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Christine Jarma
SWEETS FOR MY SWEET
SUGAR FOR MY HONEY
Was wäre die Liebe ohne Zucker, ohne Kosewörter, die von süßer Innigkeit zeugen, wie einem romantischen "Zuckermaus", "Süßer" oder "Zuckerpuppe"? Im richtigen Moment können diese Wörter Herzen schmelzen lassen, glauben Sie mir. Und nicht nur die Liebe versüßt der Rohstoff - "ohne Zucker wär' das Leben nur halb so süß", verspricht uns die Werbung. Aber was wäre wenn . . . wir nie zu Zucker gekommen wären, nie erfahren hätten, wann man's zerbeißen darf (das Zuckerl) und, dass Pausen die Farbe lila haben können. Ohne das richtige Datum kann euch auch die Zeitmaschine nicht helfen, nach dem Stoff zu forschen, der die Welt verändert hat. Deshalb - für euch - eine kurze Geschichte über den Zucker.
Nimm2
"Wenn Sie nichts auf der Welt so sehr lieben wie Ihr Kind, und Ihr Kind nichts auf der Welt so sehr liebt wie Süßes, dann," meint Elfriede Hammerl, "haben Sie ein verdammt asoziales Balg herangezogen". (Elfriede Hammerl, Mehr Selbstbewusstsein. Mehr Brüderlichkeit, in: Profil, 31/3, 2000)
Nimm2, die zuckerlgewordene Aufforderung, die Vitaminoffenbarung, unterstützt unsere Kinder also bei einer ausgewogenen Ernährung, die sie gerade in der Wachstumsphase brauchen. Die "Kombination von wertvollen Vitaminen" ist das zentrale Thema der Rückseite, und genaue Mengenangaben in Milligramm werden von der ominösen Autorität, Herrn Dr.rer.nat. Dipl.-Ing. E.Kirchhoff regelmäßig überwacht. Das beruhigt. Wir kaufen hier nicht nur bunte Zuckerl, sondern Verantwortung und vor allem Liebe. Der lachende Vater und das Kind auf der Packung verraten uns das süße Geheimnis ihres Glücks: Multivitamin-Bonbons, so klebrig wie ihre Familienzusammengehörigkeit, machen Harmonie greifbar. Also nimm, und Nimm2, damit`s auch sicher wirkt. Die Farben Orangerot und Gelb, die die gehetzten Einkäufer aus dem Regal warm anleuchten, verkünden uns ihre Botschaft als Tröster und Aufputscher in mageren Stunden. Liebesersatz für zwischendurch.
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Das Bekanntwerden des Zuckers (persisch: säkar, arabisch: sukker) in Europa lässt sich auf die Kreuzzüge zurückführen. Rohrzucker, vorwiegend aus Nordafrika, speziell Ägypten, per Schiff importiert, fand seine Verwendung in den Haushalten der Reichen in erster Linie als Gewürz für Fleisch-, Fisch-, Gemüse- und andere Gerichte und als Medizin. Seine erste schriftliche Erwähnung findet sich Mitte des 12. Jahrhunderts - in sehr geringer Menge - in den Rechnungsbüchern Heinrichs II von England.
Der Gebrauch von Zucker als Heilmittel wurde von der islamischen Kultur übernommen. Er wird in der zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert in arabischer Schrift verfassten Fachliteratur als einer der wichtigsten Grundstoffe für die Bereitung von Arzneimitteln genannt. In Europa soll Zucker in der reichen Gesellschaftsschicht ab dem 12. Jahrhundert als Heilmittel gegen Fieber, Reizhusten, Schmerzen in der Brust, aufgesprungene Lippen und Magenerkrankungen helfen, später sogar die Pest heilen.
Neben seinem Gebrauch zum Konservieren von Obst, als Nahrungsmittel und Dekor fungierte Zucker vor allem als Symbolträger des Luxus. Auf Festen wurde mit "subtleties" - modellierten Tieren, Gebrauchsgegenständen und Bauwerken aus marzipanähnlicher Masse geprunkt.
Vor allem die englischen Könige waren wegen ihrer Gier nach Zucker bekannt - England ist auch das erste Land, in dem Zucker zum Massenkonsum wurde. Um 1900 deckte er etwa ein Fünftel des Kalorienverbrauchs der Engländer. Im 17. Jahrhundert jedoch genossen noch ausschließlich die Mächtigen und Reichen Zucker mit Tee, Kaffee und Kakao, aber auch in Form von Konfektschalen, Bonbonnieren, kandierten Früchten und Dragees.
War Zucker für die einen süß, so für andere umso bitterer.
Den ersten Zuckerboom in Europa machte der transatlantische Dreieckshandel nach 1500 möglich: Europäer kauften in Afrika Sklaven und verschleppten Millionen Afrikaner über den Atlantik, um sie dort für den Stoff arbeiten zu lassen, nach dem das reiche Europa verlangte. Zucker war der erste cash crop (für den Verkauf produzierte Pflanze) und der Impulsgeber für den Trans-Atlantik-Handel mit Menschen und Lebensmitteln.
"Blutzucker" nannten die Sklavengegner im 18. Jahrhundert das Produkt, dem durchschnittlich ein Sklave pro Tonne sein Leben opferte. Santo Domingo (Dominikanische Republik) wurde zu der größten Zuckerproduktionsstätte, auf der noch heute Haitianer um einen Hungerlohn arbeiten. Der Anbau des einerseits so süßen Stoffes zerstörte andererseits den Lebensraum der Menschen - Raffinierabfälle vergifteten Flüsse, die Monokultur laugte den Boden aus, bewirkte eine Abholzung der Wälder und verdrängte Obst- und Gemüsekulturen.
Granini
Hier lacht uns ein reicher und exotischer Obstkorb an, "eine lecker-fruchtige Füllung" holt das Beste aus den auserlesenen Früchten heraus: den Geschmack und 10 (wiederum) wertvolle Vitamine, deren Unterstützung bei unserem täglichen Leben (Stoffwechsel, Haut und Haare, Wachstum, Bildung roter Blutkörperchen, . . .) angeführt sind. Wir brauchen uns nur um die Zuckerl zu kümmern, den Rest (Verdauung, Eiweißstoffwechsel, Kohlehydratstoffwechsel) arrangieren die Zuckerln für uns.
Den Geschmack zu beschreiben, fällt schwer - süß, exotisch. Aber stop - mit der Differenzierung des geschmacklichen Einheitsbreis soll der Konsument gar nicht belastet werden - er steht vielmehr für die Addition der Früchte der ganzen Welt, für die alle Länder miteinander verbindende Frucht-Ur-Essenz. Hier vollzieht sich, so Dr. Wolfgang Pauser, die Entwicklung von körperlicher zu geistiger Nahrung. Die kleine "Arche Noah" der Früchte wird mit den Augen getrunken. Die Kulturgeschichte der Menschheit avanciert zum Werbeträger. Während die Ananas und die Orange das Dunkel der Kolonialgeschichte symbolisieren, erhebt sich "wie die Morgenröte das Ordnung schaffende Licht der Aufklärung" der westlichen Welt über das "irdische Chaos". Das Isolieren der Vitamine macht die Früchte nur mehr zu ihrem Repräsentanten. Die Entwicklung vollzieht sich vom Baum als Träger der Früchte zur Frucht als Träger der Vitamine bis hin zum Zuckerl als Träger. Die Naturwissenschaft hat Spuren in unseren Nahrungsmitteln hinterlassen. Das Wissen um Zusatzstoffe und Umweltgifte verdanken wir nun denselben, die sie ermöglichten, meint Dr. Pauser. Dem unmerklichen Gift, das sich wie ein Schatten des Bösen über unsere Nahrungsmittel legt, steht nun aber das unsichtbare Gute, die Vitamine entgegen - "eine Jubelversion der Zusatzstoffe, ein ins Positive gewendetes Gift".
(Wolfgang Pauser, Dr. Pausers Werbebewusstsein. Texte zur Ästhetik des Konsums, Wien 1995)
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Als Ende des 18. Jahrhunderts blutige Sklavenaufstände Schlagzeilen in Europa machten, suchte der Deutsche Frank Carl Achard nach einer Alternative zum Zuckerrohr und eröffnete 1802 die erste Rüben verarbeitende Zuckerfabrik. Der neue Industriezweig wurde durch die Kontinentalsperre Napoleons, die Handelsblockade der britischen Inseln, begünstigt.
Die Preise für Zucker fielen nach der Aufhebung der Sperre ins Bodenlose, und so wird der süße Stoff im 19. Jahrhunderts auch für die Unterschicht zugänglich. Mit dem Ausdehnen des Genusses auf alle Schichten der Gesellschaft und dem Bedeutungsverlust des Zuckers als Prestigeobjekt verlieren die Reichen ihr Interesse daran. Dafür gewinnt er für die Arbeiterschicht immer größere Bedeutung als Kalorienträger. Der gesüßte Tee und Brot mit Marmelade verdrängen im England des 19. Jahrhunderts die regionale Alltagskost der Proletarier - Milch, selbst gebrautes Bier, Brei und Butterbrot.
Die soziale Bedeutung des Zuckers ist jedoch nicht von seinem exotischen Ursprung und dem Gebrauch als Heilmittel und Luxusprodukt am Beginn seiner Innovationsgeschichte zu trennen. Weil die höfische Gesellschaft den Gebrauch des Zuckers so hoch stilisierte, machte sie ihn so begehrt für Bürger und Bauern.
Wie Peter Rosegger berichtet, mochte man sich um die Mitte des 19. Jahrhundert eine Weihnachtsmahlzeit ohne Zucker nicht vorstellen. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde Zucker zum wichtigsten Exportartikel der K. u. K.-Monarchie - der Inlandsverbrauch verfünffachte sich bis zum Vorabend des ersten Weltkriegs. Als hochwertiger Kalorienträger hat Zucker geholfen, Hungersnöte in Europa zu überwinden. So lieferte er in der Zwischenkriegszeit die weitaus billigsten Kalorien: 1925 kosteten 1000 Kalorien bei Zucker 0,23 öS, bei Mehl 0,30 öS, bei Fleisch 1,44 öS, bei Eiern 2,09 öS und bei Schokolade 2,78 öS.
Heute noch ist er ein billiger Energieträger (1000 Kalorien kosten 4 öS), allerdings zum Nachteil der Gesundheit der Konsumenten, die sich angesichts eines Verbrauchs von bis zu sechs Kilo pro Kopf (in verschiedenster Form) im Monat in den U.S.A. oft mit einer Gewichtszunahme konfrontiert sehen. Weitere Nebenwirkungen des Genusses sind Karies und Diabetes. Da Zucker reiner Energieträger ist und keine Vitamine, Spurenelemente und Ballaststoffe besitzt, macht er zwar satt, versorgt den Körper aber nicht mit den notwendigen Nährstoffen. Es kann also zu Mangelerscheinungen kommen.
Trotzdem ist Zucker aus unserer modernen Warengesellschaft, deren Ideal die ständige Verfügbarkeit ist - in diesem Fall über Essen - Essen beim Auto fahren, Fernsehen, Kino, Freibad, Kaffeepause usw. - nicht mehr wegzudenken.
Um den Anforderungen der heutigen Gesellschaft nachzukommen, wird der Zucker, in seiner Idealform als handliches und sauber einzeln verpacktes Bonbon, mit wertvollen Stoffen angereichert, und der vordergründig ungesunde Kalorienträger vollzieht eine Metamorphose zum multivitaminreichen Energiespender. Nimm2 und Granini versprechen, den Tagesbedarf an den Vitaminen Biotin, B1, B2, B6, B12, C, E und Folsäure, Niacin und Pantothenat bei einem Konsum von 30 g, das wären ca. 4 - 6 Zuckerl, zu decken. Eigentlich ein Schlaraffenland. Oder nicht?
Literatur:
Sidney W. Mintz, Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers, Frankfurt am Main/New York 1987
Roman Sandgruber, Bittersüße Genüsse. Kulturgeschichte der Genussmittel, Wien/Köln/Graz/Böhlau 1986
Ekkehard Launer, Zum Beispiel Zucker, Göttingen 1989
Jean Pütz u. Christine Niklas, Süßigkeiten mit und ohne Zucker, Köln 1990
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