Baudrillardsein
Ein Nach-Ruf
Einen Trajektor imaginieren: Parameter bestimmen, den Scheitelpunkt errechnen und auf den Einschlag warten. Ausgangspunkt der folgenden ballistischen Übung ist ein Text - Der Symbolische Tausch und der Tod (1976), Ursprung und Singularität des Baudrillardseins. Mit diesem Text begann das Projekt Baudrillard; zugleich aber generierte er auch ein Gravitationsfeld, das sich als derart mächtig erwies, dass es jenes Projekt auf einen unwiderstehlichen Trajektor bannen und zum Ende treiben sollte.
Im Zentrum jener Feldwirkung steht das Simulationsprinzip, das Baudrillard anhand einer Gegenüberstellung von funktionaler und strukturaler Dimension eines Zeichens entwickelte. Erstere meint das Verhältnis zwischen dem Ausdruck und dem, was er beschreibt, während die strukturale Dimension das Verhältnis der Zeichen untereinander umfasst. Mit dem Simulationsprinzip postulierte Baudrillard einen Bruch in der politischen Ökonomie, der in der Verselbstständigung der strukturalen gegenüber der funktionalen Dimension besteht - das ist die strukturale Revolution des Wertes. Die Zeichen beginnen sich zu verdoppeln und flottieren frei, unabhängig von jedem Referenzpunkt. In diesem Prozess verschwindet das Reale und taucht als Hyperreales wieder auf, als das, was immer schon reproduziert ist. Das Modell als der allgemeinen Form der Reproduzierbarkeit tritt vor das Reale und vor alles, was die Tradition der Moderne als primordial angenommen hat.
Noch einmal vergegenwärtigt Baudrillard in Der Symbolische Tausch und der Tod die großen Narrative der Moderne, um sie sogleich mit dem Gestus des Radikalen endgültig zu vernichten. Er greift die klassischen Figuren Sinn, Unbewusstes, Geschichte - und mit ihnen das Subjekt - bloß auf, um sie in derselben Bewegung anzugreifen und ihnen den Boden zu entziehen: das Simulationsprinzip wird zum radikalen und zugleich totalitären Modell. Auf eine Bewegung nach vorne im Sinne der Marx'schen Emanzipationsgeschichte des Subjekts ist nicht mehr zu hoffen. Wir sind bereits am Ende, da sich das selbstreproduzierende System stillschweigend aus der linearen Zeit verabschiedet hat und wir es fortan ausschließlich mit Zeichen von Zeitlichkeit im Medium des Systems zu tun haben. Befreiung, Versöhnung mit dem Unbewussten oder Fortschritt sind entkernte Begriffe - sie tauschen sich nurmehr gegen sich selbst.
In den folgenden Büchern beginnt Baudrillard das Feld der Simulation auszukundschaften und multipliziert dabei die Zeichen, die er gerufen. Ein Genießen der Hyperrealität setzt ein: Baudrillard spielt als glücklicher Demiurg mit immer weiteren Metaphern, von deren dünnen Fäden er sukzessive eingesponnen wird. Sein Text gewinnt eine Eigendynamik, indem und sobald er genau das vollzieht, was er beschreibt. Die Beschreibung der Simulation wird selbst simulativ - Form und Inhalt fallen ineinander. Damit schließt sich das Feld, das Baudrillard mit dem Simulationsprinzip generiert hatte, mit fortschreitender Erkundung gegen jedes Außen - im Sinne eines Anderen - ab. Vielleicht wurde ihm schon etwas eng, als er nach Amerika (1986) tourte, um dort die Unbegrenztheit der Highways zu suchen. Anstatt der Freiheit der Simulation fand Baudrillard - Westernheld der Theorieszene - aber bloß die Ausweglosigkeit des eigenen Gespinstes, das mit seiner Verabschiedung jeder Bewegung eine tödliche Falle ist.
Er wendet sich erschreckt nach jenem Fluchtpunkt, der als unzeitliches Davor den Simulakren als Layer dient: das Symbolische. Die prekäre Doppelstrategie von Der Symbolische Tausch und der Tod war es, zugleich das Simulationsprinzip zu postulieren und eine positive Theorie des Symbolischen zu wagen. Das Symbolische funktioniert als absolut irreduzibles theoretisches Prinzip, das der integrierenden Dynamik der Simulation widersteht: als Gesetz des Tausches vor dem Wertgesetz, als prinzipielle Umkehrbarkeit von Gegensatzpaaren - Zeichen und Bezeichnetem, Tod und Leben. Bedingung der Möglichkeit, über das Symbolische zu schreiben als ein Anderes, das jenseits des Simulationsprinzips in einem Außen liegt, ist die Position des Randes. Solange sich der Kreis der Simulation nicht schließt, besteht Hoffnung; doch das Denken eines Systems drängt zur Schließung - die Simulation absorbiert das Andere und Baudrillard selbst. Das ist der "tote Punkt" auf dem Trajektor des Baudrillardseins: High Noon. Zu hoffen bleibt - auf den Tod.
Hier, am toten Punkt, herrscht die eisige Stille der Bewegungslosigkeit: la glace. Das Andere selbst (1987) im Spiegel fordert zur Abrechnung. Die Habilschrift besiegelt Baudrillards lebendiges Denken, anstatt eine Karriere zu begründen. Anders als die übliche Referenz auf eine intellektuelle Ahnenreihe geht Baudrillard in den Zustand der Selbstreferenz über. Indem er eine Bestandsaufnahme seiner bis dato erschienen Werke macht, setzt sich Baudrillard selbst zum Ahnen. Der Wiedergespiegelte muss sterben.
Der Tod ist nicht wie in Der Symbolische Tausch und der Tod das Andere, das als Herausforderung dem System gegenübergestellt wird (Umkehrung) oder in einer symbolischen Ökonomie die Kontinuität des Sozialen garantieren würde: der Tod wurde vom System absorbiert. Er kann nicht mehr stattfinden, weil er simuliert, vorweggenommen und weggenommen wird. Baudrillard zelebriert seinen eigenen Tod - indem er sich als Ahne setzt - und insofern er weiterlebt, ist er: tot. Sein Tod findet nicht statt; er lebt ohne ein Vorher und ohne ein Nachher. Die Zukunft ist tot, als Anderes für ihn nicht mehr erreichbar.
Das obsessive Schreiben über sich selbst in der Habilschrift wirkt wie das Einbalsamieren einer Leiche, bloß dass hier die Totenstarre erst produziert wird. Baudrillard reduziert die eigenen Texte mit kalter Strenge auf eine Perfektion, die nur in der Simulation möglich ist. Durch die Rekonstruktion seiner Werke in der Habilschrift wird das Davor zum Jetzt zusammengezogen: Unter diesem Blick ersteht ein strategisches Duopol, das sich in fataler Weise der dualen Struktur des Systems angleicht. Auf der einen Seite steht: die politische Ökonomie, die Produktion, der Code, das System, die Simulation - auf der anderen: der Potlach, die Verschwendung, das Opfer, der Tod, das Weibliche, die Verführung und an letzter Stelle das Fatale. Aus der letztlich nicht stabilen Zweigleisigkeit von Der Symbolische Tausch und der Tod entwickelt Baudrillard - indem er das eigene Werk als dualistisch rekonstruiert - einen strategischen Monismus. Es verkehrt sich alles ins Gegenteil: Aufgrund der Selbstkonstruktion als Dualist bleibt Baudrillard lediglich die eine Strategie: fatale Bejahung der austauschbaren Irreduzibilität von Gut und Böse. Da das Andere als solches unerreichbar ist, kann es nur mehr im Gestus fataler Theorie beschworen werden - im Sinne einer hoffnungsvollen Ausweglosigkeit: Im Gefängnis der Hyperrealität bleibt nur, sich auf die Seite der objektiven Ironie zu schlagen, und amüsanterweise das Böse für das Gute und das Gute für das Böse einzusetzen. Und wie man das Schlechte zum Guten recyclen kann und dabei beides multipliziert, so vermehrt sich auch der Diskurs über die Simulation: Ein viertes Simulakrum taucht auf, ohne dass es sich von einem dritten ausschlaggebend unterscheiden würde. Und dennoch oder gerade weil Baudrillard in der Habilschrift als untoter Toter erscheint, schafft er es, den/die Leserin zu verführen und in den Bann der Simulation zu ziehen. Im Sinne des vierten Simulakrums pflanzt sich - ähnlich der Metapher des untot-toten Virus - Baudrillard selbst fort, indem Leser und Leserinnen die Staffette aufnehmen. Von da an werden all jene, die in Kontakt mit ihm treten, selbst virulent.
Aber selbst das vierte Simulakrum reicht nicht aus: Die Theorie drängt ins Patatische - ähm - ins Pataphysische. Der ballerwütige Westernheld ist eingeschrumpft und als objektiv ironischer John Potato geistert er nun durch die Interviews. Das Wunder der Gefriertrocknung lenkt von der Trockenheit simulakrischer Nummerierungsübungen ab. Klein und runzlig stellt Zombie John dem süßen Anderen nach, das er sich doch erst erträumen muss, als Exotik, jenseits der Mauern des Patatischen. Auf den Tod ist jetzt nicht mehr zu hoffen - der Spiegel ist zerbrochen, das Andere verliert sich im vielen Selbst des fraktalen Subjekts. Ende des Trajekts. Doch der Virus schreibt sich fort.
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