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Martina Kaller-Dietrich
Aus dem Reich moderner Ernährungsfibeln.
Literarisch-visuelle Ordnungsvisionen
"Möchten Sie vitaler und leistungsfähiger sein, gesund und schlank werden - und dies alles auch dauernd bleiben? Dann brauchen Sie dieses Buch. Denn nichts anderes kann die Wirkungskraft natürlicher Ernährung ersetzen."
So preist der Zahnmediziner J.G. Schnitzer seine mittlerweile berühmt gewordene Rohkost-Diät. Er verspricht, dass schon das Lesen seiner im Eigenverlag erschienenen Schriften zu einer derart tief greifenden Veränderung im Bewusstsein von Menschen führen würde, dass die Wirkungskraft der Rohkost-Ernährung, die als "natürliche Nahrungsform" für Menschen geschildert wird, schon bei der Lektüre beginnen würde. Im ersten Kapitel der Rohkost-Fibel geht es entsprechend auch um die Wirkungen der Schnitzer-Diät: Eine tief greifende Erneuerung und konstitutionelle Gesundung des gesamten Organismus' durch Schnitzer-Kost wird in Aussicht gestellt. Es gibt praktisch kein Leiden von Nervosität über Rheuma zu Übergewicht und Zahnfehlstellungen, auf das die Schnitzer-Kost nicht kurierend wirken würde. Die Einführung zur Schnitzer-Kost ist gespickt mit Aussagen, die dem Schnitzer-Report "Gesund und vital durch Schnitzer-Kost - 4702 Personen berichten über ihre Erfolge" entnommen wurden. Die ausgewählten Aussagen sind ausnahmslos positiv bis euphorisch und gipfeln in dem angeblich mehrfach in Zuschriften geäußerten Zitat: "Wir kennen keine Krankheiten mehr." Die Probanten der Schnitzer-Kost haben bewiesen, dass sie damit vital, leistungsfähig, gesund und schlank geworden sind und sprechen offensichtlich auch gerne über ihre Erfolge.
Die Erläuterungen, Erklärungen und Beschreibungen der segensreichen Heilslehre, die in der vorliegenden Schrift angeführt werden, dienen einerseits der Abgrenzung gegenüber den siechen Mitmenschen und andererseits müssen sie, wie dies bei sämtlichen abendländischen religiösen Heilslehren gefordert ist, per Mundpropaganda weitergetragen werden. In diesem Sinne empfiehlt der Rohkost-Papst Schnitzer unter dem Stichwort "Ausnahmen bei besonderen Anlässen": "Es ist sogar möglich, dass man in leicht hänselnder Weise darauf angesprochen wird, weil man Dinge isst, die man sonst meidet. Solchen Leuten kann man ruhig sagen, dass man die falschen Dinge besser verkraftet als sie; denn sie essen sie dauernd und bekommen davon ihre Gesundheitsschäden, während man selbst ja zu Hause regelmäßig Schnitzer-Kost isst. Nicht selten ist so ein Gespräch der erste Anlass für andere, dass sie sich ebenfalls für diese gesündestmögliche Ernährungsweise zu interessieren beginnen."
An diesem Beispiel aus dem Reich der modernen Ernährungsfibeln wird deutlich, worauf es ankommt: Man muss über die Ernährung sprechen können. Um die richtige Ernährungsweise ausfindig zu machen, braucht der Mensch zunächst ein Buch. Beim Lesen soll er überzeugt werden, dass er seine Gesundung und damit auch seine seelische Läuterung mit Hilfe von Experten und unter strikter Befolgung ihrer Anweisungen erreichen wird können. Verlassen muss sich das "Selbst" auf den Rat des Experten, und der wendet sich ja mittels Buch, das sogar verspricht, "die Wirkungskraft natürlicher Ernährung zu ersetzen" an die LeserInnen. Gesunde Ernährung stellt sich in dieser Form eindeutig als Privileg der Kaste der literaten Menschen dar. Ernährung ohne die alphabetisierte Sprache wäre undenkbar.
Am Beispiel von Modediäten wie jener von Schnitzer, lässt sich zeigen, dass Ernährung über die man sprechen kann auch eine Sache der visuellen Erfahrung ist. Neben die literarische tritt die visuelle Dominanz, wenn es um moderne Ernährungsgewohnheiten oder die Propaganda für - welchen Zwecken auch immer - dienliche Ernährung geht. Im zweiten Teil der Schnitzer-Fibel dominieren auf der attraktiven rechten Seite des Buches die farbenprächtigen Bilder. Die vierzehntägige Kur nach Schnitzer wird mit 14 mal drei Photos dokumentiert, auf denen die verschiedenen Salate und Getreidespeisen, auf immer neuen Tellern, Tassen und Schüsseln angerichtet, höchst appetitlich dargestellt werden. Es bedarf vermutlich erheblicher Anstrengungen des Arrangeurs, wenn er etwa Pellkartoffeln mit Butterflocken als kulinarisches Ereignis im Kerzenschein zu vermitteln vermag.
Kulinarische Ordnungen
Ein wesentliches Merkmal, das die Schnitzer-Kost mit den meisten gängigen Diäten teilt, welche die Übergewichtigkeit der Menschen in den Industrieländern zu bekämpfen angetreten sind, ist, dass sie von einer Dauerverfügbarkeit sämtlicher als gesund angepriesenen Nahrungsmittel ausgeht. Auf dem Umschlagphoto finden sich Mandarinen, Kirschen, Weintrauben, Erdbeeren, Birnen und Bananen neben Kraut, Radieschen, Karotten, Tomaten und Paprika abgebildet: Das gesamte Sortiment aus dem Supermarkt liegt gleichzeitig bereit. Obwohl im Text betont wird, dass Lebensmittel aus dem ökologischen Landbau der Vorzug zu geben sei, vermittelt das Umschlagphoto, wie frische und natürliche Zutaten aussehen müssen. Allerdings gleichen sie weder in ihrer "entrhythmisierten" Anordnung noch ihrem Aussehen ökologischen Lebensmitteln. In den Rezepten wird auch nicht auf Importware aus Übersee verzichtet, wenngleich sich die Banane auf dem Umschlagbild etwas undeutlich in die Ecke drängt. Die Bilder, die Appetit auf Schnitzer-Kost machen sollen, rechnen offensichtlich mit Betrachtern, die bereit sind, die grundsätzlichen Widersprüche des modernen Ernährungssystems zu ignorieren. Vermutlich ist ihnen eine eigene Anschauung von der jahreszeitlichen Fruchtfolge aus Feld und Garten nicht (mehr) zugänglich. Ihre Bilder von der Welt, die sie sich täglich einverleiben, stammen aus Druckmedien und vom Bildschirm. Beim Anblick eines fürs Auge getroffenen Arrangements läuft den BetrachterInnen solcher Bilder, wie sie in Schnitzers Rohkost-Fibel arrangiert sind, wohl das Wasser im Mund zusammen. Der Acker, auf dem die Früchte wachsen, lässt sie vermutlich unberührt.
"Als Hauptnahrungsmittel gilt immer ein Getreide (Roggen, Weizen, Gerste, Hafer), das er über Nacht, einen ‚Mondprozess' nachvollziehend, einweichen lässt. Am nächsten Morgen werden die Körner ganz langsam gekocht, um den Reifevorgang des ‚Sonnenprozesses' weiter zu steigern. Mit dieser ‚Sonne' und diesem ‚Mond' gehen dann die den verschiedenen Planeten angehörigen Gemüse in ‚Konjunktion'. Am Sonntag wird ein weißes Sonnengemüse hergerichtet; am Montag ein purpurnes oder lilafarbenes Mondgemüse, am Dienstag ein rotes für den Mars, am Mittwoch ein buntes Merkurgemisch, am Donnerstag ein gelbes Jupitergemüse; am Freitag werden grüne Venusblätter genommen und am Samstag schließlich wird ein dunkles, blaues Gemüse mit dem Getreide kombiniert. Hermes, der immer auf einem Holzfeuer kocht, ist sicher, dass Gasflammen und vor allem elektrische Hitze (. . .) eine schlechtere Qualität von Wärme darstellen. Auch das Ofenholz wird bewusst nach seiner planetarischen Zugehörigkeit ausgewählt. Tannen- und Buchenholz geben eine heiße Saturnwärme; Ahorn und Eiche geben Jupiter- und Marshitze; Esche ist Sonnenholz; Ulme ist Merkurholz, und Kirsch, Weide und Pappel liefern eine kühlere Mondwärme. Indem man den entsprechenden Tagen diese verschiedenen Holzarten zum Kochen nimmt, kann man in gesteigertem Maß die Qualitätsunterschiede der einzelnen Wochentage miterleben."
Storl, Wolf-Dieter 1992: Der Garten als Mikrokosmos. Biologische Naturgeheimnisse als Weg zur besseren Ernte; München, S. 353.
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Eine andere Darstellungsweise und damit einen weiteren Zugang zum Thema Essen wählt der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl, wenn er die Regeln, die der Bauer Arthur Hermes beim "planetarischen" Kochen befolgt, beschreibt. Er verweist auf die Sprache der Entsprechungen und der Ebenbürtigkeit in dieser Welt und zitiert Arthur Hermes, der biodynamisch Gemüsebau betreibt. Hermes geht von den Korrespondenzen zwischen dem Makrokosmos - einer hermetischen, planetaren Ordnung - und dem Mikrokosmos, der Spiegelung dieser Ordnung im Kleinen aus, so etwa im menschlichen Körper. Storl beschreibt diese Korrespondenz als eine Art alchemistische Anleitung zu einer möglichen Lebensführung im Sinne der hermetischen Ordnung (siehe Zitat nebenan).
Arthur Hermes befolgt ein ein fixes Ordnungssystem beim Zubereiten der Speisen. Diese Kriterien entsprechen nicht dem rationalen Ordnungssystem neuzeitlich-naturwissenschaftlicher Prägung. Die Sinne und Erfahrungen derer, die kochen, was wo wann und warum dazugehört oder vermieden wird, folgen dieser planetaren Ordnung. Ob die Farbe der Gemüsesorten oder die Holzart, die für das Feuer gewählt wird, auf dem die Speisen garen, es geht nicht um Vitalität, Gesundheit oder Leistungsfähigkeit, sondern um konzeptuelle Vorgaben, wenn der Planetenstand bei der Auswahl der Zutaten und des Feuers Berücksichtigung findet. Arthur Hermes geht davon aus, dass das Kochen die erste Stufe der Verwandlung makrokosmischer Substanzen in mikrokosmische Energien ist. Hernach werden die mittels Feuer und Wasser aufgeschlossenen Stoffe nach und nach empfänglicher für mikrokosmische, seelische Einflüsse. Anders ausgedrückt liegt die Quintessenz der Zubereitung von Essen in der Art wie, durch wessen Hände und für wen dies geschieht. Das "Wie" beim Bereiten der Speisen folgt nicht den Buchstaben in Büchern oder den Bildern am Schirm, sondern den Analogien der Anschauung, die im wahrsten Sinne der Worte eine Welt-Anschauung ist. Die Entsprechungen (Korrespondenzen und Sympathien) zwischen dem Firmament und der Erde finden sich in der Ordnung am Teller wieder. Diese Ordnung beschreibt den jahreszeitlichen Sonnenrhythmus, den monatlichen Mondrhythmus, den Tag-Nacht-Rhythmus und die alchemistischen Analogien der sieben Wochentage mit den sichtbaren Planeten im Sonnensystem. Diese Kochanweisung wartet mit Erklärungen und Beschreibungen über physische und seelische Zustände auf.
Leistung gegen Kosmos
Im Vergleich dazu verweist die Schnitzer-Kost die LeserInnen mit Versprechungen auf deren eigenes leistungsförderndes oder leistungshemmendes Verhalten. Und dennoch gehören die Ratgeber in dasselbe Genre, in dem unterschiedliche Setzungen, Voraussetzungen und Ordnungsvisionen in Konkurrenz geraten: Es wird versucht, mittels Sprache und im Falle der Schnitzer-Kur zusätzlich mit Hilfe von Bildern, grundsätzliche Botschaften an die LeserInnen zu bringen. Der Unterschied in Sprache und Zugang variiert letztlich geringfügig, wenngleich auf den ersten Blick betrachtet, Schnitzers Lektüre eindeutig zur Kategorie populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur zählt und das Buch von Storl sich als Art Studie über Erfahrungen mit dem alchemistischen Verständnis für die Hortikultur anbietet. Beiden Arbeiten eignet allerdings jener aufklärerische Impetus, der angeblich den Weg zum persönlichen Heil beschreibt oder zumindest das Glück begleitet: Arthur Hermes kocht mit einem ausgeklügelten Wissen über das System des Kosmos', das in seinem Fall Anleihe an der alchemistischen Signaturlehre nimmt und vermittelt esoterische Vorstellungen über das individuell herbeiführbare Heil. Schnitzer lässt die menschliche Zugehörigkeit zum Kosmos links liegen. Schnitzer pocht auf einen individuell erreichbaren Zustand von Gesundheit, Vitalität und Leistungsfähigkeit, als handle es sich beim menschlichen Leib um eine Maschine, die ohne Bewusstsein über ihr Entstehen und ihr Verfallen, ihren Stoffwechsel, und unabhängig von anderen Wesen mehr oder weniger gut funktioniert.
Beiläufig geht Schnitzer auch davon aus, dass es irgendeine unsichtbare "moderne Hausfrau" gäbe, die überzeugt und gewillt sei, täglich drei Mal Gemüse und Früchte zu schälen, zu putzen, zu zerkleinern und wie auf den anmutigen Bildern vorgeführt, anzurichten. Der Autor des 186-Seiten-Schmökers über die Rohkosternährung erwähnt einmal in Text und Fußnote eine seiner früheren Schriften: "Wie wirtschaftet die moderne Hausfrau? Das Kursbuch der gesunden Ernährung." Dass diese Hausfrau in erster Linie für ihren Mann und ihre leiblichen Kinder kocht und der Gesundheit ihrer Familie vermutlich ihre dringende Sorge gilt, wird impliziert. Im Abschnitt über Schwangerschaft und Geburt zitiert Schnitzer Stellungnahmen von Müttern, die von leichteren Geburten, längeren Stillzeiten und ihrer eigenen Leistungsfähigkeit schwärmen: "Die letzten beiden Geburten verliefen rascher, die Schwangerschaften beschwerdelos" - bemerkt eine Mutter und Hausfrau nach Schnitzers Maß - "auch konnte ich trotz großem Haus und Garten fünf Monate voll stillen." Der männlichen "Kunst-Mutter", die an ihre physischen Grenzen gelangt ist, wird also in Aussicht gestellt, dennoch grenzenlos zu funktionieren.
Christina von Braun geht davon aus, dass die Kulturleistung des Patriarchats nicht in der Befreiung aus dem Reich der Mutter, sondern in der Fixierung des Sexualinteresses auf die Mutter bestünde.
Braun, Christina von: Nicht ich. Logik, Lüge, Libido; Frankfurt am Main 1985 |
Über Arthur Hermes lesen wir, dass er mit Frau und Sohn einen kleinen Hof in der Schweiz bewirtschaftet und bereits "mit dem Kuhgeruch in der Nase zur Welt gekommen ist." Welches Familienmitglied nun tatsächlich das tägliche Essen bereitet, geht aus Storls Beschreibung nicht hervor. Nur das Prinzip von Arthur Hermes kommt zur Sprache, "dass jede Arbeit mit vollem Bewusstsein getan werden soll" , weil sich das Bewusstsein in die Materie einprägt und sich darin wieder die "guten" und die "bösen" Elementargeister finden. "Da der Mensch Vermittler der guten Kräfte sein soll, sollte er darauf achten, was er wie tut," zitiert Storl den Grundsatz des betagten Bauern. Nur, wer eigentlich tut, wird nicht gesagt.
Schnitzer kokettiert mit einem Begriff von Leben, das schmerz-, leid- und todlos ist. Arthur Hermes sieht sich persönlich nicht in der Lage, "das Leben" zu verlängern oder leidlos zu gestalten. Storl berichtet, dass Hermes sich zwar in Gedanken an den "Menschenbruder, der von sich sagt: ‚Ich bin das Leben' wendet, aber nicht daran denkt, dessen Stelle einzunehmen. Beim Kochen und Essen "spricht" er wie bei sämtlichen anderen Tätigkeiten im Alltag mit den Elementarwesen, die wie er, zur Welt gehören, ohne allerdings von der menschlichen Sprache abhängig zu sein. Mit bloßem Gedanken kann er sein weidendes Vieh in den Stall zurück rufen. Die Käfer, Maulwürfe und Ameisen bezeichnet er als "unsere kleinen Mitarbeiter". Die Welt des Arthur Hermes ist von unsichtbaren Wesen bewohnt und beseelt. Folglich müssen auch all die Elementarwesen berücksichtigt werden, wenn Lebensmittel angebaut, gezogen, geerntet, verkocht und gegessen werden. Die Sprache, mit der sich Arthur Hermes' Zugang zu einer Welt verschafft, die er zubereitet und sich einverleibt, würde spätestens an der Stelle, wo die Elementarwesen "auftreten" und deren "Worte" übersetzt werden müssten, mit den Konventionen einer akzeptablen Begrifflichkeit brechen. Als Märchen und Schwärmereien würde wohl die Pseudosprache die Vorstellungen von Zugehörigkeit, die Arthur Hermes auf seinem Teller versinnbildlicht und in seinen Körper aufnimmt, disqualifizieren.
Wie sehr der Dialog mit den per Menschensprache Unerreichbaren aber gerade mit dem Essen selbst zusammenhängen könnte, beschreibt der Vermittler Storl zwischen Arthur Hermes und mir, der Leserin, nicht.
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