Ninety-Sixty-Ninety
Eine Reise ins Amerika der Nachkriegsjahre präsentiert uns eine Frau zwischen Herd und Arbeitswelt. Gleichzeitig hat Marilyn Monroe ihren Auftritt und mit ihr eines der Zauberworte des 20. Jahrhunderts - die Diät.
Erst vor wenigen Jahrzehnten begann er populär zu werden, der Körperkult. Die jüngst Erwachsenen sind bereits damit aufgewachsen und was daraus geworden ist füllt Bände. So richtig hat alles nach dem 2. Weltkrieg angefangen, mit den magischen Zahlen 90-60-90, die uns Kindern damals herzlich wenig sagten, außer dass sie etwas mit Rechnen und Mathematik zu tun haben mussten. Wie richtig wir damit allerdings lagen, konnte wohl noch niemand ahnen. Jedenfalls wurde uns die Formel von cleveren Pädagogen anschaulich vorgeführt, in Form von Ken und Barbie. Die Zielgruppe dieser Puppen waren natürlich Mädchen, was nicht heißt, dass die Buben von einer gezielten Einflussnahme auf ihre Schönheitsvorstellungen unberührt blieben. Auch wenn einem die eigenen Eltern keine dieser Wunderpuppen vergönnten, bei irgendwelchen Freundinnen fand man sie bestimmt. In lebhafter Erinnerung bleibt mir ein Kindernachmittag, wo sich in einem wahren Puppenparadies alle auf Kommando-los ihre Lieblingspuppe aussuchen durften. Ich war auch ganz glücklich, um meine Puppe nicht, wie die anderen, kämpfen zu müssen. Meine hatte nämlich schwarze Haare, ebenso schwarze Augen und eine braun/schwarze Haut. Da wusste ich schnell, an meinem Schönheitsverständnis musste sich etwas ändern.
Es folgten Jahre der medialen Erziehung und das blieb nicht ohne Folgen.
Zurück zur Zauberformel 90-60-90. Sie steht, wie wir alle wissen, für eine blonde, blauäugige Marilyn Monroe, alias Norma Jeanes und ursprünglich brünett. Marilyn Monroe ist, wie hier schon angedeutet, nicht so wie sie war, vom Himmel oder sonst woher gefallen, sondern wurde kreiert, mit allen Rafinessen, die der damaligen Kosmetikindustrie zur Verfügung standen. Mit Marilyn Monroe wurde weniger ein Sinnbild für Schönheit schlechthin, sondern eines für die schöne Weiblichkeit geschaffen und das aus einem ganz bestimmten Gründen. Während des 2. Weltkrieges hatten Frauen die freigewordenen Arbeitsplätze "ihrer" Männer eingenommen, die in den Krieg gezogen waren. Und nicht nur das, sie hatten sich darin bewährt und damit Männer in der Arbeitswelt er-setzbar gemacht. Dass Frauen die völlige Kontrolle über das tägliche Überleben, sprich Nahrungsmittelbeschaffung und -verteilung, haben sollten, musste die Soldaten, die aus dem Krieg heimkehrten, verunsichern. Heute, wo man zu jeder x-beliebigen Zeit zum Kühlschrank gehen kann, um sich mit sofort Essbarem zu versorgen, fällt es schwer sich vorzustellen, dass bis vor gar nicht allzu langer Zeit die Welt der Nahrungsmittelbesorgung, -verarbeitung und - verteilung noch eine ganz andere war. Dem Mann oblag es, durch Arbeit außerhalb des Hauses, den Erwerb von Nahrungsmitteln sicherzustellen (Broterwerb). Die Frau war durch ihre Rolle als Mutter stärker an das Haus gebunden und dadurch für die Genießbarmachung dieser Nahrungsmittel (Kochen) und deren Verteilung zuständig. Der Verteilung kam deshalb eine so bedeutende Rolle zu, weil Nahrungsmittel zwar genügend, aber nicht im Überfluss vorhanden waren (Ausnahmen immer ausgenommen). Wer also essen wollte, hatte Interesse daran, zu einer vorgegebenen Zeit (mittags und abends), an einem vorgegebenen Ort, zusammen mit allen übrigen Familienmitgliedern eine vorgegebene Menge einer vorgegebenen Speise einzunehmen. Der Hausältesten oblag es, die Teller zu füllen und obwohl die Reihenfolge einer strengen Hierarchie unterlag, konnte diese Frau ihr Wohlwollen bzw. ihre Missgunst einer bestimmten Person gegenüber zum Ausdruck bringen, indem sie die Menge entsprechend variierte, was geschickt gemacht sein wollte, um der strengen Beobachtung der anderen zu entgehen.
Alles was mit Nahrung zu tun hatte, fand in der Gemeinschaft statt, auch das Essen und war dementsprechend einer strengen Kontrolle ausgesetzt. Während man in Europa also noch mit dem Wiederaufbau beschäftigt war, versuchten die amerikanischen Entscheidungsträger, die Frauen so schnell wie möglich an ihren "angestammten" Platz ins Haus zurückzudrängen, um den Männern ihren "angestammten" Platz zu überlassen. Dies wollte nicht so recht funktionieren, denn an die gewonnene Selbständigkeit hatten sich die Frauen schnell und gerne gewöhnt. Das sollten sie nun aufgeben und nicht nur das, bald mussten sie feststellen, dass sie weit mehr verloren hatten, denn ihr früherer (Arbeits)Ort hatte sich verändert. Der technische Fortschritt (Kühlschrank, Waschmaschine, E-Herd usw.) machte es möglich, dass sie, die bis dahin Unersetzbaren, ersetzbar geworden war. Letztlich konnten die Frauen also weder ihren neuen Platz in der Arbeitswelt verteidigen, noch an einen alten zurückkehren. Dies geschah natürlich nicht von heute auf morgen und auch nie in dieser Radikalität, ein bisschen behielten sie von der neuen Freiheit, führten aber gleichzeitig aus Gründen der Bequemlichkeit anderer die Arbeiten im Haushalt weiterhin aus.
Dieser Zustand war also weder Fleisch noch Fisch. Auch für den Mann war die Sache mit dem reinen Broterwerb nicht mehr befriedigend. Mit der, wenn auch nur vermeintlich steigenden Selbständigkeit der Frau, gab er einen Teil seiner Verantwortung als Brotverdiener an sie ab und konnte sich mehr darauf konzentrieren, sich im Beruf zu entfalten, Karriere zu machen, zu riskieren. Für die Frau hingegen gab es neben Fleisch und Fisch einen neuen Lebenssinn resp. Formel 90-60-90. Die neue, vorerst noch weibliche Schönheit war nicht mehr nur eine Gunst der Geburt sondern mach-bar, erreichbar für jede und in der Folge auch für jeden. Die neue Frau wurde, da inwischen mach-bar, mit dem Anspruch konfrontiert, einem bestimmten Schönheitsideal, z.B. MM, zu entsprechen. Allein die Zeit, die damit verbracht wurde/werden musste, sich über die neuesten Kosmetika zu informieren oder Ernährungsratgebern zu lauschen, ist nicht zu unterschätzen.
90-60-90 hat also etwas in Bewegung gesetzt, das wohl kaum vorherzusehen war. Eine vollkommen neue Industrie entstand, die der Zaubermittel und Versprechungen, die zwar niemals eingelöst wurden/werden und auch längst nicht mehr allein auf Frauen abzielt. Männer sind die neue Zielgruppe und Kinder, ja sogar Tiere. Zwar wissen die meisten, dass es bei den Versprechungen bleibt, trotzdem gibt es ihnen für einen bestimmten Zeitraum eine neue Perspektive, eine neue Hoffnung, einen neuen Sinn im Leben. Der einzige Unterschied zur Religion ist der, dass sowohl die Schönheitsideale ständig wechseln, wie auch die tausenden von Möglichkeiten, die der Markt uns heute bietet, diese zu erreichen. Dabei wird der Körper zum Austragungsort unserer Sinnsuche. Mit Diäten und Fitness erklären wir ihm den Krieg und zwingen ihn unter unsere totale Kontrolle, diese natürlich diktiert von Medien resp. Industrie. Diät ist der freiwillige Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel, wenn es darum geht, Gewicht zu reduzieren, ausschließlich zu dem Zweck eine Idealfigur zu bekommen (nicht gemeint sind hier Diäten aus medizinischen Gründen - wobei, wie ich meine, auch diese häufig zweifelhaft sind). Um also mit Diäten Geld verdienen zu können, werden sie in Philosphien verpackt. Die Philosphie soll das nicht stören, ihr Ursprung liegt bekanntlich im Staunen und aus dem Staunen kommt man gar nicht mehr heraus, wenn man sich die Vielfalt von Diäten ansieht, die allein im Internet angeboten werden, wie z.B.: "loose weight with music"! Aber der Phantasie sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Eine neue Lebensaufgabe, sowohl für "Opfer" wie auch "Gewinner". Mit Opfern meine ich jene, die Diäten (bei sich) anwenden, mit Gewinner jene, die dabei Geld verdienen. Die Gewinner suchen in einer konsumorientierten Gesellschaft längst nicht mehr nur nach Marktlücken, sondern schaffen sie, d.h. sie erzeugen Bedürfnisse, Träume, Wünsche und liefern das vermeintliche Wundermittel gleich mit. Der Gewinner ist der Zauberlehrling, der die Geister ruft und den anderen auf den Hals hetzt. Und wen soll man schon belangen? Wer es nicht schafft ist (auch noch) selber schuld, entweder weil sie/er nicht konsequent genug "gediätet" hat oder weil sie/er einem Scharlatan aufgesessen sind. Das Geschäft mit der Diät ist jedenfalls ein einzigartiges Beispiel in der Geschichte der Marktwirtschaft, wo ein weniger an Menge auf der Verbraucherseite ein mehr an Geld auf der Angebotsseite zur Folge hat. Nachdem empirische Untersuchungen ergeben haben, dass der Mensch zu 80 % mit den Augen isst, hat man sich auf die verbleibenden 20 % beschränkt und sie Nouvelle Cuisine genannt.
Dass die Nahrungsmittelzufuhr nach wie vor dem physischen Überleben gilt, ist unumstritten, ihre gesellschaftliche Bedeutung hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch radikal verändert. Während früher der Akt des Essens selbst von Wichtigkeit war, weil gemeinschaftlich und damit Ausdruck von sozialen Strukturen und Hierarchien, konzentriert sich heute die Bedeutung von Essen darauf, was man damit in/an seinem Körper erreichen will. Hier tritt also eine zeitliche Verschiebung ein, d.h. Menschen beschäftigen sich auch dann mit Essen, wenn sie gar nicht essen, sie überlegen sich ununterbrochen, was sie essen sollen, würden, dürfen bzw. was sie nicht essen sollen, sollten, müssten, um den Idealkörper zu erzeugen, den sie für sich beanspruchen. Die gesellschaftliche Anerkennung führt (auch und in zunehmendem Maße) über unseren Körper. Er ist zum Symbol für unsere Willenskraft und unsere Leidensfähigkeit geworden. Durch das Essen, das mehr und mehr im Geheimen statt- bzw. nicht stattfindet, üben wir Kontrolle über unseren Körper aus, dies kann, wie wir wissen im Extremfall auch zum Verlust eben dieser Kontrolle führen (siehe Fettleibigkeit, Anorexie, Bulimie). Das Schönheitsideal hat sich in diesen wenigen Jahrzehnten bereits mehrmals geändert und wir können feststellen, dass es nicht mehr nur ein Ideal gibt, sondern mehrere gleichzeitig, abhängig von der Branche, in der man sich gerade bewegt. In der Mode sind androgyne Wesen gefragt - Frauen wie Männer. Je mehr wir uns über die Filmindustrie der Erotik nähern, nehmen die (Körper-) Umfänge zu. Bei letzteren scheinen sich die Schönheitsvorstellungen seit der Venus von Willendorf nicht grundlegend geändert zu haben. Die plastische Chirurgie tut ihr übriges und man muss die Rechenaufgabe wohl neu stellen. Es gilt nicht mehr 90-60-90, sondern x = 60 + 90. Trotz der unendlichen Vielfalt von Diäten und den Möglichkeiten der plastischen Chirurgie, sind die Menschen nach erfolgreicher Operation und/oder Diät nur selten glücklich oder zufrieden.
Bleibt also Schönheit bei aller Mach-barkeit ein Traum? Ist es vielleicht sogar eher der Traum von Schönheit, dem wir Menschen nachhängen, als der Schönheit selbst? Ist nicht der Traum beständiger als jede Wirklichkeit? Lasst uns also das Vehikel unserer Träume, den Körper, nicht vorzeitig durch zu viel Diät und Chirurgie ruinieren, auf dass wir noch lange weiterträumen mögen.
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