sinn-haft [nr] 6: kundtun


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Frau im Bild

Doris Wallnöfer

Sehen Sie nun La donna è mobile: Bilder, bei denen es sich nicht nur, wie der Titel vermuten läßt, um Frauen drehen wird. So glänzt in der männlichen Hauptrolle die Kriegerin, die sich u.a. in G.I. Jane einen Namen gemacht hat. In den weiblichen Rollen finden sich bekannte Gesichter, die Heilige und die Hure. Nicht unbekannt ist auch der very special guest, die mobilisierte Frau, auf deren Auftritt wir besonders gespannt sein dürfen. Sie fragen sich, was die an der Schwelle zum neuen Jahrhundert hier noch zu suchen hat? Machen Sie sich selbst ein Bild!

Frau zu sein bedarf es wenig, es genügen ein paar Bilder. Dies um so mehr in einer Welt, in der Entscheidungen und gesellschaftliche Entwicklungen immer weniger auf klassischen politischen Prozessen basieren, die an "reale" Räume und an eine Dauer gebunden sind, in denen diskutiert, argumentiert und gestritten, also ausgehandelt wird. Diese Prozesse spielen sich jetzt anderswo ab, in Räumen, in denen nur noch ZuschauerInnen Platz finden, in den Bildwelten der Populärkultur. Die Aktion, das ist jetzt etwas, was zum Film gehört, das Streitgespräch verpufft in zahllosen Talkshows.

Zwei Diskurse, so Georg Seesslen in seinem Artikel Die Wiederkehr der Kriegerinnen, treiben heute unaufhaltsam aufeinander zu. Einerseits die Militarisierung der Wahrnehmung, die sich in nahezu allen Bereichen der Populärkultur beobachten läßt: in der Musik wie in der Mode, in der Sprache genauso wie im Film. Zum anderen die Transformation des Verständnisses von Feminismus: Abschied vom utopischen Feminismus zugunsten eines neoliberalen Feminismus nach dem Motto, Frauen können alles genauso gut wie Männer, wenn sie sich nur ihre "typisch weiblichen" Seiten abgewöhnen. Dieses Alles meint auch Krieg und Militär - und schon sind sie da, die Kriegerinnen! Die Voraussetzung für die Figur des Kriegers scheint nun nicht mehr an das biologische Geschlecht gebunden zu sein, weiterhin jedoch an die Geschlechtsidentität - und die kann auch bei einer Frau "männlich"-militärisch ausfallen. Die Panzerung des Körpers, strengste Disziplin und bedingungsloser Einsatz öffnen die Tür zum Militär, während alles Weibische, also Gefühl, Schwäche, Zweifel und Mitleid zwar in einer Einübphase ertragen werden müssen - schließlich muß man wissen, was es bedeutet eine Frau zu sein - dann aber endgültig verabschiedet werden.

Die militarisierte Frau findet sich natürlich bereits in klassischen Kriegsfilmen. Hier wird sie jedoch in der Regel aus der kriegerischen Männerwelt ferngehalten und nur als Bild, als Phantasie integriert, wie Klaus Theweleit mit seinen Überlegungen zur "weißen" und "roten" Krankenschwester ausführlich zeigt. Sie findet also gar keinen Platz in der symbolischen Ordnung, sondern landet gewissermaßen als Abfallprodukt im Bereich des Imaginären, ist somit nur im Bilde. Dieser Ausschluß wiederum bildet die Voraussetzung für das Militär/den Krieg, die als zentrale Orte des Symbolischen die Bilder über diesen Umweg wieder integrieren. So ist die militarisierte Frau in klassischen Kriegsfilmen entweder heiliger und heilender Engel, der den Soldaten pflegt und umsorgt oder (proletarische) Hure und kastrierendes Flintenweib, die ihn bedrohen und deshalb vernichtet werden müssen.

Das Neue an der Figur der Kriegerin, wie sie etwa von Demi Moore in G.I. Jane von Ridley Scott verkörpert wird, ist also, daß sich die militarisierte Frau aus ihrer Weiblichkeitsrolle befreit und sich vermännlicht hat. Durch die Aufrüstung ihres Körpers weist dieser auch keine Blößen mehr auf, wie beispielsweise die gemeinsame Duschszene (die Duschen sind nicht nach Geschlecht getrennt) zeigt. Das Bild der Männlichkeit vervollständigt sich schließlich in einer versuchten Vergewaltigung, die G.I. Jane dank ihrer Kraft zu verhindern schafft und mit den Worten "Lutsch meinen Schwanz" beendet. Diese Schimpfworte verschaffen ihr die nötige Akzeptanz innerhalb des Männerbundes, zumal sie ihre eigentliche Geschlechtsidentität beweisen.

Im Grunde zeigt diese Vermännlichung, daß Frauen der Möglichkeit nach nun auch in die männlichste aller Männlichkeitsburgen eindringen können, vorausgesetzt sie halten sich an die dort herrschenden Spielregeln. In linken kritisch-feministischen Zusammenhängen werden diese Vorgänge zwar kritisiert - ganz gefeit vor militarisierten Frauenbildern ist mensch auch dort nicht. Verwiesen sei hier zum Beispiel auf den seit Anfang der Neunziger einsetzenden Boom von Bildern und Filmen mit waffentragenden und schießenden Frauen, die gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit kämpfen - Bilder, die besonders von "der Linken" gerne aufgegriffen und reproduziert werden (das läßt sich etwa an den Wahlplakaten des Kommunistischen StudentInnenverbundes sehen). Ähnelt das Bild der linken Frau also mehr und mehr dem des rebellischen Helden und dem des Kriegers? Fast schon Mann? Männlich? Die Grenze zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit wird jedenfalls auch hier kräftig verwischt. Fusion und Konfusion.

Im Bilde, links, also die Frau: Wenn der Begriff des Kriegers vielleicht auch etwas übertrieben scheint, so kann eines der vorherrschenden Frauenbilder dort vielleicht am ehesten mit den Worten mobilisierte Frau umschrieben werden. Dies impliziert dreierlei: Eine Frau, die ständig in Bewegung ist, womit auch ein bestimmtes Maß an Geschwindigkeit verbunden ist. Sie ist also eine hastige Nomadin, bewegliches Gut. Vorweggenommen wird hier bereits die Mobilmachung im eigentlichen militärischen Sinn, die zunehmende Aufrüstung und Bewaffnung der Frau, womit schließlich auch der Kriegszustand erreicht wäre. Bei der mobilisierten Frau handelt es sich um ein Frauenbild, welches vor allem während der zwei Weltkriege entworfen wurde. So schmückt ein Bild aus dem Zweiten Weltkrieg, das dem Zweck der Mobilmachung von Frauen für den Krieg in den USA diente, seit etlichen Semestern das kommentierte Vorlesungsverzeichnis "Frauenforscherin". Merkwürdig daran ist, daß dieses Bild zeitgenössischen Frauenbildern sehr ähnlich ist. Abgebildet ist eine junge Frau, die den/die BetrachterIn entschlossen in die Augen schaut. Sie wirkt ernst, hat die Ärmel ihrer Uniformsbluse aufgestülpt und die Hand zu einer Faust geballt. Den oberen Teil des Bildes füllt eine große Sprechblase: "We can do it!" Zu allem Überfluß trägt die Frau auch noch ein Kopftuch, das von den Modedesignern und -zeitschriften kürzlich wieder als in erklärt wurde. Das Kopftuch beweist zudem, daß es sich um eine arbeitende Frau handelt. Ein Frauenbild aus den frühen Vierzigern, aus dem Krieg, mit dem sich Frauen heute noch identifizieren? Frauen, die (sich) also um so mehr gefallen, desto ähnlicher sie der Figur des Kriegers sind; ganz nach dem Motto, alle (linken) Kämpfer gehören dem gleichen Geschlecht an.

Ohne Frauen ist bekanntlich kein Krieg zu machen. Sie sind wohl die flexibelsten und mobilsten Krieger überhaupt und gleich an mehreren Fronten einsetzbar: Sie kämpf(t)en an der Gebärfront, Arbeiterinnen- und Beamtinnenfront und nicht wenige auch an der "wirklichen" Front. Ist We can do it! also in diesem Sinne zu interpretieren? Den Krieg (gegen die Nazis) gewinnen? Dem Vaterland, der Nation, den Männern dienen? Dafür zu arbeiten und zu leben? Und was ist heute darunter zu verstehen? Starke Frauen, Feministinnen? Oder vielleicht bedeutet es ja nur, daß Frauen das Studium schaffen, genauso wie Männer ... Sicher, die Bedeutung des Bildes wurde verändert. Daß jedoch ein Frauenbild aus dem Krieg so einfach mit dem aus der linken feministischen Szene übereinstimmt, sollte zu denken geben. Jean-Francois Lyotards Feststellung, richtige Frauen sind entweder Männer oder tot, dürfte ihre Gültigkeit behalten haben - das sagen uns die Bilder, links, auch.

Lyotard, Jean-Francois, 1998: Ein Einsatz in den Kämpfen der Frauen, in: Barck, Karlheinz/Gente, Peter/Paris, Heidi/Richter, Stefan (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig, S. 142-156

Seesslen, Georg, 1998: Die Wiederkehr der Kriegerinnen. Das Kino entdeckt einen neuen Heldentypus: Den weiblichen Körper als Kampfmaschine, in: Die Zeit, Nr. 12, 12. März, S. 49

Theweleit, Klaus, 1995: Männerphantasien, Erster Band, München

total traurig

abends sassen wir dann da. mit roten wangen, die drei stockwerke hinauf und in die sessel. die beine weit von uns auf den kleinen tisch gestreckt, uns mit den zehenspitzen kitzelnd sassen wir da und wärmten uns. die gespräche flossen wie honig und wir küssten unsere honigmünder. süsse warme zeit, läuft davon durch den honigsee, ertrinkt in unseren gesprächigen mündern und holt uns niemals ein. wir verbeugten uns abends vor unsereren füssen und nachts schliefen wir mit offenen augen in die finsternis blickend, gespannt was sie uns bringen wolle diese nacht, keine angst, keine zeit wird jemals dem tiefen see entgehen. sagte ich bereits, daß wir keine arme brauchten, alles flog uns entgegen und das brot am frühen morgen teilte sich vor unseren augen und wir assen die scheiben und rauchten dann mit unseren honigmündern dicke zigarren und der rauch den wir uns in die augen bliessen erschrak in diesen blicken als wollten wir ihn fressen und wand sich schnell aus den ritzen durch das fenster in einen wind oftmals in ein schneegestöber, das ihm keine ruhe ließ. so verbrachten wir unsere zeit indem wir mit den zähnen auf die zunge bissen und lachend die nasen aneinanderrieben bis diese erregt pulsierten und nach taschentüchern lechzten, die sie ohne frage frassen. als einmal ein freund kam und sich wunderte über unser aussehen und betragen, er schrie, liessen wir uns bedingungslos festnehmen und sahen uns erst im gerichtsaal wieder und wieder mit rätselhaften blicken auf die krummen nasen und lachten ohne daß dies jemandem aufgefallen wäre, mit unseren zehen, die sorgsam in dicke strümpfe gestopft worden waren von diesen unangenehmen herren, welche uns besorgt entgegenickten, welch eine schande, nickten sie unentwegt und wanden sich ab. in diesen düsteren momenten im gerichtssaal, die unsere unsichtbaren zehen zwar nicht betrübten, doch aber unsere gemüter auf eine reise in ein unfreudliches land schickten, hättest du lauthals dies gesagt: liebster herr richter, liebste damen und herren geschworenen, ich möchte mir erlauben meine stimme zu erheben, gegen die infame ungerechtigkeit, die meinem geliebten und mir hier zu drohen geschieht. wir sind ein glückliches paar und werden niemals fähig sein, ihren ansprüchen von fragwürdigem geschmack entgegenzukommen, die uns nahelegen, arme, beine, fünf finger und die nase mitten im gesicht, um ihrem bild einer wohlbedachten welt näherzukommen. hättest du gesagt und wärst auch fortgefahren, doch so wahr, so war es niemals. Niemals wieder.

Thomas Iacopino

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