge Männer und Frauen) für die Überschreitung der Grenze zwischen Tier und Mensch fordern wird.
Der zweite Sohn ist Rhadamanthys, der Totenrichter - er ist für jenen Teil der Unterwelt zuständig, in dem die Schatten der Seligen ihre Zeit in Wonne verbringen. Motorradmythologisch steht er wohl für den selbstverschuldet-schönen Tod auf der Straße.
Der Dritte ist Sarpedon, der, wie seine beiden Brüder auch, den Jüngling Miletos liebt und deshalb von Minos aus Kreta vertrieben wird.
Europa erhält außerdem von Zeus Kriegsmaschinerie zum Geschenk: Zielsicherheit - in Form eines immer treffenden Speers, Geschwindigkeit - in Form des schnellsten Hundes der Welt sowie einen Automaten - den Bronzemann Talos - der täglich einmal um Kreta herumläuft, um Eindringlinge zu töten.
Göttliches, Animalisches, Tödliches, Begehren - Kreuzungen und Grenzüberschreitungen werden im Mythos nicht einfach akzeptiert, sondern sind Kristallisationspunkte für die Legitimation von Herrschaft und Fortschritt. Die Griechen kommentierten mit der Erzählung, lange nach der Eroberung Kretas, folgendes: Von Phönizien kam die Schrift nach Kreta, dem vermeintlichen Matriarchat. Unter der Bedingung der Unterwerfung der Frau (Europa) löste Kreta damit Phönizien als Leitzivilisation im Mittelmeerraum ab. Es liegt damit aber auch ein Mythos über Kultur, Technologieentwicklung und Sexualität vor, der sich nicht an die bürgerlichen Dualismen von Natur/Kultur, Mensch/Tier, mechanisch/organisch hält und in dem eine Reiterin, die eigentlich geritten wird, die Hauptrolle spielt.

Selbst/Ver/Wirklichungsmaschinen

SELBSTverwirklichung: das materielle Selbst, der Körper, seine Empfindungen und Gedanken werden einer Wirklichkeit zugeführt, die mensch längst verloren glaubt. Damit soll eine Art Rückkehr zu einem vormodernen, ganzheitlichen Modell des Subjekts bewerkstelligt werden. Das ist es, was die Esoterik verspricht: ein schmerzloses, pastell- bis erdfarbenes, räucherstäbchenduftendes Re.

SelbstVERwirklichung: das Selbst verfehlt die Wirklichkeit gerade in seinem Bemühen mit ihr eins zu werden. Die Entzauberung der Welt aber kann durch nichts, auch nicht durch den Ritt auf der Maschine, den Rausch der Einswerdung mit der Straße oder durch chemische Manipulation des Bewusstseins aufgehoben werden. Eine gleichzeitige Fragmentierung und Intensivierung der Wahrnehmung (ein halber Blick hängt im Rückspiegel fest, der Rest klebt auf der Straße) tritt zwar ein - aber ein Ganzes entsteht dadurch nie mehr, die Welt bleibt in Fetzen.

Die Fahrt auf dem Motorrad ist lust- und widerspruchsvoll, bei Beanspruchung der gesamten Sensorik: Ein ganz wesentliches Merkmal der einzelnen Maschine ist ihr Motorgeräusch. Motorradhersteller beschäftigen ausgewiesene Akkustikdesigner, um das richtige Bollern im Motor zu kreieren, die gleichen entwerfen dann auch möglichst schalldämmende Helme. Man/frau hat was zwischen den Beinen, das mit verschiedenen Frequenzen vibriert, hin und wieder einen Satz nach vor macht. Das Wesentliche beim Fahren ist: selbst die kleinste Bewegung hat große Wirkung. Wer den Kopf zu ruckartig bewegt, kann damit das Gefährt aus der Spur bringen. Es stinkt nach Öl, Benzin, Leder. Sogar sich selbst riecht man besser unterm Helm - Alkohol am Abend vor der Fahrt nimmt einem fast den eigenen Atem.
Ein Gefühl des Ausgesetztseins setzt spätestens dann ein, wenn man die erste Kurve nicht optimal genommen hat und eine Leitplanke in greifbare Nähe kommt. Ein anachronistischer, weil prätelematischer Cyborg auf zwei Rädern entsteht, der den Übergang von Lust zur Angst inszeniert und genießt, die Verschmelzung mit der Maschine feiert (gleichzeitig totale Körperlichkeit und stufenweise Dematerialisierung), der im Hochgefühl eines Naturerlebnisses diese zerschneidet, zivilisiert, zerstört und niemals verbirgt, dass es ihm um Sex geht.

Wake up and smell the coffeeDie Espressomaschine liefert täglich konzentrierten Stoff, der mich aus dem Reich des Imaginären, dem Traum, dem Schlaf in die Wirklichkeit holt. Streng ritualisierte Übergangshandlung - flüssiger Orpheus. Es muss schnell gehen am Morgen - espresso eben - sonst droht eine Verzögerung, ein Halbwachzustand, in dem die Welt so gar nicht echt erscheint. Eine starke Medizin, um die Dämonen des Imaginären zu vertreiben.

In beiden Fällen handelt es sich also um Selbst/Ver/wirklichungsmaschinen. Zweimal chromglänzende Präzisions/Präzessionsmaschinen in der Rolle des Sängers, dessen Gesang aus der Unterwelt führt. Natürlich drehen sich die metallenen Sänger nicht um und darum gelingt die Erlösung aus dem Totenreich auch häufig. Manchmal allerdings lassen sie doch etwas zurück: Eurydice als Herzinfarkt- oder Unfallopfer.

Überholspur

Robert Musils Rezept gegen die nerv- und seelentötende Geschwindigkeit der Arbeitswelt war der Spaziergang und der "tiefe Kuhblick" einer Frau. Denkbar ist aber genauso gut die rauschhafte Übersteigerung der Geschwindigkeit, wie von den Futuristen vorgeführt: Dabei geht es darum, die Modernisierung auf der Überholspur ad absurdum zu führen, anstatt an ihrem Rockzipfel hängend hinterhergeschleift zu werden. Dabei ersetzt das Motorrad einen Gott, denn Geschwindigkeit gemahnte in der westlichen Kultur immer schon an Göttliches, sie ist der Gegenentwurf zur Beschränktheit des Irdischen, Materiellen, Menschlichen.
Wie Europa auf Zeus reiten, sich vermeintlich dessen bemächtigen, was uns als Schicksal vorgesetzt wird, das ist die Wunschvorstellung, die die beschleunigte Bewegung begleitet. Wer Motorrad fährt handelt, ist autonomes Subjekt. Stürzt er/sie, sagt er/sie: "Ich habe das Motorrad weggeschmissen." Wäre Europa ins Meer gefallen, hätte sie dann behauptet, sie sei gesprungen?

Espresso ist Doping. Auf der Aschenbahn der Erwerbstätigkeit steigert er kurzfristig Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit. Während der Arbeit werde ich manchmal mit einem Mal so müde, dass ich mich außerstande fühle, auch nur einen Kugelschreiber zu halten. Espresso wird dann zur Droge, die mich "wieder auf Trab bringt" - beschleunigt meine Herzfrequenz - macht meinen Körper FIT für das Andocken an die moderne Arbeitswelt. Nach der Cafépause aber arbeite ich meist schneller als gewohnt/verlangt - mein nervöser körperlicher Zustand zwingt mich dazu.
Die Schwundstufe des Espresso allerdings ist der Bürocafé: geschmacklos, lauwarm, verdünnt mit H-Milch hat er keine andere Aufgabe, als die Angestellten sanft an die Wirklichkeit ihrer Jobs zu mahnen - zu wirklich soll die aber gar nicht sein. Filtercafé schafft nicht die fiebrige Anhebung der Aufmerksamkeit, die der Espresso hervorruft.

Geschlechtsmaschinen

Sosehr ist in dem Vehikel ein männliches Motorverlangen eingeschrieben, dass es Frauen immer noch schwierig erscheint, eine positive Identifizierung mit ihm vorzunehmen, es sei denn als sozia. Dem Begriffsfeld der "sozia" entspricht eine Vorstellung vom Motorrad inkl. Fahrer als "zahm und sanft" = zivilisiert: Unter "sozial" findet man im Lexikon Begriffe wie: gemeinnützig, wohltätig, hilfsbereit, menschlich, Rücksicht nehmend, Gemeinschaften bzw. Herden bildend. Der Gegenbegriff dazu ist "solitär", ihn findet man häufig auf den Fahrer angewandt.
Das Auto ist nur von außen ein Phallus - innen ist es ein Uterus - nicht das Motorrad: Es bleibt ein Geschoß, es gibt kein Innen, der Fahrer ist und bleibt auf die Straße gestoßen, mit der er kämpft.
"Ein Motorradfahrer kam die leere Straße entlang, oarmig, obeinig donnerte er die Perspektive herauf. Sein Gesicht hatte den Ernst eines mit ungeheurer Wichtigkeit brüllenden Kindes." (Der Mann ohne Eigenschaften, S. 59)
Der Mann, das als Cowboy verkleidete Kind, das - weil von er Mutter allein gelassen - brüllt wie am Spieß. On the road - Mutterseelenallein.

Wo ist da Platz für die Reiterin? Gibt es nur das Modell Europa auf dem Stier, in dem die Reiterin geritten wird?
Subjektwerdung durch Abgrenzung und Identifikation begegnen einem in der Motorradwelt beipielsweise in Motorradfahrertypologien. Hier eine kleine Auswahl - feminine bzw. maskuline Artikel sind Originalzitate aus dem entsprechenden Buch (Moritz Holfelder: Das Buch vom Motorrad. Eine Kulturgeschichte auf zwei Rädern, Husum 1998, S. 139-159): die Alpinistin/Enduristin, der Anarchist, der/die DosenlenkerIn (AutofahrerIn), die Empfängliche, der Kurvenfan (Busenfetischist), die Kurvenfan (Motorradfahrerin), der Herrenreiter, der Motorradjournalist, der Motorradpfarrer, der Rocker, die Rollerfahrerin, der Schrauber, die Sozia (kommt häufig vor), der Beifahrer (sehr seltenes Exemplar), die Späteinsteigerin, auch Wiedereinsteigerin, der Tütenbohrer (einer, der das Auspuffrohr aufbohrt), der Veteran.
Das kulturell zementierte Dispositv der Fahrt auf dem Motorrad ist unverkennbar noch fast unbeleckt von postmodernen Überlegungen zur Konstruktion geschlechtlicher Identität.

Die Zärtlichkeit gegenüber der Maschine wird oft als Surrogat für echte Gefühle, echten Sex interpretiert. Immerhin seit den Futuristen gibt es eine Literatur, die den Maschinen Charakter und Wärme zuspricht, eine Literatur, die Sensibilität für den Maschinenkörper anstatt für den Frauenkörper lanciert. Die übergroße Aufmerksamkeit und Wachsamkeit des Fahrers jedem Geräusch, jeder Bewegung gegenüber ist jedoch auch außerliterarisch betrachtet überlebenswichtig: Wer bei hoher Geschwindigkeit ein Klingeln im Motor überhört, wer nicht merkt, dass das Fahrgestell zu stark vibriert, der kann sterben. Ein anderer "petit mort" eben, dessen Objekt die Maschine ist.

Als soziale Konstruktion ist das Motorrad "männlich" - die übliche Phallusverlängerung eben. Die Codierung der Maschine in Sachen Geschlecht war aber nicht immer so eindeutig: Anfangs versuchten Motorradhersteller explizit, das neue Gerät für Frauen zu bewerben. Bilder von Cowboys, Rittern und Kriegern überblendeten jedoch spätestens mit dem ersten Weltkrieg diese Möglichkeiten der zivilen, "weiblichen" symbolischen Aufladung und Nutzung. Kradmelder waren die neuen Helden der beiden Weltkriege, hatten die berittenen Boten abgelöst. Die mit Harleys ausgerüstete Motorradstaffel der US-Police inklusive Einzelkämpferheld begegnet uns in jedem zweiten Hollywoodfilm. Damit schrieb sich auch der Männerkörper in das Design der Maschine ein: die meisten der derzeit hergestellten Motorräder sind schlichtweg zu hoch und haben den Schwerpunkt zu weit vorne, um von Durchschnittsfrauen halbwegs bequem gefahren werden zu können.

Wenn Herrschaft aber aus symbolischen und sozialen Ordnungen gebaut ist, die sich in einen geschlechtsspezifischen Habitus einschreiben, kann eine neue, durch die Maschine erzwungene Haltung vielleicht den ersten Riss darin auftun, in den frau in der Folge Öl und Benzin gießen kann. Denn nichtsdestotrotz befinden sich ca. 15% aller zugelassenen Motorräder in weiblichem Besitz. Der Bikerinnenkörper hat anscheinend etwas anderes zu berichten als die Bilder:
Sie sitzt obenauf, sie trägt eine Montur, die das Geschlecht nur erahnen lässt - sie ist allein durch die Nutzung des Gerätes zur ständigen Revision ihrer weiblichen Sozialisation gezwungen: sie muss ihre Körperkraft einsetzen, ständig schnelle Entscheidungen treffen, Risiko eingehen, lernt die Lust an Schmerz und Angst kennen - und: auch sie ist mutterseelenalleine, in einer Art Kampfsituation mit den physikalischen Kräften. Mütterliche Tugenden - Empathie, Vorsorge, Hygiene, Fütterung - wird sie jedenfalls höchstens für ihre Maschine aufwenden, - wie ihre männlichen Kollegen eben auch.

Der Ritt auf der Maschine - Tomorrow Never DiesWenigstens nicht mehr nur hinten drauf, als Gepäckstück sozusagen, sondern als Waffe präsentiert sich die Motorradfahrerin bei James Bond 1997 ("Der Morgen stirbt nie"). Sie (Michelle Yeoh) sitzt verkehrt herum auf dem Schoß des Fahrers (Pierce Brosnan), an den sie durch Handschellen gefesselt ist, und feuert nach hinten, während er das Motorrad (eine BMW R 1200 C) lenkt. Die Frau inzwischen also verkehrt, auf ihm drauf und bewaffnet, während er das Gleichgewicht (im Geschlechterverhältnis) zu wahren sucht. Eine risikoreiche Position für beide, denn wenn das Gefährt bei dem hohen Tempo außer Kontrolle gerät, steht keiner mehr auf.

Doing the real thing: Skizzen des Storyboards - James Bond - Tomorrow Never Dies


Der Espresso ist, was erotische Symbolik betrifft, weniger geschlechtsspezifisch codiert. Die Effekte des Konzentrats/Extrakts auf den Körper sind denen höchster erotischer Anspannung aber verblüffend ähnlich: der Puls geht schneller, die Lider flattern, Schweiß bricht aus, die Hände zittern - durch Koffein induzierte automatisch/autistische Aufregung, die den Trinker taumeln macht.
Geburt eines Espresso. Die Bedienung der Maschine ist aufregend und zärtlich: blitzschnell und in einer runden, streng ritualisierten Bewegung wird das Cafépulver in den Filter gezappt - dann die einzige langsame Bewegung: das sanfte Festdrücken des Pulvers - der Rest geht wieder schnell - Einspannen, Knopfdrücken - es zischt und dampft. Die Rundung der Tasse füllt sich mit dem dunklen Elixier des Begehrens. Ein Tupfen weiße Unschuld in Form von Milchschaum gefällig?

Utopiemaschinen

Schräglage - die Fahrt auf dem Motorrad ist nur aufgrund widerstreitender Kräfte möglich, ein Zwang zur Balance anstatt des sicheren Aufliegens vierer Räder auf der Straße beim Automobil. Nur die Schräglage erlaubt ab einer bestimmten Geschwindigkeit die Durchfahrt durch Kurven: Näherung an die Kurve - abschätzen des Radius - Geschwindigkeit runter und dann den Blick auf den Kurvenausgang richten, sich lösen von der geraden Nahsicht. Man begibt sich in ein unsicheres Gleichgewicht, in eine Ruheposition, in der die einander entgegengesetzten Kräfte, die auf den Körper wirken, gleich groß sind, während der Blick in die Ferne schweift - die Leitplanke, die Begrenzung, das Gesetz, ist trotzdem aus den Augenwinkeln wahrnehmbar. Falls die Kurve nun rund genommen wird, man es schafft, den Ausgleich der konkurrierenden Kräfte zu meistern, ist das der schönste Moment beim Fahren - enthoben sein und gleichzeitig völlig präsent. Vielleicht liegt hier der Ausgangspunkt für eine feministische Utopie des Motorradfahrens - in völligem Bewusstsein des eigenen Körpers, der umgebenden Kräfte, sich maschinell und durch unverhältnissmäßige Geschwindigkeit eine schräge, weite Wahrnehmung aufzuzwingen und dabei das Risiko eines Sturzes als Nerven-kitzler zu wünschen.

Es ergäbe sich in einer solchen Utopie die Möglichkeit, Europas Mythos wiederaufzugreifen, ohne ihren größten Fehler zu machen, nämlich den, naiv den weißen Stier für zahm und sanft zu halten. Das hieße aber, den Ritt (den Fortschritt, die Technik, motiviert durch Eroberungsphantasien) wirklich zu wählen, und zwar weil er Lust bereitet (Bei Gustav Schwab verfällt Europa am "Morgen danach" in Selbstbezichtigungen und fragt sich: "Wie wäre es auch möglich, dass ich mich hätte entschließen können, lieber auf dem Rücken eines Untieres durch unendliche Fluten zu schwimmen, als in holder Sicherheit frische Blumen zu pflücken?". Für die Motorradfahrerin ist diese Frage schnell beantwortet: sie reitet auf dem Untier, um neue Blumenwiesen zu entdecken). Danach aber nicht die Herrschaft an den Sohn abzugeben (warum wohl hatte Europa keine Töchter?), sondern sich der Waffen zu bedienen, die Zeus ihr schenkte: Zielsicherheit, Geschwindigkeit und eine in Dienst genommene Maschine als Hilfsmittel für eine feministische Körper- und Subjektpolitik, die sich neuester Technologien bedient, anstatt diese als männliche Derivate zu verdammen - Cyborgpolitik eben.

Mit Hilfe von Espresso und Motorrad konnte ich zeitweise das entwickeln, was Musil den Möglichkeitssinn nennt: "So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. (. . .) solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven; Kinder, die diesen Hang haben, treibt man ihn nachdrücklich aus und nennt solche Menschen vor ihnen Phantasten, Träumer, Schwächlinge und Besserwisser oder Krittler." (Mann ohne Eigenschaften, S. 16)

Vielleicht eröffnet sich an der Kreuzung von Schräglage und Möglichkeitssinn ein Ort für eine Neukonstruktion des Subjekts: die Wirklichkeit, auch die des Selbst, scharf wahrnehmend und sie gleichzeitig immer knapp verfehlend aus dem Bewusstsein heraus, dass die, die ich sehe, nicht die einzig mögliche ist. Mit einem Espresso unter einem Olivenbaum sitzend, zur Halbzeit einer Motorradtour durch Italien, erschien mir so eine Haltung jedenfalls nicht unmöglich, und das sollte für eine Utopie eigentlich reichen.

UP


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