sinn-haft [nr] 6: kundtun


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Plädoyer für eine konstruktive Dekonstruktion
Karin Lederer

Formen gesellschaftspolitischen Protests gleichen Ende der Neunziger Jahre oft noch frappant denen der 60er oder 70er Jahre. Es wird selten darüber diskutiert, dass veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen veränderte Kommunikationsformen und Aktionsformen erfordern könnten.

Nicht dass sich irgendeine Rahmenbedingung so sehr zum Besseren verändert hätte, dass sich Protest erübrigen würde. Im Gegenteil, Unterdrückungsmechanismen sind immer noch hochwirksam, in der Postmoderne erscheinen sie nur weniger eindeutig. Traditionelle, aufklärerische Politik setzt nach wie vor auf die Wirksamkeit der Wahrheit und behauptet damit, dass es eine solche gäbe. Diskussionen über abweichende Methoden der politischen Artikulation werden gemieden. Vor allem die Frage nach der Zielgruppe wird nicht so gerne thematisiert. Prinzipiell sollen "alle" angesprochen werden, schließlich geht es alle etwas an. Geht es heute tatsächlich noch immer um die Bewegung der Massen (nach links)? Ich befürchte, heute lassen sich die Massen (zumindest in diesem Land) nur mehr auf andere Weise mobilisieren. Mit Begeisterung versammelt sich der Mob bei Volksfesten oder FPÖ-Kundgebungen. Da kommt Stimmung auf!

Analysen über das Scheitern klassischer Holzhammer-Politik warten mit vielen verschiedenen Antworten auf. Eine Antwort ist aber nicht so leicht zu akzeptieren: Die Massen sind nicht dazu zu bewegen, sich progressiven Protesten anzuschließen. Beliebtere Themen sind da eher Aufrüstung bei Polizei und Militär, Ausweisung von MigrantInnen, Maßnahmen gegen marginalisierte Menschen aller Art. Fehlgeschlagene Kommunikation hat hier nichts mit Fehlern im Übermittlungsprozess zu tun. Nach jeder weiteren frustrierenden Erfahrung heißt es, es waren so wenig Leute auf der Demo, weil zu wenig Plakate geklebt wurden... Die PassantInnen seien so gleichgültig oder feindselig gewesen, weil Für das Flugblatt so schlechte Formulierungen verwendet wurden. Das genaue Gegenteil könnte eher der Fall sein: Die "besseren" Formulierungen würden noch weniger "verstanden" werden bzw. mit noch mehr Feindseligkeit beantwortet werden. Die Linke sei im Zeitalter der Technisierung nicht mehr präsent, ist eine andere beliebte Ausrede. Möglicherweise entspricht das nur ihrer realen (armseligen) Stärke bzw. Schwäche - und nicht ihrer Unfähigkeit oder ihrem Unwillen, mit moderner Technik umzugehen.

Was tun? Resignieren? Theorie und Praxis der Kommunikationsguerilla legen z.B. nahe, Kommunikationsprozesse zu stören anstatt selbst welche zu initiieren. (Kommunikationsguerilla bezeichnet übrigens keine Gruppe oder politische Richtung sondern eine grundsätzliche Haltung gegenüber politischem Handeln.) Nach gewissen traumatischen Erfahrungen dämmert es auch schon manchen: Aktionsformen, welche die Ansammlung von Menschenmassen zum Ziel haben oder beinhalten, sind per se nicht für die Vermittlung komplexer Inhalte geeignet. Parolen und Sprüche auf Stoffstücken und Über unverständliche Megafondurchsagen können nicht nur die Welt nicht erklären, sondern verkürzen notwendigerweise jeglichen Sachverhalt. Doch auch die seitenlange Darlegung der ewigen Wahrheiten führt nicht zum gewünschten Ziel. (Die puritanische Fixierung auf Wort-Texte unterschätzt möglicherweise das Potential von Bildern.)
Die Vergeudung von politischer Energie betrifft oft sowohl Inhalt als auch Form. Statt verkürzender Parolen auf der einen und elendslanger fader Traktate auf der anderen Seite, bietet sich an: Alles und jeden und jede in Frage zu stellen. Konstruktive Verwirrung zu stiften. Herrschaftsdiskurse anzugreifen, auch wenn sie widersprüchlich scheinen. VorreiterInnen gibt es genug: Judith Butler und andere hinterfragen Geschlechterverhältnisse bis zum Äußersten, die Gruppe "Laibach" entkräftet Nationalismus durch Überaffirmation, die Figur des "Subcomandante Marcos" dekonstruiert Personenkult, viele Denkmalverschönerungen zeigen Rassismus und Antisemitismus auf, die Popgruppe "Chumbawamba" stellt das gesamte System in Frage, indem sie selbst - als AnarchistInnen - Teil davon wird. Kleine Gruppen ohne Massenbasis bekommen dadurch die Möglichkeit, ohne allzu großen Aufwand wieder zu AkteurInnen im Geschehen zu werden. Und Massenbasis hat keine linke Gruppierung mehr. Manche sind sich dessen bewußt, andere pflegen die Selbsttäuschung.

Die Form des Protests könnte sich ruhig öfter nonverbaler Kommunikationsvermittlung bedienen - ohne einer Abschaffung jeglicher Wort-Texte Vorschub zu leisten. Die Bedeutungsvermittlung von politischen Botschaften durch Bild-Zeichen kann jedoch manchmal durchaus eine Alternative zum 4-Seitigen schlecht layouteten 10.-Schrift Flugblatt sein. Die "Betortung" von eher unangenehmen ZeitgenossInnen funktioniert zum Beispiel Über ein Bild, das jeder Mensch gleich versteht. Ohne sich die Zeit zum Lesen nehmen zu müssen. Ohne die Sprache des Flugblatts zu beherrschen. "Mensch-wirft-anderem-Menschen-Torte-ins-Gesicht" ist ein einfaches Bild, bei dem gewisse Bedeutungen mitgeliefert werden: Ich bin sauer. Ich habe etwas gegen deine Handlungen. Ich finde dein Gequatsche lächerlich. Ich will dich für einen Augenblick davon abhalten, weiter so zu handeln und zu quatschen. Ich will dir aber nur symbolisch wehtun - durch die Wahl einer Torte als Attentatswaffe kommen nur bei Hartgesottenen Gewaltvorwürfe auf. Beobachtende bekommen den "Comic Relief" der Situation mit. Danach kann eine (unter Umständen reichlich bebilderte) Wort-Text-Presseerklärung natürlich nicht schaden. Die meisten WerferInnen dokumentieren gelungene Pie-in-the-face-Aktionen sehr ausführlich auf eigenen Homepages. Auch wenn wegen der Personalisierung von Gesellschaftszuständen die Kritik der BetorterInnen eigentlich falsch ansetzt... Wer kann sich nicht freuen Über einen fassungslosen Kokos-Banane-garnierten Bill Gates oder einen Kriegshetzer Wolfgang Schüssel, dem Schwedenbomben an der Brille kleben?

Auch in Wien gehen einige Gruppen immer wieder einmal dazu Über, neben klassischer Aufklärungsarbeit Aktionen durchzuführen, welche die Menschen eher vor den Kopf stoßen, verwirrt und zweifelnd zurücklassen. Bei einer solchen Aktion wurde etwa eines Nachmittags ein Stück Einkaufsstraße abgesperrt, ein Käfig aufgestellt und PassantInnen kontrolliert, mit allem drum und dran: Hubschraubereinsatz, Atemluftsonden wurden in Einkaufstaschen gesteckt, Kinderwägen wurden durchsucht, und vor allem wurden unangenehme Fragen Über Identität und Zweck der Reise gestellt. Die Realität des brutalen Grenzregimes wurde kurzfristig in die Wiener Innenstadt verlegt (Schleierfahndung). Die Forderungen nach offenen Grenzen, nach einer "libertären Galaxis statt einer Festung Europa", sollten damit plastisch untermauert werden, Rassismus ad absurdum geführt werden. Am Ende der "Grenzschutzaktion" wurde eine Version der Bundeshymne abgesungen, die das "Land der Reichen, Land der Fetten, Land der nur pro forma Netten" preist.

Die Gefahr, von der Realität überholt zu werden, ist leider gerade bei Aktionen, die sich gegen Rassismus richten, besonders hoch. Auch eine fingierte Unterschriftenaktion für die atomare Bewaffnung Österreichs erzielte einmal erstaunliche Ergebnisse. Der Schaden, den eine satirisch gemeinte Aktion theoretisch anrichten kann, muss bei der Planung von Kommunikationsguerilla gegen den Nutzen abgewogen werden. Was das denn überhaupt alles bringe, wird gefragt. Einer Kritik an der geringen Wirksamkeit kann entgegengehalten werden, dass kapitalismuskritischer, antirassistischer, feministischer Protest nicht mehr viel wirkungsloser als die derzeit gebräuchlichen Aktionsformen werden kann. Diejenigen, die noch Vertrauen in die Aufklärung des Volkes durch die "wahren" Zeitungsprojekte, "Groß"-Demonstrationen und "Hoch-die - nieder-mit - Flugblätter" haben, werden ihren Weg so oder so weitergehen. Manchmal wünsche ich mir einfach nur, dieser Weg Würde noch mehr als bisher ergänzt werden durch kreative, provokative und spektakuläre Verzweiflungstaten - durch Kritik, die nicht ganz so berechenbar ist.



websites:
www.contrast.org/KG
www.adbusters.org/adbusters
www.pengo.it/luther
www.t0.or.at
www.monochrom.at

Der virtuelle Politiker


"Haben Sie nicht auch den Eindruck, daß Sie, wenn Sie wählen gehen, nicht Personen ihre Stimme geben, sondern einer Fernsehsendung?" (V.P.)


Der russische Schriftsteller, Viktor Pelewin (Buddas kleiner Finger), startete gemeinsam mit einer Computerfirma unmittelbar nach den letzten Präsidentschaftswahlen ein Projekt. Ein Computer wurde mit den Gesichtern der sechs tatsächlichen Kandidaten sowie mit den jeweiligen Stimmanteilen gefüttert. Diese Informationen wurden zu einem statistischen Mittelwert verarbeitet, der ein neues Gesicht entstehen ließ. Heraus kam, was für eine Überraschung, eine schreckliche Fratze. Nichtsdestotrotz wurde der virtuelle Präsident im Fernsehen vorgestellt und löste einige Verwirrungen aus ...

Mit dieser Aktion ging es Viktor Pelewin vor allem darum, darauf aufmerksam zu machen, daß es in der Politik schon lange nicht mehr um das Politische geht. Gewählt werden nicht mehr Personen, die für ein bestimmtes politisches Programm stehen, sondern nur noch deren Images. Diese enorme Macht des Images hängt damit zusammen, daß die Macht heute keinen realen Ort mehr hat - sie ist amorph geworden. Das bedeutet gleichzeitig, "daß wir es nicht mehr mit Menschen zu tun haben, sondern nur noch mit Impulsen und Faktoren". Produziert werden Bilder, deren Originale sich verflüchtigt haben. Übrig bleiben schlecht geschulte Fernsehfratzen, deren reines Lächeln uns glauben läßt, daß es sich hierbei noch um Menschen handeln würde.

Doris Wallnöfer
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