sinn-haft [nr 7]
dinner for cyborgs

Zum Inhaltsverzeichnis
Claudia Birnstingl

Geschichte auf verschlungenen Wegen

So sehr ist mensch dieser Tage daran gewöhnt, den Weg, den die Nahrung in unserem Körper nimmt als rationalen (Verdauungs)Prozess zu imaginieren, so schwer fällt es uns in der Regel, über diese Abläufe, geschweige denn über deren Resultate, eine "vernünftige" Konversation zu führen. Denn obwohl die Fäkalienkunst dank der Kronenzeitung in aller Munde ist, scheint das Reden über das zuerst Unsichtbare und dann offenbar Unschöne einige Probleme zu bereiten. Im Folgenden sollen einige Arten des Sprechens über das Unsagbare skizziert werden.

Seltsam, könnte ich mich fragen, wie kommt es, dass in ihrer Konsistenz, Farbe und Geruch so verschiedenartige Nahrungsmittel alle gleich bräunlich, breiförmig enden? Und wie werden sie vorher in Bestandteile meines Körpers umgewandelt? Scheinbar geht mein Körper aus einer Anhäufung von Wissen als Beschreibung entdeckter Wirklichkeit hervor. Heute ist die Idee selbstverständlich, dass alle Menschen nach Gesundheit streben, und zwar als Ziel persönlichen Wohlergehens. Die Historizität und Gemachtheit von Begriffen und Wahrnehmungen bleiben oft ausgeklammert. Für obige Fragen bedeutet das, dass ich sie nicht stelle.Verdauung ist keine rätselhafte Metamorphose in meinem Inneren, sondern bedeutet vor allem gesunde Verdauung.Das ist zumindest eine, nicht die einzige, aber zumindest die dominante Vorstellung. Der Prozess der Verdauung ist nicht nur in seinem sichtbarem Anfang und seinem Ende , das heißt Mund und Anus, präsent, sondern ich esse, um das Geschluckte richtig zu verdauen, was ich wiederum an meinen Exkrementen ablesen kann. So wurde in Japan ein Klo entwickelt, das nicht nur die Körperfunktionen misst, sondern auch anhand der Ausscheidung eine kurze, medizinische Diagnose gibt.

Fleisch zu Fleisch

Rubens: BacchusGalen, im zweiten Jahrhundert vor Christus, stellte sich diese Art von Fragen.Wenn ich hier von einem Galenischen Modell spreche, meine ich damit , dass es zwar in Verbindung mit seinem Namen rezipiert wurde, doch schon vor Galen auf eine längere Tradition zurückblickte. Wie werden aus Fleisch, Brot, oder Wein, Muskeln, Haare, oder Blut? Galen sieht zwar eine stoffliche Verwandtschaft, doch wie werden Nahrungsmittel und Körper identisch? Worin besteht der Prozess dieser Verwandlung? Ein erster Ansatzpunkt ist für ihn die Beobachtung von Speiseresten, die einige Zeit, etwa über Nacht, in Zahnzwischenräumen zurückgeblieben sind."Denn weder ist das Brot dann noch genau Brot, noch das Fleisch des Lebewesens". Am Werk sind hier der Speichel, die Wärme des Mundes, und vor allem der Kontakt mit dem Fleisch des Körpers. Die Vorgänge im Magen gehen nach den gleichen Prinzipien vor sich. Nahrungsmittel, die in den Magen gelangen, werden dort gleichsam wie in einem Kessel gekocht. Als Feuerstellen fungieren Leber, Milz, und Herz. Im Griechischen und Römischen gibt es für Kochen und Verdauung ein gemeinsames Wort-pepsein beziehungsweise coquere.Verdauung und Ernährung, eine Unterscheidung trifft Galen nicht, werden als Abfolge von Angleichungsprozessen verstanden, wobei alle Organe des Körpers gewisse angleichende, aufspeichernde, oder abstoßende Kräfte besitzen. Eine dieser Kräfte entzieht dem im Magen entstandenen Speisebrei die dem Körper ähnlichen Stoffe, vergleichbar mit einem Magneten.Diese Nahrungsbestandteile gelangen in die Leber, um dort durch eine zweite angleichende Kraft des Leberfleisches der Leber gleich gemacht, beziehungsweise in einer Art zweitem Kochvorgang in Blut verwandelt zu werden. Der zentrale Vorgang der Verdauung ist eine qualitative Umwandlung der Nahrung, eine Umwandlung von Fremdem in Eigenes. Elias Canetti schreibt in "Masse und Macht"...ihre (gemeint ist die zur Speise gewordene Beute, Anm. C.B.) Auflösung und die innige Verbindung, die sie mit dem Verdauenden eingeht, das vollkommene und endgültige Verschwinden erst aller Funktionen, dann aller Formen, die einmal ihre eigene Existenz ausgemacht haben, die Angleichung oder Assimilation an das, was vom Verdauenden als Leib bereits vorhanden - all das lässt sich sehr wohl als der zentralste, wenn auch verborgenste Vorgang der Macht sehen."

Ent-deckungen

Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert waren eine Zeit des Sichtbarmachens.Ein Arzt, der vor dem sechzehnten Jahrhundert den Leib hätte öffnen und das Innere beschreiben wollen, hätte in die göttliche Ordnung eingegriffen, hätte möglicherweise als herätische Person gegolten. Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts wandelt sich die Anatomie von einer öffentlichen Schaustellung zu einem Vorgang in abgeschlossenen Räumen unter Ärzten, die professionelles Wissen zu gewinnen suchen.Davor ist Anatomie ein Experiment, aber vor allem ein öffentliches Ritual. Wenn die Justiz bei Hinrichtungen durch Sezieren und Herausholen der Eingeweide ihren Zugriff bis ins Innerste zelebriert, ist dies gleichzeitig eine Demonstration des menschlichen Körperbaus. Doch scheint der Integrität des Körpers ein hoher symbolischer und tatsächlicher Wert beigemessen worden zu sein, wie etwa eine Wortschöpfung aus dem Thüringischen zeigt. Bauern forderten Bewachung für ihre Leichen, damit diese nicht gerolfinkt, das heißt gestohlen und eventuell zerstückelt würden. Rolfink war einer der ersten deutschen Anatomen. Dass der Körper noch keineswegs ein geschlossener war, zeigen etwa Aufzeichnungen aus einer Arztpraxis in Nordengland. Hier findet zwischen Außen und Innen ein beständiger Austausch statt. Es finden sich keine klar definierten, physischen oder seelischen Krankheitsbilder, die im Inneren des Körpers festmachbar wären. Dämpfe dringen durch die Poren ein und verursachen Traurigkeit oder Raserei.3 Diese Quellen zeichnen ein ganz anderes Bild als etwa theoretische Überlegungen über den möglichen Maschinencharakter des Menschen, der nach Descartes mit einer Uhr oder anderen Automaten vergleichbar ist. Descartes meint zwar noch nicht, wie später de La Mettrie" Der Mensch ist eine Maschine", doch erscheint der Mensch immer mehr als Träger eines rational erklärbaren Mechanismus. Verdauung wandelt sich zu einem Verdauungsapparat, man sah darin nicht mehr eine qualitative Umwandlung der Speisen in Körpersubstanz, sondern eine Abfolge von experimentell und anatomisch erkannten Organfunktionen.So zeigte etwa die Darstellung der Muskelschichten des Magens dessen zerkleinernde Funktion, die von der Leber abgeschiedenen Säfte dienen der Verflüssigung des Speisebreis, die Lymphgefäße des Darmes bewerkstelligen die Verteilung der Nahrungsbestandteile in den Körper. Es gab und gibt oft große Differenzen zwischen theoretischen Überlegungen, Experiment und praktischer Anwendung neuen Wissens, was sich in Quellen immer wieder zeigt . Die Vorstellung darüber, was im Körper vor sich geht, unterliegt nicht immer einer linearen Entwicklung.

Der Bürgerkörper

Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts, vor allem mit der Herausbildung eines bürgerlichen Körpers, wurden die Körperfunktionen und der Umgang mit ihnen in Handbüchern für gutes Benehmen beobachtend ans Licht geholt und reglementiert. Alle Bereiche des Lebens wurden unter dem Gesichtspunkt einer gesunden Lebensführung in den Rang medizinisch beschreibungswürdiger Tätigkeiten erhoben. Norbert Elias zeigt in " Über den Prozess der Zivilisation", wie äußere Etiketteregeln in den Benimmbüchern in eine verinnerlichte Kontrolle übergehen. Zuerst sollte das Denken geändert werden, dann das Handeln. Wie man isst, wie man sich kleidet, die Kontrolle über die Produkte des Körpers, die Anzahl der Kaubewegungen waren unter dem Gesichtspunkt der Hygiene festgelegt. Hinter- und Unterteil des Körpers waren tabu, Körperöffnungen sollten zugehalten werden, kein Einblick in das Leibesinnere gewährt werden. Vor allem fäkalisches Reden und Tun werden allmählich aus der Öffentlichkeit in die private Sphäre verlagert.So werden Bad und Klo zu getrennten, abschließbaren Bereichen. Beliebt waren Leibstühle in Form von Bücherstapeln mit Namen wie Mysteres de Paris, die die eigentliche Funktion tarnten, und gleichzeitig den bürgerlichen Drang nach Bücherwissen vorspiegelten. Alain Corbin verfolgt in "Pesthauch und Blütenduft", wie eine persönliche Aura zu widerlichem Körpergeruch mutiert, es wissenschaftlich festgehalten wird, dass Arme oder Fremde stinken. Mit der Verwendung des Körpers als Instrument sozialer Klassifikation wird die Möglichkeit einer ungleichen Körperwahrnehmung geschaffen, die bis ins zwanzigste Jahrhundert erhalten bleibt. Bestimmte Personengruppen wie Frauen, Arme oder Bauern halten an falschen Vorstellungen fest, werden zu Beispielen mangelnder Gesundheit, ihr Benehmen als pathologisch tituliert. Unter dem Anschein von subjektiven Bedürfnissen setzt sich eine verwaltend- beschreibende Kontrolle des Körpers und seiner Funktionen durch. Ein neuer Begriff war Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Bezug auf Verdauung zentral geworden- der des Stoffwechsels. Die Chemie des achtzehnten Jahrhunderts, vor allem die Isolierung von Kohlen- Waser- und Sauerstoff hatte die organischen Körper in ihre Grundbausteine zerlegt. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts konnte aus dem Verhältnis des gewonnenen Sauerstoffs und der aufgenommenen Nahrung gegenüber der abgegebenen Ausscheidung und der frei werdenden Körperwärme, der Energieumsatz eines Organismus bestimmt werden.

Im Industriepalast

Der Mensch als Industriepalast ist eine didaktische Darstellung des Verdauungsvorganges von der Mundhöhle bis zum Dickdarm, zu finden in vielen Schulbüchern und Lehrmitteln um die Jahrhundertwende und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Kleine Männchen drehen an Rädern, schaufeln Zucker auf Fließbänder oder drücken auf Hebel . Schicht für Schicht wird ein Ablauf nach dem anderen gezeigt, organisiert wie industrielle Fließbandarbeit, arbeitsteilig, zeitökonomisch, diszipliniert. Im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts wird der gesamte Körper als ein solches Schichtenmodell dargestellt, für jede Schicht ist eine spezialisierte Wissenschaft zuständig. Ernährungswissenschaft und Physiologie fragen nach dem Energieverbrauch des Körpers wie nach einer Betriebsbilanz. Nahrungsmittel können auf ihren Brennwert reduziert werden, die Frage ist die der optimalen Zufuhr und Verwertung. Die Dampfmaschine führt vor Augen, wie Wärme in Kraft und Bewegung überführt werden kann.Für Descartes waren Organe noch Instrumente, an denen ein Maschinist die Fäden zog, doch wenn der Körper in der Lage ist, selbst Wärme zu produzieren, so wird ein Bild eines zunehmend autonomen Organismus gezeichnet. Der Körper und sein Innenraum erscheinen einerseits immer beschreibbarer und damit verwaltbarer, andererseits immer subjektiver und privater - ich achte auf meine Gesundheit zum Wohl des Staates, der Allgemeinheit, oder die Allgemeinheit achtet zu meinem Wohl auf meine Gesundheit. Die Schilderung der Geschehnisse im Darm, wie sie der Schweizer Max Bircher-Brenner zeichnet, ist die Darstellung der Industrialisierung aus seiner Sicht, eine Projektion von Ängsten auf den Dickdarm.Waren es für die einen die Vorstädte, so war für Bircher-Brenner der Darm ein Ort des potenziellen Aufruhrs. Als Hauptverursacher allen Übels identifiziert er die Eiweißfäulnis im Dickdarm, die vormals harmlose Bazillen dazu anregt, Gift zu produzieren. Die bürgerliche Ernährung mit ihrem Zu viel an Eiweiß führt unweigerlich zu Verstopfung und Darmfäulnis, was wiederum zu Migräne oder Krebs, der für ihn ein in Unordnung geratener Zellstaat ist, führt. Jede Krankheit stellt einen Verstoß gegen die Ordnungsprinzipien der Natur dar, eine Störung des Kräfteverhältnisses, was an die Säftelehre, die lange Zeit das Denken von Ärzten bestimmte, erinnert."Statt vor den Bakterien sollten wir uns vor den Unordnungen hüten." Wenn auch sein Hauptaugenmerk auf dem Darm liegt, betont Bircher-Brenner nachdrücklich, dass dieser über Blut und Nervenstränge mit dem gesamten Körper verbunden ist, dieser wiederum mit dem Kosmos. Die Beschreibung des Darmgeschehens selbst, wie Bircher es nennt, ist eine Mischung aus mechanisch anmutenden Begriffen wie Portionieren, Verflüssigen, Transportieren, Absaugen oder Entleeren und einer Art mystischen Verschleierung. Die einzelnen Kräfte sowie die Endprodukte werden nie beim Namen genannt, die Beschreibung ist geprägt von Gegensätzen wie rein/unrein, fließend/verstopft. Gesund ist Verdauung dann, wenn sie geräusch- und geruchlos, ohne Stockung abläuft.

Escheria Coli

Die bei der Herstellung von Genfood verwendete Enzymtechnik beginnt mit dem, was bei der Verdauung ausgeschieden wird. Winzigste Kotmengen werden mit Flüssigkeit versetzt und auf eine Platte mit Nährlösung aufgetragen. Nun können sich Bakterien festsetzen, die sich teilen und teilen, bis Zellhäufchen entstanden sind. Diese Zellhäufchen, als Kolireinkultur in einem Reagenzglas, sind der Ausgangspunkt unendlicher Variationen an Züchtungen, Kombinationen, die es so vorher nirgendwo auf der Welt gab. Keine Felder, keine Produktionsanlagen, nur mehr Reagenzgläser. Wenn ich aber im Supermarkt vor Regalen stehe, habe ich wie Alice im Wunderland, nach wie vor nur die Information "Trink mich". Ich weiß nicht, werde ich größer, werde ich kleiner? Die einzige Möglichkeit ist auch hier vielleicht: ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, bis ich das gewünschte Resultat erreicht habe. Oder mutiert da irgendetwas Unbenennbares in unserem Darm, und wir verdauen uns am Ende selbst?




Literatur:
Canetti, Elias: Masse und Macht.Frankfurt am Main: Fischer. 1980.
Corbin, Alain: Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs. Berlin: Wagenbach. 1982/1996.
Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730. Stuttgart: Klett-Cotta. 1987.
Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Bd. 1(=Wandlungen des Verhaltens der Oberschichten des Abendlandes).20. Aufl.Frankfurt am Main: Suhrkamp. 1936/1997(=Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 158).
Mäßig und Gefräßig. Ein Ausstellungskatalog. Hürlimann, Annemarie(Hg.).Mailand: Skira. 1996. Verschlemmte Welt. Essen und Trinken historisch-anthropologisch. Schuller, Alexander/ Kleber, Jutta Anna (Hg.).Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. 1994.
Wirz, Albert: Die Moral auf dem Teller. Zürich: Chronos Verlag. 1993.


UP!
Zum Inhaltsverzeichnis
home - archiv - kontakt/h[r]b/abo

© bei der autorin/dem autor
screening: schrottenberg