sinn-haft [nr 7]
dinner for cyborgs

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Drei Randtexte

Topographie und Baupläne des Mythos vom Maschinenmenschen
Er entsteht am Überschneidungspunkt von technologischem Fortschritt und der christlich-jüdisch-platonischen Lehre vom Dualismus von Leib und Seele. Der Leib (in der Cyberpunk-Literatur auch respektlos "meat" genannt) wird innerhalb dieses diskursiven Kontinuums als eine niedere, materielle Sphäre des Daseins betrachtet, in dessen Dunstkreis auch Frauen und Maschinen ihre Existenz fristen. Erstrebenswert hingegen erscheint den Demiurgen eine Bewegung in Richtung Vergeistigung und Vergöttlichung. Das Verschwinden des Körpers kann von hier aus in zwei Richtungen passieren: einmal in Richtung Transzendenz des Organischen (Askese oder ihre neuere Variante: die Magersucht) oder in Richtung des Cyborg, der Erweiterung des Organischen durch Technik, was in letzter Konsequenz der Vermischung von Mensch und Maschine gleichkommt. Die hier entstehenden Unreinheiten, die einige Grundkategorien der symbolischen Ordnung (Natur/Technologie, Mann/Frau, Körper/Seele) als nicht mehr unterscheidbar erscheinen lassen, sind in einer christlich-jüdischen Tradition unbedingt als minderwertig anzusehen. Umso interessanter ist es, dass in der Literatur diese Hybriden nicht nur als Monster und Unheilsboten, sondern auch als sensible Kreaturen, wenn nicht sogar als Heilsgestalten und moralisch den Menschen überlegene Figuren, auftauchen. Der eigentlich "männliche" Mythos der Selbstzeugung in der Maschine (samt seiner militaristischen, panzernden Rhetoriken) enthält immer schon (wenn auch bisweilen kaum hörbare) empfindsame Nebengeräusche und die Verheißung, den Zwängen der "Natur" zu entfliehen, wie Donna Haraway in ihrem berühmten Cyborg-Manifest herausgefiltert hat.
Der Mythos enthält (wie wir seit Freud wissen) eine unbewusste, bildhafte Reflexion der Begriffe und Kategorien, die ihn einst schufen. In Jeff Noons mythenschwangeren Romanen (der erste erschien in England 1993) existieren bereits vier bewusstseinsbegabte Lebensformen, die die Verschiebungen, die ich oben angedeutet habe emblematisieren: Hunde, Menschen, Vurts (Wesen aus dem Vurt = virtuellen Parallelwelten) und Robos, sowie diverse Mischformen toben durch seine Geschichten und stellen nur eines nicht in Frage: die Geschlechtsidentitäten, die so klassisch gezeichnet sind, wie in einem beliebigen Heimatroman.

Literatur:
Jeff Noon: Gelb, München 1997.
Ders.: Pollen, Münschen 1998.
Ders.: Alice im Automatenland, München 1999.



Menschen sind Maschinen der Engel (Jean Paul 1785)
Die romantische Faszination am Automaten kann vor der Folie einer damals erstmals spürbaren Durchrationalisierung der Lebenswelt gelesen werden. - Der Mensch als "Seelenwesen" (und in seiner höchsten Ausprägung als Künstler) wird dabei meist als Antiautomat, aber nie gänzlich oppositionell zu diesem gedacht. Die Maschine, das ist die ewige Wiederkehr des Gleichen, während der Mensch als frei wählendes, nicht komplett berechenbares Subjekt gedacht wird. Puppe und Maschinenmann haben aber noch andere Bedeutungen: Als unheimliche, diabolische Figuren stehen sie bei E.T.A. Hoffmann und Jean Paul als Doppelgängerfiguren für die grundsätzliche Fremdbestimmtheit des Menschen. Das Gedankenexperiment Jean Pauls ist folgendes: Was, wenn die Erde gar nicht der durch göttliche Bestimmung zugedachte Lebensplatz der Menschen, sondern der höherer Wesen (der Engel) ist, die sich die Menschen lediglich als Automaten "halten"? Die Differenz zwischen Natur und Technik wird hier erstmals vollständig verwischt: die Menschen erscheinen lediglich als Marionetten einer höheren Ordnung, die (wie lächerlich) einen (nicht einmal göttlichen) Zeugungsakt nachzuahmen bestrebt sind.



Zwei Mal Wiener zum Anschließen
1) Der Kybernetiker Norbert Wiener stellte 1948 in seinem klassischen Manifest fest, dass die jeweiligen Vorstellungen, die vom menschlichen Körper vorherrschen, in engem Zusammenhang mit gedachten oder realisierten Technologien stehen. Er unterscheidet eine mythisch-golemische-Zeit, in der der Körper als formbare, magische Lehmfigur gedacht wurde, ein Uhrenzeitalter (Descartes u.a.), das Industriezeitalter mit seiner Vorstellung vom Körper als Verbrennungsmaschine, sowie seine eigene Zeit, die von der Kybernetik (Kontrolle und Kommunikation in elektronischen Systemen) geprägt sei. Daran knüpfe eine Vorstellung vom Körper als elektronisch-verschaltetem System an, das mit allem und jedem potentiell verbunden ist. Cyborg-Bilder schließen an fast alle diese Vorstellungen an, indem sie den Körper-Maschine einen spektakulären Auftritt verschaffen. Zwei aktuelle Varianten dieses Diskurses sind leicht auszumachen: Einerseits die Rede vom biotechnologisch optimierten evtl. sogar der gentechnisch vorprogrammierte, im Labor erzeugte Körper und andererseits die Vorstellung vom virtuellen (vir = der Mann), frei in der Matrix (mater = die Mutter) als Über-Subjekt existierenden Hacker-Körper des Cyberpunk, im Kampf mit den (rein synthetischen) künstlichen Intelligenzen. Die beiden konkurrierenden Vorstellungen erscheinen als vorübergehende Metaphern einer sich zuspitzenden Diskussion um das Verschwinden des Subjekts aber auch der ethischen Grenzen der Genforschung. Sie fungieren aber darüberhinaus als Markierungspunkte/Wegweiser auf dem Weg zum Verschwinden des ungeliebten Körpers: Transzendenz des Organischen oder Verunreinigung stehen zur Wahl. Gleichzeitig holt der Gendiskurs noch zu einem Gegenschlag in Richtung Reinheit aus.

2) Oswald Wiener entwirft 1965/66 einen bio-adapter (auch glücks-anzug oder servo-narziss genannt), der den Menschen (das bio-modul) in mehreren Stadien transformieren soll: Zuerst umschließt er ihn und isoliert ihn von seiner Umwelt, dann wird er auf seine intellektuellen, erotischen und sonstigen Bedürfnisse "abgetastet", anschließend beginnt er Operationen (Amputationen, Organverpflanzungen, Neurochirurgie, Einbau von Ersatzmodulen - "der einbau eines gelenks zwischen schulter und ellenbogen wird eine neue ära des rückenwaschens einleiten") durchzuführen, bis eine Auflösung des Körpers in impulsgebende, Daten verarbeitende, in einer Nährlösung schwimmende Komponenten stattfindet. Ziel des bio-adapters ist es, das Ich-Bewusstsein vom Körper zu lösen, d.h. ein Bewusstsein zu schaffen, welches die Natur und die Gesellschaft, die es erzeugt hat, nicht mehr benötigt und folglich ersetzt. Technologie nimmt in seiner ironischen Vision den befreiend-normierenden Platz einer aufgeklärten Staatsform ein, die "Versklavung" des Menschen durch Technologien wird umgewertet in dessen lustvolle Befreiung von Zwängen aller Art. Hier hat die Cyborg-Existenz ganz klar nur den Status eines Übergangsstadiums zu einer rein geistigen Existenz. Schade, dass Wiener nichts zur Verschaltung der nunmehr Adaptierten geschrieben hat - diese ist jedoch ohne weiteres an seinen Entwurf anzuschließen. Zwar wird in diesem Porzess zweifelsohne auch die Geschlechtsidentität nach und nach aufgelöst, seine Rhetorik macht aber klar, welches Begehren Pate des neuen Bewusstseins sein soll. Auf dem Weg zur Körperlosigkeit durchläuft der bio-modul auch ein Stadium erotischer Ekstase: "mit leichtigkeit oder nach schweren kämpfen [...] anulliert der bio-modul, wogegen sich sein trieb richtet, als heroischer outlaw oder wüstling, im zusammenwirken mit oder als beauftragter der öffentlichkeit, oder als hemmungsloser staatsfeind, niedermähend, zerhackend, zerfleischend, in tobenden paroxysmen zerbeissend, zermalmden, zerstampfend, zer...,zer..."

Oswald Wiener: der bioadapter. Aus: die verbesserung von mitteleuropa. Reinbek b. Hamburg 1985.



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