sinn-haft [nr 7]
dinner for cyborgs

Zum Inhaltsverzeichnis
Esa Öhler

Aphrodisiaka - (k)eine Wissenschaft

Isabel Allende schreibt ein Buch über Aphrodisiaka und erzählt dabei Geschichten aus ihrer und anderer Leute Liebesleben. Nach der Lektüre kann ich sagen - beinahe jede Speise und fast jede Zutat kann aphrodisisch sein, wenn sie nur mit der entsprechenden Überzeugung zubereitet und genossen wird.

Was ist also ein Aphrodisiakum? Vom Duden wird dies knapp als ein "den Geschlechtstrieb förderndes Mittel" abgetan. Isabel Allende spannt den Begriff um einiges weiter, und im Laufe der Lektüre ist mir klar geworden, dass ich ziemlich oft aphrodisisches Essen zu mir nehme, ohne mir dessen bewusst zu sein. Alltägliche Dinge wie Paprika oder Basilikum bekommen plötzlich eine andere Bedeutung.

Achtung, Phallen!

Vielen Pflanzen und Früchten wird aufgrund ihres Aussehens aphrodisische Wirkung zugeschrieben. Da gibt es (banale?) Phallussymbole wie Gurken, Auberginen und Spargel, Speisen, die an weibliche Körperteile erinnern wie Austern, Pfirsiche, Mandeln oder Avocados und Dinge, die sich einfach sinnlich be-greifen lassen wie Eiscreme oder Pudding.

Das Buch enthält ausführliche Aufzählungen und Beschreibungen der Wirkung von aphrodisierenden Gewürzen, Pflanzen, Früchten, Meerestieren, Alkoholika und dem Fleisch verschiedener Tiere. Diese sorgfältig mit Kommentaren versehend, zieht Allende aber in der unendlich scheinenden Vielfalt der Aphrodisiaka persönlich klare Grenzen: Die an vielen Orten der Welt als Potenzmittel beliebten Hoden von Stier, Esel, Löwe, oder Schamteile von Schaf und Kuh kommen ihr beispielsweise nicht in die Pfanne. Ein Hinweis darauf, dass nur jene Speisen aphrodisisch sind, von deren Wirkung man überzeugt ist. Ob man auf eindeutige Fingerzeige (Geschlechtsteile von Tieren) oder die eigene Phantasie vertraut, hängt von der Köchin oder dem Koch ab. Auf jeden Fall gilt: aphrodisisch ist, was durch Geruch, Geschmack und Aussehen anregt und keine negativen Assoziationen weckt, die einer sinnlichen Stimmung abträglich sein könnten.

Allende erzählt gerne einige der zahllosen Geschichten, welche von sexuellen Höchstleistungen sagenhafter Männer nach dem Verzehr solcher Aphrodisiaka wie z.B. 40 Eiern berichten. Wobei diese Höchstleistungen meist quantitativ gemessen werden - ob dies wirklich das angestrebte Ziel bei Einnahme von luststeigernden Mitteln ist oder lediglich eine Übersetzung unvergleichlicher Erlebnisse ins Messbare, die leicht zu decodieren ist, sei dahingestellt. Ich weiß nicht, wie vielen Männern daran gelegen sein könnte, in einer Nacht achtzig Frauen zu entjungfern (die "Großtat" eines Mannes die Allende aus unbekannter Quelle berichtet), ich persönlich hätte jedoch keine Lust unter diesen Jungfrauen zu sein.

Grobe und feine Stimulanzien

Häufig werden Aphrodisiaka mit potenzsteigernden Mitteln für Männer gleichgesetzt. Dass dies eine unzulässige Einschränkung ist, zeigt Allende, die den Begriff viel weiter und fließender denkt. Sie nennt ihre Verzauberungsmittel Aphrodisiaka und meint damit nicht gewisse, auf grausame Art gewonnene Pülverchen, sondern Speisen, Menüfolgen und Essen generell. Für sie haben aphrodisierende Speisen und Mittel den Zweck, zwischen-menschlich sinnliche Stimmung zu erzeugen, zu leiblichen Vergnügungen zu verführen, nach einem Streit eine Versöhnung herbeizuführen (dazu gibt es eigens das Rezept einer Versöhnungssuppe). Es geht um pure Sinnenfreude, die sich bei Essen auf alles erstreckt - Geschmack, Geruch, Tasten, Auge und Ohr, und alle anderen Sinne, die für sinnlich - sexuelle Reize empfänglich sind. Insofern gibt es keine Unterscheidung zwischen den Geschlechtern, die sich gegenseitig und untereinander mit den anregendsten und betörendsten Gerichten zu verführen suchen.

Aufs Schluerfen kommt es an Auf's Schlürfen kommt es an

Um das Objekt der Begierde und Liebe zu verführen, bedarf es aber noch weit mehr als nur der richtigen essbaren Zutaten. Großer Wert kommt der Zubereitung zu, den Umständen des Kredenzens und der Situation, in der sich Verführende(r) und Verführte(r) befinden. Oft muss man auch die guten Sitten über Bord werfen, wenn es etwa darum geht, sich dem Genuss einer Suppe hinzugeben: Schlürfen erbeten!
Die Zubereitung als wesentlicher Akt wird in die Verführung mit einbezogen - nackt zu kochen oder gemeinsam Gemüse zu schneiden kann schon ausreichen um eine stürmische Liebesnacht zu garantieren. Als Grundregel gilt: Zubereitung und Essen immer als Vorspiel und Teil des Liebesaktes betrachten und erleben. Diese Überzeugung bereitet aus egal welchen Zutaten ein fulminantes Mahl.
"Der Vorgang, eine gute Suppe zu kochen, durchläuft die gleichen Etappen wie ein guter Liebesakt, in beiden Fällen geht es darum, einzutauchen in die sinnliche Lust, zu mischen, zu riechen, zu kosten, zu lecken, hinzuzufügen, zu verzichten, zu zweifeln, mehr dranzugeben . . ."

In der großen Rezeptesammlung, die das Buch enthält, finden sich Gerichte, mit deren Zubereitung ich wohl noch eine lange Weile beschäftigt sein werde. Die zwei, drei bereits getesteten Rezepte haben jedenfalls ihre Wirkung getan . . . wohl nicht zuletzt aufgrund der Überzeugung, dass sie etwas Besonderes sind.

Lieben und Essen . . . im jeweiligen Idealfall haben sie etwas gemeinsam, dann nämlich, wenn man fähig ist, sich dem Genuss hinzugeben und sich vom Geschmack einer Erdbeere oder dem Geruch der Haut der geliebten Person verzaubern lässt.
Ich kann Isabel Allende nur zustimmen, wenn sie schreibt: "Pesto ist wie Lieben: die Grundanleitungen genügen, der Rest ist reine Improvisation."
Als amüsanten Streifzug durch die Welten der Fleischeslust im doppelten Sinn möchte ich dieses Buch empfehlen, und sicher finden sich ein paar Tipps, die das eigene Essens- und Liebesleben bereichern.
Das Buch hat mir die geöffneten Augen weit aufgerissen, und seither esse ich Schokoladeeis mit doppeltem Vergnügen, wenn mein Geliebter mir dabei zusieht.



UP!
Zum Inhaltsverzeichnis
home - archiv - kontakt/h[r]b/abo

© bei der autorin/dem autor
screening: schrottenberg