Golem
Auto-mobil ist nicht bloß ein Objekt, es ist eine Philosophie, wenn nicht gar ein Glaubensbekenntnis - und die Beschäftigung damit älter als allgemein bevorurteilt. Wie uns die Alten sungen . . . - ist es sinnvoll, notwendig oder schlichtweg umsonst, die Mythen der Selbstbewegenden Maschine heraufzubeschwören?
Der Lehmmensch aus der jüdischen Mythologie hieße auf Lateinisch auto mobile.
In sich geschlossenes motorisches System mit der Fähigkeit, seinen Zustand in der Raumzeit zu modulieren; üblicherweise, und was nicht im Namen steckt, wenn es dazu von einer äußeren Instanz angeregt wird; - es steht unter zweckgebundener Kontrolle. Gott sei Dank (dass Er die Welt derartig geschaffen hat) besitzt jedes System eine immanente Turbulenz, die ihm bei einer Übertreibung der Ansprüche seitens des Kontrollierenden, bei Überreizung und Vollbremsung den Ausbruch erlaubt.
Wohlgemerkt eine feine Sache, so eine Maschine, die definitionsgemäß alles tut, was man ihr befiehlt, wie etwa das Fahrende Händi. Wohlgemerkt solange man es nicht überreizt!
Ich muss da Sanftmut walten lassen, wenn ich gerade tippe, und weder in die Tasten dreschen wie ein Urmensch noch von meinem kleinen P-233-Golem verlangen, dass er währenddessen meine neue Lieblings-CD brennt, achtundvierzig Grafiken und dreizehn neue Kompjuterspiele daunloudet und an meiner statt mit meiner Freundin an einem anderen Fransen des Netzes tschättet, ohne dass das softskrolling raff wird. Morgen vielleicht schon. Aber noch ist er wie ein Tamagotchi: nichts rostet ein oder versandet, solange ich ihn regelmäßig mit Aufmerksamkeit bedenke, aber sollte ich beginnen, ihn zu sehr lieb zu haben und ihn zu tätscheln wie ein Geisteskranker, dann wird er übersättigt und tütelt auch nicht mehr. Verdammte Turbulenz!
Die Selbstbewegende Maschine verlangt Hingabe. Das steckt im System, egal wie sehr man es analysiert zum Zahnrädchen oder synthetisiert zum globalen Zwischennetz. Das ist seit langem bekannt, wie ein Auszug aus einem Interwju belegt, auf das ich im Rahmen meiner Recherche gestoßen bin: Alchemist Francesco di Ruccola im Jahre 1452 gegenüber dem Fakultätsdirektor für Philosophie Argentus von Herberstein zum Thema ,Methode der technologischen Autoevolution':
[Argentus, der Philosoph, hat die "wissenschaftliche" Methode als ein System bezeichnet, das sich aus sich selbst heraus ausbaut und von sich aus den Menschen mit Wissen belohnt - ein auto mobile.
Francesco hingegen betrachtet "Wissen" als einen Weg, der, verankert in der alchemistischen Hypothese ("Du musst alles selbst machen"), zwar der Allgemeinheit dienlich sein kann, primär jedoch der quasi psychologischen Individuation des Exekutierenden dient, also ein konkretes, subjektives Ziel verfolgt. Er hat vorher bereits dahingehend kritisch kombiniert: "Du weißt, dass diese Methode sogar noch sinnentleerter ist als die der Theologen, da sie niemals, ja nicht einmal zufällig an ein endgültiges Ergebnis kommen kann?"]
Francesco: "Mit deiner Methode kannst du bloß nutzloses Wissen vermehren - und sie selbst lebt genauso, ist ein Geist, welcher immer öfter beschworen wird, der Homunculus, der Wissen schafft. Das ist bloß eine Sache der Begriffe, der Worte, die die Dinge bezeichnen."
- "Jeder meiner Geister ist in deinem Blickwinkel so ein unabhängiges Ding, das an und für sich ist. Doch du wirst die Methode anwenden, da du sie als solche siehst, von Menschen gemacht und doch aus sich selbst heraus die Menschen mit Wissen belohnend. Ich hatte schon öfters ähnliche Gedanken, doch stets sah ich diesen Mechanismus als lebendiges, magisches Tier. Ich habe viel mit Geistern zu tun. Geister sind wie Tiere. Sie brauchen Nahrung. . . . Bedenke die Nahrung."
Jaja, die alten Magier, die waren immer schon gescheiter, bevor sie aufgefressen wurden.
Unsere späteren Vorfahren haben uns dann ein Abbild gemacht, das uns die Beziehung eines Individuums zu eben dieser Methode zeigen kann: das ,klassische' Automobil. Da gibt es Menschen, die darauf herumdreschen, und Menschen, die es tätscheln. Menschen, die es benutzen, ausschließlich zur Fortbewegung, aber auch zur Paarung, als Phallus, als Modeobjekt, als Prügelknabe Sündenbock. Als Blitzableiter Kriegsersatz Rauschdroge. Faszinierend.
Wenn mir ein Individuum Freund ganz anachronistisch körperlich anwesend und akustisch-verbal erzählt, er wäre mit einem Fahrzeug mit Satelliten-Navigations-Technik gefahren, und da ihm das abgefahrene System 300km vor Berlin mitgeteilt habe, er müsse von der Autobahn abfahren, fuhr er ab. Jetzt rechts und nochmals rechts. Und jetzt auf die Autobahn in Richtung Berlin auffahren. Dann frage ich mich, wie das so ist mit der Kontrolle durch die äußere Instanz.
Und was, wenn man die Systemtheorie vergewaltigt und aus dem Kleinen das Große macht? Synthetisieren wir eben dargelegtes ins Globale und freuen wir uns über den Anblick all der Anarchisten, die auf dem System herumdreschen wie Urmenschen und über die Enthusiasten, die den Golem tätscheln wie Geisteskranke. Und über die, die sich auf die Satelliten-Navigation verlassen. Es bewegt sich von selbst. Kurvt durch die Zeit, beschleunigt am Haiwäi, ach ja, die wichtigsten Dinge am Wagen zwecks Schadensminimierung sind weniger Ärbäg und Seitenaufprallschutz als feine Servotraktion und ABS-Bremsen. Gepaart mit einer äußeren Instanz, welche die Sache mit der Kontrolle durchblickt und den Passagieren ruhige Fahrt gewährleistet.
Übrigens, wer fährt eigentlich dieses große Automobil? Es gibt da doch die Institutionen "Regierungen", die für Lenkung und Geschwindigkeit bestimmter Gebiete und derer Menschen und Ressourcen verantwortlich zeichnen. Unsere spezielle Institution selbst wird aber treffend als vollbesetztes Automobil mit vielen, vielen PS gezeichnet und rückkoppelt demnach intensivst.
Was mir jetzt noch bleibt, ist mit dem Ende des alten Mythos zu schließen (und aus reiner Selbsterhaltung die Treffsicherheit der Alten zu bezweifeln):
Der Rabbi, der dem Golem mittels eines Schriftzeichens unter der Zunge Leben eingehaucht hatte und den Lehmmenschen für alle schweren Arbeiten einsetzte, endete ziemlich abrupt: Bevor er noch darüber nachdenken konnte, das Zeichen Lebensfunke zu entfernen oder umzuformulieren, hatte ihm sein Diener schon den Hals umgedreht, um daraufhin selbst zu dekorativer Terrakotta zu erstarren.
|