sinn-haft [nr] 6 - kundtun

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Die Demonstration gegen Rassismus. Ein Erfahrungsbericht
Peter Landerl

13A
Einige etwa zehnjährige Buben, der Aussprache nach ausländischer Abstammung, drängeln im überfüllten Autobus. Ein Mann, der unmittelbar neben den Buben steht, er trägt einen schwarzen Anzug, in der linken Hand einen ledernen Aktenkoffer, verliert die Nerven, zieht einen der Jungen fest am Ohr, worauf einer der anderen Jungen zu lachen beginnt. Der Mann gibt ihm eine Ohrfeige. Rundherum beginnen die Leute über AusländerInnen zu schimpfen, hinten im Bus tun sich zwei ältere Herren besonders hervor, indem sie die generell die Abschiebung aller Tschuschen verlangen. Keine/r im Bus widerspricht.

U4
Auf dem Heimweg von der Uni steigen bei der U-Bahnstation Landstraße zwei betrunkene, dreißigjährige Männer ein. Der U-Bahnwaggon ist voll, viele fahren von der Arbeit heim, sind müde, lesen Zeitungen. Die beiden Angesoffenen wettern gegen AusländerInnen, der eine meint, daß er dazu stehe, Faschist zu sein, daß er Haider immer wählen werde, weil der mit Sicherheit mit dem Gesindel abfahren werde. Kein Fahrgast sagt etwas, obwohl alle den beiden zuhören.

Stephansplatz
Freitag, gegen 18:00. Ich stehe eingeklemmt in einer riesigen Menschenmasse zwischen dem Haas-Haus und dem Stephansdom. Musik heizt die Stimmung auf. Die verschiedensten Redner, meist Künstler, fordern mehr Toleranz im Umgang mit AusländerInnen, fordern eine bessere Integration der in ...sterreich lebenden AusländerInnen. Ich applaudiere mit den Massen. Man geißelt die diskriminierende Politik der Regierung, man klagt die PolitikerInnen der (Mit)Schuld am Tod Marcus Omofumas an. Ich applaudiere mit den Massen. Bei manchen Wortmeldungen kann ich nicht mit, das revolutionäre Gehabe einiger Einpeitscher da vorne behagt mir nicht, ich applaudiere halt ein bißchen leiser. Aber ich fühle mich wohl unter den Gleichgesinnten, die rechts und links stehen. Ich mustere die Leute, die ebenfalls gegen Rassismus und für mehr Toleranz sind und freue mich, daß ich nicht alleine bin. Ich applaudiere den RednerInnen munter weiter zu, pfeife mit, wenn es gegen Jörg Haider geht. Es ist sehr laut am Stephansplatz und am Graben und in der Kärntner Straße, weil alle pfeifen und applaudieren. Es ist sehr laut.

Im Bus und im U-Bahnwaggon war es leise, da hat keiner seine Meinung kundgetan, weil man vielleicht ein blaues Auge riskiert hätte. Da war ich ruhig.

Es ist einfach bei so einer Gelegenheit, seine Meinung kundzutun,. Bei Demonstrationen geht es wirklich leicht, da muß man seine Meinung nicht einmal artikulieren, weil sie von den RednerInnen formuliert wird. Man braucht nur klatschen oder pfeifen, das ist eigentlich deppensicher. Darum gehen so viele hin, darum lassen soviele dort ihre Meinung äußern. Es gehen so viele hin, weil fast alle in der Öffentlichkeit, im Alltag, wie man so schön sagt, kuschen und ihren Mund halten und halt manche davon ein schlechtes Gewissen kriegen, und dann setzen die Gewissenhaften eben ein Zeichen, indem sie eine Kerze anzünden oder ihre Taschenlampe blinken lassen. Verkürzt könnte man sagen, Demonstration ist dann, wenn viele zu lange geschwiegen haben.

Ob so eine Demonstration sinnvoll ist oder war, weiß ich nicht. Einige Zeitungsberichte, mehr oder weniger stark aufgemacht, vielleicht eine Schlagzeile, vielleicht eine Notiz in der Auslandspresse, daß die österreichische Öffentlichkeit doch nicht so rechts und auslanderInnenfeindlich ist. Im Prinzip aber hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern, trotz der Beteuerungen der Redner, daß das erst der Anfang gewesen sei. Keine FremdenhasserIn ist bekehrt worden, keinem/r AusländerIn wird es besser gehen. Man hat sich vielleicht gegenseitig bestärkt, endlich etwas zu tun, aber bis zum nächsten ausländerInnenfeindlichen (alltäglichen) Vorfall ist alles vergessen, der Mund wird feige geschlossen bleiben, wenn es darum ginge, ein Zeichen zu setzen.


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