Haut Couture
Esa Öhler
Tätowiert haben sich Menschen zu allen Zeiten und in allen
Gesellschaften. Bei uns erlebt Tätowieren im Moment einen Boom.
Wie sich das mit den Theorien von der Postmoderne vereinbaren
läßt, wo sich doch alle Permanenz aufzulösen scheint, versucht
dieser Artikel zu erkunden.
Körperbemalung, Tätowierung, Narbenzeichnung - künstlerische
Verzierung und sorgfältige bis gewaltsame Veränderung des Körpers
haben eine lange Tradition bei allen Völkern. Gesellschaftliche
Akzeptanz und Bedeutung der Motive, mit denen Menschen ihren
Körper bzw. dessen Oberfläche auf mehr oder weniger dauerhafte
Weise künstlerisch verändert haben, sind innerhalb und zwischen
den Gesellschaften fließend. Bevor Menschen die Kleidung erfanden
bzw. dort, wo man auch heute ohne auskommt, dient die Tätowierung
dazu, das Individuum von den Tieren und der umgebenden Natur
abzugrenzen. "Man mußte bemalt sein, um ein Mensch zu sein;
derjenige, der im Naturzustand verharrte, unterschied sich in
nichts vom Tier."1 Als Beispiel möchte ich hier noch auf die
besondere Situation in Gefängnissen hinweisen - dort kann sich
der Mensch nicht durch individuelle Kleidung von den anderen
abgrenzen. Was als Bedeutungsträger übrigbleibt, ist die Haut.
Vielleicht waren Gefängnisse deswegen eine jener gesellschaftlichen
Enklaven, in deren Rahmen die Tätowierung in Europa lange Zeit
Christentum und Zivilisation standgehalten hat. Gewisse rituelle
Hautverzierungen lassen die TrägerInnen aus dem Alltag hinaus
und mit einer übersinnlichen Welt in Verbindung treten - Beispiele
sind u.a. Schamanen oder InitiandInnen in vielen afrikanischen
Gesellschaften, die durch Bemalung und Masken mit den Geistern
der Ahnen in Verbindung treten. Die Frauen der Berber bemalen
oder tätowieren sich an exponierten Stellen wie Füßen, Händen
und Gesicht mit zierlichen Hennaornamenten, um sich vor dem
Eindringen von bösen Geistern zu schützen. Gleichzeitig sollen
die Verzierungen die Fruchtbarkeit fördern. Oft stehen Tätowierungen
in Zusammenhang mit dem Aufbau der jeweiligen Gesellschaft:
Die Caduveo verfügen über ein von strengen Dualismen und scharfen
sozialen Abgrenzungen gekennzeichnete Kastensystem. Dieses findet
seine Entsprechung in den u.a. von Levi - Strauss beschriebenen2
Gesichts- und Körpermalereien, wobei diese aber seiner Meinung
nach gleichzeitig einen Ausgleich zu ihrer starren Gesellschaftsstruktur
schaffen. In vielen außereuropäischen Gesellschaften übernimmt
die Tätowierung oder Bemalung die Funktion einer sozialen Positionierung
der Individuen: Sie gibt gewissermaßen Auskunft über den gesellschaftlichen
Status der Einzelnen, zeigt damit den Anspruch z.B. auf bestimmte
Erwachsenenrechte und sorgt für zufriedenstellende soziale Interaktionen.
"Die Hautverzierungen geben Auskunft über den gesellschaftlichen
Rang und die Geschichte eines Menschen, lassen erkennen, von
wo er kommt und zu wem er gehört. Durch sie bekennt er sich
zu seiner Religion. (...) Als Zeichensystem zeigen die Ornamente
die Werte und Ideale einer Gesellschaft nicht nur einfach an,
sondern vermitteln sie weiter und schreiben sie fest."3 Tätowierungen
vermitteln Zugehörigkeit und Abgrenzung. stigmata Welche Aspekte
des Körperschmucks sind spezifisch für unsere westliche Gesellschaft,
und aus welchen bestimmten Entwicklungen haben sie sich ergeben?
Den westlichen Spezifitäten kann man übrigens eine Vielzahl
von Gemeinsamkeiten mit anderen Kulturen gegenüberstellen. Die
Wurzeln der Tätowierung in Europa kann man in vielen Ländern
suchen: Nicht nur ...tzi war tätowiert, Tattoos und Bemalung
waren ebenso bei den Kelten zu finden wie bei €gyptern und Griechen.
Aber nicht nur das frühe Christentum und das Judentum beriefen
sich auf Moses, der gegen diese Art des Körperschmucks wettert,
auch die neu entstehenden Staatsorganismen bekämpften die Tätowierung.
Tätowierte Kreuze fanden sich aber bei den Urchristen ebenso
wie bei Kreuzfahrern während des ganzen Mittelalters. Am Rand
der Gesellschaft geduldet, hielt sie sich z.B. unter Söldnern,
Schiffern oder Handwerkern bis in die Neuzeit. Mit den Entdeckungsreisen
im 18. Jhdt. und der Zurschaustellung von z.B. verschleppten
Polynesiern in Europa erwachte die Neugier am Exotischen. Die
Ideen der Aufklärung ließen sich hervorragend mit diesen "Edlen
Wilden" kombinieren und illustrieren. Seeleute und Adelige waren
jene Bevölkerungsgruppen, die sich bevorzugt tätowieren ließen.
Im Paris der 20er Jahre wurde die Tätowierung noch einmal tres
chic. Dann setzte sich die seit der Mitte des 19. Jhdt. wachsende
gesellschaftliche Ablehnung gegenüber der mit Randgruppen assoziierten
und abgelehnten Tätowierung durch. In den 60ern erreichte dieser
Niedergang seinen Höhepunkt. Doch im Laufe der 70er Jahre beginnt
ein Prozeß, der das lange Zeit stigmatisierende Zeichen von
Abnormität langsam zu einem bewundernswerten Kunstwerk macht.
Als Folge der Hippiebewegung erinnern sich manche Völker wie
die Maori auf Neuseeland ihrer Geschichte und Traditionen -
und damit der Tätowierung. Im Gegenzug wächst auch in der westlichen
Welt das Interesse an gewissen, als wild oder rebellisch empfundenen
kulturellen Versatzstücken. Ausgehend von Kalifornien, wo sich
immer mehr Absolventen von Kunsthochschulen dem Tätowieren widmen,
kommt die Welle bald auch nach Europa. Durch die vielen technischen
Neuerungen v.a. im Bereich der chemischen Farbenerzeugung und
aufgrund der künstlerischen und technischen Verbesserungen entwickelt
sich das Tätowiererhandwerk zu einer anspruchs- und qualitätsvollen
Kunst. Eingebettet in einen anderen Umgang mit dem Körper faßt
die Tätowierung Fuß in der Subkultur - Conventions, Ausstellungen
und die Präsenz in Film und Werbung sorgen dafür, daß Tätowierungen
zu etwas Modischem werden. Die KundInnen rechnen sich nicht
mehr einer Subkultur zu, sondern werden vom Mainstream erfaßt.
†ber visuelle Medien breiten sich verwandte Trends wie z.B.
Hennatattoos rasend schnell über viele Länder aus. Die Tätowierung
ist mittlerweile zusammen mit Piercings ein ziemlich "hippes"
und in breiten, vor allem jungen Bevölkerungsschichten gängiges
Versatzstück der Mode. "Tätowiert ist heute jeder", wie vor
kurzem in der 'Presse' zu lesen war.4 Eine Frage der Mode? Ist
die Popularität des Tätowierens einfach eine Modeerscheinung
wie Plateauschuhe und U-Bootausschnitte? Schließlich scheint
der lebenslang bindende Charakter der Tätowierung dem flüchtigen
und wandelbaren Wesen der Mode diametral entgegengesetzt zu
sein. Oder steckt da etwas anderes dahinter? Das Phänomen der
Tätowierung bzw. der momentane Boom, wie er in der westlichen
postmodernen Gesellschaft zu finden ist, ist mit der Geschichte
des menschlichen Körpers und seiner Formung, Deutung und Bedeutung
in der Gesellschaft verbunden. Körper und Zivilisationsprozeß
Die Körpersoziologie hat eine Dialektik der Abwertung und Aufwertung
des Körpers im Zuge der Zivilisierung und des Verschwindens
des Körpers beschrieben. Im Zuge des Zivilisationsprozesses
wird der 'Leib' (früher Bezeichnung für Leben; die Person als
Ganzes) des Menschen in 'Geist' und 'Körper' (nur mehr die äußere
Hülle) gespalten. Mit dem Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle
und der Schamgrenze entfremdet sich der Mensch von seinem abgespaltenen
Körper. Der moderne Körper wird individualisiert, geometrisiert,
diszipliniert und demokratisiert. Die Abnahme körperorientierter
Handlungsweisen geht einher mit Rationalisierung bzw. Verdrängung
und Instrumentalisierung von körperlichen Potentialen. Gleichzeitig
kann man aber feststellen, daß Individuen ihren verlorenen Körper
durch verschiedene "Körperprojekte" wiederzugewinnen suchen.
Diese Projekte orientieren sich an medial vermittelten Leitbildern,
den Idealkörpern. Der Körper wird zu einem kontrollierten Produkt.
Die Mode erfaßt in der Postmoderne den Körper als Ganzes: "Im
Spiegel der Modelle wird der Körper selbst zur Mode." Anders
gesagt: Aus der schrittweise totalen Abwertung und Ablehnung
des Körpers resultiert eine neue Aufmerksamkeit ihm gegenüber.
Der Körper ist Dreck und muß daher umso mehr gepflegt und verschönert
werden. Der "Verlust des Körpers" ist das Resultat von historisch
- gesellschaftlichen Prozessen. Jene Körperprojekte sind nichtsdestoweniger
individuelle Handlungen, die für die und den Einzelnen eine
Selbst - konstruierende Sinngebung bewerkstelligen. Die Tätowierung
ist hier nur ein Beispiel für gezieltes, ästhetisierendes Bodyprocessing
- andere wären z.B. Bodybuilding, Hairstyling, Bulimie, ganz
zu schweigen von Biotech und Gentech. Unter die Haut Die Haut
als die letzte dünne Schicht zwischen dem Individuum und der
Welt ist ein Kommunikationsmittel. Tatauieren, wie das mechanische
Applizieren verschiedener Stoffe in die Haut von Lebenden wissenschaftlich
genannt wird, will auf dieser Trägeroberfläche bleibende Zeichen
hinterlassen. Auch wenn mensch diese Zeichen teilweise an Orten
anbringen läßt, die nicht für viele Menschen einsehbar sind,
so sind diese doch eindeutig Teile des Körperprojekts jeder/s
Einzelnen, welches neben einer ästhetischen auch eine das Selbst
definierende Form hat. Dieses wie auch immer beschaffene Selbst
wiederum teilt sich über die Haut seiner Umgebung mit. Tattoos
Wer sich tätowieren läßt, zeigt seine Verbundenheit mit einem
oder einer Gruppe von Menschen oder unterstreicht, was diesem
Artikel am wesentlichsten erscheint, seine individuelle Identität.
Diese Tätowierungen schreiben wichtig erscheinende Eigenschaften
auf symbolische Weise am Körper fest. Im postmodernen Körperprojekt
wird der eigene Körper zurückerobert, und diese Selbstbestimmung
wird gerne gezeigt. "Having a tattoo changes how you see yourself.
It is a way of choosing to change your body. I enjoy that. I
enjoy having a tattoo because it makes me different from other
people. There is no one in the whole world who has a right arm
that looks anything like mine. I've always valued being different
from other people. Tattooing is a way of expressing that differences.
It is a way of saying, 'I am unique.' "5
Dementsprechend wichtig
ist der Blick in den Spiegel - so versichert man sich seines
ästhetisch aufgeladenen Körpers, kommuniziert sich selbst, daß
man DA ist. Ein netter Versuch, die verlorene Einheit zu rekonstruieren.
Gut. Wir ZivilgesellschafterInnen definieren uns also über Außen.
Es ist ganz gut, daß wir mit Tattoos sowohl Ablehnung als auch
Bewunderung ernten - so können wir uns positionieren. †ber die
Vergänglichkeit der Mode und daraus resultierenden Problemen
mit der Permanenz unserer Tattos brauchen wir uns keine Sorge
zu machen. Schließlich können wir auf die totale Formbarkeit
unserer Körper vertrauen - eine kleine Hauttransplantation wird
uns wohl bald nur mehr ein Lächeln kosten. In der Postmoderne
ist alles oberflächlich, nichts permanent. Das, was wir früher
Identität genannt haben, löst sich auf, und statt dessen kleiden
wir uns jeden Tag in ein neues Kleid - wie es uns oder dem Trend
gefällt. Kann man daher sagen, daß Tätowierungen nur ein Mittel
sind, derer sich die heutige Gesellschaft auf ihrem entwicklungs-
und modebedingten Egotrip bedient und dessen sie wohl bald wieder
überdrüssig sein wird? Oder markiert dieser Boom im positiven
Sinn eine Zeit, in der die westliche Gesellschaft neue Ausdrucksformen
in ihrer Sehnsucht nach sprechenden Körpern und kommunizierenden
Geistern zu entdecken beginnt? Und wenn auch keines von beidem
stimmt - es tut gut, auf einem Selbstfindungstrip daran erinnert
zu werden, daß wir aus Fleisch und Blut und Haut gemacht sind.
Solange wir das noch sind.
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Literatur:
Gröning, Karl: Geschmückte Haut. Eine Kulturgeschichte
der Körperkunst. München 1997.
Levi - Strauss, Claude: Traurige Tropen. Frankfurt
am Main 1989.
Lopatta, Hans: Kunstkörper - Körperkunst.
Der Körper als Projekt moderner Alltagsästhetisierung. Diplomarbeit.
Wien 1994.
Thevoz, Michel: Der bemalte Körper. Zürich
1986.
Notes:
1 Claude Levi - Strauss über das Volk der Caduveo am Rio Paraquay,
Brasilien in seinem Buch: Levi - Strauss, Claude: Traurige Tropen.
Frankfurt am Main 1989. S 179.
2 Levi - Strauss, Claude: Traurige Tropen. Frankfurt am Main
1989.
3 Gröning, Karl: Geschmückte Haut. Eine Kulturgeschichte der
Körperkunst. München 1997. S 113.
4 Julia Ortner, "Rosen am Hintern, Drachen unterm Sakko" in
'Die Presse', 16.11.1999, S 23.
5 Sanders, Clinton R.: Customizing the Body. The Art and Culture
of Tattooing. Philadelphia 1989, S 51; zitiert nach: Lopatta,
Hans: Kunstkörper - Körperkunst. Der Körper als Projekt moderner
Alltagsästhetisierung. Diplomarbeit. Wien 1994. S 133.
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