Editorial:
Essen offenbart
Befindlichkeiten. Private und gesellschaftliche. Soviel ist klar
geworden. Im Umgang mit Nahrung zeigen sich grobe Verschiebungen
in den symbolischen und sozialen Ordnungen: Analog zum Übergang
von der Disziplinarmacht zur Kontrollmacht, wie sie Gilles Deleuze
und Michel Foucault beschrieben haben, lässt sich dieser Wechsel
auch in der vermeintlich profanen Nahrungsaufnahme entdecken.
Die Zeit der institutionellen Züchtigung ist der des Freien UnternehmerInnentums
gewichen: keine Pflichtschule -lebenslängliche Weiterbildung,
keine Fabrik - Dienstleistung, kein familiärer Sonntagstisch -
fast food bei gleichzeitiger Mannequinisierung des Körpers. Seine
Privatisierung und gleichzeitige mediale Veröffentlichung führen
zu empfindlichen Umstrukturierungen. Der Körper wird nunmehr in
Eigenverantwortung auf den verschiedenen Märkten feil geboten;
allen voran auf dem Arbeitsmarkt und dem Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Das Wissen um die Bestandteile der Lebensmittel lässt im selfmade
model den Wunsch vom individuell zusammenstellbaren, medikamentösen
Mahl wahr werden. Unsichtbare Teile können nach Belieben hinzugefügt
und entfernt werden. Ohne Fett, mit Kalzium, biologisch, gesund.
Die Zeit der Unmündigkeit ist endgültig vorbei. Nun wird in den
Mund gesteckt was in den selbst entworfenen Fitnessplan passt.
Das Essen führt zur bewussten Selbsttherapierung, der Körper weist
als der Patient des Geistes unweigerlich Mängel auf. Wenn nicht,
wird präventiv hygienisiert und vitaminisiert.
Es geht also wiederum
ums Ganze und gleichzeitig um die Wurst: Um des Gegenstands habhaft
zu werden, wurden verschiedene Methoden der Annäherung (Pirsch)
versucht.
Der erste Artikelblock experimentiert mir größeren (historischen)
Entwürfen und spannt damit Bögen von traditionellen über modernen
zu nachmodernen Konzepten von Körpern und Essen. In einem zweiten
Schritt werden unterschiedliche Arten des Sprechens über Ernährung
(Philosophie, [Populär]Wissenschaft, TV und Radio) auf die ihnen
inhärenten Ordnungsmerkmale untersucht. Die Untersuchungen des
dritten Teils suchen die Cyborg im Sinne einer Daseinsweise, die
nicht mehr dem Mythos des Ursprünglichen nachhängt sondern ihre
Anschlüsse überall reinsteckt. Sie finden sie in Ernährungstechniken
(Diäten), Essstörungen und in geschlechtsspezifisch unterschiedlichen
Arten der Küchennutzung. In einem vorletzten Teil wird Nahrung
als Ausgangspunkt genommen für Überlegungen zur Konstruktion von
Kultur und Nation. Zu guter letzt finden sich die Grundnahrungsmittel
Salz und Zucker unter der historischen Lupe wieder und schlagen
dabei trotz ihrer/gerade wegen ihrer offensichtlichen Materialität
als fragmentarische GeBilde zu Heft.
(Bemerkung: Das Editorial bezieht sich auf die Anordnung der Texte in der gedruckten Sinn-haft; die werten UserInnen werden ersucht, sich im Hypertextkörper selbsttätig auf erwähnte Spuren zu heften.)
<head>prost!</head>
<body>mahlzeit!</body>
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