sinn-haft [nr 7]
dinner for cyborgs

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Christina Lammer

Mit Hirn verdauen

Essen ist Reisen – Zunge, Zahn, Schlund, Rachen, Magen-Darm-Trakt, Ausscheidung – und der Trip durch die Eingeweide wird vom Hirn begleitet. Die Internalisierung oder Einverleibung markiert die Grenze die zweifach überschritten wird, einfüllen und ausleeren. Der Ausflug durch den Körper und seine Geschichten führt bis zur kannibalischen Ordnung des matten, nimmersatten Bildschirms.

Wechselwirkungen zwischen imaginärem Heißhunger und medialem Augenschmaus
"Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß". Ein Spruch, dem viele -- gerade beim Essen -- nicht mehr vertrauen. Da wird Kalorien gezählt, der Fettwert berechnet, gemessen und gewogen, um nicht ein Kilo zu viel oder zu wenig auf die Waage zu bringen. Die maßvollen Prozeduren beginnen beim Einkauf, finden in der Zubereitung ihre Fortsetzung und laufen letztendlich auf ein internalisiertes Verdauen mit Hirn hinaus, das sich unserem Bewusstsein entzieht. Die Nahrung wird durch den Körper geschleust, vom Mund in den Schlund, in den Magen-Darm-Trakt, bis zur Aufnahme oder Ausscheidung. Jene dialektische Dynamik der Einverleibung und Veräußerung soll hier in Form einer Reise durch den menschlichen ORGANismus näher beleuchtet werden. "Der Darm ist mit dem Hirn verbunden", so erklärt mein Hausarzt. Der rege Austausch zwischen den ORGANischen Instrumenten und Werkzeugen -- zwischen dem Gehirn und dem Verdauungsapparat -- findet ohne unser bewusstes Zutun statt. Eine unbewusste Ordnung bringt den Magen zum Knurren, bis »die Kröte« geschluckt wird, die das Maß zum Überlaufen bringt. Wir sind, was wir essen: Mahlzeit! Es handelt sich um eine Ordnung, die am Hals oder besser im Schlund ansetzt, mit der Materie/Geist-Trennung übereinstimmt, in die zudem die Subjekt/Objekt-Relationen (Leben/Tod, maskulin/feminin) eingeschrieben sind. Wenn Sie essen müssen, was Ihnen vorgesetzt wird, sind Sie ein "armer Schlucker", dem nur noch zum Schluchzen zu Mute ist. Bis Sie alles runtergeschluckt haben, was Ihnen über die Leber gelaufen ist. Übrigens, die Kröte [vgl. Gerburg Treusch-Dieter: Die Heilige Hochzeit, Studien zur Totenbraut. Pfaffenweiler: Centaurus Verlag, 1997, S. 155 ff] ist halslos.

MUNDart

Im "Durchgang durch die Organe" gilt es laut Julien Offray de la Mettrie (1709-1751) "die Seele zu entwirren", durch die sich das Subjekt des Sehens selbst hervorbringt. Wie ist es nun mit der Verbindung zwischen HIRN und MUND (der Mund wird übrigens Schluesselreiz etymologisch mit der HAND gleichgesetzt) bestellt? Das Denken geht seit dem 19. Jahrhundert mit der "Realisierung eines mit Gedächtnis begabten Apparates" in eins, so André Leroi-Gourhan in "Hand und Wort". Erst die Elektrizität bringt die Existenz eines echten Nervensystems zum Vorschein, das experimentell -- wissenschaftlich -- ausgereizt wird, um dem Denken auf die Spur zu kommen. Uns die Kunst -- als sinnliche Nahrung -- in den MUND zu legen, ist nach Vilém Flusser nur konsequent: "Technik ist theoretisch gestützte, Kunst empirische Praxis. Implizit steckt in dieser Unterscheidung, dass Erlebnismodelle (ästhetische Modelle) nicht theoretisierbar sind und daher die Kunst ihrem Ziel nach empirisch sein muss." [Vilém Flusser: Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 1998 (1990), S. 20] Es handelt sich um eine "Methode der Existenz", durch die wir uns -- an Nahrungsmitteln für die Sinne -- einverleiben, was wir zu brauchen scheinen, um zu sein, was wir denken. Die SinnesORGANE folgen einer Ontologie der Messapparate, die mich vor dem Hintergrund der geschmackvollen und geschmacklosen Visualisierung des Körpers interessiert. Der MUND ist, was den guten Geschmack betrifft, der Reflexion -- dem maßgerechten Auge -- vorgeschaltet. Zwischen Zunge und Gaumen liegt die Kontrolle der Nahrungszufuhr wie des Sprachflusses. Die Geschmacksnerven der Zunge sind mit Teilen des Zwischenhirns verbunden, die Gefühle und Stimmungen beeinträchtigen. Erst einmal auf den Geschmack gekommen, stellen unsere SinnesORGANE die Verbindung zwischen Kopf (Geist) und Körper (Materie) her -- über sie wird die Nahrung vermittelt, die Grenze des Halses mit einem großen Schluck überwunden. Georges Bataille legt in "Das obszöne Werk" eine ähnliche Assoziation nahe: "Das Bild jener weißen Augen ist für mich mit dem von Eiern verbunden." [Georges Bataille: Die Geschichte des Auges. In: Das obszöne Werk. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997 (1967), S. 50] Wenn Bataille in seiner Erzählung von Augen und Eiern spricht, geht es für gewöhnlich auch um die Ausscheidung, um Urin. "Das Herausreißen des Auges war nicht etwa eine freie Erfindung; vielmehr übertrug ich auf eine erfundene Gestalt eine ganz bestimmte Verletzung, die ein lebender Mensch vor meinen Augen davongetragen hatte (im Verlauf des Einzigen tödlichen Unfalls, den ich gesehen habe). … Ich habe niemals die herausgeschälten Hoden eines Stiers gesehen. Ich hatte sie zunächst als von einem kräftigen Rot beschrieben, das dem eines Gliedes gleicht. Damals gehörten die Hoden für mich noch nicht zu der Assoziation Auge und Ei. Mein Freund wies mich auf meinen Irrtum hin. Wir schlugen in einem Lehrbuch der Anatomie nach, wo ich sehen konnte, dass die Hoden von Tieren und Menschen eiförmig sind und Aussehen und Farbe des Augapfels haben." [Bataille 1967]

MutterMUND

Wie die Augen mit den Hoden in eins gehen, wird der MUND mit dem MutterMUND zusammengespannt. Die Geist/Materie-Trennung setzt bei den SinnesORGANEN an, die medial mit der Grenze operieren. Selbst der zahnlose Mund zerkleinert wie sogar das blinde Auge Maß nimmt bevor es aufnimmt. Sich die Grenze als schwarze Trennlinie vorzustellen, die gleichzeitig als Naht zwischen Innen und Außen (zwischen fleischlicher Fülle und der Haut als Hülle) fungiert, wie sie die Wiener AktionistInnen durch Schnitte und Wunden in ihre Körper applizieren, ist eine Möglichkeit, die eigene Subjekthaftigkeit künstlerisch -- empirisch -- zu überschreiten oder zu durchdringen. "Um bis ans Ende der Ekstase zu gehen, wo wir uns im Sinnengenuss verlieren, müssen wir ihm immer die unmittelbare Grenze ziehen: diese Grenze ist der Schrecken. … Wir erreichen die Ekstase nicht, wenn wir nicht -- und sei es nur in der Ferne -- den Tod, die Vernichtung vor uns sehen. … Wenn es nichts gäbe, das uns überschreitet, das um keinen Preis eintreten dürfte, erreichten wir nie den Augenblick, in dem wir von Sinnen sind, den wir mit allen unseren Kräften anstreben und gegen den wir uns zugleich mit allen Kräften wehren." [Georges Bataille: Madame Edwarda. In: Das obszöne Werk. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997 (1956), S. 59] Der wahre Heißhunger entsteht im Kopf, mundet uns als medialer Augenschmaus. Ich widme mich der sinnlichen Einverleibung, die ich mit einer organischen Gier zusammenschalte. So wie der australische Performance- und Aktionskünstler Stelarc die Kamera -- das Licht -- schluckt, um seinen Magen der reinigenden Sichtbarkeit des Wissens zuzuführen, suchen wir das "Organ der Seherkraft" vorab noch im Dunkeln des Leibes.

ORGAN der "Seherkraft"

Platon folgend, befindet sich "im Bauch" der "nach Speise und Trank begierige Teil unserer Seele", den er als das "sterbliche Geschlecht" bezeichnet, das wie ein "wildes Tier" an "eine Art von Krippe für die Ernährung des Körpers" [Platon: Timaios. 32. Kapitel. Ansiedlung des begierigen Teils der Seele im Bauch. Leber und Milz. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1994, S. 76] gefesselt isst. Die Leber fungiert im platon'schen Körperkonzept als Sitz "der Seherkraft"; in ihr sammelt sich "die Kraft der Gedanken, wie in einem Spiegel" [Ebd., S. 77f]. In ihr und durch sie findet sich die »reine, gefilterte Wahrheit«. Die Psychoanalyse definiert das Essen als sexuellen Akt, wobei "der Tastsinn die wesentliche sinnliche Rolle" spielt, "nicht der Geschmack" [Esther Fischer-Homberger: Hunger--Herz--Schmerz--Geschlecht. Brüche und Fugen im Bild von Leib und Seele. Bern: 1997, S. 32]. Freud setzt die Befriedigung der erogenen Zone mit der des Nahrungsbedürfnisses gleich -- wie etwa das Liegen an der Mutterbrust oder das Lutschen am Daumen, das sich sodann zum Kuss entwickelt. Der Transfer vom Geschmacks- zum Tast- und Gesichtssinn scheint in der antiken Bedeutung des Bauches und der darin befindlichen ORGANE angelegt, bietet für die Libido genügend Fleisch und wirkt sich bei genauer Betrachtung identitäts- sowie ideologiestiftend aus (eidos: Bild). "Die Realität der Natur, ihre »Objektivität« und »Materialität«, entsteht erst durch die Trennung … eines Körpers und eines Nicht-Körpers" [Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod. München: Mattches & Seitz Verlag, 1991 (1976), S. 171], so Jean Baudrillards Auslegung in "Der symbolische Tausch und der Tod". Die künstlerische (empirische) Verkörperung der Inkorporation mündet in einen technischen (theoretischen) Kontext der Schöpfung, durch den wir uns selbst herausformen und hervorbringen. Claude Lévi-Strauss bezieht den Begriff der "Art" in seine "Bricolage" (Bastelei) der Denkweisen mit ein, die auf eine "unbewusste Ordnung" zurückzuführen sind: "Art" im biologischen (naturalistischen) Sinne und mit Henri Bergson gedacht, lässt sich auf das künstlerische Gestalten übertragen. KünstlerInnen formen Miniaturen heraus, lehnen sich an die "angeborene Eigentümlichkeit" [vgl. etymologische Herleitung von "Art"] der Natur -- der Anatomie -- an. Diesbezüglich taucht nochmals der Zusammenhang zwischen ars (Kunst) und techne (Technik) auf, in dem sich die Spaltung Kultur/Natur widerspiegelt. Die empirische Praxis des künstlerischen Herstellens kann nicht von den theoretisch gestützten "Techniken des Selbst" [vgl. Michel Foucault: Technologien des Selbst. In: Martin, Luther H., Gutman, Huck, Hutton, Patrick H. (Hg.), Technologien des Selbst, Frankfurt am Main, Fischer Verlag, 1993 (1988), S. 24-62] abgetrennt werden. Die Konstruktionen von Subjektivität, die ich versuche anhand des ORGANischen Fressens und gefressen Werdens zu zeigen, sind als "der sinnlich wahrnehmbare Ausdruck einer objektiven Chiffrierung" [Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. Frankfurt am Main: 1997 (1962), S. 161] in künstlerische Produktionsweisen eingegossen. Bevor der Wissensdurst [vgl. Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 1983 (1976)] gestillt, rinnt die Fleischeslust durch die reinigende Leber, die gefilterte Bilder durchlässt, in denen wir uns -- wie in einem Spiegel -- erkennen. Ein visuelles Verdauungsprozedere, nicht unabhängig von den Gedärmen zu denken, die den Kot nicht nur ausscheiden, sondern zudem in Zaum halten. Die untriebige Seele, die sich im "wilden Tier" des weiblichen Geschlechts -- in der Psyche -- manifestiert, wird durch den Darm gefesselt. Henri Bergson: "Sowie wir dagegen über die Wirklichkeit nachdenken, machen wir aus dem Raum einen Behälter. Da unser Denken daran gewöhnt ist, Teile in einem relativ leeren Raum anzuhäufen, stellt es sich vor, dass die Wirklichkeit, ich weiß nicht welche absolute Leere ausfüllte." [Henri Bergson: Denken und schöpferisches Werden. Hamburg: Eva-Taschenbuch Bd. 50, 1993 (1939), S. 115] Daran würde zudem der Pandora-Mythos Hesiods anschließen, aber auch Freud setzt an ein- und derselben Stelle an, indem er die Frau mit Büchsen, Dosen, Kästchen oder Schachteln gleichsetzt. Das Behältnis für den Abfall geht in diesen Erzählungen mit dem geschlechtlichen Gefäß der Frau in eins, die als flüchtiges NICHTS reinen Gestank -- das Böse -- enthält und entsprechend abgeführt wird. "Freud löst auch den Kot aus seinem Ernährungs-Zusammenhang heraus. In erster Linie betrachtet er ihn als mechanischen Reiz für die erogene anale Zone. Vor allem als Stellvertreter des Penis, als Brustwarze, als ganze Mutter, Kind, Gatte, Besitz, als geschenkfähige Substanz und Machtmittel erscheint er ihm psychologischer Betrachtung würdig." [Fischer-Homberger: S. 32f] Das Reale wird in Form der Exkremente des Ekels und des Grauens den Abfluss hinuntergespült. In dieser Distanz, die wir unserem Gegenüber schuldig sind, spiegeln sich die ideologischen Relationen "zwischen Phantasie und dem Horror des Realen" [Slavoj Zizek: Die Pest der Phantasmen. Wien: Passagen Verlag, 1997, S. 19] wider. Alltägliche Rituale umspülen die Löcher, fließen nach und nach ab, verschwinden spurlos in den Rohren, durch die sie in den Untergrund geleitet werden -- weggeschwemmt, durch Veräußerung getilgt. Das Loch bezeichnet einen Raum nicht nur als Innen und Außen, sondern schließt gegensätzliche Konnotationen der räumlichen Aufteilung mit ein, die für die Konstitution des Subjekts ausschlaggebend sind. "Bereits Lacan wies darauf hin, dass der genaue Ort von Platons Ideen die Oberfläche reiner Erscheinung ist." [Ebd., S. 89] Jene Lücke fungiert gleichzeitig als begehrenswerte Leerstelle, die sich für den Kern unseres Daseins als bestimmend erweist. Wir stopfen sie mit allen Mitteln zu, die wir zur Verfügung haben.

Offene Münder

Die Löcher sind offen, sie locken uns mit sanfter Stimme: "…die Stimme bringt eine Distanz, einen Hohlraum in den Körper." [Roland Barthes: Kritische Essays: Bd III: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 1990 (1964-1972), S. 223] Der Ausdruck, auf den unser Begehren zielt, steckt in den Körperöffnungen, die Eva Wohlgemuth mit ihren Tattoos neu setzt. Lauter kleine Münder aus denen sich der sprachliche Diskurs auf Tastendruck -- taktil -- im 20-Sekunden-Takt entleert: "what I like", "places and countries I have been" oder "numeric data, passwords, registration numbers". Die Künstlerin empfindet ihren Körper "geographisch", mit ihrem digitalen "Bodymapping" setzt sie in die programmierten Koordinaten Punkte des »Körpergefühls« ein, die so genannten "Ich-Knoten". Kein Wort kommt über ihre Lippen, ihre Augenlider bleiben verschlossen. Sie spricht auf Mausklick aus den dunklen Löchern ihrer künstlich hergestellten Markierungen. Der Ausdruck hängt nicht an der dreidimensionalen Statue, sondern in den Hohlräumen, die "evasys" Stimme zurücklässt und mit imaginärer Bedeutung -- mit »Körpergefühl« und Begehren auflädt. Eva Wohlgemuth fängt mit ihren Tattoos die leere Hülle ein, die im digitalen Netz mit der verloren geglaubten Fülle in eins geht. Der Computer schickt uns auf die animierte Reise durch den vermeintlich eigenen Körper, den Eva Wohlgemuth als vielfach verzweigten und gekrümmten Hohlraum -- Tunnel -- vorstellt. Immer tiefer dringe ich in die Struktur dieses räumlichen Innen ein, durchfliege die Falten und engen Schläuche eines simulierten Gebildes. "Denn sobald man sich die Nahrung auf ihrer Wanderung vorstellt, vom Lebensmittel zum Kot, vom Mund (dem, der isst, aber auch dem, der gegessen wird, dem Rüssel, dem Maul) zum Anus, verlagert sich die Metapher und erscheint ein anderes Zentrum: die Höhle, der innere Schlauch, das Eingeweidereptil ist ein riesiger Phallus." [Ebd., S. 226f] Die sexuelle Einverleibung geht ebenso in der algorithmischen Matrix des Computerprogramms auf wie die Ausscheidung, da durch die digitalen (genetischen) »Reinheitsgebote« das Verlangen in der ununterbrochenen Übertragung getilgt wird. Zudem fallen die Subjekt/Objekt-Relationen der durch und durch reinigenden kannibalischen Ordnung zum Opfer, da es sich bei den digitalisierten ORGANEN um bunt changierende Wesen handelt, die permanent im Immergleichen wühlen und ihre eigene Art fressen. Das eigene Sein wird auf Tastendruck verschluckt, sobald die Verbindung aufgenommen ist. Das konkrete Ritual der Einverleibung des für immer verloren geglaubten Dings wird auf Abruf simuliert und wiederholt. Mit der Wiederholung geht eine Umcodierung der Macht einher, die sich mit dem Trieb kurzschließt. Das Begehren und das Verlangen ersticken im Keim der Verfügbarkeit. Wir haben es in den Computernetzwerken mit einer artifiziellen Replikation von Leben und Tod im Lebensfaden des Codes (digital/genetisch) zu tun, die unabhängig vom Körper aus Fleisch und Blut funktioniert. Daten und Zellen sind das neue Subjekt/Objekt des Begehrens und der Wissensprozesse. In ihrer omnipotent unsterblichen Präsenz und Vitalität »online« werden die ORGANE vom virtuellen Raum der Zeichen und des Programms absorbiert. Die technologische Genießbarkeit des Körpers hängt an der Umcodierung des Fleisches in unstoffliche Datensubstanzen, an der substanziellen Verwörtlichung im sprichwörtlichen Sinne. Ein porentiefer Reinigungsprozess, dem sich Personen aus Fleisch und Blut -- gleich einem Testverfahren -- unterziehen, sobald sie in digitale Verbindung treten. Persönliche Daten weichen zu Gunsten des universellen Codes, der sie bis zum letzten Rest absorbiert, vereinnahmt und übersetzt. Wir reisen durch einen künstlichen ORGANismus, der die Einverleibung simuliert und uns artifizielle Nahrung verabreicht, die nur noch mit Hirn -- in unserer Vorstellung -- verdaulich ist. Wir verspeisen, was am digitalen Menüplan des Programms steht. Für die Wissensdurstigen: der stets verfügbare Augenschmaus auf Tastendruck. Sie brauchen eine dicke Haut, um taktil auf den Geschmack zu kommen. Wie verhalten Sie sich zu dem, was Sie essen? Biologischer Anbau auf Programm, das gibt's? Konserviert für die Ewigkeit, so stehen die digitalen Carpaccio-Modelle des menschlichen Körpers als "Visible Human" oder (dreidimensionaler) "Voxel Man" zur Verfügung: vom Mund bis zum Anus einzusehen und artifiziell replizierbar.


Publikationen von Christina Lammer:

Die Puppe. Eine Anatomie des Blicks. Wien: Turia + Kant, 1999.
Puppe.Monster.Tod. Co-Herausgeberin mit Johanna Riegler, Marcella Stecher und Barbara Ossege. Wien: Turia + Kant, 1999.
Schneewittchen - über den Mythos kalter Schönheit. Ein Eiskristallbuch (Hg.). Tübingen: Konkursbuch, 1999.
Berührungslose Verpuppung. In: Manfred Faßler (Hg.). Ohne Spiegel leben. München: Fink Verlag, 2000.

In Planung:
Doing Documentary. Wien: Turia + Kant, (vorauss.) 2001.
Digital Anatomy/Digitale Anatomie (Hg.). Wien: Turia + Kant, (vorauss.) 2001.

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