sinn-haft [nr 7]
dinner for cyborgs

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Florian Fusseis

Reduced to the maximum

In Situationen extremer physischer Belastungen ist Nahrung als Ausrüstungsgegenstand auf seine elementarste Funktion reduziert: Energielieferung. In diesem Artikel interessieren die Unterschiede zwischen Menschen, die mit dem, was vorhanden ist zu leben gelernt haben und jenen, die zivilisationsmüde in Gebieten für die sie nicht geschaffen wurden mit Hightech food kulinarisch zu dem zurückfinden, was sie nie gekannt haben.

Zu Beginn stellen wir uns Extremsituationen vor. Situationen, in denen wir allein sind in Gegenden, in denen wir nicht mehr zu sein scheinen als ein störender Fremdkörper. Situationen, in denen Fehler katastrophale Folgen haben können. Situationen, in denen nichts schiefgehen darf, um ein Gelingen der Mission zu gewährleisten, sei diese die Durchquerung der Antarktis oder die Ersteigung des Everest. Situationen, denen nichts Alltägliches mehr anhaftet, die nicht jeder von uns erleben wird, welche die meisten von uns aber irgendwie, irgendwann doch gerne erleben würden. In solchen Situationen muss man sich auf die KameradInnen genauso verlassen können wie auf die Ausrüstung, das Material. Situationen, in denen wir unseren Körpern kompromisslos das Letzte abverlangen, erfordern unbedingt, das System Körper mit dem zu versorgen, was es zum Arbeiten braucht: Energie. Nahrung reduziert auf den Nährwert und die Inhaltstoffe, Nahrungsaufnahme reduziert auf die Versorgung der Lebenserhaltungssysteme. Keep the thing running wherever they want it to run to.

High Energy-Food, very trendy auf den ebenfalls gerade trendigen Trekking Touren im Himalaja, den allfälligen 8000er-Besteigungen und Grönlandtrecks, sehr praktisch, gefriergetrocknet oder hoch konzentriert, einfach mit Wasser zu strecken (oder auch pur zu genießen), etwas teuer meist, aber Qualität hat ihren Preis und es ist ja fast alles drin, was mensch so braucht um nicht vor die Hunde zu gehen. Und immerhin genießt das ja auch die crème de la crème der Abenteurerszene.

Die "Energieration" Pemmikan ist das Untersuchungsobjekt und Karl-Josef Metzmacher dessen Kommentator, er ist Chef des deutschen Unternehmens Cathay, welches Pemmikan herstellt und selbst erfahrener Polarreisender. Er informiert uns im nebenstehenden Interview aus erster Hand über die Notwendigkeit dem Körper Nahrung zuzuführen. Seine Produkte werden unter anderem von Reinhold Messner, Arved Fuchs und sogar der Besatzung des deutschen Forschungsschiffs "Polarstern" auf deren Expeditionen verzehrt.

Ursprünglich kommt Pemmikan aus den Polarregionen Nordamerikas und wurde dort aus getrocknetem Fleisch, Fett und Beeren gemacht, womit man die vorhandenen Nahrungsmittel in konservierter Form kombinierte. Herr Metzmacher bereitet seine industrialisierte Version aus Fleisch, tierischen Fetten, Pflanzen und Beeren, pflanzlichen Eiweissen und Kohlehydraten, Suppengemüse sowie Leinsamen und Sesam. Eine leicht alterierte Form der Urfassung also, ernährungsphysiologisch optimiert und unseren Möglichkeiten angepasst.

Was hat das mit uns zu tun? Versuchen wir folgenden Einstieg:

Schaffen wir es erst, uns irgendwann auch für die Länder zu interessieren, in denen wir unsere Urlaube verbringen, treten wir damit scheinbar unweigerlich in eine Spirale ein, die uns immer weiter weg führt von Griechenland, den Cluburlauben und dem Einfach-nichts-tun-wollen. Haben wir entdeckt, dass es Spaß machen kann Neues kennen zu lernen und unseren Erfahrungsschatz zu erweitern, gibt es für uns verschiedene Ansätze.

Einer davon wird der sein, sich selbst fremden Kulturen, Landschaften, etc. als Beobachter zur Seite zu stellen, Länder zu erforschen ohne sie zu domestizieren und auf diese Weise seinen Horizont zu erweitern.

Ein anderer Weg ist der, sich selbst bewusst in ein Szenario einzubringen, welches die Auseinandersetzung mit elementaren Bedürfnissen wie Erschöpfung, Einsamkeit, Angst, Hunger erfordert, um zu einem bestimmten Ziel zu gelangen. Derartig elementare Erfahrungen werden in unserer intellektualisierten, erklärten, abgesicherten, genormten Gesellschaft nicht mehr von vornherein gemacht.
Einsam ist man hierzulande zwar oft und ungern, wann aber sind Sie sich das letzte Mal vor Angst und Ehrfurcht unbedeutend vorgekommen ob der überwältigenden Natur um Sie herum?
Und wann leiden wir Hunger? Wann haben Sie, LeserIn, das letzte Mal uninszeniert Hunger verspürt, und das Gefühl nicht schon vor seinem ersten Auftritt in die Schranken gewiesen?
Wann haben Sie sich das letzte Mal an die Grenzen ihrer physischen Leistungsfähigkeit getrieben und dabei nicht auf einen Orgasmus gehofft?

Nur am Rand: Man kann sich derartige Erfahrungen übrigens auch von Firmen wie der Managementschule Gottlieb Duttweiler-Institut mit Sitz am Zürchersee, beschaffen lassen. Einwöchige "Lernexpeditionen für Führungskräfte" in Grönland, bei denen der "Umgang mit Grenzerfahrungen", die "kontinuierliche Realisierung von Spitzenleistungen" vermittelt werden sollen, kosten dort sFr 7600 (1996).

Welchen Weg man auch wählt, es zieht die Großstädter hin zur Natur, zur Ruhe und auch zur Einsamkeit. Schreitet man entsprechend konsequent zur Tat, verzichtet man dabei (notwendigerweise, siehe Interview) auf wohlstandsgefälligen Schnickschnack. Was nicht heissen soll, dass man sich nicht den bestmöglichen Ersatz sucht. Fest steht, dass wir uns bestens auf unsere neuen Erfahrungen vorbereiten. Tausende und Abertausende Schillinge lassen wir bei Expeditionsausrüstern, um auf Nummer sicher zu gehen, auch für Spezialnahrung. Dieses Verhalten schafft einen Markt für High Energy-Food und Konsorten. Es scheint, als wollten wir Pilger zwar unseren Weg in die Natur finden, der vor Ort in Jahrtausenden alten Kulturen erprobte scheint uns dabei aber oft zu mühsam, Hightech erspart die Auseinandersetzung mit scheinbar archaischen Methoden. Oder haben Sie schon von jemandem gehört, der sich auf einem Treck im Himalaja ausschließlich von den dort schon vorhandenen Nahrungsmitteln ernährt hat? Jemandem, der Berge bestieg, wie es die Sherpas, wenn überhaupt, schon immer tun?

Man könnte natürlich argumentieren, dass derartige Höchstleistungen, wie die von Ihnen vollbrachte, nur mit bester Ausrüstung, bester Verpflegung und professioneller Organisation überhaupt möglich werden. Das ist wahr. Die Frage ist auch vielmehr dahingehend zu richten, warum man sich immer öfter derart scheinbar unsinnigen Herausforderungen stellt und dafür viel Geld ausgibt.
Ich denke wir tragen ein Bedürfnis in uns, archaische, verloren geglaubte Gefühle wieder zu spüren. Man nimmt die Herausforderungen, die man braucht um zu diesen alten, neuen Erfahrungen zu gelangen, an mit dem Ziel, dadurch Dinge zu gewinnen, die unsere Zivilisation verloren hat. Die Bewohner des Himalajas kennen im Gegensatz zu uns die Gefahr, die von seinen Bergen ausgeht und brauchen die Gefühle, welche deren Besteigung vermitteln mag, nicht erst kennen zu lernen. Sie müssen nicht erst auf den Everest klettern um vor ihm Angst zu haben. Die Inuit brauchen das grönländische Inlandeis nicht zu durchqueren, weil sie es kennen und hassen und fürchten wie die Hölle, weil dort für sie der Tod ist, und das Leben im Meer.

Wir "Zivilisierten" haben die Limits gepusht. Wir wollen alles kennen, alles wissen, alles erreichen, jede(r) Einzelne von uns. In Gebieten, für die wir nicht geschaffen wurden, also Dinge tun, die dort oft noch niemand für nötig gehalten hat, weil sie nicht notwendig waren, zum Leben. Letztlich wollen wir auf diese Art grundlegende Emotionen fühlen. Wir wollen das nicht zum Ruhme der Menschheit, sondern nur für uns selbst. Das ist zulässig.

Dazu bedarf es aber Mittel die Menschen wie Karl-Josef Metzmacher bereitstellen. Es ist keine Frage, ob man Pemmikan genießt oder nicht, es ist einfach notwendig, sich davon zu ernähren, weil unsere Ziele ausserhalb der Grenzen liegen, für die Inuit oder Tibeter ihre Nahrung entwickelt haben. Eine ganze Industrie bietet sich mit dem, was sie bereitstellt, produziert oder organisiert, an, den zivilisationsverwöhnten, kopflastigen Neuzeitmenschen zu seinen Wurzeln zurück zu führen, sie bietet sich auch an, ihm zu ermöglichen, Reste seines individuellen Archaikums wieder zu entdecken, und sich so vielleicht selbst besser kennen und einschätzen zu lernen. Menschen wie Metzmacher kreieren aber auch erst den Mythos von der Chance, sich draußen in der Natur selbst zu finden - und verdienen damit ihr Geld. Das halte ich persönlich für ebenso zulässig, zumal wir doch auch für viel unwichtigere Dinge, für viel kurzlebigere Erfahrungen bezahlen.

Der Autor hat das nachfolgende Interview im Zuge der Überlegungen zu diesem Artikel im April 2000 geführt. Er möchte sich an dieser Stelle noch einmal aufrichtig für die zuvorkommende Art, mit der Herr und Frau Metzmacher sein Anliegen unterstützten, bedanken.

Red.: Herr Metzmacher, was unterscheidet Pemmikan von 08/15 Instantnahrung aus dem Supermarkt?

Pemmikan ist ein Vollnahrungsmittel, ausser Pemmikan benötigt der Mensch nur noch Wasser. Es sind alle 45 Nährstoffe enthalten und es ist ohne chemische Zusätze. Naturrein! Lesen Sie die Zutatenliste im Vergleich zum 08/15 Instant-Lebensmitteln.

Red.: Pemmikan ist in sechs Geschmacksrichtungen erhältlich. Warum nur sauer, ist es nicht auch nötig, den Geist hin und wieder mit etwas Süßem zu verwöhnen?

CATHAY-Pemmikan hat nichts Saures, nur Zwiebel, Knoblauch, Chili und Schinken- Geschmacksrichtungen. Die sechste Variante ist mit Früchten als Brotaufstrich. Wenn Sie meinen, mit Zucker den Geist zu verwöhnen, ist dies, wie ich meine, ein großer Irrtum. Zucker ist denaturiert industrialisiert, also nichts mehr wert, er ist nur Dickmacher! Der Körper setzt zu viel Zucker chemisch in Fett um, da empfehle ich lieber Honig.

Red.: Wozu dient Ihrer Meinung nach Nahrung an sich?

Der Mensch braucht 1920 kcal täglich um zu leben. Hat er alle 45 Nährstoffe in der richtigen Dosis, bekommt er keine Nebenwirkungen. Auf Expeditionen muss ich mich richtig ernähren, da könnte ich Ihnen viele Beispiele nennen.

Red.: Wenn sie essen, ist das für Sie ein Genuss?

Wenn ich esse, ist das für mich immer ein Genuss. Beobachten Sie einmal 5 Teilnehmer einer Expedition bei -40° die drei Tage nur 2000 kcal bekommen, aber 10 000 essen könnten. Sie werden aggressiv und bekommen einen Bärenhunger, das wichtigste ist hier, genügend Wasser zu haben.

Red.: Was halten Sie von dem Sprichwort "Der Hunger ist der beste Koch"?

Von dem Sprichwort "Der Hunger ist der beste Koch" halte ich viel, es ist was Wahres dran. Aber jeder Mensch müsste erst mit Wölfen gegessen haben um genau zu wissen, was Hunger heisst.

Red.: Glauben Sie auch Feinspitze auf Expeditionen mit Ihrer Nahrung zufrieden stellen zu können?

Feinspitze können wegen mir Eier, Kartoffeln, Konserven und Brötchen mitnehmen, nur benötigen sie dann zwei Rucksäcke. Für 20 Tage müssen Sie dann 40 kg tragen. Ich sage immer, es geht auch ohne PEMMIKAN, fragt sich nur wie weit!

Red.: Der Philosoph Ludwig Feuerbach hat gesagt: "Der Mensch ist, was er isst". Sind Sie ein Asket?

Zu Ludwig Feuerbach muss ich sagen, er hat von Nahrung und Essen meiner Meinung nach überhaupt keine Ahnung gehabt. Als Philosoph leitete er aus den Wunschbedürfnissen des Menschen eine Religion her. Auf einer Expedition wäre er sicher schnell umgekommen, weil man hier nicht philosophieren kann. Wenn Sie Asket mit Askese meinen, zügele ich meine Begierden und Selbstzucht nicht aus religiösen Gründen. Leben Sie einmal bei einem Naturvolk über 4 Wochen, Sie werden sehen, wie klein der Mensch wird, und zugleich sämtliche Zivilisationskrankheiten ablegen. Keine Alkohol-Koffein-Nikotin-Drogen-Geldsorgen oder Liebeskummer.

Red.: Vielen Dank für das Interview.


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