sinn-haft [nr 7]
dinner for cyborgs

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Larissa Schindler und Agnieszka Dzierzbicka

Telecuisine

Häufig hat Essen im Kochen einen Gegenpart, der ebenso Regeln und Re/produktionen gesellschaftlichen Wissens unterworfen ist, so wie er sie selbst produziert. In "Frisch gekocht ist halb gewonnen" scheint es ums Kochen zu gehen. Spannend macht die Sendung nicht nur die deutliche Unklarheit der Rollen aller Beteiligten und die Absurdität des Umgangs damit, sondern auch die in der Sendung transportierten Stereotypen.

"Hallo, herzlich willkommen bei Frisch gekocht ist halb gewonnen am Freitag. Heute präsentieren wir Ihnen den vierten niederösterreichischen Wochensieger, ja und heute geht alles ein bisschen besser mit Mayonnaise. Da hamma schon die klassischen Zutaten der Mayonnaise aufgebaut. Und es ist ja eine dermaßen wichtige Soß´, dass sowohl die Franzosen als auch die Spanier sich darum streiten, wer die denn erfunden hat, net. . . Also um die Mayonnaise gibt es ein Geschrei und ein Gestreite - Grüße Dich Alois" - "Servus Elisabeth" . . .

Moderatorin Lizzi Engstler begrüßt "Profikoch" Alois M. bevor sie nach einem kurzen Geplänkel die Gäste ("HobbyköchIn") begrüßt, kurz Familienstand und Beruf vorstellt und die Gerichte des Tages ankündigt.
Gekocht wird parallel: Hauptspeise HobbyköchIn, Nach- oder Vorspeise Alois. Dazwischen moderiert und vermittelt Elisabeth, die HobbyköchIn und Profikoch nach scheinbar klarer Rollenteilung befragt: der fesche Profikoch spricht über Gerichte und Zubereitungsarten, HobbyköchIn über Befindlichkeiten, Lebensphilosophien und -stile. Hie und da geben letztere kurz Auskunft über den momentanen Kochvorgang bzw. Schwierigkeiten á la "Der Zwiebel wird jetzt feinwürfelig geschnitten . . ." - Lizzi: "Mmh, . . ." oder "Diesen Herd bin ich nicht gewohnt" - Lizzi nickt verständnisvoll.
Der Hintergrund ist von Ikea ausgestattet, geschicktes Product-Placement und offensichtliche Werbeschaltungen vom Warengutschein des Hauptsponsors Billa bis zum eingeblendeten Sackerl, durchziehen die Sendung.

"Ma jö, das ist aber schön gemacht, schau dir das an, wunderschön. Hamma so viel zum Essen heite. Eu jeu jeu, ist das schön. Recht herzlichen Dank Frau Liener fürs Kommen. Ein tolles Gericht, Alois. Mm, freu ich mich jetzt schon auf die Gnocchi, Nockerln, Nockhalan. Ihnen wünsch'ma guten Appetit, wenn Sie´s nachkochen und wenn Sie's probieren, und ich freu mich schon auf morgen: Auf Wiederschauen."

Die beschauliche Ikeaküche mit einschlägigen Küchenutensilien, montiert auf einer Küchenzeile, zwei Backöfen und eine ideale (da unendlich geräumige) Arbeitsplatte lässt die Herzen kochgewandter Menschen höher schlagen. Eine hübsch dekorierte Theke sorgt für das entsprechende Ambiente, wenn es um die adrette Präsentation der zubereiteten Gerichte oder die Auswahl des guten Tropfens geht. Auch hier verweisen Design und Dekoration auf die allseits beliebte Ikea-Katalog-Ästhetik. Ähnlich verhält es sich mit den Gerichten bzw. den dafür vorgesehenen Zutaten. Bereits im Rohzustand werden sie appetitlich angeordnet, und trotz des Fehlens eindeutiger Herkunftshinweise, gleichen sie jenen Produkten, die uns bei unserem täglichen Sprung zum Billa aus den Regalen entgegen lachen. Das Setting ist perfekt: So sehr uns die (immer) saubere, reich ausgestattete Küche fremd ist, so sehr ist sie auch ein Teil von uns, zumindest ist sie greifbar, erzielbar. "Du, lass uns zum Ikea schauen."
Kochen mit Lizzi Mit anderen Worten, hier werden auf eine solche Art und Weise Luxus und Alltäglichkeit geboten, dass es schwer fällt, sich dem servierten Identifikationsterror zu entziehen. Richtig volksnah wird es allerdings erst durch das Konzept "Hobbykoch". Die gesamte Palette sozialer Realitäten wird aufgefahren, in ihnen und durch sie manifestiert sich der Alltag: Vom Zahnarzt über den Lebenskünstler bis zur Hausfrau, sie alle dürfen zu Wort und Tat schreiten. Unterstützt werden sie von Lizzi, die Hintergrundinformationen referiert und Alois, der professionelle Tipps zum Besten gibt. Nun ist das nichts Außergewöhnliches bei einer derart angelegten Sendung: Gast - Moderatorin - Profikoch, zumindest auf den ersten Blick. Bei einer genaueren Betrachtung irritiert jedoch die Funktion der Gäste ein wenig, zumal die Rolle, die sie zu erfüllen haben, nicht mehr so eindeutig ist. Obwohl sie die ProtagonistInnen darstellen, beschränkt sich ihr Beitrag zur Sendung auf die körperliche Anwesenheit und eine zustimmende Haltung gegenüber Lizzis Kommentaren. Selbstverständlich dürfen sie sich zu den von ihnen ausgewählten Gerichten äußern, allerdings wird ob der erfahrungskompetenten Moderatorin, jegliches Darstellen in den Sand gesetzt, da ein nervöses Stammeln oder Krächzen im Fernsehen nicht so gut kommt. Besser hingegen ist ein kurzer Einblick in das Privatleben der Gäste - auch dieses wird durch Lizzis Geschicklichkeit erzählfit gestaltet und das Agieren der Teilnehmenden somit erneut zum Nebenschauplatz. Welche Rolle sollen sie also erfüllen? Es wäre verkürzt, sie auf die bloße Identifikationsschablone des Publikums, welche Einschaltquoten garantiert, zu reduzieren. Denn das Identifikationsspiel ist in diesem Zusammenhang nur eine von vielen Facetten dieser konstruierten Volksnähe.

Zurückkehrend zu den Anfängen: das Thema der Sendung ist Kochen und Kochrezepte aus dem Alltag werden ins Fernsehen gebracht. Im Laufe der Sendungen hat sich jedoch nach und nach ein Konkurrenzthema entwickelt, nämlich das Wissen um Ernährung. Es ist durchaus nahe liegend, dass dieser Bereich der ursprünglichen Thematik inhärent ist. Weniger nahe liegend ist die Verknüpfung von Lebenswahrheiten bzw. Normen mit Ernährung, die - salopp formuliert - auf dem Rücken der KochkandidatInnen produziert und reproduziert werden. Kaum eineR von ihnen entkommt Lizzis bohrenden Fragen nach Bestätigung - "net wahr?" Und wenn es mal jemand schafft, ihr zu widersprechen, so folgt ein verlegenes Schweigen, das im gleichen Zuge straft, wie dann ein schneller Kameraschwenk auf Alois erfolgt, der immer einen passenden (Koch)Tipp aus dem Ärmel schüttelt und somit ungefällige Äußerungen der Befragten elegant aus dem Weg räumt.

Um welche Normen, Wahrheiten, welches Wissen geht es, und weiter, wie funktioniert die Verknüpfung zwischen Koch- und Lebensweisheiten? Offensichtlich gelingt hier die Problematisierung (wenn auch zum Hobby stilisiert) einer der Hauptbeschäftigungen unserer Existenz, nämlich die der Nahrungsaufnahme. Die Grundsätze, dem Zeitgeist verpflichtet, sind eindeutig: Nicht zu viel, nicht zu wenig, nicht zu fett, nicht zu aufwändig, nicht zu kostspielig, nicht zu gewöhnlich, nicht zu . . . Summa summarum geht es um eine Reihe von Ge- und Verboten, die allesamt ins Wissen um Ernährung und Kochen eingeschrieben sind, und perfide genug, bis ins einzelne Detail der Lebensgestaltung reichen. Vermeintlich handelt es sich also um Wissen über Ernährung und Kochen, was nicht zuletzt für die meisten ZuseherInnen die Motivation ist, die Sendung zu verfolgen, tatsächlich aber wird eine besondere Form von kulturellem Wissen vermittelt, das ausschließt, diskriminiert und zugleich vergesellschaftet. Das Motto ist klar: Sag mir, was und wie du kochst, dann sage ich dir, wer du bist. In diesem Sinne kocht Herr Zahnarzt Scholle gefüllt mit Lachs und frischem Basilikum. Er deckt den Tisch für zwei Personen in "elegantem Weiß", eine Rose und zwei Kerzen für die "Romantik", wenn das Kind außer Haus ist . . . Frau - leidenschaftliche - Hausfrau/Mutter kocht im Gegenzug Schweinsnuss mit Kartoffelroulade. Sie deckt für die Familie mit Gmundner Porzellan (inkl. Servietten des selben Musters) und einer Kerze, die es hier besonders "feierlich" macht.

"Ähm, Alois . . ."

Vor dem Hintergrund eines scheinbar gleichberechtigten Settings, in dem Männer und Frauen kochen, entpuppen sich die Realitäten dennoch als allgemein bekannte Stereotypisierungen. Es steht nicht zur Debatte, wie diese Realitäten "tatsächlich" beschaffen sind, sondern wie sie im Laufe der Sendung konstruiert werden. Trotz dem auffallendem Bemühen um "neutrale" Haltung, deutlich ablesbar an der Suche nach TeilnehmerInnen aus verschiedensten Regionen und sozialen Millieus, werden die TeilnehmerInnen nach bewährten Schemata klassifiziert bzw. in diese eingefügt. Über Gespräche und suggestive Fragen zu Familienstand und Lebensalltag, gelingt mit Hilfe des knappen Zeitbudgets und entsprechender Schnitttechnik, eine dermaßen verkürzende Darstellung der jeweiligen Lebensweisen, dass durch sie mühelos, quasi unbeabsichtigt, Stereotypen transportiert werden können. Wie sehr diese Klischeeproduktion zum fixen Bestandteil der Sendung geworden ist, zeigt sich am Beispiel der Vorstellung eines Studenten. Es gibt keinerlei Angaben zu seinem Familienstand oder Beziehungsleben. Als er später angibt, gerne für zwei zu kochen, bleibt die mittlerweile zur Pflichtroutine gewordene Frage nach der zweiten Person aus - nach einem verlegenen Schweigemoment wendet sich Lizzi an Alois. "Ähm, Alois . . ." Irgendetwas scheint also in diesem Familien- oder Beziehungsleben dem Regiekonzept zu widersprechen und muss ausgeblendet werden. Da liegt auch die Schweinsnuss, trotz des abenteuerlichen Kaloriengehalts, nicht mehr schwer im Magen.
Diskurse unterliegen nun mal unterschiedlichen Regeln und Subjekte sind nichts anderes als Platzhalter dieser Diskurse, wie das jemand einst so treffend formulierte. Dieser meinte auch: "Man weiß, dass man nicht das Recht hat, alles zu sagen, dass man nicht bei jeder Gelegenheit von allem sprechen kann, dass schließlich nicht jeder beliebige über alles beliebige reden kann".

UP!

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