sinn-haft [nr 8] - auto-mobile

Zum Inhaltsverzeichnis

Hugo sitzt am Steuer

Es war in dieser Zeit, in der ich keine Lust auf nichts mehr hatte. Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen sollte, deswegen ging ich mit Hugo. Nicht daß ich ihn so furchtbar mochte. Wenn mich damals jemand gefragt hätte, warum ich immer mit ihm unterwegs war, hätte ich keine Antwort geben können, und das nicht nur wegen meiner gähnenden Unlust. Ich hätte es einfach nicht gewußt. Ich weiß es ja heute noch nicht. Hugo hatte zwei Hobbys. Das eine davon war das Autofahren. An Wochenenden, wenn er seinen Kollegen in der Bank ade gesagt hatte, setzte er sich in seinen Wagen und fuhr los. Energieknappheit, Ökologie: das alles interessierte Hugo nicht. Sein grüner Buckelvolvo war zum Fahren da. Es wäre ihm geradezu absurd vorgekommen, hätte ihm einer wegen dieser Ausflüge ein schlechtes Umweltgewissen einzureden versucht. Die Welt mußte befahren werden. Hugo befuhr sie, in langen, ausgiebigen, erschöpfenden Überlandfahrten, von Gehöft zu Gehöft, von Kleinstadt zu Kleinstadt. Das zweite Hobby Hugos hing mit diesen langen Überlandfahrten eng zusammen. Denn das einzige, wofür Hugo die Fahrt gerne unterbrach, waren Tierkadaver. Hugo sammelte sie. Wenn er irgendwo auf oder neben der Straße einen zerquetschten Raben oder einen plattgefahrenen Igel entdeckte, bremste er sofort, stieg aus, und kratzte die Überreste vom Belag ab. Dann trug er sie auf einer Schaufel, oder, gesetzt den Fall, sie waren zu umfangreich dazu, mit seinen bloßen Händen zu seinem Wagen und warf sie in den Kofferraum. Auf diese Weise konnte er während einer taglangen Fahrt einen Haufen stinkender Tierleichen in seinem Kofferraum ansammeln, und wenn der keinen Platz mehr hatte, belegte er seine Hintersitze, dann wurde es wirklich kritisch. Die Auslegeware in seinem Kofferraum und seine Hintersitze sah immer aus, als sei dort gerade ein Mord begangen worden, und Hugo ist wegen all dieser roten Flecken und Schmierstreifen mehr als einmal von der Polizei kritisch unter die Lupe genommen worden, ich wurde Augenzeuge solcher Kontrollen. Nun ja. Ich habe nie erfahren, was er mit den Kadavern gemacht hat. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er sie gegessen oder sonst in irgend einer Weise wirklich verwertet hat, dazu wäre selbst er bei den meisten seiner Fundstücke nicht fähig gewesen. Er scheute sich ja auch nicht davor, Vogelleichen, die eigentlich nur noch aus eine paar Federn mit Fleischbrei bestanden, auf seine Schippe zu nehmen.

Als er mich nach einem halben Jahr "Freundschaft" einmal zu sich und seiner völlig normalen Familie einlud, zögerlich, bedenklich, nach etlichen Vorwarnungen und Ermahnungen, konnte ich in seinem Haus von seiner lachhaften Obsession keine Spur finden. Kein Gestank, keine Schmierstreifen, keine Federn, kein Fell. Es schien abgemacht, daß Hugos Wochenenden und seine Fahrten mit dem Volvo, der neben einem gelben Opel offenbar eigens für die Kadaversammelfahrten unterhalten wurde, tabu waren. Was wollte ich von diesem Menschen mit seinem Spleen eigentlich? Ich weiß es nicht. Nicht daß wir auf unseren gemeinsamen Fahrten viel geredet hätten. Wir saßen meistenteils einfach nur nebeneinander und hielten nach Tierleichen Ausschau. Schon wie ich ihn kennenlernte, ist ja bezeichnend. Ich saß in diesem Landgasthof in der Nähe von Freudenstadt vor einer heißen Zitrone und schob mit häufigen Blicken auf meine Uhr den Zeiger über das Zifferblatt. Die heiße Zitrone in diesem speziellen Landgasthof (Zur Krone) war meine Art der Selbstbestrafung an Tagen, an denen ich Strafe wirklich verdiente, an anderen Tagen ließ ich es mir nur mental schlecht gehen. Ich wartete in der Krone auf den Bus nach R., der vor dem Gasthof abfuhr. In R. wohnte eine Frau, auf die ich eigentlich keine Lust hatte, aber ich fuhr hin, weil sie meine Frau war und weil wir zusammen wohnten. Ich fühlte mich, wie sich ein Gestrandeter im Großreich der Landgasthöfe am Strand der heißen Zitronen eben so fühlt. Da kam dieser Bauer in die Stube, mit seinem Anorak, seinem rotkarierten Hemd, der Cordhose und den grünen Gummistiefeln. Oder war es wirklich ein Bauer? Er sprach kurz mit dem Kellner, und kam dann geradewegs auf mich, den einzigen sitzenden Gast zu. Er fragte mich:
"Sie wollen nach R.?"
Ich antwortete: "Ja. Der Bus geht in zehn Minuten."
"Fahren Sie mit mir. Der Bus braucht fast zwei Stunden. Mit mir sind sie viel schneller da."
Ich wußte nicht, was ich von diesem Angebot halten sollte. Möglicherweise hatte mich da gerade eben der Tod angesprochen, und ich war drauf und dran, ein Fall für Aktenzeichen XY ungelöst zu werden. Aber wann wird man in Deutschland schon einmal von einem Wildfremden in sein Auto eingeladen? Langer Rede kurzer Sinn: Ich ging mit. Wir brauchten natürlich viel länger als der Bus, aber das war mir von vornherein klar gewesen, soviel Erfahrung mit Spontanentscheidungen hatte ich schon lange. Es rächt sich immer, wenn man den Boden der gewohnheitsmäßigen Tatsachen verläßt, auch wenn es sich nur darin ausdrückt, daß eine sensationelle Abkürzung direkt ins Herz des Nichts führt. Was dachte ich an diesem Tag, bei dieser ersten Fahrt, als Hugo das erste mal anhielt, um einen Tierkadaver einen Flachigel, glaube ich von der Straße aufzulesen? Ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich dachte ich gar nicht viel, denn auch zum Denken hatte ich zu dieser Zeit natürlich nicht die geringste Lust. Vielleicht dachte ich auch, Hugo sei ein Igelliebhaber. Oder ich dachte: Jetzt geht es los. Jetzt setzt er dir gleich das Messer an die Kehle, und wenn du die Bibel nicht auswendig kannst, dann schlitzt er dich auf. Oder so ähnlich. Ich weiß nicht mehr, was ich bei dem Igel dachte. Was ich bei dem überfahrenen Rehkitz dachte, das er danach aus dem Straßengraben fischte, weiß ich hingegen noch sehr gut. Ich dachte: Ha ha. Ich schwöre: das war mein erster Gedanke, ha ha. Vielleicht hatte meine seit Monaten kultivierte Denkfaulheit ein Loch in meine Frontallappen gebrannt, so daß es im Hirnkasterl nicht mehr so flutschte, aber selbst das war mir egal. Natürlich kamen danach all die anderen Gedanken und Gefühle, wie "Igitt" und "Der ist ja pervers" und "Vorsicht! Leichengift!", usw. Wenn man sich dabei ertappt, wie man jemandem dabei hilft, ein Rehkitz, das schon ein bißchen länger Aas ist, auf die Rückbank seines Autos zu verfrachten, dann sind solche Ideen und Gefühle nur natürlich. In der angetrockneten schwarzen Nase des Rehkitzes gingen Ameisen spazieren. Ich wischte die Hände an meiner Jacke ab, bevor ich wieder einstieg. Natürlich machte ich mir auch Gedanken, ob ich überhaupt wieder einsteigen sollte, aber es dämmerte bereits, und ich wollte die Nacht nicht gern im Wald verbringen. Seltsamerweise fühlte ich mich meinem Chauffeur durch die Rehkitzgeschichte nicht völlig entfremdet, ganz im Gegenteil, ich machte mir jetzt noch mehr Gedanken darüber, was der gute Mann eigentlich beruflich trieb. Forstangestellter? Tierpräparatot? Rohstoffsammler für abstruse asiatische Potenzrezepte? Fachkoch für Wildgerichte in einem Nobelhotel mit Sinn fürs Sparen? Diese Frage interessierte mich so stark, daß ich sie sogar verbalisierte, was mir zu dieser Zeit nicht mit vielen Fragen unterkam, die mir auf der Seele lagen.

Was machen Sie eigentlich beruflich?", fragte ich, so unverfänglich wie ein V-Mann kurz vor der Enttarnung.
"Ich bin Bankangestellter", sagte Hugo leutselig, "und Sie?"
"Sprengmeister", antwortete ich.
Ich sagte ihm nicht, daß ich seit drei Jahren arbeitslos war. Gelernt ist gelernt, arbeitslos hin oder her. Er lachte.
"Sie sind Sprengmeister?"
"Ja."
"Und was sprengen Sie so alles?"
"Was so anfällt. Gebäude, Felsen, alles. Warum?"
Er lachte laut und herzlich, und am Ende ging das Lachen in ein Kichern über, das noch lange nicht enden wollte. Ich fragte ihn nicht, was daran so komisch war. Ich hatte keine Lust, weder auf die Frage, noch auf die wahrscheinlich kreuzdumme Antwort. Das Rehkitz auf dem Rücksitz stank erbärmlich. Bankangestellter also. Das erklärte natürlich alles. Er brauchte die vielen toten Tiere, um sie ausstopfen zu lassen und damit eine dieser sterilen, mit Panzerglas und Finanzelektronik verbauten Schalterhallen in ein Naturkundemuseum zu verwandeln, damit niemand merkte, worum es dort eigentlich ging. Tier am Bau, wenn man so wollte. Ich hatte keine Ahnung. Wahrscheinlich, dachte ich, hat er eine psychische Störung, die sich ausschließlich auf Tierkadaver bezieht und sonst nicht auffällt. Am ersten Abend kam ich, wie gesagt, viel zu spät nach Hause, und meine Frau war allein ins Kino gegangen. In der Platte unseres Küchentischs steckte ein Messer, als habe es jemand mit großer Kraft hineingerammt. Daneben lag der aktuelle Stellenmarkt unserer Heimatzeitung. Aha, dachte ich. Schlecht gelaunt. Ich mußte an Hugo und seinen Buckelvolvo denken. In unserer Küche, vor diesem Messer, das ich an seinem Griff antippte, um es ein bißchen federn zu lassen. Irgendwie machte Hugos Freizeitgestaltung mit einem Mal mehr Sinn. Er war grotesk, sein Auto war grotesk und die toten Tiere waren es erst recht, aber wahrscheinlich hatte er nicht mit Küchenmessern in der Tischplatte zu kämpfen. Ich hoffte, meine Frau würde nicht trinken. Wenn sie trank, wurde es schlimm, und ich würde lange zu büßen haben für eine einstündige Verspätung. Sie trank doch, und am nächsten Sonntag saß ich wieder in jenem bestimmten Landgasthof in der Nähe von Freudenstadt, vor einer heißen Zitrone. Scheinbar war ich nur ein harmloser Wirtshausgast, der Zeit und Geld für ekelhafte Getränke übrig hatte. In Wirklichkeit wartete ich auf Hugo. Er kam dann auch recht pünktlich, wiederum zehn Minuten bevor der Bus nach R. zurückfuhr, von wo aus ich am Morgen aufgebrochen war, um mir in einer reinen, sonntäglichen Zirkelbewegung meine eigene Entschlußlosigkeit und Nichtsnutzigkeit plastisch vor Augen zu führen. Hugo war offensichtlich sehr erfreut, mich zu sehen. Er trat an meinen Tisch und sagte freudestrahlend:
"Da sind Sie ja. Wie schön, Sie wiederzusehen!"
Ich antwortete nur "Hallo", so flach und emotionslos wie möglich, gerade so, wie es meiner Stimmung entsprach, aber die gute Laune Hugos steckte mich doch an. Ich fuhr ein zweites Mal mit, die ganze Strecke fürchtend, er könne irgendwo ein Wildschwein aufgabeln. Ich habe Angst vor Wildschweinen. Ein totes Wildschwein hätte mir den Rest gegeben. Aber bei dieser zweiten Fahrt tauchte glücklicherweise keines auf. Nur einige Igel, viele Kröten und ein Hase, dessen Kopf plattgefahren worden war, und der deswegen aussah, als habe jemand einen eigenartigen Tischtennisschläger an einem Hasenkörper befestigt.

So nahm das Schicksal also seinen Lauf. Nach der zweiten Fahrt war wortlos zwischen uns abgemacht: Wir würden uns sonntags in jenem bestimmten Landgasthof treffen, um gemeinsam auf stille Jagd zu gehen. Es passierte viel in den zwei Jahren, in denen wir jeden Sonntag unterwegs waren. Wir wurden manchmal von der Polizei angehalten. Meine Frau trennte sich von mir und konnte danach schlagartig mit dem Trinken aufhören. Hugos Frau hingegen wurde immer dicker, weil sie nicht mehr mit dem Essen aufhören konnte, und ihr Therapeut sagte, das komme von unseren gemeinsamen Fahrten. Jedenfalls berichtete mir das Hugo, und ich fragte nie nach, was der Therapeut wohl damit gemeint haben könnte, und wollte auch nicht wissen, ob die Eßanfälle von Hugos Frau wohl mit den von uns gesammelten toten Tieren zu tun haben könnten. Ich wollte überhaupt nicht viel wissen. Einfach von einem Führerscheinbesitzer in der Gegend herumkutschiert werden, meine nichtsnutzigen Gedanken schweifen lassen und ab und zu ein totes Tier vom Asphalt abkratzen: Das war eine Zeit lang mein Lieblingsersatz für ein sinnvolles Leben. Ich entwickelte mich zu einem Spezialisten für Straßenaas. Gewissen Kurven sah ich, noch bevor wir hineinfuhren, die fette Beute an, die sie an ihrem Ende bringen würden. Manche Streckenabschnitte, manche Straßenrandbefestigungen sprachen zu mir in einem bestimmten, dem Somnambulismus nahen Tonfall, und wenn ich ihre Stimme vernahm, spürte ich, daß wir Glück haben würden. Es war, als wüßte ich, wo die Tiere hergelaufen waren, um unter die Räder zu kommen. Hugo war von dieser Art Unterstützung begeistert. "Sie haben ja Ahnungen, Mann!" Es blieb bis zum Ende beim "Sie", und heute bin ich froh darüber. Immer, wenn die Polizei uns anhielt, wußte ich eine Ausrede, entweder für den leeren, mit Blutspuren übersäten Kofferraum oder für die toten Tiere, die wir geladen hatten. Auch das war eine Begabung, die Hugo schätzte. Ich lernte sogar, Wildschweine auf der Rückbank zu ertragen. Natürlich war es hart, als meine Frau mich verließ. Sie zeigte mir zum Abschied einen Vogel, und ich war vollkommen machtlos gegen ihre Wut. Sie kam auch nie wieder, und ich hörte nur über entfernte Bekannte, daß sie einen neuen Mann gefunden hatte, der von Beruf Architekt war. Alkohol trank sie auch keinen mehr. Nun ja, es war hart, wie gesagt, aber es steckten auch keine Messer mehr in der Tischplatte, ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn man wie ich sensibel ist. Schließlich fand ich mich damit ab, daß ich allein war. Es gab ja immerhin noch Hugo und meinen Fernseher. Auf seine verquere Weise schützte mich Hugo davor, mit den Konsequenzen meiner Lust und Orientierungslosigkeit allzu hart konfrontiert zu werden, und man kann sagen was man will, ich bin ihm heute dankbar dafür. Früher oder später hätte meine Frau mich verlassen, mit oder ohne Hugo, früher oder später wäre seine Frau auf den Fresswahn verfallen, mit oder ohne mich, die Keime des Niedergangs waren in beiden Ehen immer schon angelegt, und warteten nur auf den nötigen Katalysator, um aus der Humusschicht des Unbewußten hervorzubrechen. Wenn man mich jetzt fragen würde, wann ich dennoch bemerkte, daß Hugo einfach kein Umgang für mich war, daß diese nekrophile Tierleichensammelei eine bestürzend verrückte Angelegenheit war, auf die sich ein gesunder Mensch nie eingelassen hätte, dann kann ich nur sagen: nicht vor unserer letzten Fahrt. Es war an diesem Sonntagabend im Juli, als wir wieder einmal auf Tour waren und schon ein wenig Beute gemacht hatten, erstaunlicherweise drei tote Hasen, ein Hasentriplett in verschiedenen Stadien der Zermatschung und Verwesung, das Hugo in seiner Verschrobenheit einen "Dreier" nannte, wie er ihn "schon lange nicht mehr gehabt hatte." Ich war eigentlich gut gelaunt. Ich dachte an nichts und fühlte nichts, ich hielt gelassen nach toten Tieren und Streifenwagen Ausschau, der Wind kam durch das geöffnete Wagenfenster herein und umfächelte sanft-fönig mein Gesicht, und das Leben war irgendwie schön. Da hielt Hugo plötzlich an, stieg aus und stapfte geradewegs in die abendliche Sommerwiese hinaus, die wie ein grünes Meer von der Landstraße durchschnitten wurde. Er suchte, er schnüffelte, er wendete seinen Kopf hin und her, lief ein paar Schritte, bückte sich und richtete sich mit einem Gegenstand in der Hand wieder auf, den ich nicht gleich erkennen konnte. Erst als er näherkam, sah ich, daß er einen toten Raubvogel vor sich hertrug. Er trug die Tierleiche an einer Schwinge, der Vogel hing wie aufgefächert von seinem ausgestreckten Arm herunter. Als er ganz nahe herangekommen war (ich war inzwischen auch ausgestiegen), sah ich, daß die Brust des Raubvogels zerfetzt war, offenbar hatte ein Schrotschuß ihn vom Himmel geholt. Ich sah Hugo an. Hugo lächelte ein Lächeln, das ich beim besten Willen nicht mehr als geistig gesund bezeichnen konnte. Er sagte:
"Das ist ein Adler."
Er schwieg ein bißchen, vielleicht um mir Gelegenheit zu geben, in seine Begeisterung miteinzustimmen. Nun bin ich kein Ornithologe, und ich habe noch nicht viele Raubvögel in meinem Leben gesehen, aber ich wußte trotzdem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, daß das kein Adler war.
"Ein Adler und ein Dreier", sagte Hugo, "das ist wirklich klasse".
Dann ging er und warf den Kadaver in seinen schmutzigen Kofferraum, in dem die drei Matschhasen schon auf Gesellschaft warteten. Es mag das Licht gewesen sein, Hugos Gerede, sein irres Lächeln oder eine Kombination aus all diesen Faktoren, wie gesagt, ich weiß es nicht genau, aber die Situation sagte mir in unüberhörbarer Deutlichkeit, daß Hugo komplett, in voller Konsequenz, ganz und gar unheilbar verrückt war. Balla balla. Weich im Hirn. Jenseits von Gut und Böse. Ich ließ mir nichts groß anmerken, stieg in R. aus seinem Auto, klopfte aufs Autodach - ein Ritual, das in etwa gleichbedeutend mit der Zusage war, uns am nächsten Sonntag wieder zur gleichen Zeit am gewohnten Ort zu treffen - und ging in meine Wohnung. Dann setzte ich mich an meinen Küchentisch und weinte drei Tage. Das klingt unwahrscheinlich, aber es ist die Wahrheit. Ich mußte danach wegen Bindehautentzündung zum Augenarzt. Ich saß einfach da, aß manchmal ein bißchen, sah manchmal ein bißchen fern, ging auf die Toilette und rasierte mich, wenn es nötig war, aber ansonsten weinte ich pausenlos. Es gibt eigentlich nicht viel dazu zu sagen. Ich bin kein Mensch, der leicht weint oder der sich überhaupt zu großen Gefühlsausbrüchen hinreißen läßt. Auch glaube ich nicht einmal, daß die ganze Heulerei so sehr viel mit Gefühlen zu tun hatte, es war einfach ein Großreinemachen der oberen Regionen, und danach war ich von Hugo geheilt. Keine heißen Zitronen mehr, keine Tierleichen mehr, kein Hugo mehr. Es war schwer zu ertragen. Schließlich hatte ich innerhalb zweier eigenartiger Jahre eine suchtähnliche Gewöhnung an Hugo und sein schwachsinniges Hobby aufgebaut, aber mit Hilfe meines Fernsehers überwand ich den ersten Schmerz ganz allmählich. Den letzten Durchbruch brachte die Tatsache, daß ich mir ein neues Auto kaufte. Es war wie sonst oft schon. Um mich wirklich von einer Beschränkung, einer Depression, einem Seelenschnupfen zu heilen, mußte ich noch einmal nahe an die Quelle des Übels heran, wie damals, als Monika mich verlassen hatte, und ich nach Monaten wieder auf eines unserer Fotoalben gestoßen war, das sie nicht gefunden und vernichtet hatte. Erst diese Fotos aus den schönen Zeiten hatten mir klar gemacht, wie endgültig unsere Trennung war, und erst das neue Auto brachte mir die wirkliche Lösung von Hugo. Wenn ich jetzt mit meinem grünen Buckelvolvo über die ländlichen Straßen der Umgebung brause, ist es fast wie früher. Ich überblicke den Asphalt mit jener lockeren Gelassenheit, die früher weitaus mehr Beute erwirtschaftet hatte als angestrengtes oder gar systematisches Absuchen des Blickfeldes nach bestimmten Merkmalen, Formen oder Farben. Ich bin ein lässiger und kompetenter Autofahrer geworden, der sich und anderen Freude macht. Ich bin fast in der gleichen Weise unterwegs, in der ich zu der Zeit unterwegs war, als ich mit Hugo ein gut funktionierendes, wenn auch völlig sinnloses Team bildete; das superprofessionelle Tierkadavereinsammelteam. Natürlich gibt es zwei wichtige Unterschiede zu früher. Ich gerate zwar manchmal in Versuchung, aber die toten Tiere, die ich auf der Straße oder am Straßenrand erspähe, lade ich nie ein. Sicher, anfangs gab es ein oder zwei Rückfälle, und ich schämte mich sehr, aber nachdem ich diese Erlebnisse mit meinem Therapeuten durchgesprochen hatte, konnte ich meine Schuldgefühle überwinden. Seither ist nie wieder etwas vergleichbares vorgefallen. Und zweitens, und das ist der wichtigere Unterschied: Jetzt sitze ich am Steuer. Und nicht Hugo.

UP


Zum Inhaltsverzeichnis

Sinnhaft Home
up - home - archiv - kontakt/h[r]b/abo

© bei der autorin/dem autor
screening: schrottenberg