Gestörtes Essen. Versuch einer Diskursanalyse
Essstörungen: ein Lieblingsthema des Diskurses rund um den Bereich "Sucht" in den letzten Jahren - Pathologie und Norm erscheinen austauschbar - Essstörungen sollen einen Spiegel der Gesellschaft bieten - ihre Klassifikation bietet einen Spiegel grundlegender Klassifikationsproblematik
In "Krankheit als Metapher" zeigt Susan Sontag, wie der Weg des 19. Jahrhunderts, Krankheit allgemein nicht mehr als Strafe, sondern als Ausdruck des inneren Charakters zu sehen, letztlich jeden Menschen für seine Krankheiten verantwortlich macht und somit strafender und moralisierender auftritt als seine diskursiven Vorfahren (vgl. Sontag, 66 u. 52ff).
Teile des Suchtdiskurses der 1980er und 1990er Jahre verschärfen dieses Vorgehen noch einmal: Jetzt ist nicht nur jeder Mensch für seine Kankheiten selbst verantwortlich, sondern auch noch dafür, die strukturell krankmachende Gesellschaft als solche zu durchschauen und ihr zu widerstehen. Neben der Verständnisinnigkeit für die "Opfer" der Gesellschaft steht nicht zu übersehen der "Psychoboom" der 1980er Jahre mit seinem esoterischen Beziehungsdenken - wer krank wird, hat sich wohl nicht der richtigen "Gesellschaftskritik" verschrieben... "Täter-" und "Opferpositionen" verwirren sich vollends (nicht zuletzt ist ja auch jedes Individuum Teil der es krankmachenden Gesellschaft) in einem derartigen Ausmaß, daß im anzunehmenden besten Fall, frei nach Judith Butler, auf die Möglichkeit einer Auflösung solcher Zuschreibungen infolge ihrer allzu offenbar gewordenen Willkür zu hoffen wäre. Wir alle leben in einer Suchtgesellschaft, "Sucht" ist das Normale schlechthin - das Pathologische ist die Norm und die Norm ist pathologisch.
Dabei wird die Norm von der Pathologie aus gesehen und so die Möglichkeit des Ineinanderumschlagens von Normalem und Devianz, wie sie das von Michel Foucault beschriebene moderne Denken des Gleichen impliziert, bis zur Absurdität auf die Spitze getrieben. Eine Spitze, auf der eine neue Norm als Bezugspunkt erscheint: die wahre Suchtfreiheit. Während die Pole "gesund" und "krank" austauschbar erscheinen, wird eine Grenze eingezogen, jenseits derer nur durch harte, planmäßige Arbeit an sich selbst zu gelangen ist. Diese so kritische, gleichwohl in ihrem allumfassenden Duktus seltsam beliebige Sicht richtet den Blick auf ein Individuum, dessen Aufgabe darin besteht, seiner Umwelt zu entkommen, gesünder zu werden als diese, da es sonst nahezu notwendigerweise "süchtig" werden wird.
Die Diskursivierung von Essstörungen als Sinnbild der Gesellschaft
Beispielhaft für diese Wendung des Suchtdiskurses ist ein Großteil der Literatur zum Thema "Essstörungen" - ein Bereich, zu dem in den letzten 20 Jahren enorm viel veröffentlicht wurde, von den diagnostischen Kriterien des DSM-IV bis zu zahllosen Beiträgen diverser, meist vornehmlich auf weibliches Publikum ausgerichteter Medien. Das Wissen um Essstörungen wurde zu einem fixen Bestandteil des Alltags gemacht; was der Öffentlichkeit der 1970er der Skandal des drogenabhängigen Junkies war, ist den 1980ern und 1990ern die Tragik der anorektischen oder bulimischen Frau: Ein Teilgebiet des Suchtdiskurses wird vorherrschend, wobei die Erkrankten in diesem Fall als Opfer verschiedener gesellschaftlicher Größen gesehen werden - der Skandal hat sich ins Soziale verlagert und ist im Individuellen der Tragik gewichen.
Essstörungen als Krankheitsbild wie als mediales Thema sind dabei ein perfektes Beispiel für Exklusion in der Inklusion: Die Betreffenden leben oftmals von ihrer Umwelt gar nicht als krank erkannt; ihre Pathologisierung ist durch große mediale Verständnisbestrebungen und kaum Ausgrenzungstendenzen gekennzeichnet. Gerade Magersucht scheint oft weniger den Platz des Abnormalen als vielmehr den der auf die Spitze getriebenen Norm einzunehmen (man denke an das Bild der superschlanken, superfleißigen Erfolgsfrau); die Pathologie erscheint jeweils als der eine Pol eines allgemeinen Normkontinuums, hier werden die Norm und ihre Parodie sichtlich in eins gesetzt. Angesichts dessen bietet eine Heilung durch Entzug ungeahnte Schwierigkeiten, kann dieser sich doch nicht auf eine Handlung oder einen Stoff, sondern nur auf die Art und Weise des Umgangs mit Lebensmitteln richten. Einfache Abstinenz würde in diesem Fall als pathologisch gelten.
Wie kaum ein anderer Teilbereich des Suchtdiskurses sind Essstörungen darüber hinaus Objekt geisteswissenschaftlichen Interesses geworden - ihre Strukturen laden offensichtlich dazu ein, sie mit zeitgenössischen Denkansätzen von Lacan bis Foucault zu erklären. Dabei findet sich manche Anknüpfung an den Hysterie-Diskurs: "In der Magersucht sehe ich die eigentliche Erbin der ,Krankheit des Gegenwillens‘", schreibt Christina von Braun, die auf eine positive Wendung der Magersucht abhebt als "Form der Selbsterhaltung" angesichts weiblicher Realität innerhalb einer logozentrischen Gesellschaft. "Die Anorektikerin lehnt es ab, den Phallus zu verkörpern; ihn, der in ihr sinnlich wahrnehmbare Gestalt annehmen will, hungert sie aus" (vgl. von Braun, 459ff). Wie einst Hysterie werden Essstörungen als Sinnbild sozialer Problematik gesehen und eingesetzt: Anorexia Nervosa: Psychopathology as the Crystallization of Culture lautet eine Überschrift bei Susan Bordo, die eine unter anderem an Foucaults Theorie der Macht orientierte Interpretation der Essstörungen und ihrer Diskursivierung vor dem Hintergrund der amerikanischen Alltagsrealität vollzieht: "Anorexia could ... be seen as an extreme development of the capacity for self-denial and repression of desire (the work ethic in absolut control); obesity, as an extreme capacity to capitulate to desire (consumerism in control). Both are rooted in the same consumer-culture construction of desire as overwhelming and overtaking the self" (Bordo, 201).
"Die Natur kausaler Mechanismen" - wissenschaftliche Klassifikationsschemata für Essstörungen
Eine der auffallendsten Änderungen in der inhaltlichen Organisation des DSM-IV im Unterschied zu dem ihm vorhergehenden DSM-III-R spiegelt die Stätte der größten Produktivität des Suchtdiskurses in jüngster Vergangenheit wieder: Essstörungen erscheinen erstmals als eigenständige Kategorie, für die Unterteilungen zu finden Aufgabe des DSM-IV war. Am Beispiel dieses Bereiches läßt sich deshalb besonders deutlich die grundlegende Problematik einer solchen Klassifizierung erkennen.
Abgesehen von der beständigen Klage über zu wenig empirische Daten (vgl. z.B. Volkmar/Mayers, 211), die zeigt, daß das Andere, das Kranke eben immer das nicht Erfaßte ist, das sich stets jenseits der klassifikatorischen Demarkationslinien schiebt, muß hier Grundlagenarbeit geleistet werden; schließlich geht es um die Frage, in welcher Form Datenmaterial zu DSM-IV-Inhalt verarbeitet wird. Das ist keine leichte Aufgabe: Schon die Abtrennung der (nur unter der Voraussetzung einer willentlichen Beeinflussung des Geschehens durch die Betreffenden denkmöglichen) Essstörungen von Störungen im Zusammenhang mit der Ernährung bei (Klein)kindern (bei denen dies nicht so gedacht wird) ruft grundsätzliche Probleme auf den Plan, die das implizit Mitgedachte, aber nicht Diskursivierte solcher Pathologisierung explizit machen: "Distinctions between 'organic' and 'nonorganic' pathology have commonly been made, but such distinctions can be difficult to make in practice", und: "The nature of causal mechanisms is often difficult to establish" (ebd.). Diese "Schwierigkeiten" benennen die ungenannten und grundlegenden Hürden und Funktionsweisen einer Klassifikation, wie sie das DSM darstellt. - Kein Wunder, daß diese Sorgen gerade hier aus dem Untergrund des Vorausgesetzten auftauchen, wo es um die Erstellung neuer Krankheitsbilder geht.
Von besonderem Interesse scheint dabei der Umgang mit Selbstbeobachtungen von zu klassifizierenden Personen. Selbstzuschreibungen gelten oftmals als Ausdruck bestehender Pathologie: "... many individuals with bulimia nervosa sometimes use the term binge to describe the consumption of amounts of food that are not unusually large" (Walsh, 336). - Jetzt drehen sich die Zuschreibungen im Kreis: Bulimie wird unter anderem definiert durch das Essen objektiv extrem großer Nahrungsmengen, aber hier scheint die Pathologie darin zu bestehen, daß die Selbstzuschreibung aus Normalem, Nichtpathologischem etwas subjektiv Unnormales macht, während die Narhungsaufnahme sich in objektiv ganz normalen Größenordnungen bewegt. Sich selbst als unnormal wahrzunehmen, ist pathologisch, und: Die Selbstzuschreibungen eines mit Pathologie behafteten Individuums sind unzutreffend.
Dieses Paradox ist ganz einfach durch das Setzen einer dritten Position zu lösen: Die - vorgeblich - in sich ruhende Norm, das Nicht-Pathologische, benennt alles ihm nicht Identische als nicht normal, pathologisch. Nur ist dieser Norm nicht nur nichts wirklich identisch und nichts nicht identisch, sie ist darüberhinaus ein ideeller Standort; menschliches Verhalten hingegen findet auf einer Ebene statt, zu der die "Idee" erst gefunden werden muß. Hier wird das grundsätzliche Problemfeld der Klassifikation sichtbar wie sonst kaum: die Überschneidung von Verhalten und der dazugehörenden Einstellungen der betreffenden Personen, die Frage, wie aus bestimmten Handlungen Identität(szuschreibung)en werden, für die diese Handlungen angeblich ihre Ausdrucksweise darstellen. An der Kreuzung von Normalisierung und Identitätszuschreibungen leuchten für einen kurzen Moment beider Spuren auf, sozusagen als Zeugnis der für die Etablierung kausaler Mechanismen erforderlichen Anstrengung, bevor sie im Glanz neuer wissenschaftlicher Erkenntnis untergehen.
Die Einstellung einer Person zu ihrem möglicherweise pathologisierbaren Verhalten erhält angesichts eines Hin-und-Her-Schiebens der diakritischen Kriterien auf der Suche nach festschreibbaren Diagnosen und Krankheitsbildern eine besonders wichtige Rolle - und so wird recht gut sichtbar, daß es der Klassifikation insgesamt nicht um Verhaltensweisen als solche geht, nicht um ein "daß", sondern um ein angenommenes "wie": Die implizite Fragestellung ist stets jene nach dem Bezug von Verhaltensweisen und ihrem (innerem) Hintergrund. Dieser wird dem Verhalten sowohl als Grundlage wie als Äußerungsform zugeschrieben und der sich ergebende Zirkel mit Kausalität zubetoniert. Manchmal schimmern dann bei der Aufgabe, mit dem Festschreiben (neuer) Krankheitsbilder sozusagen die Grundlagen der klassifikatorischen Feinheiten zu schaffen, die impliziten Vorraussetzungen der Klassifikation selber durch. Verhaltensweisen zu klassifizieren ohne auf Identitäten zurückzugreifen, erweist sich als ebenso unmöglich wie der Versuch, Grenzziehungen zwischen "krank" und "gesund" als objektiv gegebene sehen zu wollen.
Literatur:
BORDO, SUSAN: Unbearable Weight. Berkely 1993
BOUNDY, DONNA: Wenn Geld zur Droge wird: Krisen zwischen Soll und Haben. Frankfurt/M./New York 1997
BRAUN, CHRISTINA von: Nicht ich. Frankfurt/M. 1990
BUTLER, JUDITH: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M. 1991
GARFINKEL, PAUL E.: Importance of Attitudes Regarding Shape and Weight to the Diagnosis of Bulimia Nervosa. In: WIDIGER, THOMAS A. (Ed.): DSM-IV Sourcebook, Volume 3. Washington DC 1997
SASS, HENNING/HOUBEN, ISABEL: Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-IV. Göttingen u.a. 2. Auflage 1998
SONTAG, SUSAN: Krankheit als Metapher. Frankfurt/M. 1981
WALSH, TIMOTHY B.: Eating Disorders. In: WIDIGER, THOMAS A. (Ed.): DSM-IV Sourcebook, Volume 3. Washington DC 1997
WILSON-SCHAEF, ANNE: Co-Abhängigkeit. Die Sucht hinter der Sucht. München 1998
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