Show, Sucht und Schwangerschaft
Thomas Iacopino
Über die Bemächtigung Ihres Innersten durch ungeahnte Kräfte und die geschichtliche Tiefe des Problems. Alles in allem jedoch Annäherungsversuche zum Thema Kundtun.
teil 1 - basics
das wichtigste zuerst: ziehen sie sich modisch an, nehmen sie das wort linie ernst, die ihrige sollte stets ein kopfstehendes ausrufezeichen ergeben! und niemals ein fragezeichen! sagen sie ihre meinung, jedoch nicht in öffentlichen verkehrsfahrzeugen, da sollten sie lediglich auf ihren personalisierten ton aus der tasche warten, hallo?, sie haben doch wohl bitte eine homepage, schreiben sie gelegentlich einen leserbrief, heben sie die hand, gut so, kaufen sie sich ein nummernschild mit ihrem namen, schreiben sie liebesbriefe und bewerbungsschreiben, legen sie sich ein tier zu, babys sind genau richtig, nehmen sie nur drogen, die zu ihrem teint passen, tanzen sie zur gängigen musik, nicht alleine, sondern in der disko ihrer wahl, präsentieren sie sich, zeigen sie allen was sie zu sein scheinen wollen, und der hammer, machen sie das ganze bitte nicht zu auffällig, nein, bei gott, seien sie so natürlich wie möglich, seien sie sie selbst, egal was passiert, haben sie vertrauen in sich und sagen sie es einfach heraus, es lohnt sich. Übrigens, falls sie was auf den zähnen haben, das ist nicht naürlich, machen sie es bitte weg. Nein, das sollen keineswegs die neuen zehn gebote sein, lediglich eine ausführung der weiterhin geltenden verträge. (...es gibt einen verdammten zwang zum kundtun)
teil 2 - der befund
und dann kommt der moment, an dem sie erkennen, dass es sie erwischt hat. sie können ihr maul nicht mehr halten. Sind alle ihre neuerworbenen schuhe tendenziell neonfarben (nein, das ist keinesfalls in)? Sind sie dauergast bei talkshows? Und lassen sich therapieren (doppelt hält wohl besser)? Ihre linie verweigert essen? Machen wir es kurz, es ist sowieso schon genug: es besteht der ernste verdacht auf abhängigkeit. Sie sind kundtunjunkie.
Was nun passiert? Nicht viel. Es wird schon nicht auffallen, sofern sie sich ganz natürlich verhalten.
teil 3 - kein schein
Die sucht des kundtuns ist ausdruck des modernen subjektstatus in diesen unseren verschärften zeiten. Amoklauf ist ihnen persönlich unverständlich. Sie verstehen einfach nicht wie jemand so die kontrolle über sich verlieren kann. Jedoch merken sie, dass die botschaft in ihnen sie dazu treibt sich ständig zu veräussern. Sie spüren etwas entflieht ihnen ständig, ihr innerstes zerrinnt in ihrer hand und sie schaffen es nicht alles beisammenzuhalten, flucht nach vorn oder nennen wir es offensive, sie überzeugen mit ihrem souveränen auftritt und halten die luft an, dabei können sie nichts essen oder trinken, aber das macht nichts, das unterstreicht ihre kompaktheit, ihre überlebenskraft und zielstrebige gewissheit. Ich komme zu dem schluss, dass es nicht ratsam wäre sich einen waffenschein zuzulegen.
teil 4 - der beginn der misere
Die moderne subjektkonstruktion ist gebunden an ein konzept des freien sprechens. Ob das nun kritik, presse, wille, geschwätzigkeit oder diskurs heissen mag, sei dahingestellt. Kundtun ist eine der neu erlangten fähigkeiten. Die bürger werden zu bürgern in dem maße, als sie die fähigkeit erlangen, sich kundzutun. In abgrenzung zur aristokratie und unter lebensgefahr passierte die revolution. Das konzept geht auf und die mündigkeit hält einzug. Ein politisches konzept also, dem wir wohl viel zu verdanken haben. Sprechen zu dürfen, eine grosse sache. Ende des achtzehnten jahrhunderts dürfte dieser folgenschwere einbruch in die göttliche ordnung passiert sein. Eingeleitet durch praktiken wie die beichte, die das wort der christenkinder schult, wird nun frei gesprochen. Was passiert, ist die eroberung des wortes durch die selbsternannte mündige bürgerschaft, die nicht mehr dem ruf gottes lauscht. Vielmehr wird selbst gesprochen und verändert. Die ideologie ersetzt den himmel.
Das selbst der moderne entsteht in der entdeckung des lebens. Michel foucault beschreibt ausführlich die junge entstehung der menschform durch das wissen um den menschen und das lebens. Die wissenschaft der arbeit und reichtümer, der natur und der sprache finden das leben, die lebenszeit, die innere struktur der pflanzen, tiere und menschen sowie die wurzelbildung in der sprache, die nun an ein subjekt gebunden ist. Ökonomie, biologie, philologie und philosophie bilden eine wissensfokussierung, welche den modernen menschen erst denkbar macht. diese junge form wird geschult oder diszipliniert. Eine der techniken um vom lamm gottes zum menschen, und vom menschen schließlich zum bürgerlichen subjekt zu mutieren ist die freie rede. Es wird kundgetan. Aufläufe, barrikaden, schlachtrufe und überall reden. Eine ganze kultur des kundtuns wird entdeckt und genossen.
teil 5 - mal x und kants sitzenbleiben
Es öffnet sich also eine tradition des kundtuns, die brüche aufweist. Vom wort, das die welt erschuf und maria schwängerte über die präzisen bezeichnungen, die eine bedeutung ergeben (diese bedeutung oder sinn ist der göttliche überrest) und hin zu einer situation der referenzlos zirkulierenden zeichen. Das konzept kundtun bringt jedoch nicht nur das wort hervor, sondern mit ihm immer auch bestimmte menschformen. Der bürger produzierte nicht nur die freie rede, sondern er selbst wurde von ihr produziert. Dass diese produktion heute als pro-duktion, also als vor-führung verstanden werden kann, lässt die ereignisse zu erscheinungen werden. Das schlagwort kritik ist bereits gefallen. Erinnern sie sich an den satz, der in etwa lautet ?aufklärung ist die befreiung aus der selbstverschuldeten unmündigkeit?, gut, wir haben es hier mit einer gewissen haltung zu tun, die sich als kritik praktizieren lässt. nun nehmen sie diesen satz und mulitplizieren ihn mal dreißig und sie erhalten die televisive umsetzung der voraussetzung der moderne als summe der empfangbaren kanäle. Sie werden sehen, dass sich die vormals haltung in unterhaltung wandelt. multiplizieren sie den satz jedoch mit einer nicht näher definierten zahl, die jedenfalls zur unendlichkeit tendiert, können sie sich gleich wieder hinsetzen und das ergebnis als internetfaches abtun. Bleiben sie auch gleich sitzen, denn im prinzip gibt's da nichts wofür man stehen müsste, kants kritik als digital mutierte homepageshow ist ziemlich öde. Selbstverschuldete mündigkeit oder gar müdigkeit ... klingt irgendwie passender aber dürfte auch niemandem vom hocker hauen, naja auch recht, kants sitzenbleiben.
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anmerkungen zur produktion
"Die erste Schockwelle des Übergangs von der Produktion zur schlichten Reproduktion ist der Mai 68 gewesen. Sie hat zuerst die Universität erreicht, und zunächst die Humanwissenschaftlichen Fakultäten, weil es immer deutlicher zutage trat (sogar ohne klares 'politisches' Bewußtsein), daß man dort nichts mehr produzierte, sondern nur noch damit beschäftigt war, zu reproduzieren (nämlich Lehrer, Wissen, Kultur, die ihrerseits Faktoren der Reproduktion des allgemeinen Systems sind). Das wurde als totale Nutzlosigkeit, als Unverantwortlichkeit ('Wozu brauchen wir Soziologen?'), als Relegation erlebt, und das war es, was die Studentenbewegung von 1968 ausgelöst hat." (Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod, Matthes & Seitz Verlag, München 1991 [1976], S.52).
Diesem Zitat ist anzufügen, daß die erwähnte Pro-duktion auch als Vor-führen verstanden werden kann. Die vermisste Produktion erhält somit neben der materiellen eine weitere Seite, die ästhetische. Die Produktion wird zur Projektion, das Produkt ist Wahrnehmung. Was die Reproduktion betrifft, so gilt, daß diese aufbauende Phase im Privaten zur Reproduktionstechnologie wird und das Private in diesem Wandel auf der Strecke bleibt. Das Private verschwindet also einerseits in der Politisierung, die über die Diskursivierung das Private zu einem Öffentlichen macht. Andererseits wird das Private als Ort der Reproduktion bedrängt.
"Die zweite Frauenbewegung gibt die Schuld der 'Reproduktionsfunktion' mit ihrem Tomatenwurf zurück. 1968: 'Das Private ist politisch!' Doch als die Frauen 1971 für das Recht auf Abtreibung auf die Straße gingen, wird in England der erste Embryotransfer durchgeführt." (Treusch-Dieter, Frauen, S. 39-43 in Landgrebe/Plath: 68 und die Folgen, ein unvollständiges Lexikon, Argon Verlag, Berlin 1998).
Die Produktion verschiebt sich also tatsächlich zur Reproduktion im Sinne der Reproduktionstechnologien hin, während sie als klassische, materielle Produktion zur Vorführung verurteilt wird. Es hat also doch noch eine Revolution gegeben. Das Private als politisch zu erkennen, ist möglich, weil es als Reproduktion die Bedingung der Produktion ist. Diese Erkenntnis wird in dem Moment möglich, als die Produktion zur Reproduktion verkommt. Die Verkehrung der Vorzeichen ist als erwartete und gepriesene Umwälzung zu verstehen, nicht nur weil die These des Privaten als Politisches nun einfach stimmt, sondern diese These wiederum von den Ereignissen überholt wird. Die Reproduktion, die zentral wird als Privates wie Politisches, nämlich als Produktion, wird ihrerseits durch die Reproduktions-technologie (v)ersetzt. Kurzes Entsetzen: Aufs falsche Pferd gesetzt, schneiden sowohl das Private als das Politische schlecht ab. Ihre Voraussetzung, die Reproduktion als Produktion, hinkt. Das Rennen macht die Pro-duktion als Vorführung, welche im übrigen keine Statisten mehr aufnimmt, sowie die Reproduktionstechnologie, die das Private bereits in ihrer Satzung streicht und damit noch weiter Empörung auslösen dürfte.
thomas iacopino

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