Radiohead
Meditationen über Rock'n RollIm zweiten Teil dieses Essays über rock'n Roll begegnen uns musizierende Frauen, Amerikaner, die Kulturindustrie und ihr vermeintlicher Gegenspieler: die Klassik - Außerdem erfahren wir, warum man bei dieser Art Musik schreien muss und wie im Tanz zu Bad Religion der Kapitalismus affirmiert wird. Falls sich nun jemand fragt, was das alles mit essen zu tun hat, dem sei angeraten: find the fish...
7.
Die menschliche Liebe erklingt in der weiblichen Stimme, das war immer so, und ist im Rock'n Roll nicht anders. Bis sie uns in Gläsern züchten, wird die Stimme der Mutter die erste sein, die wir hören, und deswegen werden zerbrechliche und teilweise zerbrochene Stimmen wie die von Joni Mitchell und Tori Amos immer zum Rock'n Roll gehören, auch wenn die Frauen im Geschäft nicht an der Spitze stehen. Es hat sich herausgestellt, dass die männliche Stimme, die im Rock'n Roll die sexuelle Liebe vertritt, besser verkauft, nicht umsonst konnten bis vor einigen Jahren überhaupt nur Frauen mit “rauchigen” und tiefen Stimmen reüssieren, so genannte “Rockröhren” nämlich: honny soit. Die Letzte dieser aussterbenden Art ist Tina Turner, die denn auch in ihren Songs nur ein Thema hat: Sex. Das Musikgeschäft hat sich auf die Zurichtung der weiblichen Stimme genauso gut verstanden, wie die Pornoindustrie auf die Zurichtung des weiblichen Körpers, und die Karriere von Tori Amos, die auf dem Cover ihrer ersten Platte [in Leder und mit Peitsche abgebildet war] [wie die Karikatur einer “Rockröhre” aussieht], und heute [vom sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit singt] [über sexuelle Gewalt singt], legt davon beredtes Zeugnis ab. Rock'n Roll war immer eine sexuelle Musik. Nachdem die Welt der schockierten Erwachsenen naturgemäß auf die Anfänge des Rock’n Roll mit Repression reagiert hatte, fragte sie sich zehn Jahre später angesichts von Mick Jagger immer noch, warum diese Leute eigentlich so laut schreien müssen. Das liegt in der Natur der Sache, denn es galt damals als höchst unfein, im Bett laut zu stöhnen. Heute, nachdem das Versprechen der männlichen Stimme im Rock'n Roll, den Sexus zur Exstase zu befreien, immer noch nur in Einzelkabinen mit Münzeinwurf eingelöst wird, hat sich Langeweile breit gemacht, aber Mick Jagger wird so lange nicht damit aufhören, das Bedürfnis nach seiner Stimme zu erfüllen, bis die Hüftgelenksarthrose ihn dazu zwingt. Eine Stimme innerhalb des Rock'n Roll, die die Empathie der Liebe mit ihrer sexuellen Seite verknüpft und dennoch populär ist, gibt es indes weit und breit nicht. Das ist vielleicht auch gut so, denn sie hätte eine hysterisierende Macht, gegen die diejenige der Beatles sich als harmlos erweisen würde.
8.
Dass Gott aus brennenden Dornbüschen spricht, wissen wir, aber spricht er auch aus brennenden Gitarren? Die Himmlischen sind scheinbar in den elektrischen Medien so stumm wie nie, aber nur scheinbar. Sicher ist ihre Sprache nicht die der charismatisch-christlichen Popmusik, dort sind sie nur Thema, also Stoff, der - systemkompatibel aufbereitet - einer bestimmten Minoritätennische des Marktes zum Verkauf angedient wird. Aber jenseits des Auftauchens der Engel, von denen einer, wie geschätzt worden ist, in zehn Songs auftaucht, die in die Hitparaden kommen, sprechen die Himmlischen vor allem durch die Sehnsucht selber, die den Rock'n Roll wie ein roter Faden durchzieht. Es war das Radio, das ihn möglich gemacht hat. Das Radio strahlt die körperlose Stimme der Sehnsucht aus in den Äther, und wer die korrekten magischen Handlungen kennt, vernimmt ihren Klang. Wer möchte es für einen Zufall halten, dass der Entdecker der drahtlosen Übertragung elektrischer Impulse Hertz geheißen hat? Die Technik des Funkens hat ihren Namen von den Funken, die Hertz aus den Spulen schlug, um damit andere Funken zwischen räumlich entfernten elektrischen Leitern zu erzeugen. Der Klang der Sehnsucht klingt wider in den Körpern der Hörer, die über ein technisches Netzwerk verbunden sind, durchpulst von den Wellen der Sender, die in diesem fantasmagorischen Hyperkörper die Herzen darstellen. Aber die Zellen sind anonym und entfremdet. Man muss sich schon des Telefons bedienen, jenes anderen, ebenso mächtigen Netzwerks, das das Nervensystem des besagten Organismus ist, um einer weit entfernten Zelle mitteilen zu können: “Ich habe etwas im Radio gehört.” Der Fluch der technischen Kommunikation, dass sie nämlich verbinden soll, und nicht kann, tritt nirgendwo deutlicher zu Tage als an der Weltsprache der Sehnsucht, die der Rock'n Roll ist, und die ohne die technische Kommunikation gar nicht erklingen würde. Der virtuelle elektrische Körper, den Radio und Telefon bilden, muss zerstört werden: kein biologischer Organismus könnte es ertragen, dass sich die Zellen aus ihrem Verband lösen, nur um einander nah zu sein. Wer aber sind die Engel, denen die Sehnsucht in den Liedern gilt? Sie werden ausgestellt in jeder Parfümerie. Die pornografischen Centrefoldengel sind die Objekte der Anbetung für jenen virtuellen Körpers. Ironischerweise erhoffen sich die Hörer gerade von ihnen, den stummen und bis in das einzelne Bildpixel verzeichneten Ikonen des kosmetischen Zeitalters die erlösenden Worte der Liebe, die sie von ihrer Mutter gerne gehört hätten: Du bist willkommen. - Obwohl das Geschlecht der Engel unklar ist, weil sie Bilder der Sehnsucht für beide Geschlechter sein müssen, gibt es doch genaue männliche Gegenstücke zu den weiblichen Masken, hinter denen das Göttliche sich im Rock'n Roll verbirgt: es sind die Halbgötter mit den nackten Oberkörpern, von denen der Schweiß beim letzten Solo nur so rinnt, jugendliche Schamanen einer unsichtbaren Macht über den Köpfen der Zuschauer. Das geht von Iggy Pop über Steven Tyler bis zu Rio Reiser, der sich auf dem Boden wie in Trance wand und zuckte, als er noch Sänger von Ton, Steine Scherben war. [Jimi Hendrix trug mit Vorliebe einen Button, auf dem zu lesen war: “I'm a virgin”]. Vor dem Hintergund des engelhaften Auftrags, den die Musiker des Rock'n Roll im Namen der Industrie ausführen, ist das vollkommen verständlich und gerechtfertigt. Das ist die Preisfrage des Managers an den Nachwuchsmusiker, der mit Demobändern bei ihm im Büro auftaucht: eignest du dich zum Engel? Als er darauf schon sicher mit ja antworten konnte, durfte Nick Cave in Wim Wenders’ Film singen, damit der Himmel über Berlin von seiner Stimme widerhallte.
9.
Was den Rock'n Roll angeht, ist Gott Amerikaner, denn nur in Amerika herrscht die spezielle Sorte Freiheit, die aus purer Ausdehnung bezahlbare Gesänge der Sehnsucht macht. In New York zu sitzen, und von San Francisco zu wissen ist einer der Gründe für Rock'n Roll. Die Reise dorthin zu unternehmen, der zweite. Nach einigen Tagen jemandem in die Arme sinken, nach dem man sich gesehnt hat, oder ihn dort nicht vorzufinden, wo man ihn wähnte, der dritte und letzte. Die Reise, neben der Liebe das prominenteste Thema des Rock'n Roll, bildet die Reise der Radiowellen nach, die vom Sender zum Empfänger unterwegs sind. Diese Fixierung des Rock'n Roll auf die Reisen übersetzt die Methoden der Technik, die sich den menschlichen Sinnen entzogen haben, in eine nachvollziehbare Fortbewegungsart; die ideale Reise, die ein Rock'n-Roll-Song beschreibt, ist diejenige, die niemals endet, denn nur so könnte er das Dilemma der technischen Kommunikation, zu verbinden und doch niemals zu vereinen, korrekt abbilden. Auch muss die Musik selbst immer auf Reisen gehen, die Fans erwarten den Auftritt der Engel in ihrer eigenen Stadt, obwohl doch die Bühnen viel zu hoch ansetzen, als dass man ihre Flügel noch berühren könnte. In der Sowjetunion wäre der Rock'n Roll entstanden, ebenso, wie dort in den Zwanzigerjahren eine Avantgarde der Kunst zu Entstehen im Begriff war, wenn es die Sowjets verstanden hätten, auf die ideologisierende Wirkung des gesamten Medienapparats und nicht des einzelnen Beitrags zu vertrauen, und wenn sie dem Medium Radio den Raum geboten hätten, die fraktale Wolke an Ereignissen zu entfalten, die die Kultur darstellt.
10.
Das Gemisch aus Epigonentum und Sorglosigkeit, das uns meistenteils aus der zeitgenössischen Popmusik anjault, mit einem Wort, ihre lausige Qualität, ist genauso wenig ein Zufall, wie die mangelnde Qualität der Kleidungsstücke, die in rapbeschallten Boutiquen den Jugendlichen angedreht werden, damit sie in der Schule mit ihren Klassenkameraden mithalten können. Das Stardom von Leuten, die nicht bis drei zählen können, hat einerseits die Aufgabe, die miserable Qualität der Machwerke zu verbergen, mit denen sie vor dem zahlenden Publikum auftreten, und andererseits sollen dadurch die grotesk überhöhten Konzert- und Tonträgerpreise gerechtfertigt werden. Es ist absolut kein Zufall, dass eine CD heute im Durchschnitt um ein Drittel teurer ist als eine Schallplatte, während die Produktionskosten im Vergleich zum Vinyl gesunken sind, denn das entspricht haarklein dem in der Industrie geltenden Prinzip, mit möglichst geringen Investitionen möglichst viel herauszuschlagen, und dies verschärft, seitdem sich der Kapitalismus auf dem Durchmarsch wähnt. Und, Wunder über Wunder, plötzlich sind die Technologien da, die diesem Prinzip zu seinen Triumphen verhelfen, in der Musikindustrie wie überall sonst. Das Sampling war auf dem Weg zum Traumziel des Musikmarkts, nämlich den Nullkosten bei der Herstellung eines Superhits, ein echter Durchbruch: mit seiner Hilfe kann man sich jedes musikalische Muster auf elektronische Weise aneignen, ohne dass dafür Gebühren anfielen. Nun kann sich der geistige Eigentümer, der die Melodie wahrscheinlich selbst schon gestohlen hat, darüber gerichtlich beklagen, sein Manager mag's ihm danken, und das Rechtsanwaltsbüro, das ihn vertritt, auch. Außer dem ins Kraut schießenden Sektor der Urheberrechtsjustiz profitiert auch noch die Werbeindustrie von den Ekstasen des Epigonentums: denn je offenbarer der Song ein Haufen zusammengekratzter Mist ist, desto eifriger und psychologisch versierter muss er beworben werden. Dabei kann die Reklame voll auf das Prinzip vertrauen, dass der Mist je lieblicher duftet, je größer der Haufen ist, das beherzte Durchkneten der öffentlichen Meinung vorausgesetzt. Folgerichtig setzt die Reklame bei dem unfertigen und unsicheren Selbstbewusstsein des Metropolenjugendlichen an, der auf Grund der schicksalhaft günstigen Fügungen eines geschlossenen Systems sowieso drei Viertel seiner Freizeit vor dem Fernseher, und den Rest mit Freunden verbringt, die genauso unsicher und unfertig sind wie er. Was sollte unter diesen Voraussetzungen die Industrie daran hindern, den Leuten zweihundert Mark teure Baseballkappen als Statussymbol aufzuleiern, und was sollte die Leute daran hindern, diese Kappen zu kaufen, nebst den dazugehörigen Turnschuhen, Basketbällen, Rap-CDs und all dem anderen Merchandising-Kram? Was die Eltern hilflos in der “Erlebnisgastronomie” einholen möchten, ohne doch etwas anderes sich einzuhandeln als ein Abziehbild bürgerlicher Welterfahrenheit, wollen die Kids auf dem Snowboard ersurfen. Es sind Erlebnisse ohne Leben, die zeitgemäße Form des seiner selbst unbewussten Nihilismus. Und keiner soll glauben, da wäre irgendein Spaß dabei. Todernst wird der Wert eines Menschen an der Hose ermessen, die er trägt. Die einstige Macht der Kirche als sozialer Erziehungsanstalt wird erst an dem Terror deutlich, den ihre schillerndste Nachfolgerin, die Mode, über das Bewusstsein der Menschen ausübt. Nächste Woche wird all das Geraffel einen faden Geschmack haben, und es wird doch nicht begriffen sein, inwieweit es den Menschen zu seiner Zeit abgebildet hat. Aber was tut's: die nächste Kulisse, durch die sich die Jugendlichen einem Bild ihrer selbst anverwandeln, und doch nicht begreifen, was sie wirklich sind, steht schon bereit. Sie wird käuflich sein.
11.
Wenn es dem Rock'n Roll zu wohl wird, geht er wie der Esel aufs Eis, und zwar auf das der Klassik. Da darf dann geharft, geflötet und gegeigt werden, was das Zeug hält, vorausgesetzt, man erhofft sich dadurch die Besetzung einer noch leeren Marktnische. Diese Marktnische ist meist die des schlechten Gewissens. Der Hörer umgibt sich mit einem Hauch von Kultur, wenn die Greatest Hits der Rolling Stones mit Streichern daherkommen, der Sohn darf's zur Weihnacht dem bildungsbürgerlichen Vater schenken, auf dass es im CD-Regal vergammelt, und im Radio wird dafür geworben, als sei es nun zu damit zu einer Hochzeit des Schönen, Wahren und Guten gekommen: det janze noch einmal, jetzt aber mit den Falten der Anspannung ernsthafter kultureller Arbeit auf der Stirn. Mit Bach unterlegter Gangster-Rap ist nicht nur denkbar, er ist eine Realität. Hat der eingebildete Fatzke mit dem Opernabonnement vielleicht doch einen Hang zum Vulgären? War der Mitvierziger, dem die Stones so am Herzen liegen, vielleicht auch einmal Gymnasiast? Wir werden es erfahren, sagt sich die Industrie und bringt den Song noch einmal in grand style heraus: mit Pauken und Trompeten. Wir können auch in Oboe. Erfunden haben es die Beatles, und zwar auf der Sergeant Pepper's, als sie das Geld schon kotzten, und die Ideen langsam ausgingen, und was damals, bei den Meistern, schon keine “Begegnung” der Kulturen oder der Stile war, ist es heute, bei den x-ten Nachahmern, erst recht nicht. Bei uns Deutschen kommt der Rock'n Roll im Frack am besten an, er erinnert uns so wohlig an die von uns in einem Atemzug beschworene und gleichzeitig vernichtete Kulturtradition, die wir wie in einem Bauchladen der Weltgeschichte vor uns hertragen. Aber die dunkle Seite unserer Hassliebe zum Schund lässt uns keine Ruhe, denn statt ihn zu genießen, tragen wir ihm auch den Erkenntnisgewinn nach, den er uns verschafft. Dieser Erkenntnisgewinn besteht im Verrat des Kitschkerns der Romantik, und wenn uns Deutsche etwas die Stacheln stellen lässt, dann ist es die Schmähung der Romantik. Neuerdings hört man wieder, die Romantik sei die einzige originäre Kulturleistung der Deutschen gewesen, wen wundert es da, wenn unser vertracktes Verhältnis zum bloß lieblichen so heftig vom Classic Rock auf die Probe gestellt werden kann? Wer lässt sich das einzige, was er je zur Welt beigetragen zu haben glaubt, schon gern von den Rolling Stones zum Song verkitschen, wenn es doch dies Wesen war, an dem die Welt genesen sollte, und an dem sie jetzt nur verdient? Und, warum, ertönt die Klage, lässt sich beides, die Symfonie und das schlagzeugbetonte Gedröhn so leicht vermählen? Zwei Seelen wohnen in des Deutschen Brust, der das streicherunterlegte Remake in den CD-Wechsler schiebt: Es ist nicht das Wahre, es ist nicht Fisch, noch Fleisch, und ich leide daran, aber es ist das einzige, was ich haben will. Und während er gemischten Gefühls die mit einem Feuerwerk unterlegte und mit Zuckerbäckerschrift verzierte Grafik der Hülle ansieht, sieht ihm der Deutschlehrer über die Schultern und mahnt die Beschäftigung mit Goethe an. In solch verzwickter Gemütslage bleibt eigentlich nur noch eins: Sid Vicious, zur Begleitung eines klassischen Orchesters “My way” singend, während die Streicher von der E-Gitarre durchs Gelände gejagt werden.
12.
Wie wird es weitergehen mit dem Rock'n Roll, dem Schundtier unserer Kultur? Wenn wir im Höchsten, zu dem wir Deutschen uns so gern versteigen, nur die Wahrheit finden, was finden wir dann im Schund, den das Bildungsideal nur verhöhnen, aber nie besiegen kann? Die Gewalt des Faktischen offenbart sich nicht nur in dem tausendfachen ökonomischen Überhang des Popgeschäfts gegenüber der ernsten Musik, sondern gerade in dem guten Geld, das sich mit der Klassik machen lässt. Sony dient die ernste Musik einem in die Jahre gekommenen Publikum, das auch mal was anderes hören will, unter Zuhilfenahme der erprobtesten Rock'n Roll Marketingstrategien an. Die Rock'n-Roll-Industrie als die planmäßige Verbreitung des über sich selbst unaufgeklärten Metropolenbewusstseins erzählt aber mit jedem Hit die Geschichte vom Adornoschen Verblendungszusammenhang neu, je überzeugender, je glaubwürdiger der Protest gegen die Lüge in das Gewebe eben dieses Verblendungszusammenhangs mit eingewoben ist. Der Rock'n Roll sagt immer wieder die Wahrheit über die Lüge, indem er sie vollstreckt, denn er kann gar nicht anders. Wenn Bad Religion singen: “I'm a twenty-first-century digital boy, I don't know how to live, but I got a lot of toys” dann wird dem Publikum in mehrfacher Hinsicht die Wahrheit erzählt, während es dadurch, dass es zu diesem Song fröhlich besoffen tanzt, die Lüge sanktioniert. Die Zukunft der Bildschirmgesellschaft, in der das Leben, vom Tod abgesehen, ein virtuelles sein wird, wird durch diesen Song nicht nur denunziert, sondern auch illustriert: die da unten vor der Bühne tanzen leben schon jetzt nur noch virtuell. So spielt die Rock'n-Roll-Industrie den Verhältnissen ihre eigene Melodie vor, bis sie zu tanzen beginnen, und die Verhältnisse tanzen gern. Mit dieser Aufgabe wird vor allem der “alternative” Rock 'n' Roll betraut, der angesichts dieser Ehre gar nicht weiß, wie ihm geschieht, und die unsichere Freude des Sängers von Soul Asylum, vor dem Präsidenten gespielt zu haben, findet in dem nihilistischen Selbstzerstörungsakt Kurd Cobains sein negatives Gegenbild. Der war kein Opfer seiner Zeit, sondern bloß einer konsequent zu Ende geführten Marketingstrategie, die geradezu darauf hinauslaufen musste, das Leid eines kaputten Lebens durch eine Ladung Schrot vor zahlendem Publikum wahr machen zu wollen. Zwei Tage nach seinem Tod lief die Produktion seiner Platten wie geschmiert, und seine Witwe ist erst durch seinen Tod zu einer Berühmtheit geworden, so dass auch sie danach passabel verkaufte. Und so wird der Rock'n Roll weiterhin auf der Grenze zwischen Erkenntnis und Lüge oszillieren, genau dort, wo sich sein einfaches Geheimnis, die Weltsprache der Sehnsucht zu sein, mit der Tatsache trifft, dass sie nicht umsonst gehört werden kann.
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