sinn-haft [nr 7]
dinner for cyborgs

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Florian Oberhuber

Österreichische Identität

Es herrscht hier zu Lande - man weiß es - ein prekäres Verhältnis zum Nationalen. Was ist/isst Österreich? Sonntags Wiener Schnitzel! - Da die Bedürfnisse des Darmes auch in jener Hinsicht tiefer sitzen, als der Hunger immer zuerst kommt, wollen wir einmal an dieser prosaischen Stelle weiterdenken.

schnitzelland Schnitzel - semantisch
Essen lesen: Was den Engländern ihr beef und den Amerikanern der burger, ist den Österreichern das Wiener Schnitzel. Als Symbol nationaler Blutsbrüderschaft kommt nur ein Stück Fleisch in Frage; der gleichen Blutmythologie angehörend wie der Wein, dient es gleichsam als säkularisierte Hostie - nicht mehr Leib Christi, sondern Leib der Nation. An dieser geheiligten Stelle steht in Österreich (zumindest von Rechts wegen) ein Stück vom Kalb, und zwar vom Schlegel. Ein vornehmes, zartes, helles, junges Fleisch also: In der christlichen Ikonographie repräsentiert es die Opfergabe ohne Makel und kann sogar für den Erlöser stehen. Doch dies ist noch nicht genug der Reinheit: So wie der Sünder seinen Körper geißelt, auf dass ihm die Flausen ausgetrieben werden, muss auch das Schnitzel geklopft werden. - Das Fleischliche als Symbol des Nationalen ist im Wiener Schnitzel in höchstem Maße verneint, ja, seine bloße Existenz muss unter einer Panier verborgen werden. Sie bietet sich bestens als zweites Moment einer strukturalen Lektüre an. Und man muss nicht Hegelianer sein, um diese durch Mehl gehärtete goldene Hülle (die/das Goldpanier) mit dem Staat als Allgemeinem zu identifizieren. So wird unversehens aus einem Nationalgericht eine Apotheose des Staates.

Schnitzel - monarchistisch

Das Wiener Schnitzel in dieser prekären, vielleicht schizoiden Struktur ist ein Erbe aus der Monarchie. Freilich nicht als Nationalgericht - denn ein solches war geradezu eine Unmöglichkeit im Vielvölkerstaat. Dieser war nur unter der Bedingung zu erhalten, dass die Deutschösterreicher darauf verzichteten, den Weg der nationalen Radikalisierung zu gehen. Die deutschnationalen Töne des “Jungen Österreich” waren der eigentliche Feind im Vormärz, später folgten die Sympathisanten der Frankfurter Paulskirche von 1848. Die Nationalbewegungen in den Provinzen konnte man hinnehmen; eine nationale Bewegung der Deutschen als der staatstragenden Nation aber hätte den Kaiserstaat zerbrochen, zumindest in einen deutschen und einen nicht-deutschen Teil. Das bedeutete für einen österreichischen Gesamtstaatspatriotismus, dass er sich statt an die Nationalität an eine andere, möglich abstrakte Idee anhängen musste. “Dieses Länderkomplexes Beruf ist es, der Welt ein Beispiel zu geben, dass Humanität höher stehe als Nationalität,” formulierte es Josef Chmel 1857. Diese Idee drängte zu einem Welt-Österreichertum, das seine Einheit schließlich nur noch in dem “88-jährigen Friedenskaiser” fand. Der “Gründungsmythos” des Wiener Schnitzels phantasiert solches Österreichtum als großes Erfolgsrezept: Radetzky hätte das Schnitzel 1848 aus Mailand mitgebracht, worauf die Wiener Köchinnen einige Verfeinerungen angebracht hätten: Statt Kotelett nahmen sie Fleisch vom Schlegel, statt es zu drücken wurde das Schnitzel jetzt geklopft und die Panier wurde durch Mehl und Anpressen härter gemacht. Oder allgemeiner: Man nehme das Beste der Nationalitäten, füge die “überlegene deutsche Kultur” bei und hoffe auf eine gelingende Bindung zur Gesamtstaatsfähigkeit.

Schnitzel - demokratisch

Indem die Erste Republik das Wiener Schnitzel als Erbstück der Monarchie übernahm, schrieb sie zugleich die seltsame Struktur dieses Rezeptes fort. In seinem Geiste baute Hans Kelsen die österreichische Verfassung. Er war in mehr als einem metaphorischen Sinne deren Architekt: Kelsen dachte das Recht so, wie ein Architekt sein Fach denkt, wenn er ein Modell für einen Wettbewerb konstruiert. Das Thema dieses Wettbewerbs hieß “Republik Deutschösterreich” - von der Monarchie aus gesehen ein unglaubliches Experiment, dem Kelsen das Musterbeispiel einer demokratischen Verfassung gab. Das Recht geht vom Volk aus, heißt es dort. Jene Kategorie, die im komplexen Gebilde des Vielvölkerstaates die unter vielen Decken verpackte Erbse war, konnte auch im Kelsenschen Gebäude nicht ruhig gestellt werden. In der Zwischenkriegszeit brach das Nationale in aller Heftigkeit aus. Auch der Aufstieg des Wiener Schnitzels zum Nationalgericht dürfte in die diese Zeit fallen. Indem das Kalb durch das billigere Schwein ersetzt wurde, erlangte das Gericht Massentauglichkeit. Diese Demokratisierung des Nationalen führte jedoch in die Katastrophe, als die Imago des Völkischen sich seiner bemächtigte: Mit Austrofaschismus und Drittem Reich ging die Unschuld des Nationalen, wie sie das Kalb im Wiener Schnitzel symbolisierte, endgültig verloren. Seit diesem Sündenfall besetzt das Schwein die Position des Nationalen: Es steht für Maßlosigkeit, Leidenschaft, Banalität - im Christentum auch für das Böse schlechthin. Dass das nicht so sein soll, war nach dem Krieg klar - das “echte” Wiener habe selbstverständlich vom Kalb zu sein. Mit diesem Verdrängungs-Konsens nahm die Erfolgsstory der Zweiten Republik ihren Ausgang. In großkoalitionärer und konkordanzdemokratischer Eintracht wurde das Volk wiederum sorgsam verborgen. Weder gab es im Nachkriegsösterreich Nazis noch ein Volk, mit dem im demokratischen Willensbildungsprozess zu rechnen wäre. Noch in den 90ern war die Bezeichnung des demokratischen Souveräns nur in ironisierter und verneinter Form möglich - legendär ist das Männchen mit Steirerhut, dämlich aber harmlos, überhaupt solange ihm von der Regierung die EU- und sonstigen Ängste ausgetrieben wurden. Wen wundert’s, dass die Gegenposition einer Bejahung des Volkes nur als “einfach ehrliche” Schweinerei möglich war?

Schnitzel - großkoalitionär

Die Große Koalition war zuletzt eine Panier, die Risse bekommen hatte. Dennoch: Sie hielt noch immer die Position des Guten besetzt, ja sie wurde mit der Idee der Zweiten Republik ident gesetzt. Derart geheiligt konnte die Herausforderung nur das Böse sein, das wir in der Semantik des Wiener Schnitzels im Schwein gefunden haben. - Haider tauchte auf: Von Anfang an wurde um ihn eine große Dämonologie betrieben, deren Logik hieß: Können wir nichts Böses sehen, so zeigt das nur, wie perfide er ist. Doch die Exorzisten selbst sind im Bund mit dem Teufel: Wer Haider am lautesten verdammt, hechelt am meisten nach neuen “Sagern”. Wer also ist Haider? Wahrscheinlich ist er genauso schizoid wie dieser dämonologische Diskurs. Doch zurück zur österreichischen Identität: Blauschwarz entwurzelt die verfestigten Positionen und alle Fragen stellen sich neu. Das politische Imaginäre restrukturiert sich und wieder scheint es auf einen Dualismus von Gut und Böse hinauszulaufen. “Wer ist der wahre Patriot?”, so lautet die Frage. Einfache Antworten darauf sind in Österreich nicht möglich. Wer die Debatte um die EU-Sanktionen verfolgt hat, stellt fest, dass der Diskurs ständig an Komplexität und Abstraktion zunimmt, sich dabei aber haltlos um sich selber dreht. - Auch dieser Artikel entkommt dem Sog dieser Spirale nicht. Spannend ist die Position, die die Künstler in der Frage der Identität bezogen haben: “Wir sind ein Naziland,” ließ Ironimus sie als irrwitzige Clowns auf eine Tafel in Form von Österreich schmieren. Schnitzologisch betrachtet ist ihr Diskurs die Demaskierung von Schuld und Sündhaftigkeit des Fleisches bzw. die Dekonstruktion nationaler Identität. Das funktionierte problemlos, solange die Regierung selbst das Nationale verneinte: Der Spießer fühlte sich (auch) auf sein Schnitzel getreten, der Staat subventionierte. Mit Blauschwarz jedoch musste sich konsequenterweise die Frage der Emigration stellen, denn diese Regierung war ein Pakt mit dem Teufel. - Oder aber man hoffte unter der Parole Widerstand auf ein “anderes Österreich”. Dieser Traum, das Schwein wieder durch ein Kalb ersetzen zu können, kennen wir bereits vom Gesamtstaatspatriotismus der Monarchie, wobei diesmal Toleranz und Menschenrechte als Surrogat des Nationalen dienen sollen.

Schnitzel - identitätstechnisch

Die Situation scheint verfahren: Eine Identitätskonstruktion jenseits des Nationalen hat es angesichts des historischen Ballasts im Symbolischen und des gegenwärtigen “durchgedrehten” Diskurses schwer, eine stabile Position zu beziehen. Ein einfacher Patriotismus nach “amerikanischem” Vorbild wiederum, würde nur zu leicht in den Sog der kollektiven Empörung geraten, die ihre identitätsstiftende Kraft aus dem gemeinsamen Feind EU bezieht. Ohnehin droht die Frage vollständig in der virtuellen Realität der Medien aufzugehen, wo sich alles in der Austauschbarkeit der Zeichen verliert. Manche Stimmen sprechen sich daher für eine vollständige Verabschiedung von identitären Diskursen aus. Solch totalisierte Dekonstruktion scheint allerdings nicht ohne Gefahr, befinden sich Macht und Widerstand doch im selben Dispositiv. Die völlige Verneinung identitärer Konstruktionen hat in der Sehnsucht nach dem Ganzen ihren kongenialen Widerpart. Mein Vorschlag: Treffen wir uns, meinetwegen beim Schnitzelwirt!


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